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Ein Reisebericht von Peter Lausch

 

5. Teil: Wörlitz

Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau unternahm 1763/64 mit seinem Berater Erdmannsdorff eine Reise nach England, während der er eine Reihe von <englischen> Gärten besuchte und von ihrer Schönheit tief beeindruckt wurde. Deshalb beschloss er, in Wörlitz einen <englischen Garten> anzulegen, eine sorgsam geplante Welt im Kleinen, in der die Natur scheinbar sich selbst überlassen wurde – im Gegensatz zu den in der Barockzeit in Frankreich aufgekommenen Parks, die ständiger Pflege bedurften. Die Natur scheinbar sich selbst überlassen, ist im engsten Sinn nicht ganz treffend, denn in Wahrheit handelt es sich um eine sorgsam geplante Landschaftsgestaltung, in die Bezüge zu den verschiedenen Epochen der Menschheitsgeschichte hergestellt wurden. Höhlen und Grotten wurden angelegt, klassizistische Tempel nach antiken Vorbildern, mittelalterliche Bauten – alles sollte Zeugnis ablegen von der Entwicklung des Menschen in seiner Umwelt. Charakteristisch dafür ist im Besonderen der so genannte „Englische Sitz" neben dem Schloss, von dem aus der Betrachter über den Wörlitzer See zum säulengeschmückten Nymphäum blickt.

Wo man den Spaziergang durch die Wörlitzer Anlagen beginnt, bleibt dem Besucher überlassen. Ich denke, am Einfachsten ist es, Richtung Kirche von Wörlitz zu fahren und dort das Auto zu parken. Parkplätze gibt es auch in der Ferienzeit ausreichend, die auf dem Markt sind allerdings gebührenpflichtig, ebenso wie die auf dem speziellen Parkplatz beim baufälligen Eichenkranz, einem Fachwerkgebäude, in dem einst die Gäste des Fürsten untergebracht worden sind.

Mir scheint es am Eindrucksvollsten, zuerst das Schloss Wörlitz zu besuchen, ein Landhaus nach englischem Vorbild (manche meinen, das ganz konkrete Vorbild sei das Schloss Claremont in Surrey gewesen). Äußerlich wirkt das Schloss ein wenig bescheiden – im Vergleich mit Oranienbaum fehlen die Seitentrakte (die Kavalierstrakte für die Unterbringung des Hofstaates). Innen indessen ist das Schloss für die damalige Zeit mit durchaus fortschrittlichen Anlagen versehen: Wasserleitungen und Öfen fehlen ebenso wenig wie recht praktische Klappbetten. Eine Küche ist nicht eingeplant worden. Stattdessen findet sich neben dem Schloss ein recht unauffälliger Bau, der den Sommerspeisesaal und die Küche enthält. Im Fall eines Brandes wäre die Küche abgebrannt und nicht gleich auch das ganze Schloss. Noch bis ins 20. Jahrhundert war diese räumliche Trennung für viele Herrenhäuser, namentlich in Ostpreussen, üblich, wie die einschlägige Memoirenliteratur aufzeigt.

Das Schloss kann im Rahmen regelmäßiger Führungen besichtigt werden. Derzeit wird es renoviert, was den Anblick von der Seeseite her leider beeinträchtigt, aber was sein muss, muss sein.

Von dort aus gelangt man auf den einstigen Ortsfriedhof mit der Kirche und dem <Grauen Haus>, in dem sich Franzen’s Gattin in späteren Jahren niederließ, während der Herr Fürst sein Domizil im <Gotischen Haus> aufschlug, wo er mit seiner Geliebten Luise Schoch residierte. Auch das Graue Haus hat anscheinend ein Vorbild in England. Ein Stückchen weiter kommt man zur einstigen Synagoge – auch für dieses Gebäude gibt es ein Vorbild, diesmal in Rom. In der einstigen Synagoge ist eine Ausstellung zur Geschichte der Juden in Anhalt untergebracht (Eintritt kostenpflichtig).

Wörlitz

Folgt man von der Synagoge aus dem Südufer des Sees nach Südosten, erreicht man nach einem halben Kilometer die weithin kurioseste Anlage; die künstliche Insel <Stein>. Auf ihr ist ein – kleines – Amphitheater nachgebaut und ein dem Vesuv nachempfundener Miniaturvulkan, der bei allerlei geselligen Veranstaltungen mit Hilfe diverser pyrotechnischer Tricks den Eindruck eines feuerspeienden Vulkans vermitteln sollte. Nach gründlicher Restaurierung ist die Anlage wieder funktionsfähig und wird ab und an in Betrieb genommen. Vom Uferweg aus ist von diesen Attraktionen nicht viel zu sehen; unübersehbar ist jedoch die nachgebaute <Villa Hamilton> des seinerzeitigen englischen Gesandten Lord Hamilton im Königreich Neapel. Bekannter als dieser Herr ist seine Gattin Emma als Geliebte Admiral Nelsons geworden, aber derartige Bezüge fehlen auf der Insel Stein.

Es ist halt ein Jammer: immer werden einem die interessantesten Details unterschlagen, nur weil sie dem Anlass nicht entsprechen. Dem will ich mit dem bescheidenen Hinweis abhelfen, dass Lady Emma Hamilton als Tochter eines Hufschmieds auf die Welt gekommen ist, im entsprechenden Alter sich dann als Geliebte diverser Adeliger durchbrachte und ein dankbarer Neffe vermittelte sie schließlich an seinen bereits 56 Jahre alten Onkel Lord Hamilton. 1791 legalisiert der Lord das Verhältnis, Emma steigt in den Hochadel auf, beginnt ein Verhältnis mit Admiral Nelson und bekommt von ihm eine Tochter. Der Lord ist mit allem einverstanden, die drei leben zusammen, soweit nicht Nelson Napoleons Flotte jagen muss. Der Lord hinterlässt ihr nicht viel, Lord Nelson gar nichts und Emma säuft sich zu Tode. Mit 50 Jahren stirbt sie an Leberzirrhose in Calais. In ihrer Jugend soll sie eine der schönsten Frauen ihrer Zeit gewesen sein; Goethe schreibt schwülstig und begeistert über sie – und nicht nur er.

So ist das Leben: von ihr redet man noch immer, will man was über den gehörnten Gatten erfahren, muss man nach Wörlitz fahren (oder abseitige Bücher lesen)!

Von der Insel Stein bietet sich ein Rundgang durch die Anlagen an: zunächst nach Norden zum Großen Walloch, einem recht großen Teich, an dessen Ufer das im Juli eingerüstete Pantheon steht und sodann nach Westen an allerlei Bauten vorbei, über die jeder Führer ausreichend Auskunft gibt. Beim Gotischen Haus angelangt, kann man des Fürsten gedenken, man kann aber auch das Haus selbst besichtigen; wem so etwas gefällt, wird sicherlich vor allem von den Glasmalereien entzückt sein, die sich im Original erhalten haben. Das Bauwerk selbst ist halt schon sehr <gotisch>; ein echter Baumeister aus der Zeit der Gotik würde so etwas wohl nicht geschafft haben.

Beim Weitergehen überquert man auf 2 Fähren mit der Roseninsel als Zwischenstation den Wörlitzer See und kommt somit zu Neumarks Garten und von dort entweder zu Fuß zurück zum Parkplatz beim Eichenkranz oder alternativ mit einer weiteren Fähre in den Schlossgarten und zum Schloss.

Die Wörlitzer Anlagen sind meines Erachtens schon deshalb sehenswert, weil sie nicht nur ein prächtiger Landschaftspark in englischem Stil sind, sondern, je nach der Interessenslage unter anderem Gelegenheit bieten, sich an Hand der vom Fürsten beauftragten und zum Teil beeinflussten Bauten und Denkmäler in die Gedankenwelt eines <aufgeklärten> und fortschrittlichen Landesherrn hineinzudenken. Ihm verdanken die damaligen Bewohner von Anhalt-Dessau viel. Natürlich kann man sarkastisch bemerken, was haben wohl die Zeitgenossen von einem schönen Park gehabt, den sie gratis besuchen durften? Doch der Fürst hat darüber hinaus vieles unternommen, um die Wirtschaftslage in seinem kleinen Reich zu verbessern, sei es durch die Förderung der Bildung und des Schulwesens, sei es – ganz zeitgemäß – durch die Schaffung zusätzlicher Arbeitsplätze. Aber das ist eine andere Geschichte.

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Peter Lausch
Geändert am 14.1.2009
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