TEIL 1: RÜCKBLICK AUF DIE SUCHERKAMERAS VON CANON

TEIL 2: WAS  SIND LEICA-COPIES?

TEIL 3: BEDIENUNG, BEWERTUNG UND BEDEUTUNG DER CANON VI-T

 


 

 

TEIL 2: WAS SIND LEICA-COPIES?


© Leicashop Vienna

 

In Sammlerkreisen hat sich der Brauch herausgebildet, eine Kamera dann als <Leica-Copy> zu bezeichnen, wenn sie folgende Voraussetzungen erfüllt:

  • Die Kamera ist eine äußerlich der Leica nachempfundene Kleinbildkamera mit Messsucher und auswechselbarer Optik und Schlitzverschluss.

  • Das Objektiv muss mit Leica-Objektiven austauschbar sein und funktionieren.

  • Bei Kameras mit Schraubanschluss des Objektivs wird ein Innendurchmesser des Objektiv-Anschraubringes von M39 verwendet und eine Gewindesteigung von 0,977 mm (rund 1 mm), sowie ein Objektiv-Auflagemaß von 28,8 mm.

  • Ob die Kamera ansonsten einer Leica mit Schraubgewinde bauähnlich ist oder nicht, fällt dabei nicht ins Gewicht. Im üblichen Sprachgebrauch indessen wird von einer Kopie dann nicht gesprochen, wenn ein Produkt (auch) wesentlich andere Eigenschaften aufweist (z. B. einen kombinierten Sucher/Entfernungsmesser, z. B. eine aufklappbare Rückwand, z. B. einen mit Zeit oder Blende gekuppelten Belichtungsmesser).

    Dank dieser großzügigen Definition, was eine Leica-Kopie ist, gibt es daher sehr viele solche Kopien (an die 300 weltweit, nach einer nicht unumstrittenen Zählung). Dass indessen zumindest manche dieser Kameramodelle einer Leica nur wenig ähnlich sehen und auch viele der für die Leica typischen Teile nicht aufweisen, nützt nichts: eine Leica-Kopie muss es sein.

    Durfte die japanische Fotoindustrie denn die Leica kopieren? Und hat Canon Leica-Kopien im Sinne der oben angeführten Definition erzeugt?

    Abgesehen von der letztlich <ethischen> Frage, ob es anständig ist, die Produkte eines anderen nachzumachen, ist die entscheidende Rechtsfrage, ob der Nachbau von verschiedenen Modellen der Leica patentrechtlich bzw. urheberrechtlich einen Verstoß gegen internationales Recht darstellt.

    Das ist die entscheidende Frage, denn namentlich nach 1945 (bis in die 60er-Jahre hinein) hat eine große Anzahl von Firmen (teilweise eher als <Werkstätten> zu bezeichnen) solche Leica-Kopien hergestellt. Und ab 1945 klagte die - heute faktisch nicht mehr vorhandene - deutsche Fotoindustrie, die Japaner würden ohnehin nur nachbauen und imitieren und im Übrigen, was sie nachbauten bzw. imitierten, sei ohnehin bloß Mist. Man weiß ja in der Zwischenzeit, was man von solchen Sprüchen zu halten hat, aber dennoch ....

    Zunächst: 1933 waren in Japan weder Verschluss noch Objektivanschluss noch Entfernungsmesserkupplung bzw. die Kameraform etc. der Leica urheberrechtlich bzw. patentrechtlich geschützt. Ein allfälliger Nachbau wäre daher rechtlich vollkommen einwandfrei erfolgt - es hatte aber keine japanische Firma die erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten bzw. den entsprechenden Wagemut zu einem derartigen Kameramodell. 

    Erst 1934 hat Leitz in Japan die in den Leicas verwendete Methode der Kupplung des Entfernungsmessers mit der Entfernungseinstellung der Objektive patentieren lassen. Ab 1934 musste sich Canon daher eine andere Lösung einfallen lassen - und so war es dann auch. Es entstand die <Hansa-Canon>.

    ***

    Im 2. Weltkrieg haben die Alliierten deutsche Patente für ungültig erklärt. Durch das Kontrollratsgesetz wurden diese Patente durch die Siegermächte formell enteignet. In einem in London 1946 geschlossenen Abkommen hat sich dann jede der beigetretenen Regierungen verpflichtet, alle im jeweiligen Staat erteilten Patente von Deutschen bzw. deutschen Firmen jedermann zur Verfügung zu stellen. Dies gilt auch für Japan. Mit anderen Worten: deutsche Patente, die vor 1945 erteilt wurden, sind sozusagen Allgemeingut geworden und konnten von jedermann rechtlich einwandfrei benutzt bzw. weiterentwickelt werden.

    Damit geht indessen das namentlich von der deutschen Fotoindustrie in den Nachkriegsjahren und vor allem von den ihr nahe stehenden Journalisten gerne gebrauchte Argument ins Leere, die Japaner hätten ohnehin alles zusammengestohlen. Gleiches gilt sinngemäß auch für die sowjetischen Nachbauten von Leica- und Contax-Modellen. Vor dem Krieg durften Leica, Contax etc. mangels patentrechtlichem Schutz nachgebaut werden, nach dem Krieg durften im Hinblick auf die Kraftloserklärung deutscher Patente die sowjetische Kameraindustrie nachbauen so viel sie wollte (so wie die Japaner haben auch die Sowjets die Vorbilder weiterentwickelt und zum Teil technische Lösungen verwendet, die man bei den entsprechenden Modellen der Leica mit Schraubgewinde immer vermissen sollte – z. B. die aufklappbare Rückwand oder die Rückspulkurbel, beides jahrzehntelang Stand der Technik.

    Dieser Definition entsprechend war zwar das erste Kameramodell der nachmaligen Firma Canon, die 1933 vorgestellte Kwanon-X, so viel man weiß, einigermaßen der Leica nachempfunden, sie ist aber dennoch keine Leica-Copy, weil die Schraubfassung eine Gewindesteigung von 1,1 mm aufweist.

    Das Nachfolgemodell und wahrscheinlich das erste Modell, das zu kaufen war, die Hansa-Canon, wiederum erfüllt die genannte Definition auch nicht: Im Zeitpunkt der Marktreife war die Kuppelung der Entfernungseinstellung am Objektiv mit dem Entfernungsmesser des Gehäuses bereits für Leica in Japan patentiert.

    Es musste daher eine besondere Art der Kupplung von Objektive und Gehäuse entwickelt werden, durch welche das Patent von Leitz nicht verletzt wurde. Canon war dazu nicht im Stande und kaufte eine entsprechende Entwicklung von Nikon (die Firma hieß damals auch noch nicht Nikon) zu. Daraus erklärt sich die oben sowie unten im Detail sichtbare besondere Form des Objektivanschlusses. Das Gehäuse hat zwar ein Schraubgewinde, in dieses ist jedoch eine spezielle Objektivfassung mit Schneckengang für die Entfernungseinstellung eingebaut. Die Entfernungseinstellung erfolgt nicht - wie bei den Leicas - am Objektiv, sondern mittels des seitlichen Zahnrades. Übrigens erfolgt die Verbindung zwischen diesem Teil mit der Einstellschnecke und dem - auswechselbaren - Objektiv mittels Bajonettanschlusses. Das entsprechende Patent von Leitz wurde somit nicht verletzt (manche sagen: geschickt umgangen). Dies gibt der Kamera ein unverwechselbares Aussehen.

    Insofern ist also dieses - erste - Serienmodell von Canon auch keine Leica-Kopie im Sinne der vorstehenden Definition.

     

    Hansa-Canon heißt diese Kamera übrigens deshalb, weil der Vertrieb durch ein gleichnamiges Fotogeschäft erfolgte; und Canon anstelle von Kwanon heißt die Kamera, weil die Hersteller den allzu pietistischen Namen (nach dem Buddha der Gnade) durch ein auch auf Englisch wohlklingendes Kunstwort ersetzt hatten. Einzelne Kameras wurden direkt von Canon verkauft, es gibt die Kamera daher auch als <Canon> ohne <Hansa>.

    Ab Oktober 1946 wurde dann tatsächlich von Seiki Kogaku (die Firma nahm 1947 den Produktnamen an) die erste japanische Leica-Kopie erzeugt, mit Leica-Gewinde und gekuppeltem und kombinierten Entfernungsmesser/Sucher (einen solchen Kombinationssucher baute Leitz allerdings erst ab 1954 in die Leica M3 ein). Der Patentschutz zugunsten Leitz war ja von den Siegermächten aufgehoben worden. Diese Kameras sind somit zwar Leica-Kopien im Sinne der Definition - sie sind indessen keine <Raubkopien> und ihre Produktion daher nichts Verwerfliches. So spielt das Leben und im 2. Weltkrieg hieß der Sieger nicht Deutschland und nicht Japan.

    In den folgenden Jahren entwickelte sich Canon rasch zu einem bedeutenden Produzenten und lieferte alles in allem mehr derartige Leica-Kopien in verschiedenen Modellen als die restliche japanische Kameraindustrie.

     

     

     

    Zum Teil 3

     

     

    Peter Lausch
    Zuletzt geändert am 12. September 2006
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