Ein Reisebericht von Peter Lausch
2. Teil: Oranienbaum
Oranienbaum ist sozusagen nicht zu verfehlen. Von Berlin aus auf der A9
bis zur Ausfahrt Dessau, dann noch ca. 10 km nach Osten. Und von Süden aus
ebenfalls auf der A9 etc. Von Berlin aus sind es etwas über 100 km, von
Wien aus fährt man fast 780 km (bis auf die letzte Etappe Autobahn; ich
habe knapp 8 Stunden benötigt). Kürzer wäre die Route über Prag und
Dresden, sie bedeutet aber keine Zeitersparnis, da man nicht durchgehend
Autobahnen benutzen kann und der Streckenabschnitt zwischen der
tschechischen Grenze und Dresden eine berüchtigte Staustrecke ist.
Ich lange kurz vor 10 beim Hotel an und stelle das Auto auf dem
öffentlichen Parkplatz gegenüber in den Schatten. Es hat bereits 28 Grad.
Im Fremdenverkehrsbüro daneben versorge ich mich – teilweise
kostenpflichtig – mit Unterlagen über das Schloss in Oranienbaum und über
die Wörlitzer Anlagen. Von dort sind es bloß 100 Meter bis zum
Haupteingang des Schlosses.
Gebaut wurde das Schloss von Henriette Katharina von Nassau-Oranien
(1637 – 1708), die den Herrscher des Kleinstaates, Fürst Johann Georg II.,
heiratete. Das war eine für ihn wertvolle und nützliche Verbindung: nicht
nur wurde er dadurch zum Schwager des Großen Kurfürsten von Preußen (der
hatte eine Schwester Henriette Katharinas zur Frau genommen), sondern
seine Gattin brachte auch beträchtliche finanzielle Mittel ins Land, die
nach den Wirren des eben zu Ende gegangenen 30-jährigen Krieges dringend
benötigt wurden. Zusätzlich brachte sie Fachleute aus Holland mit, welche
neue Anbaumethoden in der Landwirtschaft durchsetzten und darüber hinaus
mit ihren Ideen die Entwicklung des Handels und der Produktion förderten.
Anhalt-Dessau wurde damit das fortschrittlichste Land Europas.
Henriette Katharina erbte unter anderem einen Teil des oranischen
Bilderschatzes, bestehend überwiegend aus Bildern von damals sozusagen
zeitgenössischen holländischen Malern: Rubens Breughel, van Dyck und
anderen.
Um 1659 kam sie in die Gegend des damals verwüsteten und unbewohnten
Ortes Nischwitz; dessen Lage, nicht weit von der Grenze zu Sachsen, gefiel
ihr und sie beschloss, dort – 12 Kilometer von der Residenz in Dessau
entfernt – ihren persönlichen Landsitz zu bauen. Nachdem man den Ort
Nischwitz in Oranienbaum umbenannt hatte, wurde 1983 mit den Bauarbeiten
am Schloss begonnen,. Henriette Katharinas holländischer Baumeister
errichtete aber nicht nur Schloss und Schlosspark, sie beauftragte ihn mit
der Planung einer entsprechenden Siedlung im Osten des Schlosses. Für
diese Siedlung entwarf der Baumeister ein Netz von rechtwinkelig
zueinander verlaufenden Straßen, die von einem zentralen Marktplatz in der
Sichtachse des Schlosses nach Osten ausgingen. Dieser Marktplatz ist
ebenso erhalten wie das Straßennetz. An sich sollte in der Verlängerung
des Marktplatzes nach Osten hin eine Kirche errichtet werden, um den
Bewohnern des Ortes zu ersparen, zwecks Besuchs der Messe in ein anderes
Land gehen zu müssen (nach Sachsen). Da die Kirche jedoch der Landesgrenze
zu nahe gelegen wäre, wurde umgeplant, sie wurde um 90 Grad nach Süden
versetzt gebaut – vom Markplatz geht man daher durch eine Seitenstraße zur
Kirche. Diese Kirche ist – auch für sich gesehen – durchaus sehenswert:
auf ovalem Grundriss krönt sie ein Walmdach – kein Vergleich mit der
üblichen Kirchenarchitektur anderswo.
Das ockerfarben getünchte Schloss selbst besteht aus mehreren,
aneinander gefügten barocken Gebäuden. Allerdings entspricht es nicht der
in Bayern, Österreich und anderswo üblichen üppigen (barocken) Version
dieses Baustils, sondern orientiert sich an der niederländischen Spielart
dieses Stils.
Es ist nicht ganz in seiner originalen Bauform erhalten. Denn
nachträglich wurden die zunächst einstöckigen Seitenflügel erhöht; ferner
wurden beiderseits Kavaliershäuser für den Hofstaat, sowie
Wirtschaftsgebäude dazugebaut. Dadurch entstand ein recht großer Ehrenhof,
auf dem unter anderem die Gäste empfangen wurden. Infolge dieser Zubauten
macht das Ensemble von Schloss und Stadt einen umso geschlosseneren
Eindruck, wird doch der repräsentative Marktplatz heute nur durch eine
zweispurige Straße vom Ehrenhof des Schlosses getrennt.
Auch die Innenausstattung ist nicht mehr zur Gänze im Original
erhalten, denn in den folgenden Jahrhunderten wurde sie wiederholt dem
Zeitgeschmack angepasst. Dennoch sind etliche Räume noch heute in dem
Zustand, in dem sie gegen Ende des 18. Jahrhunderts waren, darunter der
mit Tapeten aus Goldleder ausgekleidete Teesaal und der im Souterrain
gelegene Sommerspeisesaal mit seiner Kachelung aus Fliesen Rotterdamer
Art. Höhepunkt ist sicherlich die Gemäldesammlung.
Das Schloss wird zurzeit renoviert, kann dessen ungeachtet jedoch
besichtigt werden, wenn auch nur im Rahmen regelmäßiger Führungen. Die
sich derzeit auf die Außenfassade beschränkenden Renovierungsarbeiten
hinter unschönen Gerüsten vermiesen allerdings Erinnerungsfotos und der
Besucher muss sorgfältig nach einem Standpunkt suchen, von dem aus man die
Baugerüste nicht sieht.
Untrennbarer Teil der Schlossanlage ist der Park an der Westseite des
Schlossgeländes. Heute grenzt die weite Rasenfläche des Gartenparterres an
das Schloss, die nur durch eine große Anzahl von Orangenbäumen in ihren
weißen Holzkübeln belebt wird – im Winter sind die Bäume in der Orangerie
an der Straße nach Dessau untergebracht. Im ursprünglichen Zustand war das
Gartenparterre jedoch durch Hecken, Statuen und Blumenbeeten belebt. Davon
ist nichts mehr zu erkennen. Geblieben ist lediglich ein eher bescheidener
Brunnen mit – kleiner – Fontäne im Zentrum der Rasenfläche.
Diese ist nach Süden, Westen und Norden von Wald umgeben. Südlich lag
der ehemalige Irrgarten, von dem nichts mehr zu sehen ist. Die Parkfläche
nördlich des Gartenparterres wurde zu Ende des 18. Jahrhunderts in einen
Chinesischen Garten mit künstlichen Wasserläufen und einem Teehaus in
chinesischem Stil sowie einer Pagode umgebaut. Kunsthistorisch ist dieser
Teil des Schlossparks von Bedeutung, weil Fachleute hier den Übergang vom
barocken Schaugarten zum Landschaftspark in englischem Stil nachvollziehen
können. Laien wie ich sehen indessen nichts weiter als ein hübsches
Waldstück mit Bachläufen und zierlichen Brücken samt Gebäude aus Klinkern
und – einer Pagode. Wieso in Oranienbaum eine chinesische Pagode errichtet
wurde? Weil der Ur-Enkel der Henriette Katharina im Rahmen einer
Bildungsreise in England u. a. auch die Kew Gardens bei London kennen
lernte – und dort steht in diesem sozusagen idealen Landschaftspark eine
solche. Immerhin kann der Neugierige an bestimmten Tagen ins vierte
Geschoß der Pagode hinaufsteigen und von dort die Aussicht genießen –
Besichtigungsmöglichkeit erfragen, wenn die Eintrittskarte für das Schloss
gekauft wird, der Parkbesuch selbst ist unentgeltlich.
Glücklicherweise ist aus vereinzelt im Internet zirkulierenden Plänen
für die Zukunft Oranienbaums (bzw. gleich des ganzen Gartenreichs) nichts
geworden: wer gleich die Errichtung einer neuen Eisenbahnstation am
Ortsrand plant, ein Konferenzzentrum, des weiteren öffentliche Busse zum
Schloss, die Sperrung des ganzen Ortes für den Straßenverkehr, ausgenommen
die Anrainer, und gebührenpflichtige Parkplätze für die Leute, die
trotzdem mit dem Auto anreisen, dem ist nicht zu helfen. Über derartiges
freuen sich nur diejenigen – wenigen – jungen Oranienbaumer, die dann noch
ungestörter als heute mit wummernden Bässen der Stereoanlage in ihren
Autos sinnlos im Kreis fahren können.
Und wer in einem Ort, in dem es dank der Siedlungsstruktur und der
Planung zu DDR-Zeiten so viele freie Parkmöglichkeiten gibt,
gebührenpflichtige Parkflächen am Ortsrand vorsieht, der verwechselt die
Innenstadt von Berlin mit der Realität in Oranienbaum. Solche Projekte
sind Fantasielosigkeit zur Potenz.
Daraus ist Gott sei Dank nichts geworden – der Steuerzahler dankt.
Diese Bemerkung möge auch einem Ausländer gestattet sein.
Zur Fortsetzung
Peter Lausch
Zuletzt geändert am 14.1.2009
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