TEIL 1: RÜCKBLICK AUF DIE SUCHERKAMERAS VON CANON

TEIL 2: WAS  SIND LEICA-COPIES?

TEIL 3: BEDIENUNG, BEWERTUNG UND BEDEUTUNG DER CANON VI-T

 


 

Teil 1: RÜCKBLICK AUF DIE SUCHERKAMERAS VON CANON

Die Firma Canon hat zwischen 1933 und 1968 eine Vielzahl von einander teilweise sehr ähnlichen Modellen von Sucherkameras mit Entfernungsmesser und für Wechselobjektive auf den Markt gebracht. Nach der in Sammlerkreisen meistverbreiteten Zählmethode insgesamt 33 Modelle. Viele dieser Modelle sehen sich nicht nur sehr ähnlich, sie sind auch bis auf kleine Details identisch. Auf den älteren Modellen fehlen Modellbezeichnungen. Desto trotz werden sie in Inseraten und Prospekten mit entsprechenden Modellbezeichnungen angeführt. Sie können daher nur mit Fachwissen (bzw. mit Hilfe der einschlägigen Fachliteratur für Sammler) voneinander unterschieden werden. Das macht diese Sucherkameras zu begehrten Objekten der Sammelleidenschaft – faktisch ist keine Sammlung vollständig.

Und was war vor 1933?

Da gab es die Firma Canon noch nicht. Sie wurde unter dem Namen <Seiki Kogaku Kenkyujo> (Precision Optical Research Institute) im November 1933 von zwei Japanern gegründet mit dem Ziel, in Japan Kameras zu bauen, die in der technischen Qualität und den technischen Möglichkeiten mit den damals führenden deutschen Kameras von Leitz und Zeiss Ikon, der Leica und der Contax, vergleichbar waren.

Vieles aus der Anfangszeit der damals winzigen Firma ist nicht bekannt; sicher ist, dass das erste Kameramodell, die Kwanon (heute in Sammlerkreisen als Kwanon – X bezeichnet), eine der Leica in der äußeren Erscheinung und auch im Konstruktionsprinzip, vom Schlitzverschluss bis zum Objektivanschluss, sehr ähnlich war und letztlich eine Kopie der damaligen Leica II darstellt (mit geringfügigen Abweichungen: sind bei den Leicas die Gehäuseenden gerundet, sind sie bei den Kameras von Canon hexagonal abgekantet. Aber schon die Frage, ob es sich bei der einzigen Kwanon-X im Museum von Canon um einen Prototypen handelt oder um eine von mehreren damals erzeugten Kameras, die halt bis auf eine verloren gegangen sind, scheiden sich die Geister.

Auch das folgende und wahrscheinlich erste in den Handel gelangte Modell ist aus den im Teil 2 angeführten Gründen keine Leica-Copy.

Ab Oktober 1946 wurde dann tatsächlich von Seiki Kogaku (die Firma nahm 1947 den Produktnamen an) die erste japanische Leica-Kopie erzeugt, mit Leica-Gewinde und gekuppeltem und kombinierten Entfernungsmesser/Sucher (einen solchen Kombinationssucher baute Leitz allerdings erst ab 1954 in die Leica M3 ein). Der Patentschutz zugunsten Leitz war ja von den Siegermächten aufgehoben worden. Diese Kameras sind somit zwar Leica-Kopien im Sinne der Definition - sie sind indessen keine <Raubkopien> und ihre Produktion daher nichts Verwerfliches. So spielt das Leben und im 2. Weltkrieg hieß der Sieger nicht Deutschland und nicht Japan.

In den folgenden Jahren entwickelte sich Canon rasch zu einem bedeutenden Produzenten und lieferte alles in allem mehr derartige Leica-Kopien in verschiedenen Modellen als die restliche japanische Kameraindustrie.

Die große Anzahl von Modellen rührt im Übrigen von der Praxis her, sozusagen von jedem Grundmodell Varianten mit unterschiedlicher Ausstattung herzustellen, die in Inseraten und Druckschriften jeweils unterschiedlich bezeichnet wurden. Dazu kommen oftmals ganz geringfügige Änderungen, die der Firma keine eigene Modellbezeichnung wert waren, den Sammlern nachträglich aber schon.

Generell folgen die Modellbezeichnungen einem Schema: das Modell II hat daher ebenso bestimmte Eigenschaften wie die Modellreihe VI (gesprochen: <6>) bestimmte Eigenschaften hat. Dabei ergibt sich folgendes Schema:

  • Bei allen Kameras der Modellreihe II wird der Film von der Kameraunterseite nach Entfernen des Bodendeckels eingelegt (wie bei den Schraubleicas). Kürzeste Belichtungszeit 1/500 Sekunde, mit oder ohne Blitz-Synchronisation.

  • Bei allen Kameras  der Modellreihe III   beträgt die kürzeste Belichtungszeit 1/1000 Sekunde und fehlt die Blitzsynchronisation.

  • Bei allen Kameras  der Modellreihe IV  beträgt die kürzeste Belichtungszeit 1/1000 Sekunde, der Film wird von der Unterseite her eingelegt und die Kamera hat einen Blitzkontakt für Elektronenblitz, für Blitzbirnen oder aber beides.

  • Bei allen Kameras  der Modellreihe V  ist die Kamerarückwand zum Filmeinlegen aufklappbar, es gibt getrennte Einstellräder für kurze und lange Belichtungszeiten auf der Gehäuseober- bzw. Gehäusevorderseite. Der Filmtransport erfolgt mittels eines aufklappbaren Hebels im Boden und die Kamera trägt ein zusätzliches <T> in der Modellbezeichnung (in Aufnahmehaltung links unterhalb des Objektivs), denn Kameras der Modellreihe V tragen erstmals eine Modellbezeichnung. Das T steht jeweils für Trigger. Trägt die Kamera indessen ein <L> in der Modellbezeichnung, z. B. <VL> fehlt dieser Hebel im Bodenteil und der Film wird mittels eines üblichen Schnellschalthebels auf der Kameraoberseite transportiert.

  • Bei allen Kameras  der Modellreihe VI  ist die Kamerarückwand zum Filmeinlegen aufklappbar, es gibt jedoch nur ein einziges Einstellrad für kurze und für lange Belichtungszeiten auf der Oberseite der Kamera. Es gibt sie mit Schnellschalthebel auf der Kameraoberseite – Sammler sprechen von der VI-L, denn an der Kamera fehlt die Modellbezeichnung; hat sie stattdessen einen ausklappbaren Hebel am Boden, heißt die Kamera VI-T und so ist sie auch an der Gehäusevorderseite bezeichnet.

  • Die Canon P und die Canon 7 (arabische Ziffer) sowie die Canon 7s tragen die Modellbezeichnung prominent und unübersehbar auf der Gehäuseoberseite.

  • Alles klar?

    Und was war nach 1958?

    Von da an wurde diese Art von Kameras (Sucherkamera mit Messsucher, horizontal ablaufendem Schlitzverschluss, auswechselbarem Objektiv mit Schraubfassung M39) von Canon nicht mehr erzeugt.

    Der Grund dafür war einfach und hieß einäugige Spiegelreflexkamera mit Wechselobjektiven. Die technische Weiterentwicklung von Spiegelreflexkameras war (dank Sucherprismen, Schwingspiegel, Schnittbildentfernungsmesser, hellen Einstellscheiben, Springblende, Motorkupplung etc.) soweit fortgeschritten, dass ihre systemimmanenten Nachteile gegenüber Sucherkameras weitgehend überwunden waren und ihre viel größere Vielseitigkeit gegenüber Sucherkameras in der Art der Leica unübersehbar wurde. Über die Details ließen sich Bücher schreiben (und manche sind auch schon geschrieben worden), hier nur der Hinweis, dass die neuen Modelle von Spiegelreflexkameras von Nikon etc. jene marktbeherrschende Stellung erlangten, die so lange von Leitz mit der Leica und von Zeiss Ikon mit der Contax eingenommen worden war.

    Wer keine – moderne - Spiegelreflexkamera anbieten konnte, wurde über kurz oder lang vom Markt gedrängt. Einzig Leitz mit der Leica schaffte es mit einer besonderen Beharrlichkeit, weiterhin derartige Sucherkameras zu erzeugen – mit dem Ergebnis, dass die einst führende Firma der deutschen Kameraindustrie heute ein mittelständischer Betrieb geworden ist, dessen Schicksal letztlich daran hängt, dass die demnächst erscheinende digitale Leica M8 ein kommerzieller Erfolg wird. Bei einem kolportiertem Preis fürs Gehäuse allein von ca. 3.000 € wird man sehen.

    Und Canon?

    Canon erzeugte weiterhin vergleichsweise einfache Sucherkameras für den Amateurmarkt und bot 1959 die erste Spiegelreflexkamera dieser Firma an, die Canonflex, kein überzeugender kommerzieller Erfolg im Vergleich mit der fast gleichzeitig herausgebrachten Nikon F. Auch den bald nachfolgenden Modellen war etliche Jahre lang kein besonderer Erfolg vergönnt: manche sagen, die Ursache lag darin, dass Nikon sein Schicksal mit dem Erfolg der Nikon F verknüpfte und sich auf sozusagen nichts anderes als diese Kamera konzentrierte, während Canon nicht nur eine Spiegelreflexkamera erzeugte, sondern eine Vielzahl anderer Kameras für den Amateurmarkt. Die eine Firma konzentrierte ihren gesamten Entwicklungsaufwand auf eine Kameratype, die andere verzettelte sich ein wenig.

    Aber das ist wie gesagt eine ganz andere Geschichte.

    Zum Teil 2: Was sind Leica-Copies?

     

     

    Peter Lausch
    Zuletzt geändert am 12. September 2006
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