Hochmut vor dem Fall

 

Viele Ursachen, sagt man, gibt es für den Niedergang der deutschen Kameraindustrie nach dem 2. Weltkrieg. Wer will, kann sich aussuchen:

- Freigabe deutscher Patente durch die Alliierten,

- Demontage deutscher Kamerafabriken durch die Sowjets und deren Neuaufbau in der damaligen UdSSR,

- schamloser Nachbau deutscher Kameras durch die Japaner ab den 30er-Jahren,

- mangelnde Weitsicht,

- fehlendes Verständnis der Kundenwünsche,

- unterlassene Umstellung auf sinnvolle Serienproduktion infolge Kapitalmangel,

- Schicksal.

Diese Liste ließe sich noch beträchtlich verlängern. Je nach Firma treffen einige oder mehrere Faktoren zu. In anderen Fällen fehlte einfach die Zielstrebigkeit und Weitsicht zur Durchsetzung einer an sich überzeugenden Idee: da produziert die Fa. Steinheil in München in den 50er-Jahren eine herausragende Kamera in kleiner Serie, die Casca - und lässt es nach ca. 2000 Kameras bleiben, weil die Firma Leitz mit einer Patentverletzungsklage droht (Schlitzverschluss angeblich kopiert). Manchmal produziert eine Firma, die im Fotobereich hauptsächlich Elektronenblitzgeräte erzeugt, plötzlich eine Spiegelreflexkamera - und erleidet Schiffbruch: Metz mit der Mecaflex. Was haben sich die Leute damals eigentlich gedacht, wenn sie neue Produkte mit viel Aufwand auf den Markt brachten?
   
Seltsam auch, dass ein ganzer Industriezweig eingeht, obgleich bloß drei deutsche Kameras in nennenswertem Ausmaß von den Japanern kopiert wurden: die Rolleiflex, die Schraubleicas, vor allem die Leica III und - praktisch ausschließlich von Nikon, aber auch das lediglich in Teilbereichen - die Contax.
   

Wer heute Bücher und Zeitschriften aus der Zeit ab 1950 liest, findet noch eine weitere Ursache: Hochmut, simpel Hochmut. Dafür einige Beispiele:

Der Mist aus Japan

Da schreibt das Photo-Magazin 1953, seit etwa zwei Jahren werde vor allem in den USA über neue, ganz vorzügliche Objektive aus Japan ein ziemlicher Wirbel gemacht. Ja, man scheue nicht vor der Bezeichnung „Wunderlinsen" zurück. Vor einiger Zeit habe die Firma Voigtländer nun die neuen japanischen Objektive getestet. Nun wird wortwörtlich ein Bericht in der „Voigtländer Post", der Werkszeitung von Voigtländer, zitiert:

   „Wir haben die japanischen Objektive unseren Herren Dr. Tronnier und Eggert anvertraut, die sie genau kontrolliert und geprüft haben. .... Hier das Ergebnis der strengen und fachgerechten Prüfung:
   Das Nikkor hat nicht die angegebene Lichtstärke 1:1,4, sondern nur 1:1,5. Es ist eine Nachahmung der älteren Sonnare 1,5 der Entwicklungsstufe von 1936, bei welcher die seit dieser Zeit an den Sonnaren angebrachten Verbesserungen nicht enthalten sind. Die Farbkorrektur des Nikkor ist durchaus ungenügend. Das Auflösungsvermögen des Objektivs ist in der Mitte gut, fällt nach dem Rand stark ab, so daß in keiner Richtung eine ausgesprochene Schärfe vorliegt. Die Kontrastleistung des Objektivs ist sehr gering. Die Leistungen dieses Objektivs nach Auflösungsvermögen, Tonreichtum und Farbkorrektion sind in keiner Weise ausreichend, um es als einen modernen Hochleistungs-Anastigmaten zu kennzeichnen. Mechanische Leistung durchweg gut, Fassung diamantgedreht.
  
Beim Serenar 1,9 stimmte die Lichtstärke des Objektivs, welches nur eine geringfügig abgewandelte Nachahmung des Summitars 1:2 der Firma Leitz ist. Die Bildmitte ist jedoch schlechter als beim Summitar, die Farbkorrektion entspricht im wesentlichen dem Vorbild. Die gesamte Bildleistung des Summitars jedoch ist von der japanischen Nachahmung in keiner Weise erreicht worden, so daß das „Serenar" ebenfalls nicht zu den modernen lichtstarkcn Hochleistungsobjektiven gerechnet werden kann. Schließlich ergab die Prüfung noch, daß die mechanische Ausführung des japanischen Objektivs weitgehende Übereinstimmung mit seinem Vorbild zeigt, ohne dessen Exaktheit in vollem Umfang zu erreichen."

Und so geht es weiter. Denn unübertrefflich ist die Qualität der eigenen Produkte, man muss es nur den Käufern regelmäßig einhämmern. Vielleicht glauben sie's!
   
Tja, wie das Leben so spielt. 1953 war Voigtländer eine große und angesehene Firma. Aber seltsam, die geradezu unübertrefflichen Objektive von Voigtländer werden schon lange nicht mehr erzeugt, die ganze Firma und vor und nach ihr praktisch die ganze deutsche Kameraindustrie ist eingegangen und durchgesetzt hat sich der Mist aus Japan, bei dem nicht einmal die Objektivdaten stimmen ...... Haben Sie gemerkt, dass Sie eigentlich mit Mist fotografieren? Nein?
   

Statt sich zufrieden zurückzulehnen, wäre es vielleicht für die Leute in den damaligen Chefetagen ganz nützlich gewesen , die Entwicklung in Japan aufmerksam mitzuverfolgen und vor allem entsprechend zu reagieren.

Wie sich die Meinungen ändern

   „Vor rund 30 Jahren galt ein Photoobjektiv der Lichtstärke 1:3,5 als lichtstark, selbst unter Leuten vom Bau. Es soll damals gar nicht so einfach gewesen sein, noch lichtstärkere Objektive nicht nur zu errechnen, sondern ihre Herstellung auch durchzusetzen, weil auch versierte Fachleute noch „größere" Objektive als 3,5 für überflüssig hielten. Nun, schon wenige Jahre später, 1932, stellte das Sonnar 1,5/5 cm einen neuen Rekord auf. Objektive noch größerer Öffnung wurden zwar von der deutschen Industrie schon in den 40er-Jahren gefertigt, z. B. R-Sonnare und R-Biotare mit Öffnungsverhältnissen bis zu 1: 0,85, doch dienten sie nicht allgemeinen fotografischen Zwecken, sondern für Spezialaufgaben: Röntgen-Schirmbildaufnahmen. Dies ist selbstverständlich bei ihrer Korrektur berücksichtigt; diese Spezialobjektive lassen sich in der allgemeinen Photopraxis nicht ohne weiteres verwenden.
   So ist es sachlich nicht richtig, wenn jüngst westdeutsche Zeitungen von einem neuen japanischen Photoobjektiv 1:1,1 als dem „lichtstärksten der Welt" berichteten. Es hieß da, die japanische Firma Teikoku Optical Co. habe die Serienfabrikation zweier Objektivtypen der „bisher unerreichten Lichtstärke 1:1,1" aufgenommen. Die Typenbezeichnungen sind Zuno bzw. Zunow, auf deutsch „Hirn". Errechnet wurden beide Objektive in elfjähriger Arbeit (laut NACHRICHTEN FÜR AUSSENHANDEL, Köln) von Sakuta Suzuki und Nichisaburo Hamano. Ersterer ist der Leiter des Unternehmens. Die Produktion des einen Objektivs (für Schmalfilm) sei angelaufen, heißt es weiter, die Herstellung des 5-cm-Objektivs für Kleinkameras soll demnächst im Umfang von 500 Exemplaren pro Monat aufgenommen werden.
   Eine andere Frage ist, ob höhere Lichtstärke als 1:1,5 bei unseren heute üblichen Aufnahmeformaten — vom oben genannten Spezialzweck abgesehen — wegen der minimalen Schärfentiefe überhaupt praktischen Sinn hat, von „ökonomischen" Gesichtspunkten ganz abgesehen..."
– Zitat aus Photo-Magazin, Juli 1953. 
   
Im Übrigen: Auch Leitz beteiligte sich während des 2. Weltkriegs mit einem entsprechenden Objektiv, aber nicht bloß für Röntgenaufnahmen, sondern für die Nutzung durch wem anderen.
   
Wahr ist, dass das Zunow nicht das einzige derartige Objektiv geblieben ist, das die japanische Kameraindustrie ab den 50er-Jahren auf den Markt brachte. Jeder Objektivproduzent wollte mithalten. Einen schönen Überblick über diese Objektive gibt Stephen Gandy auf seiner überaus interessanten
Site.
   
Die deutschen Produzenten blieben abseits. Kommentare wie der oben wiedergegebene finden sich häufig. Das änderte sich allerdings sehr schnell, als Leitz ein eigenes Objektiv vergleichbarer Lichtstärke auf den Markt brachte, das Noctilux 1 : 1,2/50mm mit asphärischen Linsen und danach das einfacher aufgebaute Noctilux 1/50 mm, beide für die Leica M.
   
   Erst die Leica mit dem Noctilux 1: 1,0 und einem höchstempfindlichen Film mache den Fotografen unabhängig und vor allem auch gesellschaftsfähig (Blitzen ist zwar nur selten verboten, aber oft eine nicht zu rechtfertigende Belästigung). Die Voraussetzungen für die Fotografie bei verfügbarem Licht hätten sich erheblich verbessert. Da sei zuerst das Noctilux 1 :1,0/50 mm zu nennen, das schon bei voller Öffnung sehr brillante, scharfe und reflexarme Bilder liefert. 27 DIN-Schwarzweißfilme überraschen durch hervorragende Eigenschaften.

  
Das Leitz Noctilux 1: 1,0/50 mm sei z. Z. das lichtstärkste Fotoobjektiv (vom o. g. Objektiv 1: 0,95 trennt es ein enormer Leistungsunterschied und 1/6 Blendenstufe in der Größtöffnung, falls diese überhaupt voll und ganz auf dem Film ankam). Neue optische Gläser sowie moderne Rechen- und Fertigungsmethoden machten es möglich, auf die in mancher Hinsicht problematischen asphärischen Linsenflächen zu verzichten und gleichzeitig gegenüber dem seit 1966 lieferbar gewesenen Noctilux 1: 1,2/50 mm die Bildleistung und Lichtstärke zu steigern. Das ab 1976 erhältliche Noctilux 1:1,0/50 mm sei, unter anderem durch den Wegfall der Asphären, ein echtes Universalobjektiv geworden. Es leiste, entsprechend abgeblendet, das gleiche wie ein Summicron 1: 2/50 mm. Und das Gewichtsargument zähle ebenfalls nicht: Die Leica M 4-2 (für die es neuerdings sogar einen Winder gebe) mit dem Noctilux 1: 1,0/50 mm wiege nicht mehr als irgendeine Kleinbild-Spiegelreflexkamera mit einem Objektiv 1: 1,4 oder 1: 2.

So hieß es dann, nachdem Leitz auf der Photokina 1966  das Noctilux 1,2/50 mm vorgestellt hatte und nach einigen Jahren anstatt des sündteuren Objektivs mit asphärischen Linsenflächen eine viel größere, dafür weniger verlustreich herstellbare neue Auflage mit den Daten 1/50 mm lieferbar war. Wie sich doch die Meinungen ändern!
   
Noch heute ist das Noctilux das einzige Objektiv für Sucherkameras mit den optischen Daten 1/50 mm (für die EOS-AF SLRs von Canon gibt es ein EF 50 mm 1/1.0 L USM, von Nikon nur ein AF-Nikkor 1,2/50 mm). Das Noctilux bis vor kurzem noch lieferbar, ehe es durch Vergleichbares ersetzt wurde. Und keiner redet mehr von der mangelnden Tauglichkeit von Blende 0,85, 1,1, 1,2 oder eben 1 für bildmäßige Aufnahmen; das war nur solange ein Thema, solange kein deutscher Fabrikant ein gleichartiges Produkt vorweisen konnten. 
   
Ab seiner Einführung 1976 bis zur Neuauflage 2008 war das Noctilux nicht wesentlich verbessert worden und damit auf dem Entwicklungsstand 1976 geblieben. Ein überzeugter Verteidiger der Qualität von Leica-Objektiven, Erwin Puts, nennt seine Abbildungsleistung bei größter Öffnung „impressionistisch". Also, eine schlimmstenfalls impressionistische Abbildungsleistung hatten die Japaner, wie gesagt, schon 15 Jahre früher erreicht.

Und was das neue Noctilux 1:0.95/50mm ASPH betrifft, so wird dieses vom selben Menschen als einmalig hervorgehoben etc. Mag schon sein, mag sich ein jeder aber fragen, wie oft er eine solche Lichtstärke bei heutigen perfektionierter Blitzbelichtungssteuerung und digitalen Kameras mit nutzbaren Empfindlichkeiten bis mehrere tausend ISO (Äquivalent) benötigt.

Was den im oben genannten Artikel erwähnten Winder betrifft, zur Nikon SP gab es schon 1959 einen echten Motor und jetzt sage keiner, die LEICA M 4 sei ja erst seit 1964 angeboten worden – die LEICA M 3 aber schon seit 1954, müsste ich dann entgegenhalten

Auf ewig unübertrefflich

„Es ist nicht möglich, der deutschen Photoindustrie den Rang abzulaufen. Deutsche Kameras werden auf allen Märkten der Welt immer in vorderster Reihe stehen. Und auch die deutschen Elektronenblitzgeräte, in deren Entwicklung viel geleistet wurde, führen überall dort, wo es sich Menschen leisten können, die Schönheit und das pulsierende Leben dieser Erde auf Film und Platte zu bannen", konnte noch 1957 ein führender Manager einer führenden deutschen Elektronikfirma unwidersprochen von sich geben, als er ein wenig erschöpft von einem 38-Tage-Weltflug zurückkehrte.
   
Aber es kommt noch besser:
   „Japan wird nach der Theorie der Handvoll Reis bald nicht mehr das billige Geschäft machen können. Das Dumping, auch auf dem Photosektor, wird also vermutlich in absehbarer Zeit aufhören, weil der japanische Arbeiter nach westlichem Standard leben will", war seine Ansicht über die sich anbahnende Entwicklung. 

Und heute?

Wie sagte noch Gero von Furchheim von Leica bei der Photokina 2004: "Wir können uns vorstellen, dass sich der Marktanteil der Analogkameras in Zukunft bei 10 bis 15 Prozent einpendelt. Vielleicht kommt es sogar wieder zu einem Gleichgewichtsverhältnis zwischen analogen und digitalen Kameras", träumte der Leica-Sprecher im <Manager-Magazin>, wo denn sonst?

*

 
    Selbst auf ihrem speziellen Geschäftsgebiet führt heute die Firma, deren Manager auf Grund der Erkenntnisse seiner Weltreise seinerzeit solch überzeugende Weitsicht bewiesen hat, nur mehr ein Nischendasein. Die geschmähten Japaner haben auf diesem Gebiet durch spezielle elektronische Schaltungen die deutsche Konkurrenz auf dem Massenmarkt wirksam ausgeschaltet. Und Furchheims Firma ist zwischenzeitlich in beträchtliche finanzielle Turbulenzen geraten und kämpft aktuell gegen wegbrechende Verkaufszahlen auch bei der letztendlich doch noch angebotenen digitalen Mess-Sucherkamera.
   
Solche Beispiele könnte man bei Lust und Laune hundertfach aufzählen. Lassen wir es sein. Es ist nicht lustig, mitzuerleben, wie ein ganzer Industriezweig Hals über Kopf in eine Sackgasse rennt. Man soll über die damals wie heute Verantwortlichen nicht Häme ausschütten. Man soll aber ihre Fehler nicht verschweigen und vor allem, man soll aus ihren Fehlern lernen.

Vor allem soll man sich niemals aus Hochmut auf den eigenen Lorbeeren ausruhen und sagen: es ist genug.

Es ist niemals genug. 

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Peter LAUSCH
Zuletzt geändert am 
29. Jänner 2009

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