New York Skyline



PETER LAUSCH

Reise nach New York 1999
          
Bericht eines Unbedarften

 

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Dienstag

Vor dem Frühstück mache ich einen Spaziergang bis zur 36. Straße auf der Lexington Avenue, dann biege ich nach rechts zur Fifth Avenue ab. An der Ecke ist ein Zeitungsstand und ich überreiche meine 60 Cent und nehme mir die New York Times. Der farbige Herr des Standes lässt meine sorgfältig gezählten Münzen in seine Kasse fallen und erklärt mir etwas, was ich nur dem Sinn nach verstehe: ich hätte zu wenig bezahlt. Peinlich berührt greife ich in meine Brusttasche, hole eine Dollarnote hervor und halte sie ihm hin. Böse schaut er mich an und sagt ganz deutlich, so dass sogar ich ihn verstehe: I said: TOMORROW!!!!!!

Ich sage Danke und schaue, dass ich weiterkomme, denn so ganz wohl ist mir nicht zumute. Im Supermarkt kaufe ich mir meine 2-Liter Cola um $ 1,69 mit lauter Münzen, aber ach, ich habe vergessen, zu allen Preisen kommt ja noch die "Sales Tax" und daher bringe ich nur einen Teil der Münzen an und brauche noch eine zusätzliche Dollarnote. Schwer wiegen die angesammelten Münzen in meiner Rocktasche und beulen sie mir aus.

 Im Hotel erzähle ich St. und L. von meinem Erlebnis mit dem Zeitungsverkäufer und es stellt sich der Grund für den unverständlichen Spruch heraus: die 5 Cent-Münze ist größer als die 10 Cent-Münze und ich habe nur 55 Cent für die 60 Cent teure Zeitung bezahlt. Nicht weiter tragisch, aber typisch für die Erlebnisse eines Greenhorns in Amerika.

 Vor der Arbeitssitzung in der UNO treffen wir uns wieder in der Mission. Wir sollen über das Erreichte Bericht erstatten. Meiner wird naturgemäß sehr kurz. Unsere Arbeitsgruppe hat ja nichts erreicht. Danach wandern wir im Sonnenschein - das Wetter ist herrlich und ich sage es gleich jetzt, es wird für die Jahreszeit viel zu warm bleiben - in das Hauptgebäude der UNO, zeigen unsere Umhängschildchen und spazieren in die Hallen, als wären wir schon immer da gewesen.

 Um 10 beginnt die Versammlung der Delegierten, aber um 10 Uhr sind erst wenige der Damen und Herren erschienen und die, die da sind, plaudern gemütlich über dies und das. Da sie das in ihrer Muttersprache tun, zweifle ich nicht, dass sie ausschließlich dienstliche Probleme erörtern. Denn gemütlich tratschen werden die Delegierten ja wohl nicht, das würde ich ihnen nicht unterstellen wollen. Um 10,30 Uhr schlägt der Herr Vorsitzende wieder mit seinem Hammer auf den Tisch und relative Stille senkt sich über die Versammlung. Herr Vorsitzender sagt Wohlwollendes über unsere bisherige Arbeitsleistung, obgleich er sie ja gar nicht kennt, der Tunesier oder Algerier oder Marokkaner, jedenfalls ein Araber aus dem Sekretariat der UNO hält eine Rede, in der jeder zweite Satz beginnt mit "Hochverehrter Herr Vorsitzender", was dieser mit huldvollem Lächeln zur Kenntnis nimmt - was soll er sonst auch tun? Über den Gegenstand der Rede ist nicht viel zu sagen, der Herr Redner ersucht uns mit vielen Worten, im Interesse unserer Staaten, aber auch im Interesse der UNO eine sparsame Lösung der anhängenden Probleme zu finden und fordert uns auf, dieses Ziel mit dem gebührenden Eifer anzustreben, aber das sage er bloß der Form halber, denn er sei überzeugt, dass wir das ohnehin tun würden - blahblahblahblah........

 Anschließend löst sich die Versammlung auf, wir wandern in unsere Arbeitsgruppen. Die, an der ich teilnehme, hat keinen speziellen Saal erhalten, wir bleiben im großen Saal und sammeln uns vor dem Tisch des Präsidiums. Für mich hat das den Vorteil, dass ich auf meinem Sessel sitzen bleiben kann, neben mich kommt rechts und links das Vereinigte Königreich und Neuseeland zu sitzen, Neuseeland gleich doppelt vertreten.

 Nach einigem Hin und Her umschreibt der Vorsitzende unserer Arbeitsgruppe unsere Aufgabe. Wir haben zwei Rechtsfragen zu erörtern. Der Delegierte aus D. verlangt, wir sollten uns auch noch mit einem dritten Problem befassen, das er von einem Blatt Papier herunter lesend beschreibt. Wir stimmen großmütig zu; bloß einer verlangt Erläuterungen, zu denen es aber nicht kommt, denn es handelt sich zwar um ein juristisches Problem, der Herr aus D. ist aber kein Jurist und bedauert mit vielen Worten, er wisse nichts, was nicht auf seinem Blatt stehe und das hat er uns ja vorgelesen. Also einigen wir uns, die Frage in einer bestimmten Weise zu verstehen und zu behandeln - es geht darum, ob wir bei Schadenfällen mit einem Selbstbehalt einverstanden sein sollen oder nicht. Den Selbstbehalt will die UNO der Staatengemeinschaft auferlegen, damit sie weniger bezahlen muss, was bedeutet, dass solche Schäden der jeweilige Staat, also zum Beispiel Österreich, tragen muss. Dies festgestellt, erklärt der Vorsitzende, jetzt sei es an der Zeit, in die Mittagspause zu gehen und schlägt vor, dass wir uns am nächsten Vormittag wieder zusammensetzen. Wir sind beeindruckt über dieses Arbeitstempo, aber ach, ein Herr aus der Delegation des Vorsitzenden, offenbar sein Vorgesetzter, mischt sich ein und schlägt mit ernsten Worten vor, im Hinblick auf unsere bisherigen Fortschritte sollten wir uns vielleicht nach der Vollversammlung am Nachmittag doch noch einmal zusammensetzen. Diesem Vorschlag können wir uns nicht entziehen und stimmen zu, indem wir nicht widersprechen. An diese Form der Abstimmung werde ich mich noch gewöhnen müssen.

 Da wir uns erst um 15 Uhr in der Vollversammlung wieder treffen, nütze ich die lange Mittagspause, das UNO-Gelände zu verlassen und wandere durch die Stadt bis zum Central Park und vom Park aus wandere ich bis in die Nähe des Times Square, den ich mir nicht entgehen lasse. Mit dem Times Square ist es so wie mit den Frauen: viele sind recht hübsch, wenn ihnen die Verhältnisse gewogen sind; sieht man sie dann ungeschminkt und unfrisiert, blickt man also hinter die Fassade, ist man dann weit weniger beeindruckt. Jeder von uns kennt die Bilder des Times Square bei Regenwetter in der Dämmerung, wenn tausend Lichter sich in den Pfützen spiegeln und tausende Reklamen oberhalb der Pfützen gleißen und glitzern. Bei Sonnenschein in der Mittagszeit sieht man die herabgekommenen Fassaden hinter den davor montierten Halterungen für die Leuchtreklamen und ist weit weniger beeindruckt. Vor allem sieht man bei Tage auch die ganze Halbwelt, die sich am Times Square ein Stelldichein gibt: Männer als Frauen verkleidet, kokett und geldgierig das Handtäschchen wirbelnd, Männer, die Männer sind und einem interessante Angebote machen, Männer, die wahrscheinlich auch Männer sind und dies und das verscherbeln wollen, was man besser nicht kauft, weil sein Besitz strafbar ist, die Verwendung ohnehin, simple Bettler, die einem Pappendeckelbecher hinhalten und nicht einmal böse werden, wenn man ihnen nichts gibt; einen Herrn auch, der mir schweigend einen Becher hinhält und einen Zettel, auf dem steht, er sei taub, dem ich aber auch nichts gebe, .........

 Danach kann ich jedenfalls einem jeden sagen, der es hören will oder auch nicht, ich sei auf dem Times Square gewesen, ICH AUCH.

 Der Rückweg zieht sich, New York ist groß, ich bin schon viel gegangen.

 Der Plenarsaal ist leer, ich wandere ins so genannte Wiener Café, das so heißt, weil die Bundeswirtschaftkammer und/oder die Stadt Wien es eingerichtet hat. Daher stehen im Café schwarze Bugholzsessel von Thonet und Kaffeehaustischchen mit Marmorplatte und Gusseisenfuß wie in einem anständigen Wiener Kaffeehaus. Da auch der Espresso durchaus gut ist, kann man sich als Wiener direkt heimisch fühlen; bekommt man einen Sitzplatz gegenüber der Theke, hat man hinter sich kolorierte Kupferstiche von Schloss Schönbrunn und der Kärtnerstrasse in Wien. Einer der Beamten aus der Mission kommt vorbei, setzt sich zu mir und jammert über die hohen Mietzinse. Er habe ein kleines Loch von Wohnung in der 48. Straße, wofür er - ohne Betriebskosten - $ 1.200.- pro Monat zahle, mit einer Indexklausel, so dass er nächstes Jahr sicherlich wesentlich mehr bezahlen werde. Auto könne er sich keines leisten, denn die Garage sei viel zu teuer. Er tut mir richtig leid, der Arme.

 Nicht um 14.00 Uhr wie angekündigt, aber immerhin um 14.30 Uhr tritt die Vollversammlung zusammen und St. erzählt mir von den Fortschritten in seiner Arbeitsgruppe. Malawi habe sich gestern für eine Abänderung des Entwurfes der UNO gestern stark gemacht; die Arbeitsgruppe habe diese Abänderung gestern auch akzeptiert und heute seien die zwei Delegierten Malawis dahergekommen und hätten gefordert, dass der Abänderungsantrag wieder zurückgezogen werde. St. versteht die Welt nicht mehr. Ich erkläre ihm den Lauf der Welt, so wie ich ihn mir vorstelle, hat doch in meiner Arbeitsgruppe die Vertreterin Perus durchblicken lassen, sie müsse einen jeden Vorentwurf unserer Arbeitsgruppe nach Lima faxen und dort genehmigen lassen. Daher hat wohl über Nacht ein Beamter aus der Hauptstadt Malawis seinen beiden Delegierten eine entsprechende Weisung erteilt. St. ist von meiner Erklärung angetan, aber ich sinke in seiner Achtung sichtbar, weil ich nicht weiß, wie denn die Hauptstadt Malawis heißt. Pech für mich, aber St. weiß es auch nicht. In Wien, nehmen wir uns vor, werden wir im Atlas nachschauen.

 In der Vollversammlung lesen die Leiter der beiden übrigen Arbeitsgruppen bereits Resolutionen vor, die sie fertiggestellt haben. Nur unser Kenianer kann nichts vorlesen, denn wir haben ja noch nichts erarbeitet, aber er verweist dennoch auf wichtige Fortschritte, die wir bereits gemacht haben. Ach ja?

 Um 15.30 Uhr sind wir fertig; die anderen entfernen sich, wir müssen dableiben und versammeln uns zu der Abendsitzung unserer Arbeitsgruppe. Es gibt unterschiedliche Auffassungen über den Namen, den der Vereinbarungsentwurf haben soll. Manche wollen einen anderen Namen als die UNO vorgeschlagen hat. Namentlich die Vertreter Perus und Neuseeland und Kanada nehmen einen formalistischen Standpunkt ein. Ich sage schüchtern, Namen seien Schall und Rauch, nicht auf den Namen komme es an, sondern auf den Inhalt. Damit erwerbe ich mir keine Freunde. Da wir uns nicht einigen können, wird ein Jurist vom Rechtsbüro der UNO hergeholt, damit er uns erklärt, warum die UNO etwas A nennt, was vom Inhalt her eigentlich B heißen solle. Er ist ein wenig erstaunt. A sage die UNO nur deshalb, weil bei der letzten Tagung die Mehrheit der Teilnehmer gewünscht habe, dass sie statt wie bisher B nunmehr das Papier A nenne. Das wirkt, aber leider nicht lange, denn kaum ist diese Frage gelöst, entbrennt ein Streit um die Formulierung unseres Arbeitspapiers über die Beratung dieser wichtigen Frage. Beinahe einig, entdeckt einer an einer Stelle das Wörtchen these und meint, es müsse richtig those heißen. Pech für ihn, die Mehrheit - aus nicht englisch-sprachigen Ländern - hält these für richtig. Nach ernsthafter Debatte wird der Vertreter des Vereinigten Königreiches als Schiedsrichter um seine Meinung gefragt, schließlich spricht er ja die englische Sprache ja wohl am besten. Those sei richtig, meint er ernsthaft, aber der Delegierte Kenias widerspricht ihm unter Hinweis auf eine Grammatikregel, die man in der Schule lerne. Nach weiterer ergebnisloser Diskussion, auf was sich dieses those nun eigentlich beziehe, darauf kommt es nämlich an, einigen wir uns, es bei these zu belassen; vielleicht sei those besser, aber das solle doch die Vollversammlung entscheiden, die man jedoch nicht extra darauf hinweisen werde. Damit haben wir aber endlich unser Tagespensum erfüllt und treten den Heimweg an.

 Auf diesem kaufe ich mir einen Big Mac, bin danach noch immer hungrig und kaufe mir einen Fishburger. Für das Geld hätte ich auch in ein bescheidenes Restaurant essen gehen können und hätte mich dort - vielleicht - nicht mit Senf bekleckert.

Das hätte mir - beinahe - für einen Tag gereicht an Erlebnissen. Doch kaum habe ich mich in meinem Zimmer niedergesetzt, klopft es an der Tür und arglos öffne ich dieselbe. Da erst wird mir eine der Grundregeln bewusst, die ich soeben nicht beachte: Immer erst durch den Spion in der Tür nach draußen schauen, um zu sehen, wer da Böser allenfalls vor der Tür steht und dann, wenn es kein offenkundig Böser ist, die Tür auch nur öffnen, nachdem man die Sicherheitskette eingehängt hat.

 Was soll es, draußen steht glücklicherweise ohnehin kein Böser, sondern L., der fragt, ob ich an diesem Abend wirklich schon den Fernseher einschalten will, anstatt durch die Stadt zu wandern; er wisse eine ganz besondere Attraktion, nicht ganz billig freilich, aber wenn man schon in New York ist ....

 Natürlich hat er recht. Zweifellos ist es besser, noch ein wenig auszugehen, statt den Ärger vom Nachmittag in mich hineinzufressen. Also gehen wir. Ich folge ihm wie ein getreuer Hund in die Fifth Avenue, die so um die 40. Straße herum den Charakter der Geschäfte auf dem Wiener Mexikoplatz aufweist: viele billige Uhren aus China, ganze Geschäfte voll mit vielfarbigen Bändern, Bordüren und kitschigen Ölgemälden ...... L. ißt so gerne mexikanisch. Wir besuchen ein billiges Restaurant, in dem es alle möglichen Arten von Tortillas, Burritos, Salsas etc. gibt, Pfannkuchen mit allerlei Füllungen, Teigtaschen mit ebenso allerlei Füllungen und sonst auch noch vieles zum Essen, angeblich alles scharf, köstlich scharf, wie L. mir versichert, wobei ihm von der Schärfe der Schweiß auf die Stirne tritt und er mehrere Flaschen mexikanisches Bier trinkt, damit er den scharfen Geschmack hinunterspülen kann. Ich selbst begnüge mich mit einem Diet Cola und tue mir leid, dass ich wegen meiner Krankheit heute nichts mehr essen kann. Da ich mir aber deswegen schon seit vielen Jahren leid tue, habe ich mich an den Kummer schon gewöhnt; dennoch gibt es Augenblicke, da mir das Wasser im Mund zusammenläuft, wenn ich sehe, was andere Leute an g'schmackigen (gut schmeckenden, auf Hochdeutsch) Speisen essen dürfen - und ich nicht.

 Sei es das Gefühl der Sattheit im Magen, sei es die Schärfe der Speisen, L. wird unternehmungslustig. Da gebe es eine Bar, in der Eartha Kitt auftritt, falls ich von der schon gehört habe. Habe ich, entgegne ich ihm, kenne ich. Die rauchige Stimme dieser schwarzen Sängerin hat mich schon vor dreißig Jahren fasziniert; irgendwann vor einer halben Ewigkeit ist sie auch in Wien aufgetreten, mit gehörigem Propagandarummel vor vielen Fans, die viel Geld für die Eintrittskarte bezahlt hatten - ich auch, natürlich.

 L. hat auch das entsprechende Inserat aus der New York Times ausgerissen und zeigt es mir: Cafe Carlyle, Madison Avenue, Ecke 78. Straße. Die Madison Avenue ist nicht das Problem, sie ist die nächste Längsstraße im Osten, wir haben sie auf dem Weg vom Hotel überquert. Aber die 78. Straße ist ca. 3 Kilometer im Norden. Wir werden einen Bus nehmen müssen. Wir zählen die Münzen, die wir haben, es geht sich aus: in den Bussen muss man das Fahrgeld abgezählt in einen Automaten einwerfen - außer man hat Tokens oder die Metrocard. Beides haben wir nicht.

 Man muss es der Stadtverwaltung lassen: die Autobusse verkehren in kurzen Intervallen. Da die Stadt jedoch chronisch knapp in der Kasse ist, vermietet sie die Außenwände ihrer Busse als Reklamefläche und Glück, wie wir beide haben, erwischen wir prompt einen Bus, der von oben bis unten bemalt ist - einschließlich der Fenster. Daher sitzen wir im Bus und sehen nicht nach draußen. Ich schau in fremden Städten gerne aus dem Fenster, wenn ich ein öffentliches Verkehrsmittel benutze, in Wien im übrigen auch, obgleich ich Wien ja kenne, aber ......

 Jammern hilft nicht; den Rückweg werden wir zu Fuß wagen. Da die städtischen Busse faktisch an jedem zweiten Häuserblock halten, können wir uns ohnehin nicht verfahren und gelangen so an unser Ziel.

Das Cafe Carlyle ist nicht so irgendeine bessere Bar; sondern es ist die Bar des eleganten Carlyle Hotels in einem ebenso eleganten Stadtviertel. Zuerst finden wir sie gar nicht, dann haben wir das Problem, dass man einen Tisch vorbestellen muss, was deutlich angeschrieben ist und auch im Inserat nachzulesen gewesen wäre, was wir natürlich nicht getan haben. Erstaunlicher Weise ist der Türhüter oder was der Herr in goldbetresster Admiralsuniform sonst ist, gar nicht hochmütig, sondern nimmt uns Hinterwäldler recht gelassen hin: natürlich kann er uns einen Tisch reservieren, auch jetzt noch, natürlich erwartet er ein Trinkgeld (wir geben $ 5) und ebenso müssen wir Eintritt zahlen. Mir dämmert, das wird teuer. Es wird: Eintritt kostet $ 50 plus Sales Tax. Man nimmt auch Kreditkarten und wir entscheiden uns nach kurzem Zögern, dass wir jetzt nicht mehr zurück können. Also zücken wir unsere Kreditkarten. Man ist schließlich nicht jeden Tag in New York und man kann sich sein Geld ohnehin nicht ins Grab mitnehmen und wir bekommen ja schließlich von den Brötchengebern in Wien eine Tagesgebühr ausbezahlt, die wir bei den niedrigen Preisen in der Kantine der UNO gar nicht völlig aufbrauchen und so fort. Aber teuer ist es schon.

 Als wir von einem buckelnden Kellner ($ 1 Trinkgeld) an unseren im übrigen gar nicht schlecht situierten Tisch geführt werden, ist es kurz vor 20 Uhr. Der Speisesaal mit der Bühne an einer Schmalseite ist etwa halbvoll, Gläser klingen, Messer schneiden, Leute schmatzen. Wir beschließen, nichts zu essen. Erstens haben wir ja schon (ich z. B. zwei Big Macs) und zweitens ... Statt dessen trinken wir, ich wie immer ein Diet Cola (das teuerste meines bisherigen Lebens, aber wer weiß, was dieses mir noch bringen wird). Die Kellner ziehen enttäuscht von dannen und mir bleibt Zeit, mir so die Gäste unauffällig anzuschauen. Es dürften nicht die ärmsten New Yorker gekommen sein, die Kitt anzuhören; die Frauen jeden Alters in Abendrobe, womit ich sagen will, so kleines Schwarzes, mit langen Ärmeln oder ohne, alle aber mit teils beträchtlichem Ausschnitt. Der hängt nicht vom Alter der Dame ab, auch nicht von dem, was da ist, sondern eher vom Wagemut der Trägerin, und der ist bei einigen Damen zweifellos beträchtlich. Leider paart sich Mut nicht mit Jugend. Die Herren sind vergleichsweise unauffällig, überwiegend in meinem Alter, wahrscheinlich aber reich. Jedenfalls nehmen sie die Preise gelassen hin. Reichtum macht sie jedoch zum Großteil nicht glücklich, scheint mir, auch nicht der Einblick in den Ausschnitt ihrer Damen, was ich durchaus verstehen kann, denn die Damen sehen vorwiegend teuer aus. So starren die Herren griesgrämig vor sich hin, gedankenverloren - wahrscheinlich stellen sie sich die Eartha Kitt vor, die sie demnächst in natura erleben werden.

 Ach ja, auf der Bühne sitzt die ganze Zeit ein Herr am Klavier, das unter seiner Anleitung so Töne von sich gibt, die man wohl am besten als Barmusik bezeichnet.

 Der Herr hört auf zu spielen, auf der Bühne finden Lichterspiele statt, im Lichtkegel eines Scheinwerfers betritt der Star des Abends die Bühne. Wir applaudieren. Danach beginnt Eartha Kitt zu singen. Sie ist zweifellos eine gute Sängerin mit einer faszinierenden Stimme, die gleich geblieben ist. Schließe ich die Augen, lausche ich auf ihre Stimme, bin ich von ihrem Gesang ebenso fasziniert, wie ich es als junger Mann gewesen bin. Sie dürfte auch noch immer die Lieder singen, die sie damals auch schon gesungen hat und da fängt der Jammer an: an Eartha Kitts Stimme ist die Zeit vorbeigegangen, an ihr selber nicht. Der Speisesaal des Carlton Hotel ist nicht die Stadthalle in Wien und das Licht der Scheinwerfer wahrlich unbarmherzig. Da singt eine alte Frau Lieder, die einem jungen Mädchen gut anstehen würden. Während ihres Auftritts betrachte ich angelegentlich die immer weniger werdenden Perlen in meinem Glas mit Cola und denke mir, es wäre vielleicht doch besser gewesen, statt der Eintrittskarte eine CD mit Liedern von Eartha Kitt zu kaufen. Im übrigen singt sie alles in allem nicht länger als eine Stunde: jedes Lied wird von ausgiebigem - nicht gerade frenetischem, aber immerhin - Applaus gefolgt, woraufhin die Künstlerin sich verbeugt und hinter der Bühne verschwindet. Darauf stürzen sich die Kellner auf jene Gäste, die noch etwas bestellen wollen - inzwischen wird überwiegend Sekt getrunken, in Wahrheit wohl Champagner, bloß wir zwei sitzen da und trinken nichts. Wenigstens unterscheiden wir uns in der Kleidung nicht allzu sehr von den anderen männlichen Gästen, das ist aber auch schon alles. Sowohl ich als auch L. tragen noch die dunklen Anzüge mit Krawatte, die wir tagsüber in der UNO getragen haben - sonst wären wir gar nicht hereingekommen, denn in diesem Etablissement herrscht Krawattenzwang und mit Jeans würde man, glaube ich, auch nicht hereingelassen.

Dann verbeugt sich Eartha zum letzten Mal vor uns und zieht sich endgültig zurück. Wir dürfen zahlen und dann gehen. Wir könnten noch in einer anderen Bar des Hotels was trinken, falls wir wollten, aber das Cafe Carlton wird für einen zweiten Auftritt spät abends sauber gemacht.

In den Straßen sehen wir nicht mehr viele Fußgänger. Weniger, weil wir uns unsicher fühlen, als weil wir beide rechtschaffen müde sind, fahren wir mit dem Taxi ins Hotel zurück.

 

Mittwoch

 Nach dem Frühstück gehen wir zur Mission auf der uns nun schon vertrauten Route. Dort weiß man sich mit uns nichts anzufangen, so suchen wir uns Sitzgelegenheiten und warten, ob uns jemand irgendwelche Weisungen, Ratschläge etc. für heute geben wird. Das tut indessen niemand. Es herrscht hektische Betriebsamkeit. Mit Wien wird telefoniert. Einer der älteren Beamten will eine möblierte Wohnung mieten und will wissen, ob das Ministerium nicht nur die Kosten der Wohnung zahlt, sondern auch den Zins für die Möbel. Problem: Er hat für die Anreise zwei Übersiedlungscontainer auf Kosten der Republik benutzt. In denen hat er allerdings nicht die Möbel aus Österreich nach New York transportiert - deshalb hat die Republik die Transportkosten übernommen - sondern das eigene Auto und das der Gattin. Jetzt argumentiert er, ohne Möbel könne er ja nicht in New York leben, daher müsse die Republik auch die Mehrkosten für eine möblierte Wohnung zahlen. Ich werde um meine Meinung gefragt: Wenn einer in die Container nicht seine Möbel, sondern seine Autos einpackt, ist das sein Problem. Dann soll er aber bitte die Mehrkosten für die möblierte Wohnung zahlen, nicht die Republik noch ein zweites Mal zur Kasse bitten. Unter den Zuhörern ernte ich Zustimmung, nicht bei dem zuständigen Beamten in Wien: nein, befindet er, nach dem entsprechenden Durchführungserlass hat Anspruch auf eine möblierte Wohnung, wer an Ort und Stelle keine Möbel hat: die Frage, was zu geschehen habe, wenn einer keine Möbel mitgebracht hat, statt dessen in den Möbel-Containern zwei Autos, sei im Erlass nicht geregelt. Daher könne eine möblierte Wohnung auf Kosten der Republik gemietet werden.

 Kopfschütteln allenthalben ob solcher Weisheit. Wien hat gesprochen. Nicht zu ändern.

 Darob ist es 10 Uhr geworden und wir sind noch immer in der Mission. Macht nichts, befindet L., wir kommen sicher noch rechtzeitig. So ist es, wir kommen zwar zu spät, aber es macht nichts, denn weder sind alle Delegierten da noch das Präsidium, welches eine wichtige Koordinierungssitzung absolviert. Um 10,30 Uhr ist es so weit: Hammerschlag, relative Ruhe im Saal, die Arbeitsgruppen berichten über die Ergebnisse ihrer Arbeit. Die anderen beiden Arbeitsgruppen berichten durch ihre Obmänner stolz, sie hätten bereits einige Papiere fertig. Kenia spricht hingegen von den tiefschürfenden Untersuchungen der rechtlichen Problematik und von der intensiven gedanklichen Durchdringung des uns obliegenden Fragenkomplexes und erntet die milde Bitte, demnächst ein Papier vorzulegen. Im übrigen vertagt sich die Vollversammlung bis 15 Uhr.

 Wir tun das gleiche und beschließen, um 14 Uhr wieder zusammenzutreten.

 Ich esse in der Kantine. Da ich den Hausbrauch jetzt endlich begriffen habe, finde ich auch etwas, was mir schmeckt: auf einen Plastikteller häufe ich mir einen gemischten Salat und nehme zwei Stück Vollkornbrot und einen großen Becher Ice-Tea, kalorienfrei. Preis: $ 5.

 Beim Essen setzt sich Bolivien weiß (nicht der Admiral) an meinem Tisch, spricht mich auf Deutsch an und fragt mich über Wien aus. Als ich ihm erzähle, wo ich in Wien wohne und dass ich das Gymnasium in der Vereinsgasse absolviert habe, fängt er an, mir von seiner Kindheit in der Krummbaumgasse im Werdt nahebei zu erzählen. Damals hätte es koschere Fleischhauer auf dem Markt unter den Fenstern der elterlichen Wohnung gegeben und jeden Sabbat seien sie quer durch den Bezirk in die Synagoge in der Tempelgasse gegangen. Auf dem Weg in die Synagoge sei ihm auch das Mädchen gezeigt worden, von dem sein Vater gesagt habe, dieses Mädchen sollte er heiraten. Es sei aus einer anständigen, gläubigen Familie. Aber daraus sei nichts geworden. Die anständige gläubige Familie habe nicht glauben können, dass Hitler in Österreich einmarschieren werde; sein Vater hingegen schon und im Februar 1938 sei er mit seiner Frau und ihm, dem 5 Jahre alten Jungen nach Bolivien ausgewandert, eines der wenigen Länder, das damals Juden aus Europa aufgenommen habe. Sein Vater sei in Bolivien zu Wohlstand gekommen, aber dass er nicht mehr in Wien leben konnte, habe ihm das Herz gebrochen. Immer habe er davon geredet, dass sie wieder nach Wien zurückkehren würden und habe stundenlang eine Fotografie des ehemaligen Wohnhauses betrachtet und gelegentlich habe er geweint. Weil sie ja immer zurückkehren wollten, hätten sie zu Hause in Bolivien immer nur Deutsch geredet und immer habe sein Vater von "unserer Sprache" und von der Sprache "von denen da" geredet, dem Spanisch der Bolivianer.

 Ob sein Vater jemals nach Wien zurückgekehrt sei, frage ich. Er wäre gerne gefahren, sagt mein Bolivianer, aber er hat immer gesagt: "Wen soll ich denn besuchen, es ist ja niemand mehr da, den ich kenne? Soll ich mir die Häuser anschauen, in denen die Leute lebten, die meine Freunde waren? Mit wem soll ich denn über die tausend Geschichten reden, an die ich mich erinnere? Mit Fremden? Mit Menschen, die vielleicht denken, was will er, er ist davongekommen und hat überlebt. Und reich ist er auch geworden! Was jammert er?"

 Ob er selbst je in Wien gewesen sei, frage ich.

 "Ach wissen Sie" meint er, "ich bin ja ein ganz kleines Kind gewesen, als wir weggegangen sind. Ich wundere mich manchmal, an wie viele Dinge ich mich noch erinnere. Aber gewiss hat die Zeit mir unbewusst diese Erinnerungen verändert, ja verklärt. Was soll ich Ihnen sagen?  Dass meine Tante, geblieben in Treblinka, so viel ich weiß, mich bei jedem Besuch auf ihrem Schoß sitzen ließ und mich mit süßem Backwerk fütterte, ich sehe sie so genau vor mir, als wäre es gestern gewesen, ja, ich erinnere mich an den Geruch ihres Haars. Das alles ist jetzt sechzig Jahre her. Was nützt es mir, nach Wien zu fahren? Meine Tante werde ich nicht treffen dort."

 Ich habe keinen Juden umgebracht. Wieso kommt es dann, dass ich mich schuldig fühle, als wir uns trennen? Und wieso kommt es, dass dieser Bolivianer, nach allem, was er erlebt hat, noch immer Sehnsucht nach Wien, nach der - fiktiven - Gelben Strasse im gleichnamigen Buch Veza Canettis, empfindet, auch wenn er es nicht ausdrücklich sagt?

 Es ist inzwischen 14.oo Uhr geworden. Unsere Arbeitsgruppe tritt zusammen. Wir erörtern neuerlich das Arbeitspapier, von dem ich gestern glaubte, es sei fertig. Nach längerem einigen wir uns, nichts zu ändern, obgleich, wie wir einander höflich zugestehen, durchaus das eine oder andere noch geändert werden könnte. Aber es drängt die Zeit. Wir haben noch 2 Arbeitspapiere. Daher stürzen wir uns auf die im Vorschlag der UNO enthaltene Schiedsgerichtsklausel. Kanada ist mit den drei Instanzen dieses Schiedsgerichts nicht einverstanden. Kanada steht in dieser Frage allein. Warum diese Frage so wichtig ist für die Kanadier, wissen wir nicht und Kanada sagt es nicht. Gleichsam als Strafe bekommt Kanada die Hausaufgabe, bis morgen einen Entwurf eines Arbeitspapiers zu entwerfen. Die kanadische Delegierte ist nicht glücklich, sie will keine Hausaufgabe, einerseits, das ist ihr klar anzumerken, andererseits sieht sie den taktischen Vorteil, den sie damit eingeräumt erhält: sie kann in ihren Entwurf hineinschreiben, was sie will und wir werden ihr dies und jenes herausstreichen, aber es wird ihr Entwurf bleiben. Also stimmt sie schließlich zu.

 Und rechtzeitig hat sie zugestimmt, denn während wir noch diskutierten, hat sich der Saal gefüllt, die Vollversammlung soll beginnen, das Präsidium ist ober uns bereits versammelt. Hammerschlag, relative Stille, der Tunesier, Algerier oder Marokkaner, jedenfalls aber Araber, aus dem Sekretariat der UNO erhält das Wort erteilt und hält - dieselbe Rede wie gestern. Mag sein, sie ist nicht zu 100% wortgleich, sicher aber zu 95%. Das muss irgend ein Ritual sein, denke ich und lasse sie über mich ergehen. Nicht nur ich reagiere so, alle anderen auch. Danach herrscht Stille, niemand will zu diesen lichtvollen Ausführungen etwas sagen. Herr Vorsitzender ergreift - nach Hammerschlag - die Initiative und fordert die Leiter der Arbeitsgruppen auf, ihre Berichte vorzutragen. Jede der beiden anderen Arbeitsgruppen hat zu Einzelfragen bereits Berichte fertig, sie sind an uns verteilt worden, sie werden einer nach dem anderen verlesen, kritisiert, die Kritiken werden akzeptiert oder verworfen. Je nachdem müssen die Berichte bis morgen umgearbeitet werden. Kenia ist an der Reihe und hat keinen Bericht fertig, was ja auch kein Wunder ist, weil wir ja die seit gestern fertige Resolution erst vor kurzem nochmals diskutierten und sie daher in keiner kopierten Fassung verteilen konnten. Kenia wird vom Herrn Vorsitzenden milde ermahnt, verteidigt sich mit Komplexität, Diffizilität etc. der Probleme. Das alles haben wir gestern mit ähnlichen Worten auch schon gehört. Herr Vorsitzender lässt Ungeduld anklingen, Kenia ist betreten und verspricht Besserung.

 Deswegen werden wir aber auch keine Nachtsitzung machen, hoffe ich, denn ich habe Besseres vor, und werde nicht enttäuscht. Um 16,30 Uhr ist Schluss und Kenia meint zu uns hoffnungsfroh, dass uns morgen schon noch genügend Zeit bleiben wird, an einem Tag das zu vollenden, was wir drei Tage lang gerade einmal anfangen konnten.

Ich esse noch schnell ein Abendessen in der Cafeteria in der UNO - die Überbleibsel vom Mittagessen, sichtbar, dafür verbilligt, samt 2 Broten um $ 4,50, eile dann heim, mache mich schön, soweit das bei mir möglich ist - denn ich gehe ins Theater und nicht nur in irgendeines, nein, in eines der neuesten und größten Theater am Broadway. Wovon ich rede? Dem Marquis Theatre am Broadway mit einem Fassungsvermögen von über 1500 Zuschauern, fast täglich ausverkauft, seit sie dort Paul Simons "The Capeman" spielen. Dieses Musical möchte ich mir ansehen, habe schon von Wien aus eine Karte mittlerer Preisklasse im Parterre bestellt.

 Leicht findet man das Theater nur, wenn man weiß, wo man suchen muss, denn das Theater ist im gleichnamigen Marriott-Hotel untergebracht. Die Kassen sind im Erdgeschoss, dann muss man in die Hotelhalle gehen und in den dritten Stock hinauf fahren, damit man zum eigentlichen Theatereingang kommt. Die Karte habe ich in der Mission erhalten, ich bin zeitlich dran und nutze die Gelegenheit, in die Bar im 47. Stockwerk hinaufzufahren und mir dort ein Diet Coke um einen atemberaubenden Preis zu kaufen. Damit verbunden ist allerdings auch ein ebenso atemberaubender Ausblick auf New York - nicht gerade zu meinen Füßen, denn 47 Stockwerke sind für diesen Teil Manhattans nicht sehr viel, aber sozusagen Auge in Auge mit hell erleuchteten Wolkenkratzern zu stehen, ist schon ein schönes Gefühl.

 Um 20 Uhr pünktlich beginnt die Aufführung; ich sitze inmitten einer recht unterschiedlich gekleideten Schar von Leuten; kein Vergleich mit den Besuchern des Cafe Carlyle. Gerade, dass sie nicht Popcorn mampfen, ehe die Vorstellung anfängt.

 Das Stück basiert auf der wahren Geschichte von Salvadore Agnon, einem Puertoricaner, der im reifen Alte von 16 Jahren als Mitglied einer Jugendbande zwei Kinder auf einem Spielplatz grundlos umbringt - als Mutprobe sozusagen.. Derartige Morde waren Ende der 50er-Jahre nichts Besonderes, aber der Mord in einem Milieu, in dem auch die gleichzeitig auf dem Broadway laufende Westside-Story spielte, erregte die Aufmerksamkeit der Presse. Agnon wurde der Kapuzenmann getauft, weil er bei seinen Morden eine schwarze Kapuze mit roter Verbrämung getragen hat. Im Gerichtsverfahren war er großmäulig: "Mir macht es nichts aus, wenn sie mich (auf dem elektrischen Stuhl) schmoren; von mir aus kann meine Mutter ruhig zuschauen." Er wurde prompt zum Tode verurteilt, seine Mutter kam aber nicht in den ihr vom teuren Sohn zugedachten Genuss, denn Agnon wurde gerade rechtzeitig vom Gouverneur von New York zu lebenslanger Haft begnadigt. Die saß er aber auch nicht ab, sondern wurde 1979 wegen guter Führung vorzeitig entlassen. Sieben Jahre später ist er dann an Lungenentzündung gestorben.

 Diesen Stoff hat Paul Simon (der von der Gruppe Simon & Garfunkel) entdeckt und in ein Musical verarbeitet. Simon ist ein guter Komponist, von dem einige Melodien sicher lange Zeit in der Erinnerung einer ganzen Generation haften bleiben werden. Eines hat er aber leider übersehen: jedes Musical lebt von Handlung und von nichts anderem. An der Handlung aber hapert sein Stück. Was soll es auch an Handlung geben, wenn einer versucht, innerhalb von 2 Stunden ein missratenes Leben von der Geburt bis zum Tod zu schildern? Lehrhaft zieht sich die Handlung, träge wie ein Strudelteig, aber was bei einem Strudelteig ein Kompliment ist, bei einem Musical ist Trägheit keines. Wieso das dem guten Simon keiner rechtzeitig beigebracht hat, ist für die Kritiker ein Rätsel. Dabei gäbe es sogar in New Yorks Theaterverzeichnis ein leuchtendes Beispiel; denn was heute die Musicals sind, waren Ende des 19. Jahrhunderts die italienischen Opern. Man nehme nur die unsägliche Madame Butterfly, deren wahrhaft unübertrefflich schnulziger Text von einem Herrn David Belasco stammt, dem sie in New York einen Straßennamen gewidmet haben. Aber Simon ist rasenden Fußes in die Sackgasse gelaufen. Wären nicht einige schöne, romantische Gesangnummern zu hören, dass Stück wäre noch mehr zum Gähnen, als es ohnehin schon ist. Bis knapp vor der Erstaufführung ist am Text herumgeschrieben worden, als sich bei den Voraufführungen seit Mitte Dezember die Schwächen unüberhörbar und unübersehbar zeigten; wenn das die verbesserte Version ist, muss die Originalfassung, die Simon vorlag, wahrhaft scheußlich gewesen sein.

 Um 65 Dollar leichter (ermäßigter Sondertarif) und einige Erfahrungen reicher, gehe ich quer durch die Stadt zum Hotel zurück, beinahe hätte ich geschrieben: nach Hause. Der Laden an der Kreuzung hat noch immer geöffnet und ich kaufe als einziger Kunde weit und breit einige Dosen Cola. Ob es sich wirklich auszahlt, so lange offen zu halten?

Donnerstag

 Frühstück ist jetzt schon Routine; nicht nur essen wir drei jeden Morgen das Gleiche, denn es gibt ja keine Auswahl, auch die übrigen Gäste bleiben weitgehend gleich: uns gegenüber sitzt eine Reihe von wie Sekretärinnen wirkende Frauen, die gegen 1/2 9 Uhr gleichsam flügelschlagend und zwitschernd gemeinsam das Hotel verlassen und die wir jetzt seit Montag morgen sehen, ohne aber mit ihnen zu reden. Einige sind nicht unhübsch, aber alle machen sie einen so geschäftigen, profimäßigen Eindruck mit ihren Schreibblöcken, auf die sie zwischen einzelnen Schlucken aus der Kaffeetasse irgend etwas wichtiges schreiben, dass es ganz undenkbar erscheint, sie auch nur freundlich zu grüßen.

 Diesmal gehen wir direkt zur UNO, gleich ins Kellergeschoss, holen uns die ausgearbeiteten Resolutionen der diversen Arbeitsgruppen und studieren sie pflichtgemäß und ordentlich. Wir fangen diesmal schon um 9,15 Uhr an, es sind zwar noch nicht alle Delegierten da, die kommen dann erst, gar nicht schuldbewusst, als Herr Vorsitzender bereits von oben herab zwischen Hammerschlägen das Tagesprogramm festlegt: Ausarbeitung der restlichen Positionspapiere, Erörterung ab 15.00 Uhr pünktlich. Die mit Rechtsfragen befasste Arbeitsgruppe wird ermahnt, nur ja ihre Resolutionen fertig zu machen, denen mit großem Interesse entgegengesehen werde. Von wem?

 Aus diesem Grunde sitzen wir schon um 11.00 Uhr wieder beisammen. Kanada hat die Hausaufgabe gemacht, wir diskutieren wieder über die Formulierung einzelner Sätze, aber am Kern des Papiers wird nichts geändert. Kanada hat seine Vorstellungen durchgebracht. Um 12.00 Uhr beginnen wir mit der noch nicht behandelten Hauptfrage. Dabei geht es im wesentlichen darum, ob es auf den Namen einer Vereinbarung ankommt oder auf ihren Inhalt. Ach, darüber lässt sich herrlich diskutieren, denn streiten dürfen wir ja schließlich nicht. Kaum sagt einer A, sind sich alle einig, dass es A nicht heißen dürfe, aber wie es heißen müsse, darüber wird keine Einigung erzielt. Oder doch, dass es ein Buchstabe zwischen B und Z sein müsse, sozusagen, und keine Zahl. Schließlich einigen wir uns auf den kleinsten gemeinsamen Nenner und verlangen, dass jeder Staat einzeln mit der UNO festlegen kann, wie er das mit ihr abzuschließende Dokument benennen will, dass aber der Inhalt aller derartiger Dokumente gleich sein muss. Der vorsitzende Kenyaner will daraufhin schon wieder bis morgen Freitag vertagen, wird aber sanft daran erinnert, dass Herr Vorsitzender ja am Nachmittag unsere Resolution haben möchte. Also einigen wir uns, dass wir ab 14.00 Uhr den Resolutionstext festlegen werden und enteilen zum hastigen Mittagessen.

 Davon gestresst und ermattet, setzen wir uns um 14.00 Uhr wieder zusammen und diskutieren bis gegen 15.00 Uhr den Text, der nicht einmal eine Seite DIN A4 umfasst. Dann haben wir auch dieses Werk geschafft und der Kenianer vereinbart mit Herrn Vorsitzenden, dass wir, obgleich Arbeitsgruppe A, erst nach Gruppe B und C drankommen. Auf die Art kann man im Sekretariat unseren Text noch reinschreiben, kopieren und verteilen. O. k.

 Nach den nun schon gewohnten Hammerschlägen beginnt die Vollversammlung   tatsächlich pünktlich. Dabei zeigt sich, dass eine Arbeitsgruppe ihre Arbeit soweit abgeschlossen hat, die andere aber an der Frage, was ein Flugzeug im Sinne des Vertragsentwurfes der UNO ist, kläglich scheiterte. Zwar weiß ein jeder, was ein Flugzeug ist, aber es geht darum, ob die UNO eine Miete für das sozusagen nackte Flugzeug bezahlt und für die Funkausstattung, für das Radargerät, für die Druckkabine, die Bewaffnung etc. extra, oder ob das alles im Begriff Flugzeug enthalten sein soll. Das will die UNO, einzelne Staaten wollen genau das Gegenteil, weil sie dann eine höhere Miete erhalten. Eine Einigung ist nicht möglich, es wird beschlossen, eine Kommission einzurichten, die eine einvernehmliche Regelung ausarbeiten soll.

 Wegen Verfahrensfragen wird die Sitzung um 16.00 Uhr unterbrochen und unsere Arbeitsgruppe tritt zusammen, weil Peru ein Haar in der Suppe gefunden hat, das heißt, unseren Resolutionsentwurf nicht mag. Also ändern wir den Resolutionsentwurf, der so bereits verteilt wurde an die anderen Länder, handschriftlich und der Kenianer übernimmt es, dies entsprechend beim Verlesen des Resolutionsentwurfes anzukündigen. Leider sind die Änderungen des Textes ziemlich umfangreich; von den 17 Sätzen auf dem einen Blatt Papier ändern sich 9.

 Als wir drankommen, verliest unser Kenianer den Text mit allen Änderungen. Ich habe Zweifel, ob die Vertreter der nicht in unserer Arbeitsgruppe vertretenen Länder die Bedeutung der ihnen vorgelesenen Änderungen vollinhaltlich verstehen, aber sie sind von unserer Arbeit so beeindruckt, dass sich gegen unseren Vorschlag keine Hand erhebt. Einstimmig angenommen. Gleiches geschieht mit den beiden anderen Resolutionsentwürfen. Wir haben unsere Arbeit beendet. Es ist halb Sieben.

 Wir essen bei Brooks an der Ecke 40. Straße/Lexington Avenue (neben dem Hotel Bedford) jeder einen Tripledecker, eine Art Big Mac, aber kindskopfgroß und dann schlägt L. vor, gleichsam zum Abschluss noch eine ihm bekannte, gemütliche Bar in der Nähe zu besuchen. St.. und ich sind einverstanden, schließlich fliegen wir morgen abends wieder heim.

 Es ist wirklich nicht sehr weit und wir betreten hinter ihm die Bar mit dem netten Namen "Lips" und einem entsprechenden Neonschild. Ich gratuliere L., er habe einen guten Geschmack, in diesem Lokal seien wirklich hübsche Mädchen gleichsam in Scharen versammelt. Von Scharen ist zwar keine Rede, aber alle Kellnerinnen in ihren kurzen roten Kleidern gefallen mir ausnehmend gut, außerdem wirken sie freundlich. Vor allem eine, in rotem, hochgeschlossenen Kleid und dunklem, langem Haar gefällt mir, sie ist genau jener keltische Typ, den man manchmal, wenn man Glück hat, sonst nur in Irland findet und dem man am Besten als "nussbraunes Mädel" beschreibt. Aber vielleicht bin ich von ihr nur deshalb beeindruckt, weil ihr auffällt, dass ich sie anstarre und sie - freundlich zurücklächelt. Nicht einladend, nein, aber freundlich. Ich bin wirklich beeindruckt.

 Schade nur, dass die anwesenden Herren sich nicht gerade gentlemanlike benehmen. Ganz im Gegenteil, der Ton ist geradezu rüde und recht anzüglich. Es muss nicht leicht sein, sich als Kellnerin jeden Abend mehr oder minder unauffällig ins Hinterteil zwicken zu lassen und dass einem einer eine Münze ins - zugegeben üppige - Dekolleté wirft, ist ja wohl für den Werfer lustig, aber doch nicht für die Kellnerin, die das mit Gelassenheit hinnehmen muss. Ich fühle mich durchaus wohl, obgleich die Bar in typisch amerikanischem, das heißt, schlechtem Geschmack eingerichtet ist, zu viel Plüsch und Rüschen. Auch St. gefällt es hier und offenkundig amüsiert sich auch L. ganz prächtig, wenn ich auch nicht recht weiß, warum.

 Aber leider, der Tag war lang und morgen haben wir noch einen viel längeren Tag vor uns, wir müssen gehen. Beim Hinausgehen werfe ich noch einen Blick zurück - die eine Kellnerin, das nussfarbene Mädel, blickt mir nach, ja, ich fasse es kaum, wirft mir ironisch eine Kusshand zu. Bin ich vom Frosch zum Prinzen geworden?

 Gut gelaunt machen wir uns auf den Heimweg. Ganz beeindruckt erzähle ich von der Kusshand der Kellnerin in der Bar. L. beginnt so laut zu lachen, dass sich zwei Neger nach uns umdrehen. Ob ich denn nicht gemerkt hätte, meint er dann, dass alle Kellnerinnen, alle, ohne einzige Ausnahme, Männer in Frauenkleidung gewesen seien?

 Nein, sage ich ernsthaft und dann lachen wir gemeinsam über die Männer, die auf jeden, aber auch auf wirklich jeden Trick der Frauen hereinfallen.

 Trotz der Enttäuschung schlafe ich wie ein Murmeltier.

Freitag

 Letzter Besuch in der Mission. Man versichert uns, wie unglücklich man sei, dass man sich mit uns nicht irgendwo einmal gemütlich zusammensetzen konnte, aber die viele Arbeit ....... Aber mit Sicherheit beim nächsten Mal. Wir glauben das Unglück, das sie empfinden, versichern auch ihnen unser Bedauern und verabschieden uns sodann.

 Im Verhandlungssaal liegen endlich auch unsere Resolutionen in der Endfassung. Unsere Arbeitsgruppe tritt ein letztes Mal zusammen, versichert sich ihrer gegenseitigen Wertschätzung, hofft auf ein baldiges Wiedersehen und weitere gute Zusammenarbeit, ehe wir wieder zu unseren Stammplätzen zurückkehren.

 Herr Vorsitzender hämmert auf sein Pult, relative Ruhe kehrt ein, der Herr aus Algerien etc. ergreift wieder einmal das Wort und hält eine weitere Rede, diesmal aber eine andere. So ganz anders ist sie auch wieder nicht, er muss seine Reden aus ca. 30 Textbausteinen zusammenstellen, die er nach dem Zufallsprinzip aneinander reiht, aber immerhin .... Danach wird dann begonnen, den über Nacht von den beiden Vorsitzenden unter Mitarbeit eines Berichterstatters erarbeiteten Endbericht absatzweise zu verlesen. Wir lesen im Endbericht mit und jedesmal, wenn irgendwem irgend etwas auffällt, z. B. ein S zu viel oder eines zu wenig, meldet sich das entsprechende Land zu Wort, sagt: "Mr. Chairman, may I propose to delete the letter S in the second word in the last but one line", oder so ähnlich, wie es eben passt. Dieses Spiel spielen wir zwei Stunden lang, wobei besonders die beiden Vertreter Zimbabwes sich als aufmerksame Leser erweisen, bis es Herrn Vorsitzendem zu dumm wird und er meint, dass ohnehin noch eine Rechtschreibprüfung durchgeführt würde. Danach geht es ein wenig schneller, aber um 13 Uhr sind wir erst bei der Hälfte des Endberichtes. Die für die Mikrofone zuständige Negerin erklärt, sie gehe jetzt essen und schaltet die Mikrofone ab. Herr Vorsitzender unterbricht die Sitzung bis 15 Uhr.

 Für 15 Uhr haben wir bereits das Taxi zum Flughafen bestellt, denn die Fahrt dauert an einem Freitagnachmittag lange und nach 18 Uhr startet das Flugzeug der AUA. Bei der letzten Tagung werden wir daher nicht mehr dabei sein.

 In der Kantine essen wir noch zu Mittag, trinken im Wiener Kaffeehaus noch einen letzten Espresso und gehen ins Hotel zurück, in dem sich eben ein wahrer Haufen zahnlückiger Stewardessen der tadschikischen oder georgischen Fluglinie einquartiert. Wir haben am Morgen eine Limousine bestellt, die so viel kostet, wie ein normales Taxi und sich als eines jener langmächtigen Autos entpuppt, mit denen in den amerikanischen Krimis die Gangsterbosse umherfahren.

 Da wir nur einen Pauschalpreis von 40 $ bezahlen, fahren wir nicht durch den mautpflichtigen Tunnel unter dem East River, sondern auf einer Brücke über denselben und dann durch die Bronx, die so ausschaut, wie ich mir immer eine typische amerikanische Stadt vorgestellt habe: niedrige, schäbige Häuser, grelle Leuchtreklamen am lichten Tag und Passanten, denen ich lieber nicht begegnen möchte. Ich tue es auch nicht, denn ich bleibe in unserem groß geratenem Taxi sitzen.

 Am Flughafen geht es so schnell und einfach wie bei der Ankunft. Wir folgen klaren Symbolen, gelangen zum Abfertigungsschalter der Delta Airlines, zeigen unsere Tickets, gleichzeitig entfernt der Angestellte der Fluglinie auch die grünen Einreisebestätigungen aus dem Pässen, in denen sie eingeheftet waren, schon sind wir unser Gepäck los und gehen einfach weiter in die sogenannte Duty-free-Zone, wo sich auch die Abflug-Lounges befinden. Bisher hat keiner unser Handgepäck kontrolliert, hierher kann ein jeder. Auch in den Geschäften kann sozusagen jedermann und jedefrau einkaufen; lediglich Zigaretten und Alkoholika bekommt man erst unmittelbar vor dem Einsteigen ins Flugzeug ausgefolgt. Ich kaufe mir Zeitschriften als Reiselektüre; da ich noch Geld habe, kaufe ich mir eine weitere Krawatte. Rasierwasser kaufe ich mir nicht, denn ich sehe zwar eine Parfümerie, die führt aber anscheinend keine Herrensachen. Jedenfalls entdecke ich keine mir vertraute Marke.

 Danach sitzen wir in der ersten Reihe beim Schalter und schauen auf das Flugfeld hinaus, auf dem in Abständen von einer Minute Flugzeuge landen und starten. Auf den Seitenrudern sehe ich die Embleme von Fluggesellschaften, von denen ich noch nichts gehört habe. Die Flugzeuge europäischer Gesellschaften sehe ich auch: das Blau der KLM, das Blau und Rot der British Airways, das vertraute Grün auf einem Jumbo-Jet der Aer Lingus. Sehnsucht wird wach und ich heiße mich dumm: da bin ich jetzt an einem Ort, den zu erreichen ich nie glaubte, 7.000 Kilometer von daheim entfernt und träume schon vom nächsten Urlaub. In einer Stunde habe ich mehr Flugzeuge starten und landen gesehen, als ich in Wien an einem Wochenende sehen könnte und alle drei fangen wir an, die Mitreisenden zu mustern, die sich allmählich rings um uns niedersetzen und mit uns warten. Österreicher natürlich, erkenntlich an den Bierbäuchen der Herren und den großen Hinterteilen ihrer dazugehörigen Damen, Amerikaner, vor allem solche mittleren Alters, in abenteuerlicher Schiausrüstung, als wollten sie schon im Airbus der AUA Slalom fahren; die üblichen vertrockneten Senioren, wie sie nur Amerika erzeugt - und die entsetzlich fetten Kinder mit vor Anstrengung roten Gesichtern, die auch nur dieses Land erzeugt.

 Unser Airbus ist pünktlich angekommen, wir haben ihn landen gesehen und pünktlich können wir einsteigen. Wie immer gibt es das übliche Gedränge, weil trotz diesbezüglicher Aufforderung manche Herrschaften partout mehr als ein Stück Handgepäck in die Kabine nehmen wollen - und nicht dürfen - und wie immer die, die ganz vorne sitzen, zuerst einsteigen wollen, damit sie den weiter hinten Sitzenden den Zugang zu deren Plätzen blockieren wollen. Auch diese Hürde geschafft, lassen wir drei uns in der vorletzten Reihe nieder und harren der Dinge. Die kommen auch wie vorausgesehen: die Maschine ist vollbesetzt, die Gepäckfächer quellen über und wir quetschen uns in die schmalen Sitze. Aber prompt bekommen wir eine Decke für die Nacht und einen Kopfhörer, falls wir den zu erwartenden alten Film nicht nur sehen, sondern den dazugehörigen Ton auch hören oder uns mit fader Musik berieseln lassen wollen. Der Start verzögert sich, weil wir noch auf einen Passagier der ersten Klasse warten. Ob er gekommen ist, erfahren wir nicht, dafür fletschen wir die Zähne und wünschen ihm das Allerbeste.

 Wir starten ziemlich genau um 19 Uhr, New Yorker Zeit. Die übliche Routine beginnt. Als Einleitung bekommen wir ein Getränk; als die Stewardess nach hinten zu uns kommt, ist kein Diet Cola mehr da, ich bekomme statt dessen norwegisches Quellwasser ohne Kohlensäure. Als Entschädigung dürfen wir dann lange aufs Essen warten. Es gibt Venusmuscheln mit irgend etwas. Mehr ist nicht da. Ich murre, erkläre, ich esse keine Muscheln. Die Stewardess verschwindet in der Bordküche, kommt schließlich mit den angewärmten Überresten des Mittagsmenus: Schaf mit Reis. Na prächtig. Aber wenigstens schmeckt das Schaf nicht nach Schaf: es ist ein vollkommen geschmackloser, weich gekochter Fleischbrocken auf trockenem Reis. Der Unterschied zum geschnetzelten Rindfleisch beim Herflug: es ist so groß wie eine Babyhand. Wenigstens werde ich satt, wenngleich meine Stimmung nicht gerade steigt. Ach ja, die Vorspeise: Die Lachsvorräte der AUA sind in dieser einen Woche nicht aufgebraucht worden: die gleiche Vorspeise aus ungesalzener Gemüsemayonnaise und einem Stückchen Räucherlachs (fett und ölig). Wie habe ich auf dem Herflug im Propagandamagazin der AUA gelesen: Die AUA sei wegen ihres guten Essens bei Geschäftsreisenden besonders beliebt. Na prost, Mahlzeit.

 Damit wir abgelenkt werden, sendet die AUA Propagandafilmchen der Fremdenverkehrswerbung, die einem die Lust auf Österreich nehmen, so man Ausländer ist. Als Österreicher schaut man nicht auf den Bildschirm, bloß ist die Begleitmusik aus den Lautsprechern unangenehm laut und daher unüberhörbar. Als der Film beginnt, versuche ich zu schlafen und ich denke, einige Male werde ich eingenickt sein, aber von Schlaf kann wahrlich keine Rede sein. Zu eng stehen die Sitzreihen hintereinander, zu schmal sind die Sitze, auch für mich mit Normalgewicht, zu wenig verstellbar infolgedessen und vor allem - zu durchgesessen.

Samstag

Vor sechs Uhr morgens schieben die ersten Passagiere die Fensterabdeckungen in die Höhe und ich sehe die Morgenröte eines neuen Tages. Schönes Wetter auch heute denke ich, ehe ich mir klar darüber werde, dass über den Wolken das Wetter immer schön ist. Um sieben gibt es dann ein Frühstück im Gegenwert von maximal S 3.- (Schilling, nicht US Dollar!), unter Brüdern. Das war es dann, die Gastfreundschaft der AUA.

 Immerhin, wir stürzen nicht ab, wir kommen nach knapp 9 Stunden in Schwechat an. Sogar unser Gepäck ist nicht verloren gegangen. 30 Minuten nach der Landung verabschieden wir uns in der Ankunftshalle des Flughafens Schwechat. Vor fast genau einer Woche haben wir uns getroffen.

 Nicht einmal mein Auto ist gestohlen oder beschädigt, ja, ich bekomme einwandfrei einen Parkplatz in der Nähe meiner Wohnung. Alles gut gegangen, nichts geschehen, wie wir Wiener sagen.

© Peter Lausch/1999
Zuletzt bearbeitet: 15. Oktober 205

 

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