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Zur Pointe du Raz
und retour
31. Mai 2001
Am Morgen
spaziere ich nochmals durch Locronan. Ich
kann einfach nicht genug bekommen von den
alten Häusern. Doch das Morgenlicht ist zu
Locronan so gnädig wie zu gesetzten Damen:
gar nicht. Um es höflich auszudrücken:
stimmungsvoll ist Locronan nur an sonnigen
Abenden.
Daher starte ich nach sehr kurzem
Spaziergang das Auto, fahre in Richtung
Douarnenez und biege vor der Stadt auf die
Strasse Richtung Quimper ab. Auf halber
Strecke kommt die nächste Abzweigung - da
fahre ich dann schon auf recht schmalen und
rumpeligen Pisten. Im kleinen Ort Penhors
folge ich dem Wegweiser nach Plovan und
halte bei der Kapellenruine von Languidou
außerhalb des kleinen Ortes.
Dieses Kapelle aus dem 13. Jahrhundert
ist heute verfallen, was der Name Ruine ja
andeutet. Indessen ist von den Mauern , den
Gewölben und von der Fensterrose über dem
einstigen Altar noch so viel vorhanden, dass
ich nicht nur einen Eindruck vom einstigen
Aussehen bekomme, sondern auch noch einige
hübsche Fotos der sonnenbeschienen Ruine
machen kann. Infolge deren Lage in einer
nach Westen ausgerichteten Mulde dürfte sich
die Kapelle wohl bei Sonnenschein wohl zu
jeder Tageszeit fotogen präsentieren und als
Beispiel für die frühgotischen Kirchen der
Bretagne dienen können.
Auf der Rückfahrt biege ich in Penhors
zum Strand hin ab, einem weiten,
gleichförmigen Sandstrand ohne besondere
Eigenschaften außer Weite und
Gleichförmigkeit. Und außerdem steht
verloren in den Dünen nahe dem Strand die
kleine Kirche Note-Dame-de-Penhors. Dort
findet - allerdings erst im September - eine
große Prozession statt, die allerlei
Fotografen anlockt. Ende Mai ist nichts los.
Über Audierne fahre ich sodann immer nach
Westen bis zur Pointe du Raz, einem der
beeindruckendsten Kaps an der bretonischen
Küste.
Bevor ich jedoch tatsächlich auf die
Klippe hinaustreten kann, von stürmischem
Wind gebeutelt, muss ich noch einige
Kleinigkeiten absolvieren. Erstens bin ich
nicht der einzige Besucher des Kaps, nicht
heute und überhaupt. Die Vorgänger haben der
kärglichen Gras auf einer dünnen
Humusschicht so zugesetzt, dass sich die
baumlose Landspitze in eine öde Fläche
verwandelt hat, von der, mangels schützendem
Bewuchs, der Wind die Humusschichte
weggeblasen hat. Daher hat man vor einigen
Jahren die Andenkenläden, die sich gleich
hinter dem Denkmal für die Schiffbrüchigen
breitgemacht hatten, demoliert und etwa
einen Kilometer landeinwärts ein ganz
besonderes Scheusal von Besucherzentrum
eingerichtet. So etwas kostet, daher darf
man fürs Parken bezahlen und kann dafür ins
weitgehend uninteressante Besucherzentrum
gehen und sich Filmchen ansehen, wie es
früher hier ausgesehen hat. Damit man das
kann, muß man an so dreißig Andenkenläden
und Imbissständen vorbeigehen, einer wahren
Augenweide für jeden, der moderne
Architektur lieb gewinnen möchte. Damit man
sich jedoch als Besucher angesichts des
Eintrittspreises nicht gefrotzelt fühlt,
dürfte man, so man wollte, gratis in einem
Shuttlebus bis zur eigentlichen Landspitze
vorfahren - der Bus mit Erdgas
umweltfreundlich angetrieben. Wer will, darf
aber auch entlang der Klippen und an
diversen Bunkern aus der Zeit der deutschen
Besatzung vorbei zum eigentlichen Kap
vorgehen. Falls nicht jemand gehbehindert
ist, das ist die bessere Lösung, als eine
Viertel Stunde auf den Bus warten.
Aller möglicher Ärger wird jedoch
aufgewogen durch den Ausblick vom Kap aus.
70 Meter hoch soll es sein, steil abfallend
ins Meer und bei jedem Wetter, auch bei
schönem und beinahe windstillem, laufen die
Wellen des Atlantik mit solcher Wucht auf
die Felsen auf, dass die weiße Gischt nur so
aufstiebt. Bricht sich eine größere Welle an
den Felsen, habe ich beinahe das Gefühl, der
Boden erbebe unter mir, aber das sind wohl
nur die Übertreibungen einer Landratte. Dazu
kommt freilich der weite Blick auf ein - in
meinem Fall - tiefblaues Meer, der strahlend
blaue Himmel darüber und in der Ferne die
weißen Häuser auf der Ile de Sein und
dahinter den weiß gestrichenen Leuchtturm
von Ar Men, den ich, weil ich Glück und
klares Wetter erwischt habe, in der Ferne
sehen kann.
Dahinter ist dann nur mehr Wasser bis
hinüber nach Amerika, das Land ist zu Ende,
finis terrae. Und man versteht, wieso dieser
Anblick, vor allem an stürmischen Tagen,
wenn haushohe Brecher an die Klippen
schlagen, die Menschen des Mittelalters
zutiefst erschreckt hat.
Ich bin so weit vorgeklettert, soweit
mein - beschränkter - Mut es zugelassen hat
und dort vorne halte ich um genau 10,45 Uhr
eine kleine Bedenkminute ab, so wie ich es
mir vor der Reise in Wien vorgenommen
hatte:
Heute
stehe ich zum letzten Mal im Berufsleben.
Ab morgen bin ich glücklicher Pensionist.
Mit einem von
Herzen kommenden "Habts mich gerne, alle
miteinander" verabschiede ich mich geistig
von all den ach so lieben Leuten, die mir im
Berufsleben leider untergekommen sind, und
von den anderen auch.
Um auch von Nicht-Wienern verstanden zu
werden: festzustellen, jemand solle einem
gerne haben, ist kein sehnlicher Wunsch nach
Anerkennung und menschlicher Wärme, sondern
eine echt wienerische Umschreibung eines
Zitats aus der klassischen deutschen
Literatur, das buchstäblich ein jeder kennt.
Sollten Sie übrigens in Büchern und auf
Kalenderblättern ein Foto sehen von einem
weiß getünchten einstöckigem Hotel inmitten
der Felsen der Pointe du Raz, sage ich, da
verwertet einer alte Fotos, denn das kleine
Hotel wurde 1997 demoliert, als man das Kap
zum Naturschutzgebiet erklärte.
Direkt beflügelt von meiner Bedenkminute
wandere ich danach zum Parkplatz zurück und
fahre ein Stückchen weiter zur Baie de
Trespasses. Wunderschön gelegen ist dieser
weiße Sandstrand, begrenzt im Süden von den
Felsen der Pointe du Raz und im Norden von
den Felsen der Pointe du Van. Zwei Hotels
stehen hinter dem Strand und warten auf
Gäste. Im Norden der Halbinsel ist das der
letzte und einzige Strand, an dem man
gefahrlos baden kann. Aber wer möchte schon
unbedingt am Totenstrand baden? Wer? Und da
man was tun muß, für die Förderung des
Tourismus haben dessen findige Manager das
Gerücht in Umlauf gebracht, die Totenbucht
hieße gar nicht wirklich Totenbucht. Zwar,
man sagt, gerade hier seien die Leichen
besonders vieler Schiffbrüchiger
angeschwemmt worden und wenn gerade schönes
Wetter herrschte, seien schon dann und wann
ein Schiff mit trügerischen Lichtsignalen
auf die Klippen gelockt worden, ein
Vergnügen, das für die Bewohner der Ile du
Sein draußen vor der Küste historisch
verbürgt ist. Viele Schiffbrüchige
bedeuteten viele Leichen, die man
ausplündern konnte. Richtig hieße es Bucht
des Baches, was ja schon bedeutend besser
klingt.
Anschließend fahre ich zur Pointe du Van,
die mindestens ebenso schön und
eindrucksvoll ist als die berühmte Schwester
nebenan, dafür aber weit weniger überlaufen.
Ein Parkplatz, eine kleine Kirche, dahinter
in der Heide eine Brunnenfassung aus dem
Mittelalter in Form einer mannshohen
Miniaturkapelle, das ist es. Ja, und die
Klippen sind da, und die Brandung darunter,
die prächtige Aussicht weit nach Norden, wo
sich im Dunst die Konturen der Pointe de
St.Mathieu abzeichnen, an die dreissig
Kilometer entfernt.
Entlang der nördlichen Küste möchte ich
wieder zurückfahren und tue es auch, an die
zwanzig Kilometer weit. Dann zweige ich nach
Süden, nach Pont-Croix ab, weil mir der
Namen gefällt. Richtig habe ich mich
entschieden, Pont-Croix oberhalb des Flusses
Goyen ist ein ganz entzückendes Städtchen
mit einer schönen gotischen Kirche. Schmale
steile Gässchen, eher Treppen, führen zur
Brücke am Fluss hinunter und die Aussicht
von der Brücke auf den Fluss ist ebenso
schön wie vom anderen Ufer zurück auf die an
steilem Hang gleichsam übereinander
aufgetürmten Häuser der Stadt.
Wahrscheinlich könnte ich dies und jenes
besichtigen, ich tue es indessen nicht. Im
Schatten einer Baumgruppe am Ufer neben der
Brücke stelle ich das Auto ab und genieße
die Stille und Ruhe. Und mit Interesse
verfolge ich die Bemühungen einer
Fotografin, ein am Ufer angebundenes Boot
gemeinsam mit dem Hintergrund durch
Anwendung der Scheimpflug'schen Regeln
mittels Plattenkamera und schwarzem Überwurf
scharf einzustellen und dann nach ca. 15
Minuten eine einzige Aufnahme zu machen.
Als ich dann weiterfahre, kämpft die Dame
noch immer mit den Tücken der Technik. Sie
hat sich ein weiteres Motiv ausgesucht und
versucht ihr Glück aufs Neue. Ich wünsche
ihr insgeheim viel Erfolg nach so viel
Plage.
Auf der Rückfahrt halte ich nur mehr an
der Pointe du Millier. Als ich aus dem
Wäldchen, in dem der Parkplatz versteckt
ist, auf die Klippen hinauskomme, sehe ich
ein weiteres Postkartenmotiv vor mir: ein
weißes Haus auf den Klippen, dahinter blaues
Meer und in der Ferne die Konturen der
Halbinsel von Crozon unter weißen
Haufenwolken. Schön, ganz einfach.
Nochmals Locronan
Gegen 17 Uhr bin wieder in Locronan und
stelle das Auto wiederum auf den Parkplatz
außerhalb der Stadt. Ich wandere nochmals
durch die Stadt, mache noch einige Fotos,
kaufe dies und das. Im zweiten Anlauf
erstehe ich auch ein kleines Reklameschild
aus Blech, auf dessen Kauf ich gestern
vergessen habe. Eine schöne Katze wirbt
darauf für eine spezielle Seife, ich
verstehe zwar den Zusammenhang nicht so
ganz, aber das macht nichts: das Schild hat
die richtige Größe und das Bild gefällt mir
- 50 FFR.
Um 19 Uhr sage ich mir, ein weiterer
Abend in Locronan wird nicht schöner werden
als der gestrige Abend. Warum also bleiben
und in aller Herrgottsfrühe Richtung Wien
losfahren? Warum nicht gleich?
Beginn der Heimfahrt
10 Minuten später starte ich den Motor
und fahre los. Es wird eine ganz prächtige
Fahrt. Zuerst fahre ich auf der D63 und D39
Richtung Quimper, in den Vororten fahre ich
dann auf die mir schon vertraute N165 auf.
Von da an geht es immer in südwestlicher
Richtung bis Lorient. Östlich Lorient biege
ich auf die N24 ab, folge ihr bis Rennes.
Rennes umfahre ich im Süden, danach wieder
nach Osten.
Nach drei Stunden Fahrt und ca. 300
Kilometern parke ich für die Nacht neben
einer Tankstelle in der Aire de Montevert
und schlafe bis in den frühen Morgen.
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