Teil 1 - Von Wien nach Leenane
(31. Mai 1997 - 3. Juni 1997)

 

Samstag, 31. Mai 1997

  Das Flugzeug der Lauda Air startet pünktlich am 31. Mai 1997 um 15.40 Uhr in Wien/Schwechat. Über den Flug ist nicht viel zu sagen: wenige Touristen in der Vorsaison, die meisten Passagiere dem Reden nach Angestellte von Reisebüros, die sich den Duft der weiten Welt in Limerick, oder in Bunratty beim obligaten Rittermahl (es geht zu wie in der Burg Lockenhaus im Burgenland beim Rittermahl), um die Nase wehen lassen. Die echten Touristen meistens alt, so wie ich, einige ganz alte, gebrechlich wirkende Frauen (Mütter, Schwiegermütter) werden ebenfalls vom Nachwuchs mitgeschleppt, dafür auch ein 7 Monate alter Bub, wie die stolze Mutter jedem erklärt, ob der's nun hören will oder nicht. Einige junge Pärchen und schließlich zwei gescheit aussehende Herren, die Händchen halten, wenn sie sich gerade auch im Flugzeug noch in ihre Reiseführer vertiefen. Doch der Vorteil solcher Reisen ist, kaum ist man aus dem Flugzeug ausgestiegen, verliert man alle Mitreisenden aus den Augen und sieht sie nie wieder.
   Das Essen ist gut wie immer bei Lauda, aber ich habe das Menü erst unlängst auf einer Dienstreise vorgesetzt erhalten. Pech für mich, für mein Geld schmeckt mir das Essen sogar noch besser. Das letzte geschmackvolle Essen für lange Zeit, denke ich und trinke den Kaffee, der schon den Vorgeschmack des Kommenden haben dürfte, so wie er schmeckt.
   Gegen ¾ 6 Uhr Ortszeit, durch die Zeitverschiebung in Wahrheit nach 3 Stunden Flug, landen wir anstandslos in Shannon. Mit meinem besonderen Paß werde ich bevorzugt behandelt und da ich mich schon auskenne, bin ich beim Schalter der Thrifty Cars, ehe noch die übrigen Passagiere die Hürden der Pass- und Zollkontrolle überwunden haben. Viel nützt mir die Eile nicht: ich fülle zwar als erster meine Formulare für die Miete des Autos aus, bin auch als erster fertig, aber ich muss dann ja doch warten, bis genügend Leute mit dem Ausfüllen ihrer Mietverträge fertig geworden sind. Dann erst werden wir alle gemeinsam zum Bus geführt, mit dem wir die 300 Meter bis zum Depot fahren. Dort erhalten wir ein jeder unser Auto. Wie das Leben so spielt, bin ich der Vorletzte. Nach mir kommen nur noch die beiden Herren, die mit den Reiseführern.
   Der junge Mann von Thrifty erzählt mir etwas von einem kleinen Schaden am Auto, den ich nicht sehen könnte und läßt mich eine Erklärung unterschreiben, die ich mangels Lesebrille jedoch nicht lesen kann. "Und dafür habe ich dich studieren lassen", höre ich beinahe meine verstorbene Mutter im Himmel seufzen (wo denn sonst, wenn nicht im Himmel sollte sie sein?). Ich packe mein Gepäck in den winzigen Kofferraum des Nissan Micra, den mir die Firma Thrifty dieses Jahr zugedacht hat, versuche, auf der falschen Seite einzusteigen, vom jungen Mann von Thrifty argwöhnisch beäugt und starte den Motor, nicht ohne ihn gleich zweimal abzuwürgen. Mit schleifender Kupplung und viel zu viel Gas fahre ich schließlich los und beim Einbiegen auf die Straße gleich einmal über den Randstein. Habe ich nicht immer groß erklärt, es sei überhaupt kein Problem, sich an den Linksverkehr zu gewöhnen?
   Außer Sichtweite von Thrifty halte ich schließlich an und studiere zuerst einmal das Handbuch. Nicht viel neues steht drin, bloß merke ich wieder einmal, dass jedes Auto in den Details ein wenig anders zu bedienen ist: Scheibenwischer und Licht einzuschalten, da werde ich wohl umlernen müssen.
   Schließlich fahre ich los. Alle anderen Mitreisenden sind schon vor mir gefahren. Auf vierspuriger Straße geht es Richtung Limerick, die Sonne scheint, es ist angenehm warm.
   Stadteinwärts ist wenig Verkehr, ich schwimme auf der linken Fahrspur mit, bemühe mich, artig Abstand zum Straßenrand zu halten, erinnere mich an den Radfahrer in Dublin, der mir voriges Jahr beim Überholen einiges nachgerufen hat, was ich - Gott sei dank - nicht verstanden habe. Ach ja, das Auto hört nicht 40 cm links von meiner linken Schulter auf, ich sage mir den Satz immer wieder vor.
   Rechts sehe ich schließlich den leeren Parkplatz der Dunnes Stores, jetzt heißt es aufpassen. Eine Kreuzung noch oder zwei, es werden drei, so täuscht dann doch die Erinnerung, und ich biege nach links ab in die schmale Einfahrt des Woodfield House Hotels, hopple über die Schwelle, die sie als Tempobremse auf der Einfahrt aufgebaut haben und parke mich auf dem großen Parkplatz dahinter ein.
   Aus meiner Reisetasche krame ich die ausgedruckte e-mail und wandere nach vor in die Rezeption. Das Hotel hat eine Seite im Internet und man kann, nach Angabe von Kreditkartendetails ein Zimmer vorbestellen. Lassen wir es drauf ankommen.
   An der Rezeption präsentiere ich mein e-mail, erzähle was von "online reservation" und stoße auf Unverständnis bei dem jungen Mann. Aber immerhin holt er seine Chefin und die lächelt mich strahlend an, sagt, sie freue sich, mich begrüßen zu dürfen und allerhand andere Artigkeiten. Und selbstverständlich sei ein Zimmer für mich reserviert, man lebe ja nicht mehr hinter dem Mond......
   Das Anmeldeformular ausgefüllt, bekomme ich den Zimmerschlüssel, erkläre, den Weg zu kennen und klettere die knarrende Hühnertreppe in den ersten Stock hinauf, finde mein Zimmer - und bin für die erste Nacht in Irland zu Hause. Es ist 18.45 Uhr Ortszeit.
   Ich bin zu müde, noch essen zu gehen. Statt dessen wandere ich ins Nachbarhotel, einen häßlichen Betonklotz aus der Ryan-Kette. Dort geht es hoch her. Die Amerikaner sind schon da. Von Anfang Juni bis Ende September befördern US-Reisebüros für wenig Geld mit altehrwürdigen Jets Amerikaner vorgeschrittenen Alters übers Wochenende nach good old Ireland. Da sitzen sie jetzt in der Bar, trinken Whiskey oder Guinness-Bier; die sparsameren haben im Flugzeug zollfrei Whiskey gekauft und kommen nur gelegentlich aus ihren Zimmern in die Bar herunter: "Some Ice, please", begehren sie und bekommen jeweils ein Bierglas voll mit Eiswürfeln, damit sie den zollfreien Whiskey nicht abgestanden trinken müssen. Ich setz mich mit meinem kümmerlichen Mineralwasser in eine entfernte Ecke und sehe dem Treiben zu. Immer wieder wundere ich mich, wieviel Alkohol dieses Volk in sich hineinsäuft, selbst im hohen Alter noch. Keiner der Trinker scheint mir unter 70; die Damen sind auch nicht jünger und saufen auch wie die Herren.
   Allmählich kommt Aufregung auf: der Bus nach Bunratty fährt demnächst und die erste Gruppe macht sich bereit. In Bunratty Castle werden sie an einem "medieval Banquet" teilnehmen, einer wird zum Vorsitzenden gewählt und lächerlich eingekleidet; mit den Fingern werden sie Schweinebraten essen und Met (aus Gläsern) trinken, jeder mit einem hübschen Lätzchen um dem Hals. Spät abends werden sie, selig angetrunken, ins Hotel zurückgebracht und morgen früh auf irgendeine Besichtigung geschleppt, ehe sie dann am späten Abend von Shannon aus den Rückflug antreten.
   International Weekenders" sind sie tatsächlich. Das Reisebüro hat den Namen gut gewählt. Ob sie wohl überhaupt wissen, wo sie gewesen sind, staunt da der Wiener. Wenn ich in ihre aufgeregten Gesichter blicke, die Vorfreude auf den Mummenschanz sehe, der ihnen bevorsteht, beneide ich sie ein wenig. Sich auf einen derartigen Unsinn so freuen zu können!
   Mir fallen beinahe die Augen zu in meinem Sessel. Ehe sie das wirklich tun, gehe ich in mein bescheidenes Hotel nebenan zurück, an der Bar vorbei, an der ein einziger Säufer sitzt und in den Spiegel hinter den vielen Flaschen starrt, und falle in meinem Zimmer ins Bett.

Sonntag, 1. Juni 1997

Ich werde immer mit den Hühnern wach, wie man so sagt. In Irland werden die Hühner eine Stunde früher wach als bei uns, wegen der Zeitverschiebung. Ich daher auch. In Wien ist es erst 4 Uhr morgens, in Limerick immerhin schon o5.oo. Ich bin hellwach. Im Hotel ist es totenstill. Ich kenne das. Vor 08.00 gibt es am Sonntag kein Frühstück.
   Irland vor dem Fenster und mich hält es nicht im Bett. Das Wasser in der Dusche ist noch recht kühl, Heißwasser gibt es nur zu bürgerlichen Zeiten. Um sechs Uhr bin ich "geschneuzt, gekampelt, g´waschn", stehe auf dem Parkplatz und fahre dann los, Richtung Stadtzentrum. Auf den 2 Kilometern bis zum Shannon sehe ich keinen Menschen, Irland schläft, Limerick zumindest. Ich biege von der Ennis Road in eine Seitengasse, fahre an der Villa vorbei, deren Namen mich voriges Jahr zum Nachdenken brachte. Häuser in Irland tragen oft den Namen christlicher Heiliger (Seeliger zumindest). St. Anna ´s etwa, ein B&B. , oder St. Jude´s (auch ein B&B, beide in der Ennis Road), diese Villa heißt "Mazeltoff". Erst daheim ist mir die Bedeutung des Wortes eingefallen: "Viel Glück" auf Jiddisch.
   Als ich den Shannon überquere, bricht die Sonne durch eine Wolkenbank, taucht die Stadt in strahlendes, warmfarbenes Morgenlicht. Alle Farben leuchten und mit einem Mal ist die Gegend nicht mehr gar so deprimierend. Sogar die Wohnwagen der Travellers neben der Brückenauffahrt wirken weniger schäbig, als sie es sind.
   In der Stadt selbst fahre ich bis zur Hauptpost, parke den Wagen, wandere durch schäbige Hintergassen, an vielen Ruinen vorbei, auch an vielen, die noch bewohnt sind. Irland hat beträchtliche wirtschaftliche Fortschritte gemacht in den letzten 10 Jahren, aber wie überall sind nicht alle in den Genuß dieses Fortschrittes gekommen. Für viele hat sich nichts geändert.
   In den Ruinen mache ich einige, morbid wirkende Fotos, versuche, das Vertrauen streunender Katzen zu erwerben - mit dem erwarteten Erfolg, und sehe zu, wie ein älterer Mann nach mehreren Versuchen seinen Escort aus einer Garage ausparkt und dabei gegen einen hölzernen Lichtmast fährt. Er steigt aus, besieht sich die deutlich sichtbare Delle an der hinteren Stoßstange, blickt mich an und erklärt: Never mind. Mag schon sein, ihm nicht, mir würde es schon was ausmachen, wäre es mein Auto.
   Auf eine größere Straße beim Bahnhof gelangt, begegne ich drei jungen Leuten: Die Mädchen in leichten Kleidern und mit nackten Beinen, der junge Mann mit ihnen im Hemd mit kurzen Ärmeln. Mir in meinem Pullover und einer warmen Jacke ist nicht warm. Die Gänsehaut, die ich an ihren Armen sehe, stört sie nicht, johlend ziehen sie dahin, jeder eine Dose Bier in der Hand.
   Zum Auto zurückgekehrt, stelle ich fest, es ist noch da und unbeschädigt, sehe, daß auf der anderen Straßenseite bereits der Zeitungshändler geöffnet hat und kaufe die Sunday Times um wenig Geld. Ich bin schon halb aus der Tür, als mir der Mann nachgelaufen kommt: so dick die Zeitung ist, die ich in Händen habe, zwei weitere Beilagen bringt er mir noch zusätzlich. An aktuellem Lesestoff wird es mir nicht fehlen in diesem Urlaub.
   Im strahlenden Licht der Morgensonne mache ich noch einige Fotos von heruntergekommenen Fassaden und passend dazu einem Betrunkenen, der, drei Bierdosen zu seinen Füßen, an einem Lichtmast lehnt. Daheim werde ich dann sagen: Seht, so ist Irland an einem Sonntagmorgen.
   Auf der Heimfahrt ins Hotel begegnet mir der erste Autobus, es ist fast 8 Uhr morgens. Der Autobus ist nur schwach besetzt.
   Im Hotel riecht es nach altem Fett; ein gutes Zeichen dennoch, die Küche ist schon in Betrieb. Erwartungsfroh betrete ich den Speisesaal, nett eingerichtet, einige Tische für das Frühstück gedeckt, die meisten allerdings mit der Dekoration für das Abendessen, zu dem sich gestern anscheinend kein Gast einfand.
   Nichts rührt sich; ich höre keine Schritte. Ich huste, nichts. Ich huste lauter und bin diesmal erfolgreich: eine Dame erscheint, zerrauft, in einem schwarzen Kostüm mit lauter Goldborten, überall sozusagen, dafür ohne Strümpfe und mit zerkratzten Waden, als sei sie auf dem Herweg durch eine Dornenhecke marschiert. Ich bestelle Kaffee und Würstchen mit Speck und Eiern und sie verschwindet. Den Kaffee bringt sie bald, länger dauert es mit dem Essen und als sie es bringt, wünsche ich mir einen Löffel für die Kaffeetasse. Das bringt die Dame aus der Fassung: wo sind die Löffel? Ich rühre mit der Gabel im Kaffee. Geht auch so. Die Rashers, wie der Fachausdruck lautet für die Fleischstreifen, die sie mir vorsetzt, schmecken leicht nach dem Fisch, der am Abend im selben Fett geschwommen sein mag, die Würstchen haben den Eigengeschmack, den sie überall haben. Über die Eier läßt sich auch beim besten Willen vom Lausch nicht meckern, sie sind richtig gut. Der Toast ist ebenfalls o.K. Ich esse. Als ich fertig bin, erscheint die Dame wie ein aufgescheuchtes Huhn: die Marmelade hat sie zu servieren vergessen. Macht nichts, ich darf sie aus Diätgründen ohnehin nicht essen.
   Als ich schon aufstehen und gehen will, erscheinen andere Hotelgäste: ein Ehepaar, sauber gekleidet, mit zwei halbwüchsigen Mädchen, die gut nach Seife riechen, in noch kindlichen Kleidchen, die angesichts des Aussehens der Töchter nicht mehr ganz passend sind. Mutter und Töchter sind sommerlich gekleidet, der Gatte immerhin im Hemd mit langen Ärmeln. Die Iren müssen eine andere Körpertemperatur haben, denke ich zum tausendsten Mal: wenn ich friere, sehen sie ganz behaglich drein.
   Zwei andere Paare erscheinen; an ihnen kann ich nichts aussetzen, also sage ich nichts über sie. Im Hinausgehen aus dem Speisesaal erscheint eine ganze Anzahl von Hotelgästen; jetzt, gegen 3/4 9 Uhr morgens, sind die Gäste wach und aktiv.
   Draußen vor dem Hotel stelle ich fest, daß es ein richtig schöner Morgen geworden ist; ja, es verspricht, ein schöner Tag zu werden.
   Ich frage an der Rezeption, ob ich noch einen weiteren Tag bleiben könne. No Problem. Also werde ich meine wenigen Habseligkeiten im Zimmer am Abend wieder aus der Tasche auspacken, in die ich sie schon am Morgen eingepackt hatte.
   Die Ennis Road fahre ich sodann stadtauswärts, trödle dahin. Ich habe Zeit; vor 10 Uhr morgens sperrt der Bunratty Folk Park seine Türen nicht auf. Bunratty besuche ich fast jedes Jahr. Nicht nur gibt es in dem alten, gut erhaltenen, weil nie eroberten Wohnturm ein interessantes Museum, das einen schwachen Abglanz der Lebensverhältnisse in so einem normannischen Wohnturm vermittelt, deren Ruinen sozusagen überall in Irland anzutreffen sind. Zusätzlich haben die Iren daneben eine Siedlung mit alten Häusern aus der Shannon-Gegend rekonstruiert und mit alten Möbeln eingerichtet. Dieses Potemkinsche Dorf ist zu einem wahren Magneten für Touristen geworden. Würde ich nicht die Baustellen gesehen haben und wissen, daß die alten Häuser ganz modern mit Betonträgern und Hohlziegeln errichtet sind, man könnte sie tatsächlich für alt halten. Zum Schein werden sie bewohnt: in einem Bauernhaus wird Brot gebacken, in einem anderen sitzt eine Angestellte und spinnt Wolle; es gibt eine echte Druckerei und zwei echte Pubs mit echtem Bier. Das ganze ist hübsch anzusehen und sicher eine schöne Einnahmequelle.
   Man muß schon zweimal hinschauen, um die bittere Wahrheit hinter der Fassade zu erkennen: die kleinen dunklen Zimmer, die Torfherde, die in den feuchten Wintern wenig Wärme spendeten, die fehlenden Sanitäranlagen, die Verschläge, in denen die Kinder schliefen. Selbst das ist noch eine geschönte Wahrheit: die Häuser sind nicht die Unterkünfte der besitzlosen Pächter, die mit der Kuh und dem Schwein in einem Raum hausten und froh darüber waren, weil die Tiere Wärme spendeten, Milch auch noch, die mit den Erdäpfeln die Hauptnahrung war. Daß die Lebenserwartung niedrig war, Rheumatismus und Magen- und Darmerkrankungen häufig, das sieht man nicht in diesem Touristendorf und davon liest man in den Beschreibungen keine Wort.
   Aber hübsch zu fotografieren ist die eine kurze Straße, an deren beiden Seiten die Häuser stehen; wenn man nicht von den Gewinnen der eigenen Arbeit leben muß, mag auch das Dasein des Schmiedes recht romantisch gewesen sein.
   Vor dem nachgebauten Pub am Ende der Straße setze ich mich im Vorgarten auf eine Bank und schaue eine Weile den Touristen zu, die mit fröhlichem Staunen von Haus zu Haus gehen. Scheint nur mir die Geschichte der kleinen Leute in Irland (und anderswo) eine Geschichte von Not und Unterdrückung und kann nur ich mich angesichts der Verhübschung und Verharmlosung der Vergangenheit ärgern, oder denken alle anderen Besucher, deren fröhlichem Treiben ich zusehe, an alles das nicht? Ist es nur mir wichtig?
   Auf dem Rückweg besichtige ich am Ausgang den Souvenierladen; nicht, daß ich mir etwas kaufen möchte, jedenfalls nicht jetzt am Anfang meiner Reise. Denn ach, in allen Gift Shops und Craft Shops in ganz Irland gibt es im wesentlichen das Gleiche. Mit dem Ankauf von Reisemitbringseln kann sich ein jeder bis knapp vor der Anreise Zeit lassen.
   Nach einem Sandwich bei Durty Nellie an der Hauptstraße fahre ich weiter Richtung Ennis, biege irgendwo ab und fahre von da an nach Westen. Ein Blick auf die Karte zeigt, wo ich am Ende landen werde: am Shannon nördlich von Tarbert. Die Gegend ist hübsch, aber nicht aufregend, das Städtchen Killrush nett, aber nicht weiter erwähnenswert. Am Shannonufer endlich die Überfuhr auf das Südufer, die Tarbert Car Ferry.
   Das Schiff fährt eben herüber, ich warte, andere warten auch. Zwei junge Burschen gehen von Auto zu Auto, verkaufen irgend etwas. Was? Bei mir angelangt, weiß ich es dann: Eintrittskarten für ein Baseballmatch im August. Ich werde nicht da sein, wende ich ein und der Jüngere sagt mit entwaffnenden Lächeln: "Schenken Sie die Karte doch jemand anderen. Sehen Sie, Sir, wir brauchen das Geld." Wer kann da nein sagen? Ich nicht und so besitze ich eine Eintrittskarte für ein Baseballmatch in Tarbert/Irland im August. Da werde ich wohl im Büro sitzen und schwitzen und an das hoffentlich kühle Wetter in Irland denken.
   Das Schiff ist da. Wir rollen auf das offene Verdeck, ich klettere auf den seitlichen Aufbau, der besseren Sicht wegen. Mag schon sein, aber eine Möwe hat es leider auf den Wiener abgesehen - und sie hat Erfolg. Eifrig putzend, reißt mir der Fahrtwind meine Eintrittskarte für das Baseballmatch in Tarbert im August aus der Hand. Ich beschließe, mich nicht zu ärgern. Was soll’s?
   In Tarbert angelangt, von dem ich nichts sehe außer einem Kraftwerk, fahre ich auf Nebenstraßen weiter zum Carrigafoyle Castle, das kein Schloß, sondern ein halb eingefallener Wohnturm am Shannonufer ist. Die Landseite des Turms fehlt, man sieht seine Innereien. Auf einer engen Treppe kann ich den Turm besteigen, über das Leben in so einem Wohnturm nachdenken, der wesentlich älter und wesentlich weniger aufwendig ist als Bunratty Castle - und wahrscheinlich typischer für die damaligen Lebensumstände normannischer Adeliger. Alles in allem: ein normannischer Adeliger möchte ich nicht gewesen sein, sein irischer Knecht natürlich erst recht nicht.
   Mit diesen besinnlichen Gedanken fahre ich gemächlich nach Limerick zurück, über das sich der Frieden des Samstagnachmittags gesenkt hat. Am Abend wird es hoch hergehen: alles, was jung ist und zwei gesunde Beine hat, sammelt sich dann im Zentrum und säuft sich in den Montagmorgen und begießt die beginnende Arbeitswoche.

Montag, 2. Juni 1997

Am Morgen fahre ich wiederum zeitig ins Stadtzentrum, steige über tausend Papierbecher, Fetzen, Glasscherben und Bierdosen hinweg und kaufe mir in der menschenleeren Bahnhofshalle die (englische) Times um ein paar Schillinge bei einem gähnenden Verkäufer. Irland schläft auch an den Wochentagen lange. Im Hotel ist schon um halb 8 Uhr der Speisesaal geöffnet und ich bekomme diesmal von einem gähnenden jungen Mann mit zerzausten Haaren mein Frühstück serviert. Kleines Problem: alle Tische sind für das Frühstück hübsch gedeckt, bloß Kaffeelöffel gibt es wiederum keine. Was soll’s!
   Danach zahle ich an der Rezeption bei einer hübschen jungen Frau, die mir als Draufgabe ein kleines Andenken mitgibt: ein gesticktes irisches Wappen.
   Wiederum fahre ich nach Norden, Richtung Ennis, an Bunratty vorbei, an der Abzweigung zum Flughafen vorbei, folge den Wegweisern zum Thor Ballylee, dem Wohnsitz von Yeats für einige Jahre, am Ufer eines kleinen Flusses. Dort war ich schon bei einer früheren Reise. Doch der mittelalterliche Wohnturm, den Yeats anfangs der Zwanzigerjahre aufwändig restaurieren ließ, ist auch einen zweiten Besuch wert und jedenfalls hübsch von außen anzusehen. Im Erdgeschoß gibt es eine Buchhandlung mit allerlei Ausgaben von Yeats Werken.
   An der Abzweigung  nach Coole Park, dem Wohnsitz seiner Muse Lady Gregory fahre ich vorbei, Die Verehrer Yeats besuchen ihn ebenso   wie Thor Ballylee. Allerdings ist der Wohnsitz zu Anfang der Vierzigerjahre demoliert worden, es gibt in Coole Park nichts zu sehen als den Platz, auf dem der Dichter einst geschlafen hat und ferner einen Baum, in dessen Rinde sich etliche Dichter verewigt haben. Ich wenigstens kann mit solchen Erinnerungsstätten wenig anfangen.
   Von Gort aus geht es weiter, auf teilweise vierspurig ausgebauten Straßen (die auch wir Österreicher mit unseren Beiträgen zur EU neuerdings mitfinanzieren) nach Galway.
   Der Hauptplatz von Galway ist neuerdings Kurzparkzone, allerdings ist jetzt am Vormittag kein Parkplatz frei. Ich parke in einiger Entfernung gratis. Rings um den Platz sitzen Leute mit Bierdosen, denen sie eifrig zusprechen; einer bettelt mich an. Des Nachts soll man sich nicht recht sicher fühlen in dieser Gegend, sagt man, jetzt bei Tag sind die Bettler lästig. Durch belebte Straßen wandere ich bis zum Fluß, danach auf Seitenstraßen zum Eyre Square zurück. Viel ist in den letzten Jahren gebaut worden, neue Bürogebäude sind entstanden, die schäbigen, verfallenen Lagerhäuser sind verschwunden, die Geschäftsportale sind bunt angemalt worden.
   Das war es dann.
   Von Galway fahre ich nach Westen, auf Seitenstraßen erst und dann auf der Hauptstraße nach Oughterard. Von dort geht es bis Maam Cross, ein Ort, auf jeder Landkarte eingezeichnet, und dennoch besteht der Ort bloß aus einigen wenigen Häusern und einer Tankstelle. Für mich ist er nur wichtig, weil ich dort von der direkten Straße nach Clifden abzweige nach Norden.
   Auf schmalen Straßen fahre ich, überquere einen Paß, fahre zu einem See hinunter, dessen Namen ich nicht auf der Karte finde, fahre einen Hang empor und über einen Sattel auf einer Straße, die den Namen nicht verdient. Nur Schafe sehe ich, die mich, bilde ich mir es ein oder ist es so, erstaunt anblicken als wäre ich der erste Mensch seit längerem, den sie zu Gesicht bekommen. Schließlich fahre ich wieder hinab und komme nach Maam; dort biege nach Norden ab und gelange nach etlichen Kilometern nach Leenane. Bis auf den Hauptplatz fahre ich, richtiger wohl: bis zur Straßenkreuzung. Denn Leenane ist zwar auf jeder besseren Karte von Irland eingezeichnet, besteht aber bloß aus 10 Häusern und einem Besucherzentrum. Ach ja, und die Kelly-Familie hat es in Deutschland bekannt gemacht, dieses Nest, weil ihre Weihnachtsshow in einem der beiden Gasthäuser spielte und auf der Kreuzung selbst. Ein seltsames Gefühl war es, bei jeder Einstellung im Vorhinein zu wissen, was jetzt gleich ins Bild kommt. Mir schien es, als hätte ich  einige der die Sänger umstehenden Menschen schon leibhaftig gesehen. Und einer der wenigen bei uns bekannt gewordenen irischen Filme ist in Leenane gedreht worden: "The Field". Davon hat der Ort kräftig profitiert, ein Gasthaus hat den Namen geändert, ein zweites hat den Greißlerladen verkleinert und die Bar dafür vergrößert und die verfallenen Schuppen am Meeresufer sind weiß getüncht worden, wovon auch jetzt noch schwache Spuren zu sehen sind.
   In dem sonst verschlafenen Ort herrscht Hochbetrieb; eine Menschenmenge hat sich am Ufer der Killary Bay versammelt, hunderte Autos stehen herum, ich finde erst im zweiten Anlauf einen – illegalen – Parkplatz. Die Menschen applaudieren und ich weiß nicht, warum. Also dränge ich mich vor, ich will sehen, was es da zu bewundern gibt. Eine ältere Frau fragt mich, wer gewonnen hat, und die Schnapsfahne ihres Atems umweht mich. Mit meiner Antwort wird sie auch nicht glücklich, murmelt etwas, was ich nach einigem Nachdenken übersetze als: So ein junger Kerl sollte einer alten Frau mit mehr Ehrfurcht entgegentreten, oder so ähnlich. Aber mit Ehrfurcht oder deren Mangel hat meine Antwort nichts zu tun, ich weiß einfach nicht, worum es geht. In der vordersten Reihe kreischen die halbwüchsigen Mädchen entzückt auf und ich gelange jetzt endlich auch in die erste Reihe: In der Bucht findet ein Ruderwettbewerb statt und soeben hat die Mannschaft eines der Curraghs offenbar gesiegt. Die Ruderer paddeln erschöpft ans Ufer, halbnackt, schweißüberströmt und ich stehe im Mantel daneben und mir ist kalt. Frauen, Freundinnen und Mütter stürzen sich auf die Sieger, sie werden abgetrocknet und bekommen Krüge voll Guinness zu trinken. Die zerbrechlich wirkenden Boote ziehen derweil einige Jungen ans Ufer. Die Menschentraube um die Sieger wälzt sich fort in Richtung The Field-Bar, als erst die Geschlagenen anlegen. Ebenso müde, ebenso schweißüberströmt, ebenso umgeben von Müttern, Frauen, Freundinnen, aber von den Zuschauern schon nicht mehr recht beachtet. Anscheinend war es das letzte Rennen des Tages, auch die letzten Zuschauer machen sich auf dem Weg zu den beiden Pubs.
   Das wird eine laute Nacht werden, denke ich mir und ich werde recht behalten.
   Im Laden gelingt es mir, mich an den vielen Halbwüchsigen vorbei schließlich an die Theke vorzudrängen und meine Bestellungen aufzugeben: Brot brauche ich, Cola, Kaffeepulver. Mit einer Dose Cola in der Hand stelle ich mich schließlich zu einer Kühltruhe, deren Abdeckung als Biertisch genützt wird. Hier draußen sammeln sich die Frauen und Mütter; im Hinterzimmer, dem eigentlichen Pub, lärmen die Männer mit ihren vollen Guinness-Gläsern. Die Frauen und Mütter heraußen trinken überwiegend auch Guinness, aber jeweils nur ein "glass", d.h. 1/3 Liter. Mich Fremden nehmen sie nicht zur Kenntnis, reden ungeniert von allerlei häuslichen Problemen. Gemütlich ist es hier heraußen nicht, lieber wäre ich drinnen bei den Männern und hätte ein volles Bierglas in der Hand, aber leider, die Zeit des Biertrinkens ist für mich vorbei. Später gehe ich in den kühlen Abend hinaus, wandere die Straße entlang, die ich gekommen bin: einige B&B´s gibt es hier, in denen ich preiswert übernachten könnte, aber heute, am Renntag, sind sie alle belegt. Nach zehn oder fünfzehn Häusern bin ich am Ortsrand. Auch hier gibt es noch Unterkünfte und am Ortsende sehe ich  unterhalb der Straße eine jener Hütten aus Sperrholz, sozusagen Campinganhänger ohne Räder, in denen die wirklich armen Leute wohnen im Westen Irlands. Auf dem Holzscheit, das als Treppe dient, liegt zusammengerollt eine Katze, die auf mein <Miau> nicht reagiert. Dafür öffnet sich die Tür des Gebäudes und eine steinalte Frau mit wirrem Haar streckt den Kopf ins Freie. Mehr sehe ich nicht von ihr, denn offenkundig reicht ihr der Anblick des Neugierigen am Straßenrand und sie zieht den Kopf wieder zurück und macht die Türe wieder zu. Der Katze hat der Vorfall genützt: sie ist ins Innere gesprungen.
   Ich spaziere zur Straßenkreuzung. In den beiden Bars geht es noch immer hoch her, aber auf dem Parkplatz stehen schon weit weniger Autos. Ich hole das meine und fahre zum entfernten Ende des großen Parkplatzes. Dort wird mein Schlafplatz für heute nacht sein. Immer noch ist es relativ hell, jetzt, gegen halb 11 Uhr abends, aber während ich unschlüssig an der Böschung stehe, fängt es leicht zu regnen an und als ich ins Auto einsteige, schüttet es. Die Fenster laufen an und ich beschließe, mich so gut es geht im Nissan Micra zur Ruhe zu begeben, was bei meiner und bei des Nissan Größe gar nicht so einfach ist. Nach einiger Zeit liege ich einigermaßen bequem unter dem Schlafsack. Ich muss wohl schon ein wenig eingeschlummert sein, als ich Stimmen höre. Draußen ist es finster. Ein Mädchen quietscht vergnügt, eine Männerstimme lacht. Die beiden müssen sich direkt neben meinem Auto liebkosen. Das Mädchen meint, jetzt sei es aber genug, der Bursche sagt mir Unverständliches. Er steht jetzt direkt neben der Fahrertür. Das Mädchen quietscht belustigt auf: "Dont. Not at the car", verstehe ich und beginne mich zu wundern. Ich hör es plätschern. Warum der gute Mann ausgerechnet meine Wagentür bepinkelt, ist mir nicht klar, aber ich kann ja schwerlich das Fenster runterkurbeln und ihn fragen. Bedeutend erleichtert entfernt er sich schließlich und ich schlafe schließlich wieder ein. Es wird tatsächlich eine laute Nacht, ich höre die Leute in der Bar zuerst singen, später dann überwiegend grölen. Als sie schließlich gegen 2 Uhr morgens verstummen, prasselt der Regen aufs Blechdach und der Wind schüttelt den Wagen.

Dienstag, 3. Juni 1997

Gegen o5.30 Uhr werde ich am Morgen wach. Draußen ist es still, der Regen hat anscheinend aufgehört, stelle ich fest, nachdem ich die dick angelaufenen Fenster trocken gewischt habe. Allerdings ist es trübe und der Wind treibt Papierfetzen über den Parkplatz. Ein Tag, an dem man lieber im Bett lieben bleiben würde, aber ach, der Romantik willen habe ich diese Nacht auf ein Bett verzichtet. Daher heißt es aufstehen. Draußen ist es so kühl wie im Auto, nur spüre ich jetzt den kalten Wind. Ich räume als erstes meinen Schlafsack in den Kofferraum und keiner, der mich jetzt sehen würde, könnte meinen, ich hätte im Auto geschlafen, glaube ich wenigstens. Auf dem Campingkocher mache ich ein wenig Wasser warm, es dauert lange, den in der kühlen Luft funktioniert der Kocher nicht so richtig und der Wind bläst die Wärme der Flamme irgendwohin, wo sie das Wasser nicht heizt. Löslicher Kaffee und ein Becher Obers ergeben einen belebenden Trunk. Eine mitgebrachte Banane vervollständigt das karge Frühstück. Danach ist es 06.oo Uhr morgens geworden.
   Ich gehe die wenigen Schritte zum steinigen Strand. Es ist Ebbe und der Strand ist eine weite, braune, steinige Ebene. Es ist unbequem, über die glitschigen Steine zu klettern, ich tue es dennoch, wandere bis unterhalb der Kirche, wo ich auf einem schmalen Weg auf die Straße zurückkehre. Die Kirche ist geschlossen, die Fremdenpension in einem ehemaligen
Nonnenkloster daneben wirkt verlassen, aber drei Autos mit Dubliner Nummernschildern stehen davor und offenkundig funktioniert der Tourismus einigermaßen.
   Leicht beginnt es zu regnen, es ist eher ein Tröpfeln. Doch wenn ich in die lang gestreckte Bucht hinausschaue, die Wolken sehe, die sich auftürmen, scheint jeder Tropfen die Ankündigung starken Regens zu enthalten. Daher schlendere ich zum Auto zurück, entschließe mich, nach Clifden zu fahren. Als ich dann losfahre, reißen die Wolken auf, anscheinend wird es der vorhergesagte schöne Tag.
   Auf halber Strecke biege ich links ab, auf eine schmale Straße nach Süden, die am Lough Inagh vorbei nach Recess führt. Der See wirkt düster, aber es ist wahr, in all den Jahren bin ich zum Unterschied von heuer hier noch nie bei Sonnenschein vorbeigekommen. Am Seeufer stand früher ein grauer, unheimlich wirkender, abweisend wirkender Kasten von Haus, der mich immer an gotische Romane erinnerte. Siehe da, in den letzten Jahren hat jemand den Mut gehabt, an die Belebung des Fremdenverkehrs in dieser Gegend zu glauben, hat den
Kasten gelb angestrichen, vor jedes Fenster Blumenkästen mit Fuchsien gehängt – und schon macht das ganze einen freundlicheren Eindruck auf mich. Autos allerdings nur wenige auf dem großen Parkplatz. Ob sich die Investition je bezahlt machen wird? Gott sei Dank nicht mein Geld und nicht meine Sorge.
   In dem kleinen Nest Recess ist nichts bemerkenswert außer dem alten Bahnhofsgebäude und dem noch immer in Betrieb befindlichen Hotel am Rande des Ortes. Dort parke ich mein Auto. Ich möchte nachsehen, ob ich tatsächlich auf der alten Eisenbahntrasse wandern kann. In Wien habe ich im Internet in der interessanten Website
Ireland´s Eye gelesen, dass man entlang der bereits 1935 aufgelassenen Strecke noch immer wandern kann. (Der Bericht ist leider längst gelöscht).
   Tatsächlich finde ich das alte Gleisbett noch, getreu der Schilderung im Reisebericht der Zeitschrift, und wandere entlang eines der zahlreichen Seen durch eine Landschaft mit schöner Aussicht auf die Berge der Twelve Pins. Gerne würde ich noch weitergehen, doch mein Auto steht vor dem Bahnhofsgebäude und bei einer ehemaligen Kreuzung der Eisenbahn mit der Hauptstraße nach Clifden bei einem ehemaligen Schrankenwärterhäuschen mache ich kehrt und wandere auf der Straße nach Recess zurück.
   Solche alten Eisenbahntrassen findet man in allen Teilen Irlands. Ich weiß nicht, in wessen Eigentum sie stehen; manche Trassenteile sind in die umliegenden Weiden einbezogen und mit Stacheldraht eingezäunt, andere sind völlig verwachsen, manche jedoch sicher auch auf längere Strecken begehbar. Das wären ideale Rad- und Wanderwege, würde man sie revitalisieren. Dazu müsste man jedoch den alten Herrn umstimmen, der sich mitten auf der Eisenbahnstrecke mir in den Weg stellte und mit barschem Ton wissen wollte, was ich auf seinem Grundstück mache. Ich habe als Jurist so viel Respekt vor fremden Rechtsordnungen, dass ich trotz mancher Zweifel an seiner Rechtsauffassung entschuldigend nur vorbringe, ich sei ein ausländischer Tourist, und ob das nicht ein öffentlicher Weg sei, frage. Er freilich ist anderer Meinung, besänftigt sich aber: Ausländern sieht man in Irland wahrlich manches nach.
   Nach der Rückkehr zum Auto fahre ich ein Stück Richtung Clifden. In Ballynahinch suche ich nach dem alten Bahnhofsgebäude. Es ist leicht zu finden, ist es doch ein hübsches, zweigeschossiges Gebäude aus unverputztem Ziegelgemäuer; es besitzt noch immer das Vordach über dem Bahnsteig, auch wenn es seinen Zweck lange schon nicht mehr erfüllt. Vom ehemaligen Bahnsteig aus habe ich einen hübschen Blick auf eine teils baumbestandene Landschaft mit den Bergen von Connemara dahinter. Auch wenn der Bericht in Ireland´s Eye nicht extra darauf aufmerksam machte: es ist schon erstaunlich, welch relativ aufwendigen Bahnhöfe die Eisenbahngesellschaft in dieser menschenleeren Gegend errichtet hat, so, als habe sie nur größere Bahnhofstypen auf Lager gehabt. Ich gehe auch auf der alten Eisenbahnbrücke über den Fluß hinüber, besichtige den Fußweg, der sich in einer einsam wirkenden Landschaft zu verlieren scheint. Es müsste recht nett sein, hier weiterzuwandern, denke ich, aber Irland ist groß und mein Drang zum Weiterfahren noch größer. Ein andermal, denke ich, aber solche Gedanken hege ich schon seit 1978; vielleicht fahre ich deshalb seit so vielen Jahren nach Irland auf Urlaub. Es gibt immer noch Dinge, die ich mir fürs nächste Jahr vornehme.
   In Clifden angekommen, stelle ich fest, dass ich den morgendlichen Frieden zwar gerne stören möchte, aber leider nicht kann. Ich stehe vor verschlossenen Geschäften. Vor 9 Uhr morgens öffnet keiner. Und heute noch viel weniger, denn in Irland ist heute Bankfeiertag. Dafür kann ich mir den Parkplatz aussuchen. Inzwischen scheint wiederum die Sonne und ich mache einen Spaziergang durch die Hauptstraße mit ihren in den letzten Jahren bunt gefärbelten Häusern. Die Fremden wollen es bunt, scheinen die Iren zu denken und so finden sich alle möglichen Farbzusammenstellungen auf den Hausfassaden. Bei Sonnenschein und Farbfilm in der Kamera schaut das recht hübsch aus und selbst bei Regen und Düsterkeit wird die Farbigkeit die Tristesse vielleicht ein bisschen weniger deutlich fühlbar machen. So hübsch die rechtwinkelig angelegte Hauptstraße auch sein mag, in die Seitengassen sollte der Tourist nicht schauen: Ruinen, Verfall, Schäbigkeit. Außen hui und innen pfui, sagt ein Wiener Sprichwort; in Clifden bewahrheitet es sich.
   Im endlich geöffneten Supermarkt kaufe ich das Nötige ein, beim Newsagent auf dem Platz bekomme ich endlich die gewünschten, dickleibigen Zeitungen: The Times (die aus London), The Irish Times und zur Abwechslung den Daily Telegraph, die beiden englischen Zeitungen zusammen billiger als die Tageszeitung aus Dublin. Sollte das Wetter unwirtlich werden, um Lesestoff werde ich mir keine Sorgen machen müssen.
   Danach ein letzter Blick auf die Stadt; das war’s dann für heuer. Ich fahre zur neugotischen (glaube ich) Kirche vor, biege nach links ab, Richtung Leenane. Auf gewundener Straße geht es dahin, durch Moorlandschaft und durch Wälder und nach etlichen Kilometern, mehrfach angekündigt, finde ich (nicht zu verfehlen) die Einfahrt auf den Parkplatz der Kylemore Abbey. Noch sind wenige Besucher da, es scheint noch zu früh am Tag für die Hauptschar der Touristen. Ich gehe zum See vor, mache die obligate Postkartenaufnahme der Abtei, will noch näher herangehen, denn auf der anderen Seite liegt noch ein hübsches Wäldchen, von dem man hübsche Blicke auf die Abtei macht, aber leider, der Zugang ist abgesperrt: die heiligen Nonnen verlangen ganz prosaisch Eintrittsgeld, und zwar nicht bloß für die Besichtigung der Abtei selbst, sondern auch für das Betreten der Terrasse davor und des Wäldchens dahinter.
   Diese Abtei ist ein hübsches Lehrstück für die Segnungen und den Fluch des Tourismus, denke ich. Darüber hinaus sollte sie dem nachdenkenden Touristen auch sonst zu denken geben. Der in seiner Scheußlichkeit geradezu unübertreffliche Bau ist das Werk eines reichen Spekulanten, der sich angesichts hoher Baukosten selbst ruinierte, dennoch aber im Wäldchen in einem angemessen scheußlichen Mausoleum samt holder Gattin begraben liegt. Nach 1918 ist das leer stehende Gebäude von Benediktinerinnen aus Belgien gekauft worden, die dort eine Mädchenschule betreiben. Eine der Nonnen muß sich für die Töpferei interessiert haben; anfangs der 70er-Jahre war ich zum ersten Mal in Kylemore. Dort wo heute ein Riesenparkplatz samt Besucherzentrum und Café ist, stand ein kleines, bescheidenes Gebäude, in dem sie Tonkrüge und Häferln herstellten. Heutzutage geht dieses Gebäude geradezu unter in all den Neubauten. Damals war ich der einzige Besucher, heute müssen an die hundert da sein und an guten Nachmittagen stehen 6 oder 7 Autobusse auf dem Parkplatz. In jedem Reiseführer, sicher auch dem Ihren, ist die Kylemore Abbey angeführt; außer einem Postkartenmotiv ist dort nichts zu gewinnen, die Ansichtskarten, Pullover und Jacketts sind die gleichen wie überall. Bloß anstelle von Verkäuferinnen wandern scharfäugige Nonnen durch die Räume und passen auf, daß auch schön artig alles, was mitgenommen wird, auch bezahlt ist. Ich denke, in einigen Jahren werden die Schwestern auch Geld dafür verlangen, daß die Touristen die Abbey fotografieren – daran verdienen sie derzeit nämlich noch nichts. Sollten Sie das Gelände der Abtei und die Terrasse vor der Abtei gratis besichtigen wollen, fahren sie vom Parkplatz auf die Straße zurück, überqueren den Teich vor der Abtei auf einem Damm und fahren dann noch 200 Meter weiter. Dann halten Sie an, gehen durch ein verrostetes eisernes Tor und kommen an einer ebenso scheußlichen Kirche und dem erwähnten Mausoleum zur Abtei zurück. Der Weg, den Sie entlang gehen, ist die ehemalige öffentliche Straße; um den Frieden der Nonnen nicht zu stören, hat der Staat seinerzeit die öffentliche Straße auf den damals neu gebauten Damm verlegt.
   Durch eine abwechslungsreiche Landschaft fahre ich weiter, komme zu der Kreuzung bei der modernen Kirche, bei der ich am Morgen abgebogen bin und fahre Richtung Leenane zurück, durch eine weite Moorlandschaft mit den dunklen Haufen der zum Trocknen aufgeschichteten Torfziegel. Die Straße senkt sich zum Meeresarm hinab und ich fahre den Killary Harbor entlang bis zur Straßenkreuzung bei Hamiltons Bar (und Greißlerladen samt Tankstelle) und der Bar The Field nebenan.
   Dass so wenige Besucher nach Leenane gekommen sind, wundert mich ein wenig. Dabei wird doch an diesem Tag irlandweit der 150. Jahrestag der Großen Hungersnot gefeiert, die hunderttausenden Menschen das Leben kostete, mehr als eine Million in die Emigration trieb: lauter katholische Iren, ganz zufällig. Wie sagte doch Padraig Pearse: "Die Engländer haben noch nie eine Hungersnot bloß zum Spaß gestartet." Ganz zufällig waren am Ende der Hungersnot jene lästigen irischen Pächter und Landarbeiter aus Irland verschwunden (zumindest von der Oberfläche des Landes), welche die Umwandlung der weiten, verpachteten Grundflächen in profitable Weiden für Kühe und Schafe durch ihre bloße Anwesenheit behinderten. Das Thema der englischen Mitschuld an den Auswirkungen der Kartoffelfäule hat 100 Jahre Gesprächsstoff geliefert; heute erwarten sich die Organisatoren mehr als 100.000 Besucher bei den Feiern, an denen auch der amerikanische Präsident teilnehmen soll sowie – im Rahmen eines Rockkonzerts – Bob Dylan und Van Morrison? Dylan ist leider erkrankt, die anderen sind gesund. Geschmacklos, schreibt eine irische Zeitung? Aber einträglich für die Geschäftswelt und von der irischen Regierung gefördert! Nur kleine Geister denken sich, daß man sich an diese Tragödie für so viele Menschen, die Generationen nachwirkte, auch anders erinnern könnte. Immerhin, in Leenane merkt man von diesen Feiern ohnehin nichts. Auch ein Trost.
   Durstig betrete ich danach die The Field-Bar. Drinnen sitzen etliche Männer mit Gläsern voll Guinness-Bier. Der Barkeeper sagt etwas zu mir, was ich nicht verstehe. Darauf sage ich brav mein Sprüchlein auf: A Diet Coke, please. Da läuft der gute Mann im Gesicht rot an, als träfe ihn soeben der Schlag, und brüllt mich an, die Bar sei geschlossen und ich solle gefälligst verschwinden, wie oft er das noch sagen müsse. Bescheiden frage ich, was dann die Männer an der Theke zu bedeuten hätten. Stille senkt sich über die gastliche Stätte, ich höre beinahe den Bierschaum knistern. Am Hals des Barkeepers schwillt eine Ader. Kein gutes Zeichen, denke ich und gehe mit möglichst freundlichem Gruß hinaus auf die Straße, solange ich noch gehen kann.
   In Hamilton´s Bar daneben bekomme ich meine Dose Cola anstandslos.
   Im kleinen Restaurant daneben bin ich der einzige Gast. Ob es daran liegt, daß sie nur eine ausgetrocktnete Scholle mit fetter Panier mit Pommes Frites zu bieten haben? Den Zustand der Fischleiche merke ich zu spät, also esse ich brav das angebissene Stück auf.
   Danach mache ich mich auf die Suche nach einem Nachtquartier. Indessen weist man mich in zwei Häusern ab. Schau ich nach einem Tag in Irland schon so furchtbar aus? Von anderen Pensionsgästen sehe ich nichts. Anstatt aber in den nächsten Ort weiterzufahren und dort mein Glück zu probieren, fahre ich um den Meeresarm herum, Richtung Westport, parke das Auto und wandere zu den Aasleagh Falls. Das ist auch so eine Sehenswürdigkeit nur dank der Reiseführer. Dort fällt ein besserer Bach ca. zwei Meter tief über eine Geländestufe, was zu einigem schäumenden Wasser führt, recht hübsch anzusehen, sonst aber nicht eigentlich bemerkenswert ist. In jedem besseren Alpental gibt es solche Wasserfälle mehrfach, sogar in Irland. Manche sind auch durchaus sehenswert, wie etwa der Wasserfall am Glencar Lough bei Sligo, den der Dichter Yeats in einem Gedicht für einige Zeit verewigt hat. Dennoch werden auch die Wasserfälle von Aasleagh eifrig von Touristen besucht; untertags findet man Touristen aus vielen Ländern, voriges Jahr traf ich eine ganze Schar Japaner.
   An diesem Abend bin ich der einzige Besucher, vielleicht auch der letzte. Im Licht der Abendsonne glänzt das Wasser auf, während es über die Geländestufe stürzt, ich mache mehrere Fotos und merke zu spät, dass mangels einer menschlichen Staffage kein Betrachter wird ermessen können, wie groß der Wasserfall tatsächlich ist. Die Firma Agfa wird sich über meine Bemühungen als einzige freuen, habe ich doch ihren Diafilm verschwendet.
   Danach fahre ich ein Stückchen weiter und blicke dann auf die wenigen Häuser von Leenane von der anderen Seite der Bucht. Sie liegen hell beschienen unterhalb steiler Hänge, wirken menschenleer. Aus etlichen Rauchfängen steigt unbewegt eine feine Rauchsäule nach oben. Essenszeit. Ich bleibe auf einer Steinmauer neben der Straße sitzen, sehe zu, wie die Schattenlinie auf den Ort zuwandert und ein Haus nach dem anderen seine bunt leuchtenden Farben verliert und nächtlich grau wird. Ist einmal die Sonne untergegangen, wird es schnell kühl und ich flüchte mich in die warme Höhle des beheizten Autos und fahre zu dem Parkplatz in Leenane zurück, den ich mir ein zweites Mal als Schlafplatz ausgesucht habe.
   Diesmal wird es eine ruhige, ungestörte Nacht.

© Peter Lausch
Zuletzt geändert: 14.3.2009

 

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