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du Raz │Rückreise
Porspoder, Le Conquet, Brest
& Plougastel
25. Mai 2001
Ganz geheuer ist mir
nicht auf dem weiten Dorfplatz von Porspoder, als ich in
der Morgendämmerung aufwache.
Um 6 Uhr morgens fahre ich los und kann von Porspoder
auch am Morgen nur sagen, was ich auch am Abend hätte
guten Gewissens hätte behaupten können: eine Kirche gibt
es dort, einige Häuser, einen großen Dorfplatz und einen
Bach. Viel mehr lese ich allerdings auch im Reiseführer
nicht. Ich will daher über P. von nun an schweigen.
Wer indessen um 6 Uhr morgens wegfährt, ist
spätestens um Sieben irgendwo. Ich auch. Ich bin in Le
Conquet. Zwei Bäckereien haben schon geöffnet, fürs
Frühstück ist gesorgt. Ein kleiner Rundgang: eine
Kirche, ein Platz daneben, auf dem mein Auto steht, ein
Mensch in einem Haus, der täuschend echt das Krächzen
einer Krähe nachmacht - vielleicht aber auch eine echte
Krähe in Gefangenschaft, ich weiß es nicht. Ein pompöses
Bürgermeisteramt, ein Stadtpark so groß wie die Stadt,
menschenleer - außer mir, der ich im Nebel spazieren
gehe. Das ist nicht das Wahre, daher fahre ich zurück
zum Ende der weiten Flussmündung, zu einer Brücke, von
der an der Aber Croaé zum normalen Fluss Croaé wird.
Dort ist ein Picknickplatz, von dem aus ich einige
Aufnahmen von Le Conquet im Nebel mache und anschließend
frühstücke.
Danach fahre ich über die Brücke, über die ich auf
der Herfahrt gekommen bin, wieder ein Stück zurück und
biege dann nach links zur Pointe de Kermorvan ab, einer
lang gestreckten Halbinsel gegenüber Le Conquet, das
sich auf dem anderen Ufer des Aber Croaé terrassenförmig
aufbaut, oben die Stadt, unten der Hafen. Trotz sich
lichtenden Nebels und Morgenstund herrscht schon Betrieb
im Hafen: das Schiff zur Ile d´Ouessant fährt ein und
eine ganze Scharf in bunte Windschutzkleidung gepackte
Fahrgäste drängt aufs Schiff, das ohnehin erst abfahren
wird, wenn alle oben sind.
Als sich unmittelbar nach meiner Ankunft auf dem
Parkplatz gegenüber Le Conquet der Nebel lichtet,
wandere ich bis zu den Felsklippen vor und danach auf
der Nordseite der Halbinsel mit hübscher Aussicht auf
die Riffe der Felsküste im Norden auf der anderen Seite
wieder zurück. Außer einem Radfahrer, der in
halsbrecherischem Tempo auf dem verwinkelten Fußweg
daherbraust, als sei der Teufel hinter ihm her, und zwei
Fischern, die mit Angelzeug aber ohne Fische vor mir her
zum Parkplatz zurückgehen, treffe ich niemandem. Und das
Tempo des Radfahrers war anscheinend doch nicht
halsbrecherisch, ich finde seine Überreste jedenfalls
nicht. Was ich sehe, sind Klippen, Brandung, allerlei
Seevögel, Heidegras und eine Anzahl von Bunkern und
Geschützstellungen der deutschen Wehrmacht. Da frei
zugänglich und direkt neben dem Weg klettere ich in
einen Beobachtungsbunker und dort die Eisenleiter hinauf
und sehe daraufhin zwischen Gräsern und Sträuchern nach
Norden und nach Süden hin weit aufs Meer hinaus.
Selbiges hat auch die deutsche Besatzungstruppe gesehen;
nicht gesehen haben sie ein Kriegsschiff, denn weder die
Geschütze von Le Conquet noch die übrigen Geschütze in
der Bretagne haben je einen gezielten Schuss abgeben
müssen oder können. Muss aber immerhin eine angenehmere
Wehrdienstzeit dort gewesen sein als in den Weiten der
Sowjetunion.
Von Le Conquet fahre ich einige Kilometer weiter die
Küste entlang zur Pointe St. Mathieu.
Erstens ist dies der zweitwestlichste Punkt
Festlandfrankreichs (der westlichste ist die Pointe de
Corsen, die ich schnöde auf der Fahrt von Porspoder nach
Le Conquet rechts liegen habe lassen, sozusagen),
zweitens steht dort ein recht eindrucksvoller Leuchtturm
moderner Bauart und drittens ist er im Areal einer alten
Abtei aus dem 6. Jahrhundert. In ihr wurde seinerzeit
das auf wundersame Weise aus Ägypten von jemandem
mitgebrachte echte Haupt des Hl. Matthäus aufbewahrt,
ehe es im Lauf der Geschichte auf anscheinend ebenso
wundersame Weise wieder verschwand - jeder Reiseführer
erzählt den ersten Teil der Geschichte, über den
derzeitigen Verbleib des Schädels schweigt sich ein
jeder aus. Wird wohl auch einen Grund haben. Und
sozusagen viertens steht ganz vorne an den Klippen neben
einem alten Fort ein Denkmal für die im 1. Weltkrieg
gefallenen Matrosen. Über den künstlerischen Wert dieses
Produktes will ich mich nicht äußern, aber es ist
immerhin schön, dass die Nation mit einem Denkmal an so
prononcierter Stelle den gefallenen Staatsbürgern
gedacht hat.
Von hier aus fahre ich, weil ich Zeit habe, langsam,
nach Brest.
Langsam fahren ist in der Bretagne nicht ganz
einfach, außer man hat ein dickes Fell. Das fehlt mir.
Mir ist es peinlich, sobald sich hinter meinem Auto eine
ganze Kavalkade anstellt und geduldig mit 95km/h hinter
mir herfährt - 100km/h sind erlaubt, aber das ist
offenkundig nur eine Art üblicher
Mindestgeschwindigkeit. Seltsamerweise überholt einem
nämlich kaum einer. Sie kommen daher wie die Rennfahrer,
schließen auf, als wollten sie hinten anschieben - und
fahren geduldig hinter mir her. Mit der langsamen
Fahrweise wird es daher nichts; ich fahre 110 km/h, aber
leider, die Kavalkade hinter mir ebenfalls. So kommen
wir als veritable Kolonne bis Brest. Dort entscheide ich
mich für die Außenringautobahn, weil die meisten
Autofahrer ins Stadtzentrum fahren. Durch eine
weitgehend parkartige Landschaft fahre ich, gelegentlich
sehe ich in der Ferne und hinter Gesträuch Wohnblocks.
Kreisverkehr reiht sich an Kreisverkehr, damit es nicht
fade wird, gibt es, selten aber doch, auch mit Ampeln
geregelte Kreuzungen. Die Wegweiser sind weitgehend
kryptisch: Ortsnamen, die ich noch nie gehört habe,
Straßennummern, die mir nichts sagen.
Im Auto habe ich einen Anfahrtsplan zum Hotel
Formule1 Sud von Brest: auf der N165 soll ich die
Ausfahrt nach Landerneau nehmen. Als ich eine Straße mit
dieser Nummer signalisiert zu sehen meine, tue ich, was
der Planverfasser mir rät, komme auf eine vierspurige
Schnellstrasse (auch mit einer Nummer), sehe irgendwann
auch Hotels neben der Strasse, wenn auch kein Formule1,
biege ab und gerate in ein Einkaufszentrum mit geradezu
brausendem Verkehr. Geordnetes Chaos, sollte ich sagen.
An diesem Freitag, nach dem Feiertag, arbeiten wohl
wenige Bewohner Brests und sind statt dessen hierher
gefahren, wo sie jetzt einen Parkplatz suchen, um
einkaufen zu gehen. Ich arbeite mich ans andere Ende der
zahlreichen Parkplätze des Einkaufszentrums durch, fahre
die Strasse, die ich gekommen, wieder zurück. Ich werde
es nochmals probieren. Wieder auf der Strasse, von der
ich nach Landerneau abgebogen bin, entdecke ich den
kleinen, aber wichtigen Unterschied: Das Hotel liegt an
der N165, ich bin auf der N265. Auf der fahre ich mit
90 km/h (auf der rechten Spur natürlich, links fährt man
so 120 km/h, erlaubt ist Tempo 80) nach Süden, zu
schnell, um auf der Landkarte nachzusehen.
Auf einer ganz modernen Brücke überquere ich den
Fluss Elorn, was ein gutes Zeichen ist, wie ich mich zu
erinnern glaube und siehe da, auf einmal ist die
Schnellstraße die N165. Und schon wirde die Ausfahrt
nach Landerneau signalisiert, die ich nehme. Ein
Kreisverkehr, die Schnellstrasse überquert, rechts ein
Supermarkt von E. Leclerc, wie in der Lagebeschreibung
des Hotels angegeben, ein weiterer Kreisverkehr - und
ich stehe vor dem Hotel Formule1 Brest/Sud. Der
Parkplatz ist autoleer, verlassen, gleichsam tot.
Dennoch signalisiert der Computer, das Hotel sei voll
belegt, mich will man nicht. Aber ich könnte bei einem
anderen Hotel von Accor in Brest mein Glück versuchen.
Tue ich, ein wenig von der Anreise geschafft. Ein
Häuschen weiter ist das rosa angestrichene Hotel Ibis
Brest/Sud. Dort treffe ich einen Menschen an der
Rezeption, der Englisch versteht und der ein Zimmer
vergibt. Kostet zwar das Doppelte, hat aber Dusche und
WC im Zimmer und ist ein wenig größer als die Zimmer des
Formule1. Gleich ist freilich die Lage, über die noch zu
schreiben sein wird.
Ich räume den Kofferraum des Autos aus und schleppe
den Inhalt ins Zimmer. Was man so alles mitführt, ist
erstaunlich, was man merkt, wenn man es auf einmal
tragen soll.
Danach stürze ich mich in den Hypermarkt von E.
Leclerc. In der Fotoabteilung finde ich die spezielle
Batterie, nach der meine Nikon mit nervösem Blinken
verlangt. Das heißt, ich sehe sie in einer schönen
Verpackung in einer Glasvitrine und darf der Verkäuferin
klar machen, diese (Batterie) und keine andere wolle
ich. Der Vorgang hat zweifellos komische Aspekte, aber
mir ist nicht nach Lachen zu Mute.
Der Morgennebel, der sich an der Küste schon in der
Früh lichtete, hat in Brest bis mittags angehalten; im
Hotel merke ich, draußen wird es sonnig und ich
beschließe, einen Ausflug zu machen.
Nicht weit. Zwei Kreisverkehre bloß, denn befindet
sich nicht das Hotel Ibis ohnehin in Plougastel-Daoulas?
Die Sehenswürdigkeit des Ortes ist der Kalvarienberg -
manche sagen, der schönste der Bretagne. Aus Dankbarkeit
von den Überlebenden einer Pestepidemie Anfang des 17.
Jahrhunderts in Auftrag gegeben besteht er aus dunklem
Granit und einem helleren, ockerfarbenen Gestein. 180
Personen sind dargestellt, von einer Ausdrucksstärke und
Individualität, die einen staunen lässt.
Ansonsten gibt es wenig Interessantes zu sagen: Der
Ort ist Zentrum des Erdbeeranbaus und ein guter Teil der
Erdbeeren, welche Franzosen essen, kommen von hier. Aber
da ich kein Landwirt bin und Erdbeeren auch nicht esse
....... Nur nebenbei: Zwiebeln und Paradeiser (auf
Hochdeutsch: Tomaten) werden auch angebaut und verkauft.
Offenbar habe ich im Auto auf dem Dorfplatz von
Porspoder doch nicht so gut geschlafen, wie ich meinte.
Nachmittag und Abend vertrödle ich rechtschaffen müde im
Zimmer.
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