New York Skyline

PETER LAUSCH

Reise nach New York 1999
          
Bericht eines Unbedarften

 

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Bericht 2. Teil


Samstag:

Um 9.12 Uhr starte ich bei der Reichsbrücke in Wien das Auto. Auf der Südost-Tangente gibt es keinen Stau, auf die Ost-Autobahn abgebogen, ist der Verkehr stark, aber fließend. Um 9.45 Uhr bin ich auf dem Parkplatz des Flughafens Schwechat, marschiere den weiten Weg mit meinem Trolley ins Flughafengebäude zum vereinbarten Treffpunkt. Natürlich bin ich, wie immer bei solchen Gelegenheiten, zu früh dran, habe Zeit, mir die Anzeigetafel anzusehen - aber dort sehe ich keinen Flug mit der AUA nach New York um 11.15 Uhr, wie es ihn geben sollte. Bloß einen Flug um 13.05 Uhr gibt es. Mir schwant Böses. Haben mir die Mitreisenden nicht mitgeteilt, dass wir später fliegen werden?

Um 10.00 Uhr erscheinen St. und L., wie ich sie nennen werde, pünktlich. St. entschuldigt sich sogleich: infolge eines Versehens habe er die für uns gemeinsam besorgten Tickets erst gestern am Abend angesehen und erst da habe er bemerkt, dass wir für einen späteren Flug als gedacht, gebucht worden sind. Da sie mich nicht mehr erreicht hätten im Büro, seien sie beide, so wie vereinbart, nach Schwechat gekommen und wir müssten eben gemeinsam warten. 

Wir checken ein. Im Büro hat man vorgesorgt, dass wir nebeneinander sitzen. Wie das Leben spielt, bekomme ich einen Sitz auf der Mittelbank - ohne Aussicht. Schade. Was soll's, es ist nicht zu ändern. Wir gehen durch die Zollkontrolle, kaufen um teures Geld je einen miesen Espresso und üben uns in small talk, damit die Zeit vergeht. Sie vergeht dennoch langsam. St. gibt ungefragt einen Abriss seines bisherigen Lebens (31 lange Jahre). Ausgiebig erörtern wir die Aussichten der österreichischen Sportler bei den Olympischen Spielen in Nagano. St. kennt sich aus, er weiß die Namen der Teilnehmer in den einzelnen Sportarten, weiß darüber hinaus um ihre Stärken und Schwächen Bescheid.  Außerdem ist St. seit einem Monat  Referent für die Beschaffung dessen, um das es bei unserer Reise geht. Hört man ihm zu, hängt an dieser Aufgabe sein derzeitiges Leben und zusätzlich das Geschick der ganzen Organisation, der wir angehören. Er nimmt seine Aufgabe wirklich ernst und ist sich seiner Bedeutung wahrhaft bewusst, denke ich und fühle beinahe Gewissensbisse ob meiner sarkastischen Einstellung zu meiner Arbeit. Lang schon ist es her, dass ich mich für ebenso unentbehrlich hielt wie St. und so von Stolz erfüllt war, weil ich einen Ausbildungskurs absolviert habe, der gewiss nicht einfach zu bestehen ist. Wahrscheinlich liegt es an meinem Alter. Ich beneide St. dennoch nicht.

Besuche in den duty free-Läden nützen nichts; erstens gibt es nicht viele, zweitens sind außer Zigaretten und Schnaps alle Waren in den Geschäften auf dem Flughafen teurer als Wien und ich rauche weder, noch trinke ich. Parfum will ich auch nicht. Daher treffen wir uns allzu bald wieder vor dem Gate und schauen uns die Leute an, die da mit uns fliegen wollen. Dem Aussehen und der Sprache nach fast ausschließlich Österreicher, dann noch drei Russen, die hinter mir im Flugzeug sitzen werden, ein orthodoxer Jude und etliche andere, die ich nicht einordnen kann.

Um 12.45 lässt man uns ins Flugzeug. Ich habe meine Mittelbank ganz für mich allein. Das Flugzeug füllt sich nur langsam. In unserer Reihe mit 8 Sitzen sind vier besetzt, alles in allem beträgt die Auslastung vielleicht 60%.

Um 13.20 starten wir in den wolkenlosen Himmel hinein, steigen allmählich bis auf 10 300 Meter. Ich richte mich auf meinen vier Sitzen möglichst bequem ein. Den Sitzabstand kann ich nicht vergrößern, ich kann nur eine Armlehne hinaufklappen und mich bequemer in die Mitte setzen. Die Russen hinter mir begehren erstmals nach Whisky mit Cola, statt dessen gibt es ein angewärmtes Handtuch und ein Plastiksackerl mit grünem Waschlappen und Mini-Zahnbürste samt winzig kleiner Colgate-Zahnpaste, die dennoch für die ganze Woche reichen wird. Schließlich bringt die Stewardess die ersehnten Getränke; ich bekomme mein erstes Cola light.

Laut Reklamezeitung der AUA hat sie das beste Essen an Bord, hat eine Befragung von Vielfliegern ergeben. Lassen wir uns überraschen.

Wer in einem Flugzeug hinten sitzt, muss bei der AUA lange warten, bis er zu essen bekommt. Dafür isst du dann auch noch, wenn die anderen vorne schon wieder hungrig sind, tröste ich mich. Aber es ist natürlich nur ein schwacher Trost; wenn die genannten Anderen vorne schon das wenige Cola light getrunken haben, kann ich im zweiten Durchgang nur mehr Mineralwasser ohne Kohlensäure trinken, denn sonst gibt es keine kalorienfreien Getränke. Als endlich der Servierwagen vor uns steht, dürfen wir uns aussuchen, ob wir "Heilbutt mit Reis" essen wollen oder "geschnetzeltes Rindfleisch an feiner Rahmsoße mit Nudeln". Ich wähle letzteres, denn gegrillten Fisch mag ich  nicht. Die großartige Vorspeise habe ich vergessen: Räucherlachs mit Gemüsemayonnaise, geschmacklos. Ein kleines Weckerl gibt es dazu, im Mikrowellenherd zu lange aufgewärmt, daher außen hart und innen heiß, so dass die aufgestrichene Butter unverzüglich schmilzt. Diese Vorspeise bewältigt, mache ich mich an die Hauptspeise. Das Rindfleisch muss - ungeschnetzelt - ca. einen Kubikzentimeter groß gewesen sein, weichgekocht und völlig geschmacklos. Würde es nicht Rindfleisch heißen, es könnte auch gekochter Hund sein. Die Soße schreit sozusagen nach Salz und Pfeffer, aber danach schmeckt sie dann auch und nach nichts anderem. Die Nudeln sind weich, sonst ist über sie nichts zu sagen. Die Nachspeise besteht aus einem 3x3cm großen braunen Kuchen, ca. 1cm dick. Es dürfte ein Schokoladenkuchen mit Rosinen gewesen sein, jedenfalls habe ich etwas weiches Schwarzes im Kuchen gesehen. Den Kuchen habe ich verschenkt und nichts weiter Negatives über ihn gehört.

Nun weiß ich ja nicht, was die großen Fluglinien der Welt ihren Passagieren so vorsetzen, aber wenn das Essen in den Flugzeugen der AUA wirklich zum Besten aller Flugzeugessen gehört, wäre es ein Jammer.

Solcherart gestärkt, lese ich in den mitgebrachten Zeitschriften, döse dahin und verfolge nur mit halbem Interesse und ohne den Kopfhörer den Film, eine mittelprächtige Hollywood-Komödie mit einem erbarmungswürdig gealterten Jack Lemmon und einem ebenso alt wirkenden Walter Matthau. Das überstanden, serviert die AUA einen Imbiss: je ein kleines Käse- und Wurstbrot und Mineralwasser ohne Kohlensäure, denn das Cola Light haben, wie schon bemerkt, leider die Leute in den vorderen Sitzreihen getrunken.

Anschließend gibt es dann auf der linken Bordseite ein allgemeines Ooooh zu hören, als New York in Sicht kommt, doch davon habe ich auf meinem Sitz in der Mitte nichts und schließlich landen wir nach fast zehn Stunden dauerndem Flug (dank Gegenwind) auf dem J. F. Kennedy-Flughafen.

Der erste Amerikaner, den ich auf amerikanischem Boden sehe, ist - eine Negerin in blauer Uniform.

Die Passkontrolle ist unbürokratisch, das von mir brav ausgefüllte Einreiseformular wird vom Immigration Officer genau gelesen. Besonders genau studiert er den von mir angegebenen Aufenthaltsort, den er ja ohnehin nicht nachprüfen kann, fragt ferner, ob ich Bekannte in Amerika habe (was er mit meiner Antwort anfängt, weiß auch Gott allein). Meine Antworten befriedigen ihn und ich bekomme eine grüne Einreisebewilligung in den Pass eingeheftet und darf damit einreisen. Ich geselle mich zu St., der ebenso bereits diese Hürde geschafft hat und gemeinsam warten wir auf L., der beim Ausfüllen der Einreisekarte nicht so brav wie wir war und daher zur Strafe das Formular unter den wachsamen Augen einer Negerin in Uniform nochmals ausfüllen muss. Bisher haben alle Amerikaner irgendeine Uniform angehabt.

Mit unserem Gepäck passieren wir die Zollkontrolle, die nicht kontrolliert, sondern nur ein weiteres Formular kassiert, diesmal jedoch, ohne es zu lesen. Dann sind wir in einer Halle. St. und ich folgen L., der sich auskennt, gehen nach rechts, durch eine Tür, über der das Wort "Taxi" steht und reihen uns in eine kleine Schlange von Leuten ein, die alle auf ein Taxi warten. Taxis sind genug vorhanden, aber man wartet anständig in dieser Schlange, bis einem ein Taxi von einem Neger (in Uniform) zugewiesen wird. Es geht schnell, flugs sitzen wir in einem der Taxis und fahren los. Bisher war alles einfach. Der Flughafen in Schwechat ist im Vergleich zwar winzig, dafür aber ein Labyrinth.

Ein kleines Abenteuer wird die Taxifahrt. Der Fahrer, Muhamad Bopal, ist gesprächig und redet die ganze Fahrt auf L. ein, der vorne neben ihm sitzt. Aus Pakistan komme er, sagt er, verheiratet sei er, zwei kleine Kinder habe er, in der Bronx lebe er in einer Gegend, wo lauter Pakistani wohnten, was den Vorteil habe, dass seine Frau auch abends einkaufen gehen könne, ohne dass sie einer anpöble. 800 Dollar zahle er (ohne Strom und Betriebskosten) im Monat für seine Wohnung mit einem Schlafraum. L. übersetzt uns das als 2-Zimmerwohnung mit Kochnische und Bad/WC. Viel Geld sei das, meint Muhamad, aber er ist mit seinem Einkommen zufrieden. Unvergleichlich mehr als er in Pakistan verdienen könne, mehr auch, als sein Bruder in Kenia verdiene, aber viel weniger, als ein weiterer Bruder im Massenquartier in Bahrein verdient. Außer dass er ununterbrochen redet, fährt Muhamad wie ein Wahnsinniger. Auf Sperrflächen überholen wir stehende Kolonnen, quetschen uns knapp vor Leitplanken zwischen die langsam fahrenden Autos, hupen wie die Wilden, mehrfach kracht er mit seinem Auto beinahe in ein anderes, aber er bleibt ganz gelassen und das Auto wie ein Wunder unbeschädigt. Wirkung zeigt Muhamad nur, als er wieder einmal auf eine leere Fahrspur abbiegt und ein Lautsprecher aufbrüllt: Do NOT block the EZ-Lane und uns ein mit tausend bunten Lichtern blinkendes Auto der Polizei überholt. Da wird Muhamad still und ordnet sich gesittet ein, damit andere Wahnsinnige in hohem Tempo zur automatischen Mautstelle vorfahren können, während wir darauf warten, dass Muhamad an der Kassa die 3,5 Dollar bezahlt, die für die Unterquerung des East River bezahlt werden müssen. Diese Maut ist im Fahrpreis nicht enthalten, L. muss sie zusätzlich für unser Auto bezahlen.

Wir tauchen aus dem Tunnel wieder auf, sind jetzt im abendlich-dunklen Manhattan. Zwischen mit Stacheldrahtverhauen umgebenen Wohnhäusern direkt an der Straße fahren wir in hohem Tempo. Schallschutzmauern gibt es hier nicht, Fußgänger im übrigen auch nicht, Gehsteige schon, aber sie sind mit Unrat übersät. Hier geht offenbar keiner. Allmählich kommen wir in belebtere Gegenden, es gibt geöffnete Geschäfte, Menschen auf der Straße. Mehrfach biegen wir ab, L. erklärt uns Greenhorns das System: fast jede Straße ist eine Einbahn, nur einige wenige, breite Querstraßen sind es nicht. Im allgemeinen sind die Straßen mit den geraden Nummern Einbahnen nach Osten. Wir fahren die Lexington Avenue nach Norden bis zur 39. Straße, biegen zweimal um die Ecke und bleiben vor unserem Hotel stehen.

Das Bedford Hotel ist 16 Stock hoch mit einer Fassade aus verdreckten Ziegeln. Ein dunkelhäutiger Mensch hält die Tür für uns offen, Muhamad dankt freundlich für die 5 Dollar Trinkgeld (insgesamt hat die Fahrt damit 38,5 Dollar gekostet, die Maut eingerechnet) und wir treten ins Hotel. Am Empfang versieht ein Puertoricaner Dienst, sein Helfer sagt ungefragt, er sei aus Kuba. Unsere Zimmer sind ordnungsgemäß von der österr. Mission bei der UNO bestellt worden, allerdings für den 7. April, was für einige Konfusion sorgt. Sie wird nicht kleiner dadurch, dass der Reiseleiter einer jüdischen Jugendgruppe behauptet, er habe ein Zimmer zuwenig zugewiesen erhalten, aber als dieses Problem gelöst ist, bekommen wir, obgleich wir erst den Februar haben, dennoch jeder ein Zimmer. Der junge Mann aus Kuba verfrachtet uns samt Gepäck in den Lift. Im 11. Stock zeigt er mir mein Zimmer, schaltet den Fernseher an, dreht das Licht im Badezimmer an, trödelt, während ich pflichtschuldig eine Dollarnote hervorsuche und als Trinkgeld gebe. Damit ist er befriedigt, mehr hat er nicht erwartet und wird mich in den folgenden Tagen freundlich grüßen - oder bilde ich mir das nur ein?

Ich sehe mich im Zimmer um. Ein großes Bett, zwei Nachtkästchen, ein kleiner Tisch, ein Fernsehtisch, ein Polstersessel, ein begehbarer Schrank und ein Badezimmer das ist mein Reich für eine Woche. Ach ja, ein großes Fenster und davor - New York.

Ringsum sehe ich lauter Wolkenkratzer, teils Büros, teils Wohnhäuser. In vielen Fenstern brennt Licht, es funkelt und strahlt, so, wie ich es mir vorgestellt haben. Aus meinem Zimmer sehe ich auf die Flachdächer niedrigerer Häuser und der Kontrast zwischen Häusern, die drei oder vier Stockwerke hoch sind und den 30 oder 40 Stockwerke hohen Häusern nebenan erstaunt mich. Vom elften Stock aus sehe ich auf eine Straßenkreuzung, an der lauter niedrige Häuser stehen, sehe eine Ansammlung von Klimaanlagen und Entlüftungsröhren, sehe ein Lebensmittelgeschäft, das noch geöffnet hat (sie haben alle bis weit in die Nacht hinein geöffnet, hat L. gesagt) und mir wird bewusst, dass es zwar in Wien schon Mitternacht ist, hier aber erst 18 Uhr.

Apple4.jpg (32336 Byte)Ich bin einigermaßen müde, habe mich im Lift für diesen Tag von St. und L. verabschiedet, aber der Anblick des offenen Geschäfts erinnert mich daran, dass ich infolge der trockenen Luft im Flugzeug recht durstig bin.

Vor dem Hotel sehe ich mich erst einmal um, aber ich entdecke keine Räuber und Mörder; jedenfalls sehe ich niemandem, der es darauf angelegt hat, wegen mir zum Räuber oder Mörder werden zu wollen. Insgeheim muss ich ja über mich selbst lachen, wenn ich merke, wie viel eine lebenslange Indoktrinierung bei einem Menschen bewirkt. Ich gehe die wenigen Schritte zum Geschäft an der Ecke, schaue durch die Auslage, sehe nur einen gelangweilten Verkäufer - und trete ein. Er murmelt freundlich Klingendes, ich murmle zurück und schaue mir die Waren an. Die heimische 2-Liter-Flasche Pepsicola sehe ich nicht, entdecke eine Vielzahl bunter Flaschen und Dosen mit Getränken in allen Farben und nehme schließlich 2 große Dosen Diet-Cola, wie das heimische Cola Light hier im Original heißt. Außerdem nehme ich mir die Sonntagausgabe der New York Times und überreiche hoffnungsfroh eine 5-Dollarnote. Der Verkäufer nimmt sie, grüßt freundlich und wendet sich uninteressiert von mir ab. Offenbar bekomme ich kein Retourgeld. Ich nehme nicht an, dass mich bereits der erste Amerikaner, mit dem ich es zu tun bekomme, betrügen wird und nehme die zwei Dosen (die er säuberlich in ein Papiersackerl gesteckt hat) und die Zeitung und gehe. Er hat mich wirklich nicht betrogen, die New York Times kostet am Sonntag $ 2,50.

Im Hotelzimmer schau ich nochmals aus dem Fenster und merke, ich war in einem anderen Geschäft als dem, das ich sehe. Daher nehme ich mir weiteres Geld und mache einen weiteren Ausflug in die gefährliche Welt vor dem Hotel. Tatsächlich, ich habe eine Art Hinterzimmer und sehe nicht auf die 40. Straße, sondern auf die Lexington Avenue und muss einen Häuserblock nach Süden gehen. Das traue ich mir noch zu, wandere an 2 Eßlokalen und einem Zeitungshändler vorbei, überquere die Straße, als die Ampel "Walk" signalisiert und finde im Greisslerladen auf der anderen Seite zwei Flaschen mit je einem halben Liter Cola um je 60 Cent und nehme aus Neugierde auch noch eine Dose Diet Dr. Pepper. Der Inder an der Kassa packt alles ordentlich in ein Nylonsackerl. Das war es dann und an einem Lokal mit chinesischem Essen, aber ohne Esser, gelange ich gesund und munter ins Hotel.

Den Inhalt aller meiner Dosen trinkend, schaue ich mir im Fernsehen an, was auf den 37 Kanälen so alles zu sehen ist. Zunächst einmal: 3 Programme in Spanisch, mehrere Sportprogramme, die großen amerikanischen Programme (ABC, NBC etc, einschließlich CNN), der History Channel, ein New Yorker Lokalprogramm und etliche andere, darunter eines, auf dem nur Neger zu sehen sind. Zu meinem Erstaunen verstehe ich sogar, was die Leute auf Englisch reden, denn, um ehrlich zu sein, ich kann zwar recht gut vom Englischen ins Deutsche einen geschriebenen Text übersetzen, habe aber immer beträchtliche Schwierigkeiten gehabt, einen englisch gesprochenen Text zu verstehen.

Nach den neuesten Nachrichten über die mittelprächtig hübsche Monica Lewinsky und ihre Erlebnisse mit Clinton drehe ich den Apparat ab und überlege wie immer, wie viel von dieser Geschichte von der guten Monica erlebt und wie viel davon von ihr herbeigeträumt worden ist. Ich glaube schon, dass die Frau Tripp die Wahrheit sagt, um so mehr, als es ja die Tonbänder von den Gesprächen gibt, aber es muss ja nicht alles wahr sein, was gesagt wird. Denn es darf ja wohl nicht wahr sein, dass ein amerikanischer Präsident und Führer der Welt wirklich so dumm ist, wie er wäre, wenn alles stimmte, was ML da so vor sich hin gesagt hat. Nebenbei: damit habe ich ganz gut den Ton der Berichterstatter getroffen, die ja auch nichts wissen, sondern immer nur sagen, dass sie gehört haben, dass Leute gesagt haben, die mit dem Inhalt der Tonbänder vertraut seien.........

Noch im Einschlafen fällt mir ein, dass von allen Amerikanern, die ich seit der Ankunft gesehen habe, lediglich der Verkäufer im ersten Greisslerladen ein sozusagen echter weißer Amerikaner war, alle anderen aber entweder Negermischlinge oder Latinos oder Puertoricaner.

Irgendwann in der Nacht weckt mich die Sirene eines Feuerwehrwagens, ein Geräusch, das ich aus dem Fernsehen kenne, das aber in Wirklichkeit viel lauter ist und buchstäblich Tote wieder aufwecken kann. Ich kann L. jetzt verstehen, der einige Monate gegenüber einer Feuerwehrwache in der 40. Straße wohnte und sich eine andere Wohnung suchte, weil er die Sirene der ausfahrenden Feuerwehrautos nicht aushielt.

Sonntag

Dabei stelle ich dann auch meine Uhr um auf die New Yorker Zeit (- 6 Stunden gegenüber MEZ).

Gegen 6 Uhr werde ich wach, drehe mich nochmals um, versuche wieder einzuschlafen, aber ich bin wach. Vor dem Frühstück mache ich meinen ersten Spaziergang, die Lexington Avenue entlang, aber es noch kaum jemand auf der Straße; auf den Stiegen eines Hauses schlafen zwei mit Kartons zugedeckte Obdachlose, um die ich einen weiten Bogen mache, obgleich sie mich nicht belästigen würden, eher ich sie mit meiner Neugier.

Um 8 Uhr betrete ich hungrig den Speisesaal. Im Zimmerpreis ist ein kontinentales Frühstück enthalten. Ich bin einer der ersten Gäste, außer mir ist im Saal nur ein Ehepaar. Ich setze mich an den Nachbartisch, doch der Kellner grüßt nur freundlich, murmelt etwas von "help yourself" und serviert mir nichts. Also nehme ich mir meine Tasse Kaffee, zwei rosa Papiersäckchen mit Süßstoff, häufe auf einen Teller ein Mohn-Bagel und zwei Weißbrote, Butter und weißen Streichkäse. Das Bagel erweist sich als überraschend gut und schmeckt wie ein ungesüßtes Milchbrot. Es hat vom Teig her eine Ähnlichkeit mit einem Briochekipfel, hat aber nicht dessen Form, sondern ist ringförmig und in der Mitte durchgeschnitten. Mit gesalzener Butter und Streichkäse ist es ein angenehmes Essen. Das Weißbrot hingegen hat eine eher gummiartige Beschaffenheit, schmeckt aber auch nicht schlecht. Als St. und L. erscheinen, bin ich schon bei der dritten Tasse Kaffee. Die beiden sind gestern abends noch bis zum Times Square und zum Central Park gegangen, St. war heute morgen Laufen, bis zum Central Park und zurück. Er ist von New York angetan. L. muss wohl über uns beide insgeheim gelacht haben, weil wir im Vergleich zu ihm so völlig ahnungslos sind.

Immerhin übernimmt er um 9 die Führung. Wir gehen die menschenleere 40. Straße bis zur Fifth Avenue, vorbei an leeren Bürogebäuden. In diesem Teil der Stadt gibt es wenig Wohnungen und deren Bewohner fahren übers Wochenende "aufs Land", das heißt, aus Manhattan hinaus. Daher stehen auch so wenige Autos am Straßenrand. Es ist einfach niemand da.

In die Fifth Avenue eingebogen, verweist L. auf das Empire State Building. Das hätte er nicht tun müssen, es ist sozusagen unübersehbar und auch für Spötter wie mich eindrucksvoll. Vor allem ist es schön, zum Unterschied von den neueren Gebäuden, die einfach gesichtslos sind. Ich nehme mir vor, im Lift bei Gelegenheit auf die Aussichtsterrasse hinaufzufahren. L. schwärmt von der Aussicht an schönen Tagen. An vielen Computergeschäften und Foto- und Elektronikgeschäften vorbei, die alle erst später aufmachen werden, vorbei, gehen wir bis zum Empire State Building vor, biegen nach rechts ab von der Fifth Avenue und wandern entlang der 34. Straße das Gebäude entlang bis zur Kreuzung von Avenue of the Americas und dem Broadway: eine Riesenkreuzung dreier Straßen. Zum x-ten Mal gehen wir bei Rot über die Straße und nicht nur wir tun es, alle tun es. Gegenüber stehen zwei Polizisten und schauen uns zu. Sich als Fußgänger nicht an die Ampelsignale zu halten, gehört in New York zum guten Ton und über die jüngsten diesbezüglich abfälligen Äußerungen Bürgermeister Giulianis schütteln auch die Polizisten den Kopf. Also werden sie seine Vorschriften nicht durchsetzen, sagen sie laut Zeitungsberichten, aber ihren Namen wollen sie den neugierigen Reportern lieber doch nicht nennen. Mit Giuliani ist nicht zu spaßen.

Links von uns sehen wir den großen Klotz von Macy's, dem angeblich größtem Kaufhaus der Welt. Jedenfalls nimmt es einen ganzen Häuserblock ein. Wie die meisten Geschäfte hat es auch am Sonntag geöffnet, aber jetzt am Morgen hat es doch noch geschlossen. Wir gehen daher ein Stück die Avenue of the Americas weiter, einen Häuserblock eigentlich, dann stehen wir vor der nächsten Attraktion: der Manhattan Mall, auch einem Einkaufstempel: eine Shopping City Süd, wie wir sie südlich von Wien haben, aber mitten in der Stadt und 9. Etagen hoch. Auch sie ist noch geschlossen. Durch die 33. Straße gelangen wir zur 7. Avenue und gehen zum Madison Square Garden hinüber. St. träumt vom Besuch eines Baseball-Matches, angeblich spielt demnächst irgendein berühmtes Team gegen irgendein anderes berühmtes Team in irgendeiner Ausscheidung, ich verstehe nicht eigentlich, worum es geht, aber ich verstehe auch Baseball nicht und St. versucht ebenso geduldig wie vergeblich, mir einige Grundregeln zu erklären. Ich will mir nichts erklären lassen, höre nur halb zu und habe den Eindruck, Baseball wird für den Rest meines Lebens so undurchschaubar bleiben wie es bisher der Fall war. Auf keinen Fall sind Karten zu erhalten, alle Matches sind für mehrere Monate ausverkauft, aber jedes Match wird ohnehin im Fernsehen übertragen. Viele Familienväter mit noch mehr Kindern treiben sich in der Kassenhalle herum, die Kinder tragen alle irgendwelche Vereinsleibchen und die Begeisterung aller scheint beträchtlich, obgleich es nichts weiter zu sehen gibt.

War der Morgen trübe und bewölkt, reißt jetzt, nach 10 Uhr, die Wolkendecke auf; es wird ein schöner Tag werden. Wir drei marschieren zurück zur Fifth Avenue, dann teils auf ihr, teils auf dem Broadway, nach Süden. Nun strömen Scharen von Menschen scheinbar zielstrebig durch die Stadt, wir mit ihnen. Sagt nicht ein Reiseführer, die Touristen erkenne man daran, dass sie unsicher stehenbleiben, sich zu orientieren suchen und dass gerade sie es sind, die von Taschendieben etc. als Opfer auserkoren würden? Wir sind durchaus nicht als Touristen erkennbar, denn L. eilt hurtig dahin, als habe er ein bestimmtes Ziel vor Augen, und wir eilen mit. Nur bei Geschäften mit Sportartikeln bleibt St. stehen und ich bei Geschäften mit Computern und Fotoapparaten. Dabei gibt es nichts, was es nicht auch bei uns zu sehen gäbe in den Computerläden, die fast alle auch eine Fotoabteilung haben. Hingegen sind die Geschäfte mit allen Arten von Sportbekleidung sicher sehenswert; die Vielzahl von bunten Leibchen mit allerlei Vereinsemblemen ist sehenswert. Sehenswert sind allerdings auch die vielen Esslokale aller Art: Restaurants im europäischen Sinn sehe ich kaum, aber Hotdog-Stände allenthalben auf den Gehsteigen, auch Delis mit einer Vielzahl von Sandwiches; ebenso viele Espressi. Espresso zu trinken, soll erst in den letzten Jahren in New York in Mode gekommen sein, von Seattle ausgehend. Wie alles, was sie tun, haben sich die Amis auch auf diese Mode in Überschwang gestürzt und eine eigene Fachsprache entwickelt. Mir soll es recht sein, ich habe schon in Wien die einschlägigen Ausdrücke gelernt und so bestelle ich fachmännisch gegenüber dem in einem klassischen Foto von Alfred Stieglitz verewigten Flatiron Building in einem Ecklokal auf dem Broadway für mich einen Caffe latte und je einen Capucchino für St. und L.

Immer wieder fällt uns auf, wie schnell eine dieser mehrere Kilometer langen Straßenzüge ihren Charakter verändert. Man überquert eine Straße und sieht lauter Geschäfte voll mit Koreanern, sieht Koreaner an den Straßenecken, riecht seltsame Gewürze und sieht ebenso seltsame Speisen in den Auslagen angeboten.
Nach einigen Häuserblöcken ist der Spuk zu Ende. Wir etwa biegen an einer Kreuzung nach links und sind in Chinatown, in dem sogar die Polizisten Chinesen sind und die Leute in den Geschäften ebenso chinesisch reden wie die Asiaten unter den Passanten. Nur die weißen Touristen fallen auf, so wie wir. In einer Seitengasse sehen wir eine Prozession mit Drachen aus Pappmaché, hören dumpfen Trommelklang und schrille Pfeifen. Was auch immer da gefeiert wird, ich weiß es nicht.

An der City Hall vorbei wandern wir in Richtung World Trade Center, blicken zur Brooklyn Bridge hinüber, von der man eine schöne Aussicht auf die Wolkenkratzer Manhattans haben soll. L. fragt, ob ich zur Brücke hinüber gehen will; ich lehne ab. Längst schon habe ich mich entschlossen, auch einmal privat, auf meine Kosten, nach New York zu fahren und will noch Sehenswürdigkeiten haben, die ich nicht besucht habe. Statt dessen gehen wir auf Wunsch von St. zum World Trade Center, dessen Türme auch Leute wie mich beeindrucken. St. will auf die Aussichtsplattform hinauffahren, L. hingegen nicht und ich eigentlich auch nicht - ich denke an die Aussicht vom Empire State Building und die ist mir lieber. Also lassen wir ihn allein und gehen ins erste Kaufhaus: Century21 bei der Cortland Street Station. In Aussehen und Machart altehrwürdig, durchaus qualitativ schöne Waren, wenn auch nicht gerade billig. Die Auswahl ist indessen größer als in einem Kaufhaus in Wien. Über Geschmack lässt sich herrlich streiten, aber den Wiener Ramsch habe ich nicht gesehen. Ich will mir eigentlich nichts kaufen, aber im Kellergeschoss schlage ich bei den Krawatten dennoch zu und erstehe zwei Seidenkrawatten mit traditionellen Streifen um je $ 21.-. Hemden würden mir auch gefallen, aber angesichts der Halsweite in Zoll und dreier verschiedener Ärmellängen scheue ich doch zurück. Sorgfältig packt die Negerin an der Kasse die zwei Krawatten in ein Papiersackerl, verschließt es mit zwei Heftklammern, heftet ferner den Kassenzettel an das Säckchen, ehe sie mir das ganze Gebilde überreicht.

Draußen treffen wir wieder mit St. zusammen, der eingesteht, ein wenig müde zu sein. Ich selbst bin zwar nicht müde, aber hungrig. Was L. ist, sagt er nicht, schlägt statt dessen vor, mit der U-Bahn zurückzufahren. An der Kasse kauft er drei Tokens und wir werfen jeder eines in den Schlitz bei den Drehkreuzen und können passieren. Ich habe sorgfältig aufgepasst, habe ich den Schlitz für die Metrocard gesehen und fühle mich daher fähig, auch allein mit der U-Bahn zu fahren. L. findet auch die richtige Linie und wir fahren die wenigen Stationen bis zur 34. Straße. Von dort gehen wir zur Manhattan Mall. Es ist inzwischen 1/2 1 Uhr geworden, die mehr als 90 Geschäfte haben geöffnet, die Lifte zum Freßgeschoss sind überfüllt. Wir fahren mit Rolltreppen ein wenig mühselig hinauf. L. führt uns an den verschiedenen Geschäften vorbei. Ich bleibe beim Cajun Cafe & Grill kleben, bestelle ein Jambalaya-Hendel, das ich im Plastikteller mit Plastikbesteck serviert bekomme. Das ganze erinnert mich an eine Art chines. Gemüse mit Hühnerstücken, so auf Szechuan-Art, also scharf. Aber vielleicht isst man so etwas tatsächlich in den Cajuns von Louisiana. Schlecht schmeckt es nicht und mir wird auch nachher nicht schlecht. Mit einem Cola medium (ein Becher mit ca. 1/2 Liter, zur Hälfte mit Eisstücken gefüllt, der Rest Cola) kostet dieses Essen 6 $. Es geht.

Gestärkt wandern wir ins Hotel Bedford zurück. Um 7 Uhr wollen wir uns wieder treffen - zum Abendessen.Aber ich bin ja nicht nach New York gekommen, um im Hotelzimmer zu sitzen, auch wenn ich ein wenig müde bin. Ecke 40. Straße und Lexington Ave. kaufe ich mir bei Brooks einen Espresso und wandere danach gestärkt zur Kreuzung mit der Park Ave und diese entlang zum Grand Central Terminal. Wie groß der unterirdische Bahnhof ist, merkt man erst, wenn man die technischen Daten liest: über 100 Geleise, über eine halbe Million Reisende pro Werktag. Nur an Sonntagen wie heute ist es ruhiger und ich habe Zeit, mir am Informationsschalter einige Fahrpläne auszusuchen, die meinen Wissensdrang stillen sollen. Wie wäre es, mit dem Zug irgendwohin zu fahren, etwa nach New Haven? Gab es dort nicht die längst eingegangene New Haven Railroad, deren bunte Lokomotiven mich - in Büchern - immer faszinierten? Müßige Idee, aber immerhin gehe ich auf einen Bahnsteig und schaue in die Waggons, die auf Fahrgäste warten. Vornehm sind sie nicht, die Einrichtung ist abgewetzt, sie ist so billig wie die der Schnellbahn in Wien.

Auf dem Rückweg redet mich eine ältere Frau an, überreicht mir ein ein rotes Faltblatt, rät mir, es ja nicht wegzuwerfen und die Ratschläge zu befolgen, denn auch ich sei gewiss einer der Auserwählten, denen Y'shua gnädig gesinnt sei. "Who needs a middleman, anyhow?" fragt die Titelseite und ich nehme den Prospekt, denn so etwas scheint es zu sein und frage mich, welche Artikel mir da anempfohlen werden. Die Dame lächelt befriedigt, als ich das Faltblatt einstecke. Gott solle mit mir sein, wünscht sie sich und mir und ich mache, ein wenig beunruhigt, dass ich fortkomme. Erst auf der Straße vor dem Bahnhof lese ich, was sie mir überreicht hat: ein religiöses Pamphlet, in welchem die Jews for Jesus die Auffassung vertreten, auch Juden bräuchten einen Vermittler zwischen ihnen und Gott. Das hat angeblich schon Moses gesagt - Numeri, Kapitel 16.

Vor dem Bahnhof sehe ich die Kleinbusse der Gray's Line, mit denen man auf den JFK-Flughafen fahren kann oder von dort nach New York City. Das kommt im übrigen ein wenig billiger als die Fahrt mit dem Taxi, vor allem, wenn man allein ist. Übrigens: unschlagbar ist immer noch die U-Bahn um $ 1,50 für die ganze Strecke. Zur nächsten U-Bahn-Station bringt einem vom Flughafen übrigens ein Zubringerbus - gratis. Diese Alternative haben wir drei allerdings erst gar nicht in Betracht gezogen und am Abend ist sie wohl auch nicht empfehlenswert.

Draußen herrscht schon eine ein wenig abendliche Stimmung. Ist das nicht der Zeitpunkt, der einem immer für einen Besuch des Empire State Building empfohlen wird, das einladend nahe liegt? Zeit habe ich genug, also mache ich mich in die 34. Straße auf, steige ins Kellergeschoss hinunter, löse mir um $ 6.- ein Ticket und fahre, heftig schluckend und, ich sag´ es ehrlich, ein wenig befangen, in den 108. Stock hinauf, natürlich nicht ich allein, sondern eine ganze Schar neugieriger Amerikaner jeder Hautfarbe und jeden Alters mit mir. Draußen auf der Terrasse wirft mich der Sturm halb um, aber das macht nichts.

Die Aussicht ist atemberaubend. Oft wird man als Reisender enttäuscht, wenn die in den Zeitschriften so atemberaubend schön abgebildeten Reiseziele sich als ganz anders entpuppen, als man an Hand der Fotos glaubte: ein Weitwinkelobjektiv macht aus jedem Loch einen Saal und bei Regen ist es auch in Hawaii nicht schön, denke ich. Aber die Aussicht auf die Wolkenkratzer ringsum übertrifft alle Erwartungen, sie ist eindrucksvoller als alle Fotos und alle Beschreibungen. Obgleich die Sonne noch scheint, brennen tief in den Straßenschluchten hinter vielen Fenstern schon die Lichter, die Autos fahren auch schon mit Licht, während oben noch die Wolkenkratzer im Osten im Sonnenlicht strahlen und sich im Westen als dunkle Silhouetten gegen den hellen Himmel abzeichnen. Noch schöner soll es um diese Jahreszeit und im Herbst an Wochentagen sein, weil dann in allen Büros bei Sonnenuntergang noch gearbeitet wird und alle Fenster beleuchtet sind. Ich kann mich gar nicht satt sehen.

   Als ich wieder unten auf der Straße stehe, schmerzen mich die Ohren vom Luftdruckunterschied. Mehrmals geschluckt und mit einem Knacks kommt das Trommelfell wieder in die richtige Lage.

Auf dem Heimweg mache ich noch einen Abstecher in die Filiale der Firma Compusa in der 5. Avenue. Womit sie Handel treibt, brauche ich wohl nicht zu erklären, aber leider, in den beiden Stockwerken finde ich nichts, was ich nicht a) schon habe bzw. b) nicht heimtransportieren kann, weil es zu groß und unhandlich ist. Dabei fällt mir auf, dass die Preise den Preisen bei uns daheim in Wien ähnlich sind, manchmal höher, manchmal tiefer. Eine Packung mit 10 ZIP-Kassetten kostet nur AS 160.-, bei uns 1 Kassette S 200.-. der Toner für meinen LaserJet 6L ist um einen Hunderter billiger, aber die Schachtel würde meine Reisetasche zum Platzen bringen. Also kaufe ich nichts und gehe gemächlich ins Hotel zurück, wo ich mich in die New York Times vertiefe und eine Beilage nach der anderen als gelesen oder als uninteressant im Papierkorb verstaue.

Um 7 Uhr machen wir uns dann auf den Weg in ein Restaurant zum Abendessen. Anscheinend mir zu Gefallen führt uns L. zu einem irischen Pub in der 3. Avenue, doch ach, das Pub gibt es nicht mehr. Wir probieren unser Glück in Richtung auf das Gebäude der UNO zu, finden auch tatsächlich irische Pubs, doch haben sie am Sonntagabend alle geschlossen. Katie O´ Donohugues Pub würde ganz einladend ausschauen, aber ach, was soll's. L. gibt nicht auf, in dieser Gegend gibt es viele irische Pubs und richtig, ein Stück weiter, in der 48. Straße, finden wir eines, hell beleuchtet, doch leider, es sitzen keine Iren drin, sondern drinnen arbeitet eine Schar von Malern und Anstreichern. Daher kehren wir im Ecklokal gegenüber ein, einer Trattoria. Das Lokal stinkt ganz entsetzlich nach Knoblauch, ist gemütlich düster, oder besser gesagt, so finster, dass ich die Speisekarte gar nicht lesen kann und mir von St. sagen lassen muss, was es so alles zum Essen gibt. Vielerlei Nudelgerichte jedenfalls kann er entziffern und eine Chicken-Lasagne, die ich bestelle. Sie schmeckt auch nach Knoblauch und enthält ganze zwei Stück Fleisch, das möglicherweise von einem Huhn stammt. Der ganze Spaß kostet dann pro Kopf und Nase $ 20.-, aber immerhin bin ich satt geworden.

Gegen 10 Uhr abends sind wir wieder im Hotel, ich bin rechtschaffen müde.

 

Montag

Erster Arbeitstag für uns. Nicht mehr in Jeans und Pullover, sondern in dunklem Anzug vom ehemals russischen Juden am Mexikoplatz, weißem Hemd und neu gekaufter, daher noch nicht bekleckerter Krawatte, mache ich mich auf den Weg, brav hinter L. her marschierend, der die Führung übernommen hat. Nach ein paar Minuten schon gelangen wir auf die UNO-Plaza und, wem wundert's, der Gebäudekomplex schaut genauso aus wie auf den vielen Fotos, die jeder von uns schon gesehen hat. Wir suchen das Bürohaus, in dem die Österreichische Mission bei den Vereinten Nationen untergebracht ist, werden auf Waffen durchsucht, von einer Sekretärin abgeholt und in den 8. Stock gebracht. Begrüßung. Die Mission besteht aus zwei Diplomaten, 4 Jungdiplomaten, die überwältigend jung wirken, sowie einem Militärberater und seinen 2 Mitarbeitern. Jeder dieser Leute sitzt in einem wahren Loch von Zimmer: ein Schreibtisch, 1 Kasten, ein Sessel, ein Fenster sowie Platz für einen Besucher. Will der sich setzen, muss er sich einen Sessel aus dem gemeinsamen Besprechungszimmer holen. Also bleiben wir stehen, werden belehrt, was man von uns erwartet: nämlich nichts, was die Republik Geld kosten würde, denn Geld für das, um das es geht, ist keines da. Dann werden wir fotografieren geschickt, denn in das UNO-Gebäude kommt man nur mit Lichtbildausweis um den Hals. Damit die Fotografen wissen, wer wir sind, bekommen wir jeder einen entsprechenden Zettel, auf dem unser Namen und Geburtsdatum steht. Bei den Fotografen wartet schon eine lange Schlange von Leuten, aber es geht einigermaßen schnell. Der für mich zuständige Beamte will unbedingt wissen, wo eigentlich dieses Austria liegt und ich erkläre es ihm: zwischen der Schweiz und Deutschland. Das wirkt, er sagt: Blue Danube und Strauß.

Danach überqueren wir die Straße, begeben uns auf das UN-Gelände, passieren einen Eingang für Delegierte, während die gewöhnlichen Menschen den Besuchereingang benützen müssen (gewöhnliche Menschen sind die ohne Ausweis) und wandern im Gebäude unter Führung L.s dunkle Gänge entlang, fahren über Rolltreppen in den Bauch des Gebäudes, an zwei toten Mäusen vorbei, L. sagt, das Gebäude sei ja schließlich schon bald 50 Jahre alt, und erreichen einen Riesensaal (Nr. 1), in dem wir tagen werden: Wir drei plus einer aus der Mission und ca. 150 andere aus mehr als 50 Staaten.

Es ist beinahe 10 Uhr, immer noch kommen Leute, suchen ihre Plätze (kommt man aus Austria, sitzt man ganz vorne, kommt man aus Zimbabwe, ganz hinten, alle anderen dazwischen in konzentrischen Halbkreisen). Oben auf dem Podium schlägt ein Herr aus Tunesien (oder Marokko oder Algerien, ganz genau weiß es auch L. nicht, jedenfalls ein Araber, sagt er), mit einem Hammer auf den Tisch. Stille senkt sich über den Saal, jedenfalls einigermaßen, denn hinten reden noch immer welche und noch immer herrscht Kommen und Gehen. Damit ist die Sitzung eröffnet und der Herr aus Tunesien schlägt vor, einen Herrn aus Pakistan zum Vorsitzenden zu machen. Abstimmung gibt es keine. Als niemand wütend aufschreit und zum Podium stürzt, um selbst Vorsitzender zu werden, haut der Algerier etc. nochmals mit seinem Hammer auf den Tisch und erklärt den Herrn aus Pakistan einstimmig als gewählt. Applaus (endenwollend, hat einmal einer treffend gesagt) brandet auf, der Herr aus Pakistan schreitet, erfreut und scheinbar überrascht, nach allen Seiten hin grüßend, auf das Podium und nimmt seinen Platz ein und damit übernimmt er auch den Vorsitz, den er fürderhin nicht mehr aufgeben wird. Gibt es einen Vorsitzenden, muss es auch einen Stellvertreter geben und auch der wird gewählt, auf die selbe Art. Nachher erzählt mir L., eigentlich habe ein Herr aus Bolivien oder sonst wo Vorsitzender werden wollen, aber der komme nicht in Frage, weil er nicht ausreichend Englisch reden könne und außerdem sei er von Berufs wegen Admiral - und wo kämen wir denn da hin? Haben die Bolivianer überhaupt ein Meer, fragt mich St. Ich weiß es nicht. Vielleicht ist der Herr Admiral doch von anderswo, Uruguay, Argentinien etc. Aus Chile ist er nicht, die beiden Herrschaften aus Chile sitzen hinter uns.

Der Herr Vorsitzende erklärt allen, die es hören wollen und noch nicht wissen, worum es bei dieser Tagung gehen werde und eine Vielzahl von Delegierten verschiedener Nationen sagt auf Englisch das Gleiche, dass ihr Staat der Konferenz allen denkbaren Erfolg wünsche und dass er, der Delegierte, alles in seiner Macht stehende tun werde, diesen (den Erfolg) herbeizuführen.

Keiner hat mir gesagt, dass ich als der Ranghöchste von uns Dreien das auch sagen solle, aber so nach dem 10. Delegierten beginne ich mich mit meinem Schicksal abzufinden und befingere das Schild mit der Aufschrift Austria vor meinem Platz, um es in die Höhe zu heben und damit meinen Wunsch nach einer Wortspende kundzutun. Aber der Herr Vorsitzende befindet anscheinend, dass jetzt genug Delegierte verschiedenster Staaten sinngemäß das Gleiche gesagt haben und vertagt die Sitzung bis 14 Uhr. Es ist 11.30 Uhr.

Was sollen wir drei machen? L., der schon Erfahrung hat, meint, man wisse nie, wann es die nächste Pause geben werde und schlägt vor, essen zu gehen. Am Postamt für die Delegierten vorbei (das gewöhnliche Volk, die Leute ohne dem Kärtchen um den Hals hat ein anderes) fahren wir ins Erdgeschoss hinauf und gehen in den Speisesaal. Dort herrscht außer Selbstbedienung babylonische Sprachverwirrung. Es gibt 10 oder 12 Speiseausgaben, bei jeder bekommt man etwas anderes, vor jeder steht eine Schlange von Leuten. Ich sehe nur Lasagne und sonstige Teigwaren und Fruchtsalat und greife zu zwei sandwichartigen Gebilden, die sich als gefüllte Teigtaschen erweisen. Da auch bei der Getränkeausgabe eine Menge Leute steht, nehme ich mir ein Glas Leitungswasser, stelle mich an der Kassa an und zahle $ 4,50. Am gemeinsamen Esstisch merke ich, ich habe nicht gut gewählt, L. ißt Fisch mit Mischgemüse, St. Fleischlaibchen mit Reis und Salat. Meine Teigtaschen sind außen feucht von der Fülle und überhaupt geschmacklos und als ich sie gegessen habe, bin ich noch hungrig. Ich hole mir noch etwas, doch sind jetzt noch mehr Leute um Essen angestellt und ich bekomme am einzigen Schalter, wo niemand steht, eine Hühnerbrust mit Reis - weitere $ 5.50. St. und L. schweigen höflich, aber ich denke, sie halten mich für einen Vielfrass. Ich mich auch.

Satt gegessen, empfiehlt L. die Cafeteria, einen Stock höher, nur für die Delegierten der Generalversammlung, wenn diese tagt. Da sie aber derzeit nicht tagt, dürfen auch wir dort eintreten. Ich verlange einen Caffe con Panna und tatsächlich, ich bekomme etwas, was man in Wien zur Not als Einspänner bezeichnen würde, einen Espresso mit einem Löffel Schlagobers drauf (das Wiener Original besteht aus Filterkaffee). Preis: $ 1,20. L. trifft einen Schweizer Wissenschaftler, der bei unserer Konferenz auch auftreten wird und sie plaudern von vergangenen Zeiten. Der Schweizer erweist sich als durchaus witzig und die Zeit vergeht recht schnell.

Gegen 14 Uhr dränge ich auf den Aufbruch, stoße auf Unverständnis, aber man folgt mir. Im Konferenzsaal erfahre ich den Grund des Unverständnisses: die Delegierten sind natürlich noch nicht da. Um 14,15 erscheint der Vorsitzende, ist sichtlich überrascht, dass schon so viele Leute im Saal sind, setzt sich aufs Podium und liest die Zeitung. So schaut es zumindest aus, aber sicherlich liest er Konferenzakten.

Um 14.30 dann der Hammerschlag und die Erörterung der Frage, in wie viele Arbeitsgruppen wir uns aufteilen sollen. Zahlreiche Wortmeldungen, das Präsidium zieht sich bis 15.00 Uhr zur Beratung zurück, erscheint danach und kündigt an, 6 Arbeitsgruppen. Proteste aus Ländern wie Abessinien, die nur über 2 Delegierte verfügen oder die Fidji-Inseln, die nur einen einzigen Delegierten geschickt haben. Neuerlicher Rückzug zur Beratung, danach Entscheidung, 3 Arbeitsgruppen. Schwacher Widerstand, nur der Form halber. Keine weitere Beratung folgt, sondern wer will, meldet sich zu einer Arbeitsgruppe. Uns dreien hat man schon am Morgen in der Mission gesagt, wie viele Arbeitsgruppen es sein werden, ich melde mich für die Arbeitsgruppe "Rechtliche Angelegenheiten", St. und L. zu den für sie in Frage kommenden.

Die drei Arbeitsgruppen verlassen den Saal, diejenigen, die sich für keine Arbeitsgruppe gemeldet haben, die Mehrzahl, ebenfalls. Die Mitglieder der anderen beiden Arbeitsgruppen versammeln sich in den für sie reservierten kleinen Konferenzsälen, wir Juristen in einem Zimmer hinter dem Konferenzraum, das sich als unbenütztes, aber voll möbliertes Büro entpuppt. Ich komme auf der Sitzgruppe neben der Ukraine zu sitzen, die scherzt, wenn wir schon in natura keine direkten Nachbarn seien, dann wenigstens auf der Sitzgruppe. Ich lächle über diesen gelungenen Scherz. Auf meine andere Seite setzt sich Kanada, das heißt, die kanadische Juristin aus dem dortigen Außenministerium, und überreicht mir ihre Visitenkarte, was ich pflichtschuldig erwidere, worauf sich Japan einmischt und uns beiden je eine Visitenkarte mit japanischen Schriftzeichen aushändigt. Ich nicke verständnisvoll (was habe ich mir von einem Japaner erwartet?), Japan errötet und deutet, ich solle die Karte umdrehen und richtig, die Rückseite (oder Vorderseite?) ist auf englisch. Da will auch die Ukraine nicht nachstehen und überreicht uns allen je eine Karte, aus der ich entnehme, dass die Ukraine ein Oberst der ukrainischen Armee ist. Nur der amerikanische Delegierte überreicht uns nichts, sondern sagt statt dessen, er heiße McDonald und wir sollten doch bitte Jim zu ihm sagen, was mir schwer fällt, weil ich jedesmal, wenn ich ihn sehe, an einen Big Mac denken muss. Der Vorsitzende stammt aus Kenya, überreicht einem jeden eine Visitenkarte und stellt danach fest, dass er sich nicht niedersetzen kann, weil auf den - wenigen - Sesseln und auf der Sitzgarnitur schon andere Länder sitzen. Also trifft er die erste Entscheidung in dieser von ihm zu leitenden Arbeitsgruppe - und vertagt uns mangels geeigneter Räumlichkeiten bis morgen. Es ist 17.00 Uhr.

Von St. und L. ist nichts zu sehen, ich gehe allein zum Hotel zurück. Da wir für diesen Abend nichts ausgemacht haben, bin ich sozusagen frei und beschließe, zur Buchhandlung Barnes & Noble in der 18. Straße zu gehen, der größten Buchhandlung der Welt mit einer Million lagernder Bücher.

Sich in Manhattan zurechtzufinden, ist ja nun wirklich nicht schwer, der südlichste Teil Manhattans ausgenommen, in dem die Straßen nicht rasterförmig angelegt sind. Was man als Tourist aber leicht unterschätzt, sind die Entfernungen. 20 Häuserblöcke klingen nicht nach viel, aber alles in allem gehe ich doch mehrere Kilometer zu Fuß, was mich nicht stört, weil ich durch das Menschengewimmel um mich her genügend abgelenkt werde. Zu Beginn meiner Wanderung versuche ich noch, die Leute rings um mich einigermaßen einzuordnen, in Iren, Anglosachsen und Skandinavier, Juden, Latinos und Negermischlinge, aber ich gebe es bald auf. Gemeinsam ist ihnen allen offenbar nur, dass sie alle Englisch reden, außer mit ihresgleichen. Die jungen Juden im Aufzug im Hotel haben sich auf Jiddisch über uns Touristen lustig gemacht, die Kubaner reden wohl Spanisch miteinander etc. Manche Frauen sind allein auf Grund ihrer Fremdartigkeit hübsch anzusehen, aber das denke ich mir bei den eingebürgerten georgischen Jüdinnen am Mexikoplatz in Wien auch immer wieder.

Barnes & Noble ist wirklich eine groß geratene Buchhandlung, aber viel größer als eine bessere europäische Buchhandlung ist sie nun auch wieder nicht. Mag aber sein, dass sie auch alle die Bücher zählen, die sie in den Kellern und Magazinen liegen haben. Wie dem auch sei, ich kaufe wie ein Wilder und würde noch viel mehr interessante Bücher finden, aber ich bremse mich ein: ich muss sie ja auch nach Österreich heimtransportieren. Am Ausgang gibt es 6 Kassiererinnen, die allesamt beschäftigt sind und dennoch bildet sich eine Schlange von Käufern. Ich zahle meine $ 91 mit Kreditkarte und die Negerin zuckt mit keiner schwarz gelackten Wimper. Ausländer dürfte sie gewöhnt sein und seltsame Kreditkarten auch.

Auf dem Heimweg esse ich zwei Big Macs und denke an den amerikanischen Delegierten. Im Hotelzimmer blicke ich lange aus dem Fenster: in vielen Wohnungen gegenüber brennt Licht, die Leute sind zu hause und ich versuche mir, ihr Leben vorzustellen. Es gelingt mir nicht.

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© Peter Lausch/1999
Zuletzt bearbeitet:
15. Oktober 2o15