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KIEV 4, vor allem KIEV 4M und 4AM

Kiev 4 AM
Recht häufig
findet man bei uns in Österreich in den Auslagen der Fotohändler
gebrauchte Kiev 4, vor allem aber Kiev 4M und Kiev 4AM von Zavod
Arsenal aus Kiew in der Ukraine.
Hat man ein wenig Glück und ersteht man eines der jüngeren Exemplare
(an sich aber auch schon mindestens 20 Jahre alt), kann man mit der
Kiev prächtig fotografieren und erlebt heute noch, wie man bis in
die 50er-Jahre mit einer Contax fotografierte - von einer Nikon I,
M, S, S2, SP, S3 und S4 ganz zu schweigen.
Denn die Kiev 4, 4M und 4AM und ihre Vorgängermodelle sind
weitgehend exakter Nachbau der Contax II und III.
Aber auch die Firma Nippon
Kogaku K. K. (heute Nikon Corp.) hat ab 1947 die äußere Form, die
Art der Entfernungseinstellung, den Objektivanschluss und noch
einiges andere für ihre neuen Sucherkameras übernommen und mit
einzelnen Merkmalen der Leica kombiniert. Deshalb vemitteln die
erwähnten heute sündteuren Messsucherkameras von Nikon, aber auch
und vor allem die preiswerte Kiev 4 und ihre Nachfolgemodelle
wenigstens zum Teil das Gefühl, wie es gewesen sein muss, mit der
Contax zu fotografieren - natürlich können Sie sich auch gleich die
Contax kaufen, aber besser die Nachkriegsmodelle Contax IIa und
IIIa. Für diese Kameras benötigen Sie aber unverhältnismäßig mehr
Geld.
Mit der Kombination von
Merkmalen der Contax (vor allem die äußere Form und die Art der
Entfernungseinstellung beim Normalobjektiv) und Leica (vor allem der
Verschluss), kombiniert mit eigenen Entwicklungen von Bauteilen
wurde den Grundstein für die Entwicklung zu einer der berühmtesten
japanischen Kamerafirmen gelegt. Aber das ist eine andere
Geschichte, die ich
anderswo erzähle.
Die Bedeutung der Kiev für die Entwicklung der fotografischen
Industrie, aber vor allem ihre Bedienung und ihre heutige
Verwendbarkeit (samt Vorzügen und Schwächen) möchte ich im Folgenden
an Hand einer Kiev 4 AM beschreiben.
Zuerst
ein Rückblick
Ab 1925 war die Leica erhältlich.
Sie wurde nicht nur die erste erfolgreiche Kleinbildkamera (einzelne
Kameramodelle für die Verwendung mit Kinofilm hatte es schon vorher
gegeben, auch in der damaligen Sowjetunion, vor allem aber in
Frankreich und den USA). Sie wurde darüber hinaus sozusagen zum
großen Vorbild für alle anderen Produzenten; ab den 30er-Jahren war
der von der Leica eingeleitete Trend zum Kleinbildfilm ungeachtet
technischer Mängel des Filmmaterials unaufhaltsam und unübersehbar.
Der Fa. Zeiss Ikon, war damit unversehens eine mächtige Konkurrenz
erwachsen. Kein Wunder, dass auch Zeiss Ikon nach einer - längeren -
Schrecksekunde eine Kleinbildkamera auf den Markt brachte, und was
für eine: neben der Leica das zweite, klassisch gewordene Modell
einer Sucherkamera für Kleinbildfilm: die Contax. Aber auch das ist
eine
andere Geschichte.
Was nun im Alltagsgebrauch die bessere, einfachere, vielseitigere
Kamera sei, war unverzüglich heiß umstritten. Wer die besseren,
sprich schärferen Objektive lieferte, wurde in aller Ausführlichkeit
debattiert. Ob ein senkrecht ablaufender Schlitzverschluss wie in
der Contax günstiger sei oder ein waagrecht ablaufender Verschluss
wie in der Leica, war heiß umstritten.
Im Nachhinein ist leicht reden: Sowohl die Leicas als auch die
Contax-Kameras waren umständlich zu bedienen, schwer und
reparaturanfällig; beide hatten ihre Vorzüge und ihre Nachteile,
aber beide gemeinsam machten nicht nur ihre Erzeuger reich, sondern
begründeten eine neue Ära der Fotografie. Durch die im Vergleich mit
Platten- oder Rollfilmkameras viel kleineren und unauffälligeren
Kameras wurden lebendigere Fotos möglich, weil die Menschen gar
nicht merkten, dass sie fotografiert wurden und daher nicht in
starre Posen verfielen. Mit einem Mal waren Reportagen möglich und
die klassischen Fotos von Dr. Paul Wolff, Robert Capa,
Cartier-Bresson, Werner Bischof und vielen anderen konnten einfach
nur mit Kleinbildkameras entstehen.
Zum ersten Mal in der Geschichte der Fotografie hatte aber auch der
"kleine Mann" die Möglichkeit, sich, seine Familie und die
bescheidenen Ereignisse, die ihn bewegten, leicht, ungezwungen und
verhältnismäßig billig zu verewigen.
Denn die
damals extrem teuren Leicas und die Contax als Spitzenleistungen der
Kameratechnik wurden ergänzt durch eine Unzahl von preiswerteren
Apparaten mit geringeren Möglichkeiten und - geringerer Qualität.
Ihren Zweck erfüllten sie alle, denn kommt es nicht viel mehr auf
den Fotografen als auf die Kamera an? Das Bild, das der Fotograf
nicht sieht, nimmt für ihn damals keine Kodak Retinette auf, aber
auch keine Leica und keine Contax. Daran hat sich bis heute nichts
geändert, auch wenn moderne Kameras für Film viel einfacher zu
bedienen sind.
In den kapitalistischen Staaten mit funktionierendem Patentrecht und
Musterschutz waren Leica und Contax gegen Nachbau und Imitation bis
1945 geschützt. Nicht so in der Sowjetunion, die den entsprechenden
völkerrechtlichen Vereinbarungen gleich gar nicht beigetreten war
oder sie nicht anerkannte, soweit sie in der Zarenzeit
unterschrieben worden waren.
Daher begannen schon zu Anfang der 30er-Jahre sowjetische Firmen den
Nachbau der Leica.Vor allem die damals modernste Leica II diente als
Muster.
Anders war die Lage bei der Contax. Die Vorkriegsmodelle der Contax
(I - III) wurden nicht nachgebaut. Warum, ist nicht exakt
feststellbar. Unter anderem mag es an dem komplizierten
Entfernungsmesser aller Modelle der Contax gelegen haben, an der
seltsamen Art der Entfernungseinstellung beim Normalobjektiv oder
einfach daran, dass man sozusagen, wenn schon, denn schon, die
Urmutter aller Kleinbildkameras kopierte und nicht die Konkurrenz.
So blieb es bis 1945.
Nach dem Zusammenbruch Nazi-Deutschlands requirierte die siegreiche
Sowjetmacht unter anderem, was an Maschinen und Plänen bei Zeiss
in Jena und Zeiss Ikon in Dresden vorhanden war und was man an nicht
verbauten Bestandteilen anderswo, vor allem in Saalfeld, vorfand.
Die
damaligen Vorgänge sind schlecht dokumentiert. Fest steht, dass
Maschinen und Pläne in die Sowjetunion gebracht wurden, nachdem eine
Anzahl Contax in Jena erzeugt worden war (anscheinend, um die
Funktionsfähigkeit der Maschinen zu testen). Die Maschinen wurden in
einem neuen Werk in Kiew in der Ukraine aufgestellt und man begann
ab 1947, mit diesen Maschinen an Hand der mitgebrachten Pläne und
zunächst unter Verwendung der ebenfalls mitgebrachten Bestandteile
die beiden Contax-Modelle nachzubauen, die Contax III mit
Belichtungsmesser, die Contax II ohne. Abgesehen von der allmählich
sich verschlechternden Materialqualität und der sinkenden
Fertigungsqualität und der neuen Bezeichnung Kiev in zyrillischer
Schrift entsprachen die Kameras sozusagen bis zur letzten Schraube
der Contax II bzw. III.
Im Vergleich mit anderen
sowjetischen Kameras jener Zeit waren die einzelnen Exemplare der
Kiev im Durchschnitt von besserer Qualität; auch bei den Kievs kam
allerdings der Erfüllung der Zahlen im 5-Jahres-Plan mehr Bedeutung
zu als der Funktionsfähigkeit der Kameras. Auf gut Deutsch bedeutete
das, dass der Käufer einer Kiev mit Glück eine funktionierende
Kamera aus der Verpackung holte, ohne Glück allerdings eine, die von
Anfang an nicht funktionierte, vielfach, weil ihr einzelne Teile
fehlten oder, wenn vollständig, falsch zusammengebaut waren.
Die Kiev wurde, so wie andere
sowjetische Kameras auch, in den Westen exportiert; in Österreich
etwa war sie in der russischen Besatzungszone (bis zum Abzug der
Roten Armee und dem Abschluss eines Friedensvertrages im Jahre 1955)
recht häufig zu sehen. Sie war häufiger zu sehen als sie gekauft
wurde, litt sie doch unter dem Odium ihrer Herkunft. Waren die
sowjetischen Soldaten gefürchtet und gehasst wegen ihrer
Alkoholexzesse und der damit verbundenen Gewalttaten, übertrug sich
die Abneigung gegen sie auf alles Sowjetische und gleich auch auf
alles Russische, einschließlich Tolstoi und Dostojewski. So wurden
auch die Kameras aus Kiew mit Geringschätzigkeit betrachtet. Wer
dennoch eine Kiev kaufte, musste sie nach dem Kauf sehr häufig
reparieren lassen, falls nicht der Importeur ohnehin jede Kamera vor
der Auslieferung an die Fotohändler prüfte und reparierte. Dafür war
die Kiev allerdings billig, viel billiger als vergleichbare Produkte
aus West-Deutschland und in der Folge auch aus Japan.
Die einzelnen Modelle und
Modellvarianten der Kiev:
Bis zum Ende der Produktion
ca. 1985 wurde die Kiev zwar in verschiedenen Modellen geliefert,
wirklich modernisiert wurde sie nie.
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1947 -
1955 |
Kiev 2
unveränderter Nachbau der Contax II ohne Belichtungsmesser |
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1952 -
1955 |
Kiev 3
unveränderter Nachbau der Contax III mit Belichtungsmesser |
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1956 -
1958 |
Kiev 2a
Contax II-Nachbau + Blitzkontakt |
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1956 -
1958 |
Kiev 3a
Contax III-Nachbau + Blitzkontakt + Belichtungsmesser |
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1957 -
1979 |
Kiev 4
wie Kiev 3 mit kleinerem Belichtungsmesseraufsatz |
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1958 -
1980 |
Kiev 4A
wie Kiev 2a, mit Filmmerkscheibe, aber ohne
Belichtungsmesser |
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1963 |
No-Name-Kiev
Zu
Zeiten der Kubakrise hergestellte Kiev 4a ohne Aufschrift,
primär für USA bestimmt, laut manchen Quellen in Jena
erzeugt aus sowj. Teilen |
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1968 -
1973 |
Kiev 5
Neue
Kamera mit geändertem Aussehen und Objektivanschluss |
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1977 -
1985 |
Kiev 4M
moderneres Aussehen, Hotshoe, sonst wie Kiev 4 |
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1980 -
1985 |
Kiev 4AM
modernes Aussehen, Hotshoe, kein Belichtungsmesser, sonst
wie Kiev 4M |
Lediglich die von 1967 bis 1973 erzeugte Kiev 5 wies wirkliche
Neuerungen auf, von der äußeren Form angefangen bis zum
Schnellschalthebel. Doch die Kiev 5 ist eine Art weißer Elefant: man
weiß, dass sie erzeugt wurde, man weiß, dass sie auch in den
kapitalistischen Westen exportiert wurde (so wie alle anderen
sowjetischen Kameras auch ins Land des Erzfeindes), man findet sie
freilich nur ganz selten, kein Wunder, wurden doch anscheinend bloß
ca. 40.000 Stück erzeugt. Wenn Sie ein Bild samt Kurzbeschreibung
sehen wollen, klicken Sie
hier!
Die Kiev 4 samt Folgemodellen und mehr noch die Kiew 5 sind
interessante Kameras, schon wegen ihrer Abstammung, vor allem aber,
weil man mit ihnen, falls man ein funktionsfähiges Exemplar bekommt,
tadellos fotografieren kann und den Bildern nicht ansieht, dass sie
mit einer konstruktiv fast 60 Jahre alten Kamera gemacht wurden. Und
weil die Kiev keinen guten
Ruf hat, sind namentlich die Kiev 4M und die Kiev 4AM als die
(relativ) jüngsten der Reihe preislich günstig zu erhalten. Manchmal
findet sich im Internet die Behauptung, die Qualität sei umso
besser, je älter die Kamera sei, was an sich nicht falsch ist.
Ich werde im Folgenden die wesentlichen Eigenschaften und die
Bedienung der Kiev an Hand des gängigen Modells Kiev 4AM
beschreiben, wie Sie es unten abgebildet sehen.
Bedienungselemente der Kiew 4AM
Das von der
Contax übernommene 8-eckige Gehäuse ist gekennzeichnet durch das
Sucherfenster (rechts, von vorne gesehen) und das Fenster des
Entfernungsmessers links außen. Rechts oberhalb dieses Fensters
sehen Sie ein teilweise verdecktes Zahnrad mit einem Stift dahinter.
Unterhalb des Fensters des Entfernungsmessers auf der
Gehäusevorderseite befindet sich nahe dem Gehäuseboden der
Selbstauslöserhebel, den Sie nach links drehen können. Dann wird ein
kleiner Schieber sichtbar, den sie zum Objektiv hin schieben. Haben
Sie den Verschluss vorher gespannt, schalten Sie damit den
Selbstauslöser mit einer Vorlaufzeit von ca. 10 Sekunden ein. In der
Mitte oberhalb des Objektivs den Schriftzug Kiev in kyrillischen und
lateinischen Buchstaben (in englischer Schreibweise des Namens). Das
Objektiv ist fast immer ein Helios-103 mit den Daten 1,8/53 mm, das
übliche Standardobjektiv für die Kiew 4. Hinter dem Objektiv am
Kameragehäuse befindet sich eine Entfernungsskala. An der
Objektivfassung findet sich beim Normalobjektiv ein längerer Hebel.
Drücken Sie ihn nach hinten, zum Gehäuse hin, können Sie das
Objektiv aus der inneren Bajonettfassung lösen und auswechseln.
Zwischen Objektivfassung und Sucherfenster gibt es noch einen
kleinen Schieber, mit dem Sie alle anderen Objektive (für das
Außenbajonett) wechseln können. Unterhalb des Sucherfensters ein
Blitzkontakt, nützlich, falls Sie nicht den "Hot Shoe" im
Zubehörschuh verwenden wollen oder können.
Auf der
Gehäuseoberseite sehen Sie rechts einen großer, geriffelter
Drehknopf, mit dem Sie durch Anheben die Belichtungzeit auf eine
Marke auf der Gehäuseoberseite einstellen. Ohne Anheben
transportieren Sie mit diesem Drehknopf den Film und spannen den
Verschluss.
Achtung: Die Zeiten sollten Sie nur verstellen, wenn Sie
vorher den Film transportiert und damit den Verschluss gespannt
haben. Ansonsten kann der Verschluss nach der nächsten Aufnahme
teilweise offen bleiben!
Einen Schnellschalthebel besitzet kein Modell der Kiev, aber das ist
kein Mangel, mit dem Sie hoffentlich leben können. In der Mitte
dieses Drehknopfes ist der Auslöser mit Drahtauslöseranschluss.
Links davon findet sich das Zählwerk. In der Mitte ist der
Zubehörschuh angebracht mit kabellosem Kontakt für Blitzgeräte.
Links davon die ausklappbare Rückspulkurbel. modisch aus schwarz
lackiertem Metall mit chromfarbenen Zierstreifen.
Betrachten Sie die Kamera von hinten (Rückseite hier nicht
abgebildet), sehen Sie an Bedienungselementen nichts außer der
schwarz belederten und abnehmbaren Rückwand und (in Aufnahmehaltung)
links oben den Suchereinblick; im Messsucher können Sie auch die
Entfernung einstellen.
Sagen Sie nicht, das sei nichts Besonderes, bei allen Schraubleicas
einschließlich des letzten Modells, der Leica IIIg, waren Sucher und
Entfernungsmesser getrennt.
Links neben dem Transport- und Zeitenrad sehen Sie an der
rückwärtigen Kante des Oberteils ein schmales, teilweise in das
Oberteil eingelassenes Zahnrad. Mit diesem stellen Sie nach dem
Einlegen eines Films und 2 Leeraufnahmen das Zählwerk manuell auf
Null.
Auf der Gehäuseunterseite finden Sie zwei Drehknöpfe; drehen Sie
beide bis zum Anschlag, können Sie die Rückwand als Ganzes abziehen
und den Film in der üblichen Weise einlegen. Achten Sie, dass die
Perforation ins Zahnrad des Filmzählwerkes eingreift, ehe Sie die
Rückwand schließen, sonst reißt sie beim Filmtransport. Genau
unterhalb des Objektivs findet sich der Stativanschluss - auch
nichts Besonderes.
Fotografieren mit der Kiew 4AM:
Haben Sie den Film
eingelegt, zwei Leeraufnahmen gemacht, nach jeder den Film mit dem
Drehknopf rechts auf der Oberseite des Gehäuses weiter
transportiert?
Haben Sie
auch den Film mit der Rückspulkurbel links in der Patrone gestrafft
und aufgepasst, ob sich die Rückspulkurbel dreht, wenn Sie den Film
transportieren? Haben Sie das Zählwerk manuell auf Null gestellt?
Das alles haben Sie?
Dann steht dem Vergnügen fast nichts mehr im Wege. Der Reihe nach:
1.
Entscheiden Sie sich, was Sie fotografieren wollen.
2. Stellen Sie, nachdem Sie den Film weitertransportiert
und damit den Verschluss aufgezogen haben, unter Anheben des
Drehknopfes rechts auf dem Gehäuse die passende Belichtungszeit ein.
3. Die passende
Blende wählen Sie mit dem schwarzen Drehring und stellen Sie dem
roten Punkt auf der Chromfassung gegenüber.
4. Blicken Sie in den Sucher und stellen Sie die Entfernung mit
dem eingebauten Entfernungsmesser ein, indem Sie bei angesetztem
Normalobjektiv mittels des kleinen Zahnrad an der Vorderkante des
Oberteils nach rechts oder links drehen und gleichzeitig den hinter
dem Zahnrad befindlichen Hebel nach unten drücken. Durch diesen
Druck lösen Sie die Verriegelung der Entfernungseinstellung.
Alternativ können Sie beim Normalobjektiv die Entfernung auch durch
Drücken dieses Hebels und durch nachfolgendes Drehen des Chromringes
am Objektiv einstellen (mit dem schwarzen Ring stellen Sie die
passende Blende ein).
5. Drücken Sie den Auslöser
6. Drehen Sie den Transportknopf mit der Zeiteneinstellung im
Uhrzeigersinn bis zum Anschlag. Damit haben Sie den Film eine
Aufnahme weiter transportiert und den Verschluss gespannt. Danach
können Sie bei Bedarf die Belichtungszeit verstellen, vorher sollten
Sie es nicht tun - siehe Pkt. 2.
Wo Sie sehen
können, welche Blende und Belichtungszeit Sie einstellen sollen?
Dazu brauchen Sie einen separaten Belichtungsmesser oder aber die
Kiew 4M mit eingebautem, aber nicht gekuppelten
Selen-Belichtungsmesser (bzw. ein anderes Modell der Kiev mit
Belichtungsmesser). Bevor Sie sich aber jetzt eine Kiev 4M etc.
kaufen, beachten Sie: Selenzellen haben eine Lebensdauer von ca.
20-30 Jahren, sie brauchen keine Batterie, sondern erzeugen durch
das einfallende Licht genügend Strom für die Messung - und sie sind
nicht sehr empfindlich. Viele Selenzellen bei derart alten Kameras
funktionieren aber nicht mehr oder nicht mehr einwandfrei, wie schon
gesagt.
Ich empfehle
daher gleich ein Modell der Kiev ohne Belichtungsmesser (das gilt
erst recht für die älteren Modelle). Funktioniert der
Belichtungsmesser nämlich nicht mehr einwandfrei, schleppen Sie
fortan bloß zusätzliches Gewicht mit sich umher, denn abnehmbar ist
der Belichtungsmesser nicht.
Sie wollen Wechselobjektive verwenden? Tun Sie das. Die von den
Sowjets zu den Kievs erzeugten Objektive (von 28 - 135 mm) passen
natürlich. Die Objektive von Zeiss zur Contax passen - probieren Sie
es dennoch aus, ehe Sie kaufen. Damit passen aber auch viele
Objektive japanischer Erzeuger, die eine Version mit Contax-Fassung
produzierten. Ob Sie allerdings ein wahrlich kostbares Nikkor 1,5/35
ausgerechnet an der Kiev verwenden wollen, bleibt Ihnen überlassen.
Ein kleines Problem müssen Sie dabei übrigens auch noch überwinden:
Der Sucher der Kiev zeigt zwar ungefähr, was das Normalobjektiv auf
den Film bringt, aber nicht das Bild, das von Wechselobjektiven
erzeugt wird. Daher brauchen Sie einen Aufstecksucher für die
entsprechende Brennweite, oder aber einen passenden
Multifokalsucher, sinnvoll vor allem, wenn Sie Wechselobjektive
unterschiedlicher Brennweite verwenden wollen. So etwas gibt es im
Gebrauchthandel zahlreich, von Kiev, FED und Zorki aus der
ehemaligen Sowjetunion etwa. Von der damaligen Firma Leitz natürlich
auch, aber für das Geld, das sie für den teuren Leitz-Sucher
hinlegen müssen, können Sie sich gleich eine ganze Schar von Kievs
kaufen. Auch die Zusatzsucher für Cosina/Voigtländer Bessa-Modelle
sind im Vergleich mit dem Preis der Kiev 4AM nicht besonders
preiswert.
Die russischen Wechsel- (Multifokal-)sucher finden Sie wohl in allen
größeren Städten ohne besondere Schwierigkeiten. Es gibt 2
Varianten: Für die Kiev sind die Multifokalsucher bestimmt, die - in
Aufnahmehaltung - den Sucherschuh nach links versetzt haben, die
anderen sind für FED und Zorki!
Mein persönlicher Rat: Lassen Sie die Wechselobjektive bleiben.
Ich finde es schön, dass man mit 40 Jahre alten mechanischen Kameras
mit ein wenig Wissen um die Zusammenhänge auch heute noch vielfach
Aufnahmen machen kann, die Bildern mit modernen Kameras nicht
nachstehen müssen. Aber heute fährt niemand mehr mit der Postkutsche
in den Urlaub. Wollen Sie wirklich mit viel Aufwand dauernd so
fotografieren, wie unsere Vorfahren und dabei die Freude am Ergebnis
verlieren, auf das es ja ankommt?
Natürlich kann man mit einer Kiew 4AM den eigenen Sprössling
fotografieren und mit Glück wird man ein gutes Bild erhalten. Viel
weniger Aufwand und viel weniger Glück brauchen Sie aber für dieses
Bild, wenn Sie eine
moderne SLR mit AF und Zoomobjektiv verwenden.
Der Film ist
voll, Sie wollen ihn zurückspulen? Wie?
Nicht, indem Sie an der Rückspulkurbel mit Brachialgewalt drehen.
Sie reißen nur den Film aus der Patrone oder beschädigen die
Perforation des Films. Beides macht in der Folge Probleme.
Statt dessen
betrachten Sie die Unterseite und sehen am Boden (auf der Seite des
Entfernungsmesserfensters) beim Drehknopf einen roten Punkt, auf den
Sie - vorsichtig - die Lasche ausrichten und dabei zur Sicherheit
weiter den Kameraboden gegen das Gehäuse drücken. Dann drehen Sie an
der Rückspulkurbel - es ist geschafft.

Blitzaufnahmen mit der Kiew 4AM:
Sie können
jedes Blitzgerät mit einem Fußkontakt (Hot Shoe) verwenden, auch die
für bestimmte Kameras gebauten (dedicated). Die zusätzlichen
Kontakte im Fuß derartiger Blitzgeräte funktionieren an der Kiev 4AM
nicht. Infolgedessen können Sie die zusätzlichen Eigenschaften nicht
nützen. Sie müssen das Blitzgerät allerdings von TTL- auf
Computerblitzen umstellen - allenfalls an Hand der
Gebrauchsanleitung des Blitzgeräts.
Haben Sie
indessen noch ein ganz altes Blitzgerät ausschließlich mit
Kabelanschluss, können Sie auch dieses verwenden.
Und
vergessen Sie nicht die Umstellung der Belichtungszeit auf die 1/25
Sekunde mindestens (rot eingelegt) manuell einzustellen. Ihr Blitz
macht das nur an Ihrer modernen AF-Kamera automatisch.
Fazit:
Ob Sie sich eine Kiev 4AM kaufen wollen, das müssen Sie entscheiden,
nicht ich. Ich bin, sage ich zum Abschluss, mit meinem Exemplar
zufrieden und kann mit den immanenten Beschränkungen leben. Aber
freilich, mit einer Leica M3, einer Canon 7 oder gar einer Nikon SP
(der Konkurrenz, vom Alter her) soll man die Kievs besser nicht
vergleichen - und mit einer modernen AF-SLR oder einer Leica M7 oder
MP natürlich auch nicht - auch nicht vom Preis her.
Technische Daten:
Kleinbildkamera mit oder ohne ungekuppelten Selen-Belichtungsmesser
und Messsucher ohne Parallaxenausgleich. Bajonettfassung,
Normalobjektiv Jupiter 8, 2/50mm oder Helios –103 mit den Daten
1,8/53 mm, Metall-Schlitzverschluss mit Zeiten von 1/2—1/1000
Sekunde und B, X-Synchronisation bei 1/25 Sekunde und Kontaktbuchse
auf der Vorderseite unterhalb dem Sucherfenster und zusätzlichem
Hotshoe, Selbstauslöser mit 10 Sekunden Vorlaufzeit, manuell
einzustellendes Bildzählwerk auf der Oberseite des Gehäuses mit
Rändelrad auf der Rückseite. Rückwand und Bodendeckel aus Einheit
mittels zweier Schraubknebel abziehbar, daher leichtes
Filmeinlegen—die Contax lässt grüßen.
Gewicht: 710
g mit Helios-103, Maße: 141x83x73 mm (LxHxT).
Erzeugt
wurde die Kameras der Marke Kiev von Zavod Arsenal in Kiew in den
Jahren 1947—1987. Wert von äußerlich gut erhaltenen und
funktionsfähigen Exemplaren jüngerer Jahrgänge der Kiev 4m und 4am
(Zustand B+ oder besser) ca. US$ 80.– bis max. US$ 100.-. Seit 1990
sind viele Kievs nach Westeuropa gelangt, viele haben Mängel.
Reparaturen lohnen sich im Hinblick auf den relativ geringen Wert
praktisch nie. Schön erhaltene und voll funktionsfähige Kameras
sind selten. Bei den älteren Modellen mit Belichtungsmesser dürfte
die Selenzelle in der Regel am Ende ihrer Lebensdauer angelangt
sein!
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