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du Raz │Rückreise
St. Malo, Mont St. Michel,
Fougères, Combourg
17. Mai 2001
Blauer Himmel, Sonnenschein, 13 Grad Celsius am Morgen.
Um 08,00 Uhr fahre ich nach St. Malo, doch bin ich nicht
der einzige Mensch, der das tut. Zunächst passiere ich
mit einer großen Schar gleichgesinnter Rennfahrer
überaus zügig unzählige Kreisverkehre Richtung St. Malo
bzw. Centre Ville (besser, weil näher). Dann verlasse
ich einen Kreisverkehr Richtung Bahnhof. Bahnhof ist
immer gut, denkt der Lausch, weil da gibt es Parkplätze
und ist nicht weit ins Zentrum. Indes, ich sehe keinen
Bahnhof. Ich sehe Wiesen, Bürogebäude, Werkstätten für
dies und jenes, Einfamilienhäuser, Sträucher, Bäume, nur
kein Stadtzentrum. Und beharrlich zeigt der Kompass im
Auto Nordosten als Fahrtrichtung an, obgleich ich doch
eigentlich nach Nordwesten will.
Als die Gegend kleinstädtisch wird, denn alle Häuser
haben jetzt ein Stockwerk oder auch zwei, parke ich das
Auto. Den Rest werde ich zu Fuß gehen. Ich gehe zur
nächsten Kreuzung vor, komme zu einer vierspurigen
Hauptstrasse (2 Obergeschosse hat ein jedes Haus,
mindestens) und wandere nach Westen. Rechter Hand sind
Häuser, dann der Hafen, dann eine Kaserne der
Gendarmerie, links Bürogebäude, Schulen. Also irgendwo
in der Gegend muß ja doch die Ville Close von St. Malo
sein.
Auf dem Hügelrücken vor mir sehe ich eine Art
Kleinstadt, mit Häusern, die älter wirken als 20 Jahre.
Dorthin gehe ich. Das ist eine recht nette Siedlung,
aber wo sind die Mauern, welche St. Malo zur "Ville
Close" machen? Vom Hügelkamm schreite ich auf der
anderen Seite zum Meer hinab - und da ist sie ja, die
ummauerte Stadt St. Malo! Zwischen ihr und mir befindet
sich allerdings eine breite Meeresbucht, am Ufer tausend
Parkplätze, Schiffsanlegestellen (wie ich "Gare
Maritime" übersetze), Schuppen aller Art. Und ein wenig
riecht es nach verdorbenem Fisch. Während des folgenden
20-minütigen Fußmarsches überlege ich, ob ich nicht ein
Schiff nach Jersey besteigen soll, das gerade Passagiere
aufnimmt, aber nein, ich will ja die ummauerte Altstadt
besichtigen. Schließlich gelange ich auf einen fast
leeren Parkplatz vor den Mauern der Stadt. Dahinter
abweisend und eigentlich unfreundlich in ihrer Strenge
vier- oder fünfstöckige und vielfenstrige Häuser: die
Ville Close von St. Malo.
Bis hierher habe ich zu Fuß beinahe eine Stunde
gebraucht. Ein Foto von der kalten Pracht mache ich,
dann schiebt sich eine dunkle Wolke vor die Sonne und
verharrt in dieser Stellung. Düster wird es. Ach ja,
eine frische Brise weht auch, Binnenländer wie ich sagen
zu so etwas: Sturm. Die wenigen Passanten sind
offenkundig warm angezogen. Ich nicht. Ich friere.
Durch ein kleines Tor in der mächtigen Mauer trete
ich in die Altstadt ein. Um 9 Uhr vormittags ist sie
menschenleer. Die Geschäfte sind noch geschlossen. Macht
nichts, sie haben ohnehin alle die gleichen Waren in den
Auslagen: Andenken in allen Varianten. Alles mit
bretonischem und daher seemännischem Touch. Und da von
St. Malo aus die Flibustiers aufs offene Meer
hinausfuhren und dort den Besatzungen englischer und
spanischer Handelsschiffe das Leben schwer machten
(mindestens) gibt es auch Schiffsmodelle mit
Totenkopffahnen zu kaufen, Pistolen aus Plastik und aus
Messing, Schwerter, Dolche auch, mit denen sich
zweifellos trefflich der heimische Käse zerteilen lässt.
Nicht selten komme ich auch an Bistros vorbei, Cafés,
Pizzerias, echten Restaurants, alle aber mit
extravaganten Preisen.
Nach einigem Wandern gelange ich ans westliche Ende
der Stadt, erklettere die Stadtmauer auf einer hierfür
angebrachten Stiege, blicke hinaus aufs graue Meer, auf
dem das Tragflügelboot nach Jersey gerade Fahrt
aufnimmt. Schön ist die Aussicht. Schön ist sie auch für
die Bewohner der an die Mauern angrenzenden Häuser, aber
erst ab dem dritten Stockwerk, denn die darunter sehen -
die Innenseite der Stadtmauer.
Übrigens, das Ganze ähnelt insofern ein wenig der
Stadt Rothenburg ob der Tauber, als die lieben Freunde
aus Amerika im Jahre 1944 die Ville Close von St. Malo
in mehrwöchigem Bombardement in Schutt und Asche legten,
um den Trümmerhaufen sodann zu befreien. Flugs haben die
Franzosen danach die historisch wichtigen Gebäude außen
originalgetreu, innen natürlich modern ausgestaltet,
wieder aufgebaut; die anderen Gebäude wurden so
aufgebaut, wie man halt meinte, dass sie ausgesehen
haben müssen - dito Rothenburg. Hier wie dort redet man
nicht gerne davon, also schreibe ich auch nicht mehr
darüber.
Richtung Haupteingang in die Stadt (im Osten) werden
die Geschäfte ein wenig vornehmer und der Branchenmix
ist weniger einseitig, um es so zu sagen. Die
Essenspreise in den Restaurants etc. werden auch noch
ein wenig höher.
Reisender, lasse dich von einem Menü um FRF 39.-
(2005 umgerechnet ja bloß einige Euro) nicht täuschen.
Etwas zum Essen trinken willst du sicher. Eine Serviette
und einen Teller und Gabel, Messer und allenfalls auch
Löffel willst du ja wahrscheinlich auch - und alles das
kostet, jedes für sich, extra und nicht wenig. Nimm
daher für die Besichtigung der Ville Close von St. Malo
entweder ein Butterbrot oder aber viel Geld mit, weil du
dort hungrig werden wirst. Du wirst es werden, denn
Frühstück in Frankreichs Hotels ist meistens eine matte
Sache.
Dank Bewölkung ist es in den großteils engen Gassen
so duster, dass ich nicht fotografieren kann. Was auch
sollte ich? Daher besichtige ich den wieder aufgebauten
Dom. Der war so gründlich hin, dass man Jahrzehnte an
ihm baute. Jetzt schaut er wieder aus wie alt. Ehrlich,
wie die Malouins (Mehrzahl von Einwohner von St. Malo)
nun einmal sind, erkennt man außen, was neu ist und was
alt. Die ganz verwittert, zerbröselnd wirkenden Steine
sind die alten; was ebenso ausschaut, aber nicht
verwittert ist, das ist das neu gebaute. Ab einem Meter
über dem Erdboden ist alles neu.
So verlasse ich die Ville Close und wandere zurück zu
meinem Auto, zu dem ich, dank Brise, relativ gut
ausgelüftet nach einer Stunde Fußmarsch zurückkomme.
Was tun? Weil mir auf der Landkarte der Name noch am
Besten gefällt, fahre ich nach Cancale im Norden St.
Malos. Die Stadt St. Malo ist nämlich nach 1945 nicht
nur wieder aufgebaut, sondern auch durch Eingemeindungen
bedeutend vergrößert worden, daher passiere ich noch auf
dem Stadtgebiet viele Grünflächen in Form von Feldern,
Wiesen, Gestrüpp, Brachland mit allerlei Pflanzen
bewachsen (zu so etwas sagen wir Wiener "Gstättn", und
das ist kein Kompliment).
Cancale entpuppt sich als Kleinstadt. Ich fahre bis
zur Kirche. Parkplätze gäbe es genug, freie auch noch,
aber mir gefällt nicht, was ich sehe. Ich fahre zum
Hafen hinunter und da unten, an einer weiten Bucht,
schaut Cancale schon viel schöner aus. Vielleicht liegt
es aber auch daran, dass nun, gegen 12 Uhr mittags, die
Wolkendecke aufreißt. Im Sonnenlicht schaut jedes Kaff
um Klassen besser aus. In den - nunmehr echten und
gepflegten - Grünanlagen am Uferkai setze ich mich hin
und lasse die Sonne mich wärmen. Der Hafen ist gefüllt
mit vielen Segelbooten, Motorbooten, auch einigen echten
Fischerbooten. Nicht gefüllt ist er mit Wasser, denn
jetzt herrscht Ebbe. Man muss sich erst daran gewöhnen,
dass in der Bretagne der Wasserstand abhängig von Ebbe
und Flut um mehrere Meter schwankt. Daher sind die
meisten Hafenbecken bei Ebbe eine Schlammwüste, in der
die Boote herumliegen wie verdurstete Kamele in der
Sahara.
Einigermaßen erwärmt, schaue ich mir die Geschäfte am
Hafen an. Heutzutage ist die Stadt Cancale vollkommen
auf den Fremdenverkehr eingestellt, am Hafen reihen sich
Restaurants aneinander, mit Souvenir- und Modegeschäften
vermischt.
Der Anblick täuscht. Nach wie vor ist Cancale ein
Zentrum der Austernzucht und an offenen Ständen kann man
in der Saison die frisch ans Land gebrachten Austern
kaufen und - wenn gewünscht - auch gleich essen. Wer es
billiger haben will, kann auch statt dessen Miesmuscheln
essen, bzw. für die heimische Tafel daheim auch kaufen.
Und so ist Cancale nach wie vor ein Fischerstädtchen, so
wie es das schon zur Römerzeit war.
Austern aus Cancale hat angeblich auch Napoleon auch
während des Russlandfeldzuges gespeist, aber wohl nur
auf den Hinweg und nicht beim überstürzten Rückzug. Im
Unterschied zu so vielen anderen hat er ihn freilich
überlebt wie man weiß.
Dem Ufer entlang wandere ich auf einem schmalen
Fußweg den Strand entlang bis zu einem Aussichtspunkt
namens Point de la Chaine mit schöner Aussicht.
Da das Wetter nicht gerade übel ist, fahre ich von
Cancale auf Nebenstrassen in einen Ort mit dem schönen
Namen Dol de Bretagne, was an sich nichts anderes heißt,
als dass es einen Ort namens Dol auch anderswo gibt oder
geben muss. Die Einwohner dort werden ihn schon kennen,
ich kenne ihn nicht. Mir genügt das Dol in der Bretagne.
Auf einem angeblich zwanzig Meter hohem Hügel erhebt
sich eine ansehnliche gotische Kathedrale samt
anschließendem Kloster. Geweiht ist das Ganze dem Hl.
Samson, einem, aus welchen Gründen immer, auch im
Salzburgischen in Österreich beliebten Heiligen, zu
dessen Ehren dort jedes Jahr Trachtenumzüge veranstaltet
werden, in deren Verlauf gestandene Männer sich
hässliche Masken aufsetzen und unter allerlei Ulk durch
die Salzburger Landschaft ziehen.
Heute liegt Dol de Bretagne auf seiner Anhöhe
inmitten einer fruchtbaren Ebene; zu Zeiten Samsons
ragte der Hügel aus einer sumpfigen Ebene heraus, einem
verlandeten Meeresufer, mit dem nicht viel anzufangen
war. Das änderte sich erst, als in der Französischen
Revolution die eingefangenen Reaktionäre sinnvoll
verwendet wurden, Deiche bauen mussten und dadurch das
Land trocken legten.
Neben der Kathedrale und einigen gotischen Häusern um
dieselbe ist der Ort bekannt und sehenswert durch die
Grande Rue des Stuarts, eine der besterhaltenen
historischen Straßenzüge in der ganzen Bretagne.
Indessen - die Grande Rue macht ihrem Namen wenig Ehre
oder ich parke das Auto grundsätzlich an falscher
Stelle, ich finde die Grande Rue nämlich nicht. Vor der
Kathedrale parke ich stilgerecht am Stadtpark (einer
baumbestandenen Wiese), spaziere durch eine enge Gasse
neben der Kirche zum Cathédraloscope, einem eher
kümmerlichen Museum über Kathedralen, die Werkzeuge der
Steinmetze, die Bauweise der Kathedralen und
dergleichen. Haken an der Sache: der Besuch ist nicht
billig (FF 45.-, wenn ich mich richtig erinnere), die
Exponate sind französisch beschriftet und wenn Sie nicht
Französisch verstehen, brauchen Sie viel Fantasie. Die
will ich nicht aufbringen. Statt dessen gehe ich ins
Heimatmuseum daneben, das ist billiger, das ehemalige
Wohnhaus der ehemaligen Domherren (Dol war ein eigenes
Bistum mit entsprechender Prachtentfaltung, bis die
Französische Revolution dem Treiben ein Ende bereitete,
wie so vielem Anderen) ist auch interessanter und vor
allem, mit Wachsfiguren werden Episoden aus der
Geschichte der Stadt und des Bistums nachgestellt. Die
Beschriftungen verstehe ich zwar auch nicht, aber das
Ganze wirkt ein bisschen weniger hochgestochen und
verlangt auch weniger Fantasie.
Dort frage ich dann nach der Grande Rue und brauche
nur die Gasse weiter zu gehen, die ich ohnehin schon
benützt habe.
Ich fahre gerne mit dem Auto. Daher bin ich kein
Freund der Fantasten unter den Grünbewegten, die unsere
Städte gerne in autolose Potemkinsche Dörfer verwandeln
wollen, nachdem es mit dem Waldsterben leider nichts
geworden ist. In Frankreich haben diese Leute Gott sei
Dank anscheinend nichts zu sagen und jedenfalls nichts
erreicht außer einigen Schwellen quer über die Strassen,
dort, wo die Schwellen keinerlei Sinn machen (beim
Zustand österreichischer Straßen braucht man ohnehin
keine Schwellen, die Schlaglöcher genügen). Folge davon
ist allerdings, dass buchstäblich jede französische
Altstadt mit Autos zugeparkt ist. Daher sieht man auch
in der Grande Rue des Stuarts die schönen alten Häuser
erst ab einer Höhe von sozusagen zwei Metern, was
darunter ist, wird durch Autos verborgen.
Damit habe ich aber sozusagen alles besichtigt, was
es in Dol de Bretagne zu sehen gibt und gehe zum Auto
zurück.
Auf der Weiterfahrt eine falsche Abzweigung genommen,
bringt mich an den Fuß des Mont Dol. Das ist ein etwas
höherer Hügel als der, auf dem die Kathedrale des Hl.
Samson steht. Warum sich der Heilige für den
vergleichsweise mickrigen Hügel entschied und nicht für
den Mont Dol, ist nicht bekannt. Vielleicht war der
Felsen damals aber schon vom Erzengel Michael in
Beschlag genommen, sodass nur mehr der kleinere Hügel
daneben zu haben war. Übrigens hat auf dem Mont Dol der
Erzengel mit dem Teufel gerauft und ihn angeblich vom
Felsen hinunter geworfen. Vom Erzengel ist aus diesem
Anlass im Felsen noch ein Fußabdruck erhalten, deswegen
steht eine Wallfahrtskirche daneben, außerdem stehen
zwei Windmühlen dort (kein Zusammenhang, außer ein
räumlicher) und ein Wirtshaus. Das alles weiß ich, weil
ich der Versuchung nicht widerstehen konnte, den Hügel
hinaufzufahren auf einer schmalen Strasse mit 16%
Steigung bzw., abwärts, Gefälle.
Danach fahre ich langsam wieder die paar Kilometer
zum Hotel in Saint Jouan zurück. Im Dorfzentrum verlange
ich in der Post eine Telecarte, denn ohne Wertkarte
gibt’s kein Telefonieren. Die Schalterbeamtin redet
Verschiedenes, von einem Code redet sie, ich sage immer
"Non, Madame", aber das scheint nicht immer die richtige
Antwort. Immerhin, am Ende erhalte ich eine "petit
Telecarte" mit 50 Einheiten um weniger als FRF 50.-.
Wie gesagt, Saint Jouan ist schnell besichtigt, auch
der Baumarkt neben dem Hotel gibt mangels Eigenheim für
mich nicht viel her. Also fahre ich nach Dinard. An
diesem Tag werde ich allerdings nicht nach Dinard
kommen, denn ach, ich gerate in einen ansehnlichen
Verkehrsstau. Auf dem Damm des Gezeitenkraftwerks an der
Mündung der Rance ist ein Unfall passiert, die Kolonne
kommt zum Stocken, so gründlich, dass ich aussteige und
einige Fotos von der Ville Close jenseits der
Flussmündung mache. Danach reicht es mir, ich kehre um,
als es endlich weitergeht und fahre zurück. Ziele gibt
es am Anfang einer Reise ja genug.
In St. Jouan (mit vollem Namen: Saint
Jouan-de-Guérets) besuche ich die dort befindliche und
für Leute wie Sie und mich öffentlich zugängliche
Malouinière. An sich gibt es über hundert Stück davon in
der Gegend, aber die meisten sind in Privatbesitz und
nicht zugänglich. Eine Malouinière ist ein Landhaus für
reich gewordene Malouins im 18. Jahrhundert. Wie man
damals reich wurde? Auf vielfältige Weise vermutlich, am
leichtesten durch einen Kaperbrief des französischen
Königs. Da hieß man dann nicht Pirat, sondern Flibustier
und raubte vornehmlich englische Handelsschiffe aus. Man
ließ natürlich ausrauben und rüstete nur das
entsprechende Schiff aus und erhielt die entsprechenden
Einnahmen - jedenfalls mehr als die unmittelbar
Beteiligten, die ihr Leben riskierten. Hatte man einige
Male Glück gehabt mit solchen Unternehmungen, baute man
sich ein Landhaus.
Von außen schauen diese Häuser recht streng aus. Die
Wände sind immer weiß verputzt, die Türen und Fenster
mit rosa Granit eingefasst. Die Malouinière du Bos ist
einstöckig, mit hohem grauen Schieferdach und ebenfalls
mit rosa Granit eingefassten Dachgauben und - ein
typisches Kennzeichen - hohen Kaminen. So nüchtern die
Häuser aussehen, wenn man davor steht, innen wurden sie
prunkvoll eingerichtet. Kein Wunder, man hatte ja.
Gobelins, chinesisches Porzellan, rotes Leder aus
Russland, kleine Kästchen aus lackierten Edelhölzern,
die Wände der Prunkräume häufig mit Eichenpaneelen
getäfelt, möglichst aus einem einzigen Stamm (Was für
Prachtbäume muss es damals gegeben haben!): Nicht alles
ist mehr vorhanden, die Einrichtung der Bibliothek nicht
mehr originalgetreu, sondern aus einem Schloss an der
Loire importiert. Die Leute haben nicht schlecht gelebt,
die sich solches leisten konnten.
Lange stehe ich vor einem abgerundeten Haus rechts
vom Eingangsportal. Das war das Eishaus. Hier wurde das
Eis gelagert, das man aus Norwegen holte. Man will ja
schließlich auch was Kühles haben!
Und weil es in St. Jouan laut Wegweiser neben der
Post auch einen Strand gibt, fahre ich zu demselben.
Plage du Villain heißt er, ist ganz hübsch, aber nur
sehenswert, wenn einem, wie mir, die Zeit lang wird.
Eine Weile sitze ich in der Sonne und beneide die
Eigentümer der prächtigen Wochenendhäuser am Ufer.
In einem Restaurant neben meinem Hotel esse ich
bescheiden ein Nachtmahl. Bescheiden ist, was ich esse,
nicht der Preis. Dafür bin ich ein insofern exklusiver
Gast, als ich der einzige bin - die Kellnerin fängt ein
Gespräch mit mir an, aber es bleibt bei den Anfängen.
Wer nicht französisch spricht, ist ein Barbar aus dem
Osten, vor allem, wenn er aus Autriche kommt. Manchmal
komme ich mir vor wie ein Gedankenleser.
18. Mai 2001
Zeitig bin ich wach, öffne
die Zimmertür, sehe, die Sonne scheint vom blauen
Himmel. Es schaut so aus, als bliebe es schön. Wer kann
es wissen?
Ich fahre neuerlich nach St. Malo. Gewitzigt von den
gestrigen Erfahrungen passiere ich die zahlreichen
Kreisverkehre diesmal richtig, passiere auch noch
zahlreiche weitere, aber immer bei der mit "Ville Close"
bezeichneten Ausfahrt und komme schließlich in eine
Gegend, die mir noch von meinen gestrigen Wanderungen
bekannt vorkommt. So kann ich diesmal direkt vor den
Mauern St. Malos parken, direkt bei der Grande Porte.
Den Parkplatz kann ich mir aussuchen, Vorteil der
Vorsaison. Im Sommer soll schon so mancher Autofahrer
durchgedreht haben bei der Suche nach einem einzigen
Parkplatz.
Durch das Geschäftsviertel (=Restaurantviertel)
spaziere ich. Leider, ebenso wenig wie gestern will ich
eine Räuberpistole kaufen, auch kein Minisegelboot,
keinen kleinen Anker und keine große Flasche mit
Segelschiff drinnen, nicht einmal eine Ansichtskarte.
Schöne Bücher sehe ich, Bildbände über Leuchttürme und
Segelschiffe im Sturm, prächtige Aufnahmen, aber leider,
der Text ist nur in französischer Sprache. Auch die
Restaurants bringen mich nicht in Versuchung, sie haben
um diese Zeit, nach 9 Uhr vormittags, noch geschlossen.
Nicht einmal Ansichtskarten kaufe ich, denn, Wunder über
Wunder, ich finde ein Internet-Cafè, das noch dazu offen
hat und wo ich mich sogar mit Gesten verständlich machen
kann. So sehr jedenfalls, dass ich vor einem PC sitze,
vor Windows 98 auf Französisch, aber immerhin, die
Symbole sind ja doch verständlich und Yahoo Mail ist auf
Englisch - und meine Briefe ja in Deutsch.
Und weil es zu einem Besuch von St. Malo gehört,
besteige ich im Norden der Stadt bei der Porte de Champs
Vauvert die Stadtmauer und gehe zum Place de Quebec, wo
sich die Vertretung dieser frankophonen Provinz
befindet, primär aber ein Denkmal für einen Herrn
Surcouf. Von der Mauer aus habe ich einen schönen Blick
auf die Ile du Grand Bé. Dort ist der Herr Chateaubriand
begraben, dessen Wohnort ich am Nachmittag besuchen
möchte. Man kann auf betoniertem Weg auch bei Ebbe auch
zu Fuß zur Insel hinübergehen, da aber niemand
hinübergeht und ich nicht weiß, ob ich trockenen Fußes
auch wieder zurückkomme, lasse ich es bleiben. Unter
uns: auch bei mit Sicherheit trockenen Füssen wäre ich
nicht hinübergegangen, denn der Herr Chateaubriand ist
zwar ein interessanter Mensch gewesen und auch Begründer
der französischen Romantik, allein, seine Bücher sind
auf deutsch nur in einer sündteuren Hardcover-Ausgabe
erhältlich und werden daher kaum gelesen. Da ich auch zu
den Nicht-Lesern gehöre, kann ich nicht einmal
hinzufügen: Schade.
Ein Aquarium könnte ich besuchen, die Kathedrale von
innen anschauen, allein, mir steht der Sinn nicht nach
Fischen und auch nicht nach nachgemachter gotischer
Kunst. Daher bleibe ich Banause und gehe statt dessen
zurück zum Auto und fahre ein Stückchen weiter. Leichten
Herzens, denn immer noch scheint die Sonne vom leuchtend
blauen Himmel.
Mont St. Michel
Was soll man über St. Michel
viel Neues erzählen? Jeder weiß, wie der Kirchenberg
ausschaut und dennoch will jeder, der in die Bretagne
reist, dorthin. Dabei liegt der Mont St. Michel
geografisch schon in der Normandie. Victor Hugo hat von
der Pyramide der Meere geschrieben, andere reden davon,
der Mont St. Michel sei, was die Cheopspyramide für
Ägypten sei.
Ganz leidenschaftslos: die Kirche auf dem 75 Meter
hohen Berg mit den mittelalterlichen Häusern zu ihren
Füssen am Abhang des Berges ist prächtig anzusehen und
eines der symbolträchtigsten Bauensembles der
Christenheit. Kirche und Kloster wurden bereits im
frühen Mittelalter errichtet, von Fürsten gefördert und
finanziell durch Schenkungen reich unterstützt. Zur
Unterbringung und Verköstigung der Pilgerscharen auf der
im Mittelalter bei Flut noch vom Festland
abgeschnittenen Insel dienten die vielen Schenken und
Gasthöfe - die Gebäude, die unterhalb des Kirchen- und
Klosterkomplexes zu sehen sind. Um die nach
höchstpersönlicher Intervention des Erzengels Michael
(dem es in der Bretagne offenkundig gut gefallen hat,
früher) wurde die Kirche errichtet, ab dem 12.
Jahrhundert im Stil der Gotik praktisch neu gebaut,
entwickelte sich der Wallfahrtsort sehr rasch zu einer
fleißig sprudelnden Geldquelle. Dort Mönch zu sein,
wurde im Lauf der Jahrhunderte vom Opfergang zur Pfründe
mit allerlei Missbrauchsmöglichkeiten. Im 17.
Jahrhundert ist der Spaß weitgehend zu Ende und aus dem
Kloster wird - ein Gefängnis und zwar eines der
unangenehmsten. Davon kann sich jeder Besucher selber
überzeugen, denn die unterirdischen Kerker sind heute
naturgemäß zweckentfremdet und Touristenattraktion. Da
die Sträflinge unterirdisch gehalten wurden, die
Wachmannschaft aber zahlenmäßig klein war, verfielen die
vielen Schenken und Herbergen. Das formale Ende des
Wallfahrtsbetriebes kam mit der Französischen
Revolution. Damals waren noch 18 Mönche im Kloster.
Ab 1875 besann sich der Französische Staat auf sein
Kulturerbe: die Kirche wurde renoviert, es blieb
sozusagen kein Stein auf dem anderen und Gleiches machte
man mit den verfallenen Häusern. Da das Ganze aber schon
mehr als 100 Jahre zurückliegt und die damaligen
Neubauten auch schon wieder Patina angesetzt haben,
fällt das heute nicht mehr so auf. Immerhin, vom Kloster
oben und der Kirche ist Vieles noch echt, aber etwa die
Kirchturmspitze ist ein echter Neubau des 19.
Jahrhunderts.
Den Mont St. Michel sieht man schon von weitem,
während man noch durch Ortschaften auf dem Festland
fährt, die nur aus Gasthäusern zu bestehen scheinen und
wahr ist es, Sightseeing macht hungrig.
Die Insel ist durch Verlandung schon lange keine
Insel mehr, über den Zufahrtsweg spült nur mehr die
seltene Sturmflut. Bloß einige Parkplätze müssen bei
hoher Flut fallweise geräumt werden, damit die Autos
nicht davonschwimmen. Betroffen sind davon primär die
Wohnmobile, die auf einem abgelegenen Parkplatz
abgestellt werden müssen, dafür übernachten die Leute in
denselben und haben die Festbeleuchtung jeden Abend
sozusagen vor der Haustür, während die anderen Reisenden
beim Abendessen sitzen und nichts sehen als die eigene
Gattin respektive den Gatten. Kein Vergleich, denke ich.
Ich zahle die Parkgebühr, darf dafür mein Auto
infolge einer Schicksalsfügung am landseitigen Ende des
Parkplatzes abstellen und mir daher am weitesten die
Füße vertreten, ehe ich durch drei hintereinander
liegende Tore die Grande Rue betreten kann. Diese zieht
sich spiralförmig den Berg hinauf, rechts und links
gesäumt von Andenkenläden und Restaurants. Die Häuser
wirken wie aus dem Mittelalter, sind aber, wie gesagt,
viel jünger und werden auch heute noch oder schon wieder
unauffällig umgebaut und modernisiert. So geschickt,
dass dem Geschäftsleben kein Abbruch getan wird. Es gibt
einige Seitenwege, über Treppen steil den Berghang
hinauf, wodurch ich mir einige Geschäfte erspare, die
ohnehin nur das weiter oben anbieten, was die Geschäfte
weiter unten auch angeboten haben.
Wie gesagt, das Kloster oben und die Kirche sind
durchaus eindrucksvoll und im großen Ganzen auch noch
einigermaßen echt. Am Besten hat mir der Kreuzgang der
gotischen Abtei gefallen. Angesichts des
Besucherandrangs fällt es mir aber schwer, mir
vorzustellen, wie ruhig und beschaulich das Leben hier
oben etwa im 13. Jahrhundert wohl gewesen sein mag.
Ich bin gegen 10 Uhr gekommen und in der Grande Rue
wimmelte es bereits von Menschen. Als ich gegen Mittag
den Berg wieder hinuntersteige, ist schier kein
Fortkommen mehr. Und das ist erst die Vorsaison.
Bildungsbeflissen, wie ich heute bin, mache ich mich
danach nach Süden auf. An Dol de Bretagne fahre ich
vorbei und komme nach einer Stunde in Fougères an. Die
Festung von Fougères war im Mittelalter eine der größten
Festungsanlagen in Europa und diente als Schutzfestung
im Osten der Bretagne gegen Frankreich.
Ich fahre mehr oder minder planlos in eine moderne
Stadt ein, mit breiten baumbestandenen Strassen, den
üblichen Kreisverkehren und Kurzparkzonen, die bis 14
Uhr außer Kraft sind. Keine Festung sehe ich. Einen
kurzen Spaziergang mache ich, besichtige einen Stadtplan
auf einer Art Hauptplatz - keine Festung. Niemanden kann
ich fragen, denn ich sehe niemanden. Mittagspause,
Siesta auf französisch. Nicht einmal die 7000
Rindviecher fassende Versteigerungshalle der Stadt finde
ich, wahrlich eine sicherlich nur schwer zu übersehende
Augenweide.
Erst als ich eine kleine Rundfahrt durch die Neustadt
unternehme, sehe ich in der Ferne die Türme der Festung
und finde schließlich einen Parkplatz in der Nähe des
Eingangs. Allein, in der Festung ist lediglich ein
Schuhmuseum untergebracht, das will ich mir denn doch
nicht ansehen, aber es immerhin voll Lokalkolorit, denn
die Schuhfabrikation war früher der wichtigste
Erwerbszweck von Fougères.
Statt dessen wandere ich vom Parkplatz am Boulevard
de Rennes den Fluss Nançon entlang und steige zum Jardin
Public hinauf, von dem aus ich einen schönen Blick auf
die Festung habe. Dort wird mir auch klar, dass alle die
schönen Fotos, die man in Büchern und Zeitschriften
sieht, alle innerhalb der Festung aufgenommen worden
sind, oder doch zumindest von ihren Mauern aus.
Vielleicht hätte ich doch in die Festung gehen sollen?
Wie auch immer, ich lasse es sein, gehe zum Auto
zurück und suche mir den Weg zum nächsten Ziel.
Combourg
Der Ort Combourg wäre nicht -
unter Eingeweihten - berühmt, hätte nicht im dortigen
Schloss ein nachmals Berühmter einen Teil seiner
Kindheit und Jugend verbracht: François-René de
Châteaubriand. Für ihn wird das Chateau de Combourg zum
Gegenstand seiner "Erinnerungen aus dem Jenseits" und in
der überreizten Fantasie des Knaben streicht ihm so um
1775 eine schwarze Katze jeden Abend um die Füße, was
ihn entsetzlich erschreckt, weil im Schloss gar keine
schwarze Katze lebt (Bei einer Restaurierung des
Schlosses wurde 1875 das Skelett einer seinerzeit beim
Bau eingemauerten Katze entdeckt, ein Brauch, der
angeblich böse Geister fernhielt und Glück bringen
sollte).
Das Schloss ist in Combourg nicht zu verfehlen, denn
erstens ist der Ort recht klein und andererseits ist das
Schloss recht groß. Ob ich nur den Park besichtigen
wolle oder auch das Schloss, werde ich beim Eingang auf
einem Plakat zur Entscheidung aufgefordert. Also
entscheide ich: Chateau + Park. Der Park ist nicht
eindrucksvoll: eine Wiese mit 2 eher weniger gepflegten
Alleen mit allerdings alten Bäumen. Das Schloss ist
schwer zu beschreiben, am ehesten kann man es trutzig
nennen: völlig kahl und schmucklos, kaum Fenster, eben
mittelalterliche Festung.
Vor dem Eingang harrt bereits eine Anzahl französisch
redender Damen und Herren der Führung. ich harre auch
und als wir schließlich eingelassen werden in die alten
Hallen, zeigt sich, die Führung ist natürlich auf
französisch. Aber ich werde ohnehin nicht gefragt, ob
ich was verstanden habe und wenn ja, dann hätte ich
schon die Frage nicht verstanden. Ach ja, Kultursprache.
Innen sieht man eine Reihe von Erinnerungsstücken an
Chateaubriand, sicher eindrucksvoll. Da ich aber nichts
gelesen habe, was der gute Mann geschrieben hat, sagt
mir das alles wenig. Auch alte Möbel im Salon werden
gezeigt und die Bibliothek. Vom Rest des Schlosses sieht
man nichts, denn dort wohnen angeblich noch die heutigen
Chateaubriands und die wollen zwar das Geld der Plebs,
aber nicht dieselbe. Von dem allen hätte ich wesentlich
mehr, verstünde ich, was die Führerin erzählt.
Nach einer halben Stunde ist die Führung zu Ende und
wir treten wieder in die Wärme hinaus.
Ich spaziere noch am Hotel du Lac vorbei zum See,
nach dem das Hotel heißt. Es ist in Wahrheit ein Teich,
kein See, aber das macht nichts. Ich habe eine schöne
Aufnahme des Schlosses gesehen, sonnenbeschienen, das
Hotel im Schatten und das ganze gespiegelt im See. Das
Schloss zeigt mir die Schattenseite, die Front des
Hotels ist sonnenbeschienen, der See von leichtem Wind
gekräuselt - kein Spiegelbild, keine Aufnahme, nichts.
Danach, sage ich ehrlich, habe ich von Kunstgenuss
genug und fahre auf Seitenstraßen zum Hotel zurück.
Diesen Abend keine Strandspaziergänge, aber wiederum
der einzige Gast in einem Restaurant - anders, aber
weder besser noch preiswerter.
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