|
Hinweis
│
Anreise │
St. Malo
│
Langueux │
Perros-Guirec │
Trégastel │
St. Pol
│
Brest │
Pont-Aven
│
Quimper │
Carnac
Locronan
│ Pointe
du Raz │Rückreise
Locronan
30. Mai 2001
Gegen 8 Uhr starte ich. Von
Pont-Aven fahre ich über die N167 bis Quimper und suche
den Hypermarkt von Carrefour, den ich bei der Ausfahrt
aus Quimper nach Benodet vor zwei Tagen gesehen habe. Da
ich wieder einmal in einem Kreisverkehr falsch abbiege,
mache ich gleichzeitig eine kleine Besichtigung der
nicht weiter erwähnenswerten Vorstädte von Quimper
rechts und links der Odet, die ich nahe der Kathedrale
(und damit praktisch im Stadtzentrum) auf einer der
zahlreichen Brücken überquere. Viel Verkehr, zuviel
jedenfalls, um anzuhalten und ein Foto von einer Brücke
aus zu machen (ein hübsches Motiv, wenn man sich Zeit
nimmt).
Noch ein letztes Mal mit Lebensmitteln und Coca-Cola
versorgt (und mit essbaren Mitbringseln für die Lieben
daheim, damit sie nicht vom Fleisch fallen bzw. abfällig
reden), ordne ich mich danach neuerlich in zahlreichen
Kreisverkehren richtig ein, erwische die erwünschte
Nebenstrasse Richtung Locronan. In einem weiteren
Kreisverkehr ist es mit meinen Fähigkeiten dann weniger
weit her, ich verfehle die Abzweigung und fahre statt
dessen nach Douarnenez.
Durch die auch nicht erwähnenswerte Innenstadt fahre
ich hinter einem Lastwagen her eine Weile bergab. Rechts
und links weisen Schilder auf freie Parkplätze hin,
allein ich will ins Stadtzentrum. Das freilich ist nicht
dort, wo ich es vermute, die Fahrt endet - noch immer im
Gefolge des Lastwagens - vor einem Fabrikstor mit
schöner Aussicht auf den Fischereihafen und eine Insel
davor - die Tristansinsel, wie der reiseführer-gebildete
Lausch weiß.
Ich bleibe nicht bei der Fischfabrik, aus der heraus
es - fischelt, sondern fahre wieder hügelaufwärts und
entscheide mich für einen Parkplatz in einer Baulücke
mit angeblich 170 Plätzen. Da wird wohl fürs Lauschauto
auch einer dabei sein.
Mehr als einer, wie sich zeigt und ich, das Auto
sicher abgestellt, mache Sightseeing. Ich schreibe aber
lieber gleich: Douarnenez und Sightseeing sind nicht
vereinbar. Durch verwinkelte Gassen steige ich
hügelaufwärts, sehe wiederholt Hinweisschilder "Centre
Ville", folge ihnen, aber außer einer mickrigen
Halb-Fussgängerzone finde ich nichts, was einem
"Zentrum" ähnlich schaut.
Also schreite ich den Hügel auf der anderen Seite
wieder hinab, komme zu einer Brücke mit dem schönen
Namen "Le Pont" über die Mündung des Flusses Pouldavid
ins Meer und steige hinab zum Fluss und zum Musée du
Bateau. Davor liegen im Fluss vertäut angeblich 40 alte
Schiffe aller Art, davon sind 5 zu besichtigen - falls
Museum geöffnet. Wegen mir sperrt es die Pforten jedoch
nicht auf. Das Ganze macht einen recht verlassenen
Eindruck, in den Verkaufsständen am Ufer wird fleißig
gestrichen, gehämmert und sonst wie die Sommersaison
vorbereitet.
Daher wandere ich ohne Schiffsbesichtigung den Port
Rhu entlang Richtung Tristansinsel. Der Weg zieht sich
sozusagen. Die Insel selbst ist von Grünzeug überwuchert
(Wald ist es keiner, Sträucher sind es schon nicht mehr)
und mit zwei Häusern bestanden. In der Gegend irgendwo
soll Tristan (der mit der Isolde) von einem hohen Felsen
ins Meer gesprungen sein, als er merkte, dass er mit
Isolde bloß Probleme haben werde (sie war leider schon
mit dem alten König Marke verheiratet, der die Tändelei
seiner Gattin mit Tristan gar nicht gerne sah. So etwas
geht in den Sagen selten gut aus. Anstand muss Anstand
bleiben!). Der in der Gegend vorherrschende starke Wind
blähte allerdings Tristans Mantel auf, verhinderte den
Absturz auf die Klippen und wehte den lebensmüden
Tristan bis zur seither gleichnamigen Insel, wo seine
sanfte Landung stattfand. Näheres findet sich in aller
Ausführlichkeit in der klassischen Literatur.
Im Mittelalter lebte dann ein Räuberhauptmann samt
einschlägiger Bande auf der Insel, der es im Leben weit
brachte, aber nicht weit genug, denn 1602 wurde er
dingfest gemacht und aufs Rad geflochten, wie man so
schön beschönigend schreibt. Das überlebte er naturgemäß
ebenso wenig wie alle anderen, die jemals dasselbe
Schicksal ereilte.
Wer heute auf der Tristansinsel lebt, weiß ich nicht.
Irgendwer muss es schon sein, denn das Betreten der
Insel ist verboten.
Danach komme ich auf der ansteigenden Strasse zu
einer kleinen steingefassten Bucht, dem Plage des Dames
mit winzigem Sandstrand, auf dem zahlreiche barbusige
Französinnen liegen mit ganzen Scharen von Kindern
(nicht barbusig und nicht auf dem Rücken liegend). Nach
aussichtsreicher Besichtigung von oben wandere ich
weiter aufwärts durch verwinkelte Strassen und gelange
schließlich dorthin zurück, wo es nach toten Fischen
stinkt und wo ich mein Auto abgestellt habe. Inzwischen
ist es fast 14 Uhr, die Stadt wirkt wie ausgestorben,
anständige Menschen sitzen daheim beim Mittagessen und
fahren nicht mit dem Auto. Ich indessen schon, denn ich
fahre nach Locronan. Auf der Fahrt dorthin fahre ich am
wunderschön gelegenen Plage du Ris vorbei: goldgelber
Sand, inmitten einer Bucht mit üppiger Vegetation.
Um 14 Uhr fahre ich am Ortsrand von Locronan auf
einen staubigen Parkplatz, doch ist am Rand ein
schattiger Platz frei. Dort stelle ich mein Auto ab
(Gegenüber ist ein ebenso großer Parkplatz mit einer
Menge Bäume, der jedoch praktisch leer ist. Nach trüben
Erfahrungen mit lieben Menschen fehlt mir das Vertrauen,
an solchen Plätzen mein Auto zu parken). Vom Parkplatz
wandere ich die hundert Meter zum Hauptplatz von
Locronan vor.
Streng genommen besteht der Ort Locronan eigentlich
nur aus diesem Hauptplatz und ein paar weiteren Häusern.
Der Hauptplatz allein macht Locronan jedoch sehenswert.
Die Längsachse beinahe exakt in nord/südlicher Richtung
ausgerichtet, wird die den Platz beherrschende Front der
Kirche zu Ehren des Hl. Ronan ab Mittag von der Sonne
beschienen. Und was für ein Platz ist das mit dieser
Kirche. Die Häuser stammen allesamt aus dem 18.
Jahrhundert, keine Lichtleitung, keine Telefonleitung
stört die Illusion. Der Platz liegt in keiner
Fußgängerzone, ist aber dennoch verkehrsberuhigt. Am
Morgen ein wenig Lieferverkehr, am Abend ebenfalls,
während des Tages einige Einheimische, die ohne Auto
auch nicht 10 Schritte weit kommen. So unverändert alt
wirkt der Platz, dass er auch schon als Filmkulisse
herhalten musste. Nur die modernen Ladenschilder mussten
abgenommen werden, sagt man. Wird wohl ein bisschen mehr
an Adaptierung nötig gewesen sein, aber immerhin, die
Ladenschilder sind wohltuend bescheiden und erfüllen
dennoch ihren Zweck.
Andenkengeschäfte natürlich, ein Holzschnitzer, die
Läden mit allerlei Staubfängern, aus Fayence erzeugt,
aber auch ein Bistro, die unvermeidliche Creperie an der
Ecke, ein Bäcker, das ist es. Mehr kann es auch nicht
sein, der Platz ist nicht größer.
Was gibt es an Sehenswürdigkeiten? Zwei verschiedene.
Einmal die kleine Kirche ca. 200 Meter nördlich des
Hauptplatzes, erreichbar über einen schmalen Weg
hangabwärts. Die Kapelle der Guten Nachricht dürfte
schon im 14. Jahrhundert errichtet worden sein, kein
sehenswertes Kunstwerk an sich, aber gemeinsam mit einem
Brunnen mit großen Wasserbecken gewiss ein hübsches
Bild, vor allem am Nachmittag, wenn die Brunnenfassung
und die Seitenwand der Kirche von der Sonne beschienen
ist. Am Vormittag wirkt das Ganze ein wenig duster. Umso
schöner wäre das Foto, wenn im Brunnenbecken tatsächlich
ein altes Weiblein die Wäsche wascht, wie es eines bei
meinem Eintreffen tat. Mein Pech, dass sie ihre Wäsche
mit einem dottergelben, gar nicht mittelalterlichen
Renault R4 herbeigefahren und denselben so malerisch
geparkt hatte, dass der Renault jedes Foto, von welchem
Standpunkt auch immer aufgenommen, verhunzt. Aber Gott
hat bekanntlich die Zeit gemacht und irgendwann wird die
Dame den Waschtag beendet haben und der Lausch hat ja
Geduld und Zeit.

Wegen der Chapelle de Bonne
Nouvelle kommen wahrscheinlich wenig Besucher nach
Locronan. Die meisten kommen und kamen auch nicht, weil
Locronan so hübsch aussieht, sondern wegen des Grabes
des Hl. Ronan in der Ortskirche samt angebauter
Grabkapelle, welche der Kirche ein charakteristisches
Aussehen gibt. Dazu gehört freilich auch, dass die
Kirche keine Kirchturmspitze mehr aufweist, sondern nur
einen Kirchturm, dem oben was fehlt: die Spitze, die
1808 durch einen Blitz getroffen und zerstört wurde. Im
15. Jahrhundert wurde die bestehende gotische Kirche in
dunklem Granit erbaut, anstelle einer romanischen
Kirche, von der nichts erhalten geblieben ist. 100 Jahre
später wurde die als Ergänzung gebaute Kapelle neben der
Kirche fertig, die mit ihr eine architektonische Einheit
bildet. Kirche und Kapelle sind von außen prächtig
anzusehen, sie sind aber auch innen sehr eindrucksvoll.
Besonders gefallen hat mir das freilich gar zu
prunkvolle Grabmal des Heiligen aus schwarzer Lava.
Diese liegende Figur ist ein Prachtstück und
herausragendes Beispiel gotischer Bildhauerkunst und
wirklich sehenswert.
Daran merkt man, dass die Furcht vor dem Zorn des
Heiligen Ronan im Lauf der Gotik geringer geworden ist
als zu seinen Lebzeiten. Der Heilige ist zwar nach den
Berichten über ihn ein durchaus frommer Mann gewesen,
der den Bewohnern der Gegend das Heidentum erfolgreich
austrieb, aber leider, er war nicht von eben
sanftmütiger Gemütsart. Ja, sein Jähzorn war so sehr
gefürchtet, dass sich nach seinem Tod niemand traute,
den Leichnam an einem bestimmten Ort zu begraben. Wusste
man, ob dieser Ort dem Heiligen gefallen hätte? Und
hatte er nicht immer damit gedroht, mit seinen
Beziehungen im Himmel könnte er böse Menschen auch nach
seinem Tod noch vernichten lassen, durch Feuersbrünste,
Erdbeben, Seuchen? Also lud man die Leiche auf einen
Karren, spannte zwei Ochsen davor und gab ihnen je einen
Tritt, damit sie sich in Bewegung setzten. Irgendwann
wollten sie dann den Karren nicht weiter durch die
Wildnis ziehen und blieben stehen: Siehe, das muss der
Ort sein, den der Hl. Ronan sich für seine Grabstelle
ausgesucht hat. Aus dem namenlosen Ort in der Wildnis
wurde in der Folge Locronan. Über dem Grab wurde schon
im 11. Jahrhundert die schon erwähnte romanische Kirche
errichtet, ein Bau, der wohl eher dem Wesen des Heiligen
entsprach als der heutige. Sei es.

Ronan hatte zu Lebzeiten auch noch andere Eigenheiten
gehabt. Für die Überfahrt aus Irland hatte er kein
normales Boot benützt, sondern ein Stück Felsen, sagt
man. Als er damit an der Küste landete, verwandelte sich
der Fels von einem Boot in einen Schimmel, der ihn an
Land trug. Als er einmal an Land war, lebte er als
Eremit in der Nähe des heutigen Locronan im tiefen Wald.
Dort stritt er sich mit einer druidischen Zauberin
herum, was ihn nicht hinderte, jeden Morgen bloßfüssig
durch den Wald zu wandern, angeblich 5 Kilometer lang.
Jahrzehnte nach Ronans Tod wurde diese Route durch den
zuständigen Grafen ein für allemal bestimmt: Hier ist
Ronan meditierend gewandert und nirgends anders. Seit
damals gibt es einmal jährlich eine große Prozession,
natürlich nicht blossfüssig, aber immerhin betend, immer
anfangs Juli, mit dem schönen Namen Troménie, was sich
aus dem bretonischen "Tour um die Kirche" ableitet. Alle
sechs Jahre gibt es eine Grande Troménie, heuer von 7. -
15. Juli. Zwölf Kilometer sind es, in zwölf Etappen.
Gültig ist sie und wird einem im Todesfall angerechnet,
wenn man dem Lauf der Sonne folgt, die Kirche von
Locronon immer rechts behält und wieder an den
Ausgangspunkt zurückkommt. Gleiche günstige Wirkung
erzielt man durch Teilnahme an drei gewöhnlichen
Troménien. Im Mittelalter haben sich einzelne Reiche,
Kranke und Faule gegen Bezahlung durch arme Leute
vertreten - keiner weiss aber, ob das als gleichwertig
anerkannt wurde. Im Zweifel also lieber selber gehen und
die Regeln einhalten. Aufpassen heißt es auch
unmittelbar vor der Rückkehr nach Locronan, denn dabei
passiert man das Kreuz der Keben (der druidischen
Zauberin) und vor dem bekreuzt man sich partout nicht!
An einem schönen Mainachmittag merkt man von all
diesen komplizierten Regeln natürlich nichts. Je später
am Nachmittag, desto schöner die Stimmung und so ab 17
Uhr senkt sich sozusagen heilige Ruhe über den großen
Platz, der deshalb auch "Grande Place" heißt. Gegen 18
Uhr schließen die meisten Läden und die wenigen
Einheimischen ziehen sich mit frischen Baguettes in ihre
Häuser zurück bzw. ins Gasthaus an der Ecke. Ich bleibe
mehr oder minder allein auf dem Platz, setze mich auf
eine Steinbank im Schatten und lasse die Stimmung auf
mich wirken.
Ich niste mich später dann auf dem Parkplatz Richtung
Crozon ein; er ist auch nachts beleuchtet und ich bin
dort nicht allein; auch einige Wohnmobile werden dort
über Nacht abgestellt. Dann kaufe ich im letzten noch
offenen Geschäft einige Mitbringsel und mache einige
hoffentlich stimmungsvolle Aufnahmen. Dabei vergesse ich
aber auf den Kauf des Reklameschildes für eine
Absinthmarke. Am Nachmittag bin ich am diesbezüglichen
Geschäft so an die zehnmal vorbeigegangen. Also keine
Schnapsreklame in der heimischen Wohnung.
Wollen Sie
weiter lesen? Klicken Sie!
|