2. Teil
Von Leenane über Westport nach Sligo

 

Mittwoch, 4. Juni 1997


Der Morgen lässt es schon erkennen, es wird ein Tag mit wiederum schönem Wetter. Zeitig stehe ich auf, fahre langsam, denn ich bin ja noch immer viel zu früh dran, Richtung Westport. In der Hauptstraße kann ich mir so früh am Morgen, es ist ja erst nach 08,00 Uhr, den Parkplatz noch aussuchen. Ich schlendere durch die – wenigen – Straßen. Denn in Wahrheit besteht auch das heutige Westport nur aus einem, kanalisierten, baumbestandenen Fluss und einem Straßenrechteck, dem Geschäftsviertel. Im Geschäftsviertel hat man die altmodischen Ladenfronten in allen möglichen Farben des Spektrums angefärbelt, eine Freude für den technisch interessierten Farbfotografen, der auf diese Weise Leuchtkraft und Leistungsfähigkeit überhaupt seines Farbfilms dem Verwandten- und Bekanntenkreis daheim beweisen kann. Manchmal "schlägt es einem die Augen heraus", wie wir in Wien sagen. Aber man bekommt so ziemlich alles für den täglichen Bedarf, sogar Bücher in angemessener Auswahl. Neuerdings haben die Stadtväter und -mütter beschlossen, dass stilechte Straßenlampen  her müssen und so sehen die Leuchten auch aus, die Lampen: aus glänzendem Kupfer, weil ganz neu und mit allerlei Zierrat aus Plastik. Schön.   Bloß – Zeitungen von heute gibt es noch keine, die kommen nach Westport erst später. Leute auf der Straße gibt es auch keine, die kommen auch erst später, und so kann ich hübsche, leere Straßenzüge ohne Menschen, ohne Autos fotografieren. Um 09.00 Uhr kaufe ich mir dann Lebensmittel im Supervalu-Laden, bekomme endlich auch die (British) Times und die Irish Times, setz mich in die Sonne und lese zunächst einmal genüsslich, was in der Welt so alles vorgefallen ist.
Danach ist es dann 10,00 Uhr geworden, Zeit für einen Besuch im Westport House, dem Wohnsitz des Marquis von Sligo. Auf dem großen Parkplatz sind erst wenige Autos geparkt, Morgenstund' hat in Irland nicht Gold im Mund, und die Kassiererin am Eintritt vergräme ich, als ich die Eintrittsgebühr als unverschämt hoch bezeichne und auf den Eintritt verzichte. Sie ist fassungslos, murmelt etwas von hohen Kosten. Vielleicht bin ich ein wenig zu empfindlich, aber in diesen Tagen, in denen Irland der einen Million Toten der Hungersnot gedenkt, ist die Rolle des damaligen Marquis allzu unrühmlich wieder in Erinnerung gerufen worden, war doch er einer der Wortführer gnadenloser Vertreibung hungernder Pächter. 20% seiner glücklosen Untergebenen sind damals verhungert. "Soll ich ihretwegen bankrott gehen? Ich habe kein Geld, um die unnützen Esser durchzufüttern", schrieb der Arme in einer Anwandlung schlechten Gewissens, er, dessen Großeltern die damalige Stadt Westport niederreißen ließen, weil sie ihnen beim Bau ihres Herrenhauses im Weg war. Für sein Verhalten ist er niemals zur Rechenschaft gezogen worden, nicht einmal die IRA hat den Protzbau niedergebrannt. Wie das Leben so spielt: wem schrieb er diese Lüge? Einem gewissen George Henry Moore, einem Gutsbesitzer aus der Grafschaft Galway, der mit den Preisgeldern eines Rennpferdes 4000 Tonnen Mais gekauft hatte, um seine Pächter und deren Familien durch die ärgste Hungersnot durchzufüttern; einem Mann, der stolz darauf war, dass ihm kein einziger seiner Pächter verhungert ist. Aber seinem Nachkommen hat die IRA sein Herrenhaus niedergebrannt – allerdings hat sie sich nachträglich <für den Irrtum> entschuldigt.
   Ich denke, man muss die Geschichte kennen, um die Gegenwart zu verstehen. Wer aber, nur ein wenig, die Geschichte kennt so wie ich, der sieht, ich kann mir nicht helfen, die Sehenswürdigkeiten nicht mehr so unbeschwert wie der normale Tourist. Es tut mir leid.
   Also verlasse ich die gastliche, wenn auch teure Stätte, im Wissen auch, dass die Besichtigung der Inneneinrichtung das viele Geld ohnehin nicht wert und die Außenansicht des Gebäudes zwar gratis, in ihrer kalten Prachtentfaltung aber auch nicht jedermanns Sache ist. Mir hat das Bauwerk weder innen noch außen vor 10 Jahren gefallen, als ich die Geschichte seiner Eigentümer noch nicht kannte. Wenn Sie sich jedoch für den angenehmen Wohnstil eines adeligen Grundbesitzers in Irland um die Mitte des 19. Jahrhunderts interessieren, während seine Untertanen verhungerten oder mehr oder minder nachdrücklich nach Amerika vertrieben wurden (die nächste Ruhmestat seinesgleichen), schauen Sie sich Westport House ruhig an. Alles nötige steht im Reiseführer.
   Von Westport fahre ich auf zumeist gut ausgebauter Straße nach Norden, auf der Umfahrungsstraße an Castlebar vorbei; am frühen Nachmittag komme ich nach Sligo.
   Stau ist in Sligo angesagt, der gesamte Verkehr nach Donegal drängt sich durch eine einspurige Gasse. Ich nehme es gelassen hin, so weit bin ich gekommen, werde ich wohl noch Zeit haben für die paar Kilometer bis zu meinem Tagesziel. Schließlich habe ich es geschafft, biege von der Hauptstraße nach Donegal nach Überquerung des Flusses Garravogue nach links ab, fahre noch 6 km und komme in Rosses Point vor dem Hotel an, in dem ich für die nächste Zeit mein Standquartier aufschlagen werde, das Yeats Country Hotel gleich neben dem Golfplatz und neben Moyne House, in dem der Dichter Yeats die Sommer seiner Kindheit verbracht hat. Ich bin da.


 

© Peter Lausch
Zuletzt geändert: 14.3.2009

 

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