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4.
Teil
( Rosses Point, Banada Abbey,
Castlebar etc.)
Samstag, 7. Juni 1997
Leider
gießt es am Morgen, wie wir Wiener sagen, wie aus Schaffeln
(Wäschezubern). Nach dem Frühstück daher nur ein kurzer Ausflug nach
Sligo, Zeitungen kaufen. Ich habe sie allerdings sehr schnell
gelesen, denn mehr noch als das Tagesgeschehen interessieren mich
heute die Erlebnisse eines kleinen Jungen in den Vierziger- und
Fünfziger-Jahren in Limerick, die McCourt in seinem Buch
autobiographisch und eindrucksvoll schildert. Von einer Armut
berichtet er, die wir uns gar nicht mehr vorstellen können, von
einer geistigen Not aber auch, die Gott sei dank auch schon
Vergangenheit ist. Denn in den letzten Jahren ist auch in Irland die
unheilvolle Herrschaft eines verbohrten katholischen Klerus über die
Herzen und Hirne der Menschen gebrochen worden.
Man kann sich das bei
uns ja gar nicht vorstellen: da darf noch Anfang der NEUNZIGER-Jahre
ein "Seelenhirte" ungestraft von seinem Bischof von der Kanzel jenen
Pfarrkindern die ewige Verdammnis ankündigen, die für ein noch nicht
vierzehn Jahre altes Mädchen gesammelt haben, das ein Kind auf die
Welt gebracht hatte. Dieses Kind sei ein Kind der Sünde und wer es
unterstütze, sündige selbst, predigte der Seelenhirte. Wer solche
Leute beschäftigt, braucht sich nicht wundern, wenn ihm die
Gläubigen davonlaufen und die Jugend mit dieser Kirche nicht mehr
viel anzufangen weiß. Heute sind 22% aller in Irland geborenen
Kinder unehelich.
Dieser Vorfall ist
nicht untypisch für die Einstellung der irischen Kirche. Nach 1945
hat sie einen durchaus schwungvollen Export von irischen
Kleinkindern nach Amerika und Australien betrieben. Die irischen
Kinder waren beliebt, weil weiße, katholische Ehepaare bei dieser
Herkunft sicher sein konnten, dass ihre Adoptivkinder keinen Tropfen
Negerblut in ihren Adern haben. Dafür waren sie auch bereit, den
katholischen Orden, welche die Kinder besaßen, einiges an Spenden zu
überweisen. Woher die Nonnenorden die Kinder hatten? Nun, der Staat
ließ Mütter unehelicher Kinder samt Nachwuchs von Nonnen betreuen;
dafür zahlte er. So ließen die Nonnen die Kinder ein Jahr mit ihren
Müttern im Kloster leben und dann bewegten sie die Mütter unter
allerhand Vorwänden dazu, ihre Kinder zur Adoption freizugeben;
anschließend warfen sie dann die Mütter, die ja zu nichts mehr gut
waren und ohnehin sündhaft, aus dem Kloster wieder hinaus. Sollten
die Mütter aber versucht haben, ihrem Schicksal zu entkommen, wurden
sie wie entflohene Sträflinge von der Polizei aufgestöbert und
wieder – samt Kind – ins Kloster zurückgebracht. Damit niemand
glaubt, das sei ein Einzelfall: Es geht um mindestens 1500 Kinder
und die ganze Aktion wurde gefördert durch den damaligen Erzbischof
von Dublin, John Charles McQuaid. Als das ganze aufflog, weil
einzelne Mütter und einzelne – erwachsene – Kinder versuchten,
miteinander Kontakt aufzunehmen, wurden sie im Namen Gottes von den
Nonnen so lange belogen, bis die Presse von der Sache Wind bekam.
Das alles können Sie
nicht glauben? Lesen Sie die irischen Tageszeitungen vom Sommer
1996, z. B. die
Irish
Times;
noch besser, besorgen Sie sich das Buch "Banished Babies" von Mike
Milotte, New Island Books.
Gegen Mittag klart der
Himmel auf. Ich fahre über Collooney in Richtung nach Boyle mit
seiner sehenswerten Klosterruine (Eintrittsgebühr) von dort zum
Lough Key Forest Park (ebenfalls Eintrittsgebühr). Solche Forest
Parks gibt’s über ganz Irland verstreut, meist ist allerdings der
Eintritt gratis. Warum sie hier Eintritt verlangen, ist mir nicht
klar, aber es ist so.
Ich sitze in der
Sonne, schaue den Wellen zu, die sanft ans Ufer plätschern,
betrachte die schnell dahinziehenden Haufenwolken und lasse es mir
gut gehen. Es wird ein fauler Nachmittag.
Weil der Abend so
schön ist, fahre ich bis Carrick-on-Shannon weiter, einer
Kleinstadt, nicht weiter erwähnenswert, wäre sie nicht Sitz vieler
Bootsvermieter und daher bei all den Leuten, die mehr oder weniger
lange auf dem Shannon mit dem Boot fahren wollen, weithin bekannt.
Die Hauptstraße des Städtchens ist schnell besichtigt, der
Bootshafen (Marina in der Fachsprache) beschäftigt mich ein wenig
länger. Motorboote gibt es hier in jeder gängigen Größe. Gängig sind
Boote mit 3 – 7 Schlafkojen. Ein älterer Mann am Hot-Dog-Stand
erkennt meine Neugier, wir kommen ins Reden und er erweist sich, so
wie ich, als Zweifler: Es sei nicht schwer, mit dem ungelenken Boot
zu navigieren, wenn man zumindest zu dritt sei; Ehe- oder andere
Paare hätten hingegen meist Schwierigkeiten und allein komme man mit
dem Boot ohnehin nicht zurecht. Zu viele Probleme beim Anlegen.
Überhaupt sei das enge Zusammenleben auf einem solchen Boot ein
echter Prüfstein für Freundschaften, Ehen etc. Im übrigen man sehe
doch einiges auf einer solchen Fahrt, nicht nur den Fluss und die
Ufer; man könne ja anlegen und an Land gehen, um etwa Clonmacnoise
zu besichtigen, alles eben, was seinerzeit am Fluss angelegt worden
sei.
Mit einem kleinen
Umweg am Westufer des Lough Allen fahre ich am Abend wieder ins
Hotel. Diesmal sitze ich mit drei Golfspielern aus Palm Springs am
Tisch; den Golfplatz neben dem Hotel loben sie nicht sehr, aber
Irland, aus dem ihre Eltern ausgewandert sind, gefällt ihnen. Nicht
nur die Schwarzen in den USA suchen ihre "Roots", auch die anderen
Einwanderer. Und irische Einwanderer und ihre Nachkommen gibt es in
den USA genug: Allein in der Zeit der Hungersnot ist über eine
Millione Iren ausgewandert (worden). Erst in den letzten paar Jahren
ist der Strom der Auswanderer versiegt, aber jahrzehntelang sind die
Besten und Unternehmungslustigsten des irischen Volkes dem Land
durch Auswanderung verloren gegangen. "The Irish Diaspora" nennt die
irische Präsidentin diesen Vorgang beschönigend.
Vor dem Einschlafen
lese ich dann mein Buch zu Ende. Danach kann ich dann allerdings
lange nicht einschlafen.
Sonntag, 8.
Juni 1997
Alle Zeitungen sind voll mit Wahlergebnissen; es zeichnet sich
ab, dass Finn Gael und Fianna Fail gewonnen haben, die jeweiligen
Partner jedoch eine aufs Haupt bekamen. Der Oppositionsführer wird
wohl der neue Premier werden, mit einer sehr kleinen Mehrheit im
Parlament. Was sich wohl ändern wird, frage ich mich. Die Iren
scheint es recht gleichgültig zu lassen.
Ich indessen fahre auf
Seitenstraßen Richtung Castlebar. Ein Wegweiser verleitet mich zu
einem Abstecher zur Banada Abbey, die Abbildung der Giebelmauer
einer Klosterruine in einem Reiseführer auch. Die Abbey ist leider
neu und ist ein funktionierendes Nonnenkloster. Mit viel Mühe
entdecke ich auf dem alten, mit Gras mannshoch überwachsenen
Friedhof hinter einer Wand aus Efeu die Mauer der alten
Klosterkirche. Auf dem Friedhof sind nur die schmucklosen Gräber der
Nonnen einigermaßen gepflegt.
Castlebar erweist sich
als unerwartet hübsches Städtchen, mit fröhlichen Menschen und den
üblichen bunt gestrichenen Geschäftsportalen.
Von Castlebar nach Newport sind es nur einige Kilometer. Über
Newport ist auch nicht viel zu sagen, außer dass es von einer
Eisenbahnbrücke beherrscht wird, die zu keiner Eisenbahnlinie mehr
gehört. Auch die Gebäude des einstigen Bahnhofes stehen noch; die
eigentliche Bahnstation ist zu einer Bethalle umfunktioniert, aber
sogar der Bahnsteig ist noch da. Dort, wo die Geleise waren, wuchern
nun Salatköpfe.
Von Newport geht eine
Straße nach Westen, nach Mulranny und auf die Curraun Peninsula,
sowie nach Achill Island, nach Keel und Dugort. Dieses Dugort wegen
bin ich zum ersten Mal nach Irland gekommen, denn dort hatte
Heinrich Böll sein Ferienhaus und darüber berichtet er in seinem
irischen Tagebuch, das gleichsam zur Bibel einer ganzen Generation
von Zivilisationsflüchtlingen geworden ist. Das Haus habe ich erst
im zweiten oder dritten Anlauf gefunden, den Dichter natürlich
nicht, denn der fuhr zu dieser Zeit nicht mehr nach Irland. Das Haus
gibt nicht viel her.
An den Hängen des Berges Slievemore (in Richtung Keel) befinden
sich die gut erhaltenen Ruinen eines im 19. Jahrhundert verlassenen
Dorfes, dessen Bewohner über Betreiben des Grundherrn allesamt
auswanderten (typischerweise sind in der Zeit der Hungersnot auf der
Überfahrt in die USA bei solchen Reisen bis zu 20% der Passagiere
gestorben). Auf diese Weise konnte der Grundherr die Felder in
ertragreichere Weiden für Schafe verwandeln.
Heute herrscht in der
schmalen Gasse zwischen den Häusern Totenstille. Was an den Häusern
aus Stein war, ist erhalten, Fenster- und Türstöcke und die
Dachbalken sind verschwunden. Zwischen den Häusern kann man auch
nach 150 Jahren noch die Grenzen der "lazy beds" erkennen, jener
typischen Bewirtschaftungsform, die sich für den Anbau von
Kartoffeln besonders gut eignete. Ich habe von dort oben am Hang
einen schönen Ausblick auf Achill Island und auf das Meer im Süden
und im Norden. Wenn die Leute auch nichts zu essen hatten, eine
schöne Aussicht hatten sie unbestreitbar.
Auf der Rückfahrt
biege ich in Mulranny nach Norden ab und fahre 30 Kilometer weit
durch eine beinahe baumlose Moorlandschaft, die von kahlen Bergen
umgeben wird und in der es nur einige weniger Häuser zu sehen gibt,
viele Schafe und sonst – Einöde.
Ach ja, und inmitten
der Einöde ereilt mich übers Handy ein Anruf aus Österreich und ich
freue mich wie ein Kind über Segnungen der Technik.
Immer wieder habe ich
mich vom Namen von Orten anlocken lassen. Immer wieder habe ich mir
anhand eines Namen weiß was vorgestellt: Rovaniemi in Finnland
findet man auf jeder Landkarte, ist man dort, steht man mehr oder
minder mitten im Nadelwald und findet nach einiger Zeit und Mühe das
Postamt: das ist es dann.
Bangor Erris gehört in
dieselbe Kategorie. Welch schöner Name, welch klangvollen zwei
Worte, in Wahrheit aber: eine T-förmige Straßenkreuzung und
vielleicht 50 Häuser. Aus.
Über Bellacorrick mit
seinem Torfkraftwerk geht es nach Ballina, einer durchaus hässlichen
Stadt und, am hübschen Lough Talt vorbei, nach Tubbercurry, von dem
ich dank Umfahrungsstraße, nicht viel sehe.
Das Abendessen gibt es
heute ohne Gesprächspartner.
Montag, 9.
Juni 1997
Ausflug nach Manorhamilton an der Grenze zu Nordirland, einem
netten Städtchen ohne Sehenswürdigkeiten. Auf kleinen Nebenstraßen
fahre ich weiter, Richtung Süden, lasse mich gleichsam treiben.
Einem verrosteten Wegweiser folgend, fahre ich endlos über schmale
Feldwege zu einem Ringfort auf einem Hang, inmitten einer
scheinbaren Wildnis. Die Mauern sind noch über 2 Meter hoch im
Durchschnitt, das Innere ist Wiese mit Schaf(en) und Kot. Den Namen
habe ich schon vergessen gehabt, als ich anlangte. Auf der Karte
finde ich keinen Hinweis. In Irland gibt es über 4000 Stück solcher
Ringforts. Die Vorfahren waren eifrige Ringfortbauer.
Am späten Nachmittag
wandere ich dann bei Ebbe noch ein weiteres Mal den weiten
Sandstrand von Rosses Point entlang, über den eigentlichen Rosses
Point am Nordende des Strandes hinaus in die offene, jetzt bei Ebbe
trockene Bucht in Richtung Lissadell im Norden. Trockenen Fußes
komme ich bis zu einer Leuchtboje auf Pfählen, verankert mitten in
der Bucht und auf dem Rückweg mache ich einen Umweg zu den Klippen
von Rosses Point, die übersät sind von kleinen weißen Blumen, deren
Namen ich natürlich nicht weiß. Eine reiße ich ab, will sie als
Erinnerung behalten, aber sie verwelkt vor meinen Augen. Ich werfe
sie wieder weg, mache statt dessen ein Foto. Das ist die neue Zeit.
Beim Abendessen hält
mir ein Oberst der U.S. Army (in Irland auf der Suche nach dem
Drecknest, aus dem seine Großeltern stammen) einen Vortrag über die
Kosten für die NATO im Falle der Osterweiterung. Seiner Meinung nach
werden sie enorm sein, weil die militärische Ausrüstung der
ehemaligen Ostblockstaaten praktisch zum Wegwerfen sei. Das gelte
für Polen, Tschechien, Ungarn, abgesehen davon, dass diese Leute
dort nicht einmal richtig Englisch könnten. Wo denn ich herkomme?
Ach, Austria. Er schnieft. Unser Außenminister sagt, die NATO warte
nur auf unser Beitrittsansuchen und der Beitritt werde uns überhaupt
nichts kosten. Der Herr Oberst schnieft ein zweites Mal und beginnt,
über die Wirtschafslage in Irland zu reden. Auch eine Antwort.
Nach dem Essen
versuche ich noch einen Spaziergang, aber ein Regenguss
sondergleichen hält mich im Hotel zurück. Dafür gluckst dann die
Heizung in meinem Zimmer freundlich und fühlt sich angenehm warm an.
© Peter Lausch
Zuletzt geändert: 14.3.2009
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