Voigtländer Bessa R,
die erste Kamera in der Tradition der "Schraub-Leica" seit 35 Jahren, modernisiert und mechanisch, erzeugt von Cosina in Japan bzw. Korea.

 

   Seit langem angekündigt, von vielen herbeigeredet, von manchen erträumt - seit Mitte April 2000 ist sie auf dem Markt, die neue Voigtländer Bessa R von Cosina. Gelegenheit, sich mit ihren Eigenschaften auseinander zu setzen sowie mit den Erfolgsaussichten dieses wiederbelebten Kameratyps.

Ein wenig Geschichte
   Über die Leica brauche ich nichts zu sagen; ohne ihren Konstrukteur und ihren Hersteller, die heutige Leica Camera AG, Deutschland, gäbe es keine Kleinbildkameras. An der allerersten Leica konnte das Objektiv nicht gewechselt werden, an den Folgemodellen bis zur Leica IIIg, schon. Die Objektive wurden in die Objektivfassungen der verschiedenen Modelle der Leica über ein M39-Gewinde eingeschraubt. Das war mühselig und umständlich. Darüber hinaus kopierte eine Viehlzahl japanischer Firmen - erlaubt - die Kameras (im 2. Weltkrieg hatten die Alliierten ua. auch die Patente für ungültig erklärt, auf denen die Leica und ihre Objektive beruhte). Man sagt, es gäbe über 500 "Leica-Copies", die meisten aus Japan. Manche Firmen kopierten nicht bloß, sondern wurden Weltfirmen - die besten Leica-Copies sind wahrscheinlich von Canon. Die letzten Modelle dieser Copies waren fortschrittlicher als die Originale. Lesen Sie die Details bei Stephen Gandy.
   Nach 1954 war die Herrlichkeit vorbei. Die Leica M3 mit Bajonettanschluss der Objektive erschien 1954 auf dem Markt. Wer je versucht hat, ein Objektiv in eine Schraubleica einzuschrauben, versteht, warum die Leica IIIg damals mangels Nachfrage rasch eingestellt wurde. Das Bessere ist der Feind des Guten. Die vielen kleinen japanischen Fabrikanten solcher Leica-Copies gingen in den Konkurs oder erzeugten von da an zwangsläufig Eigenschöpfungen. Kameras mit Schraubgewinde für Wechselobjektive starben rasch aus.
   Die heutige Firma Leica Camera AG hat eine treue Fangemeinde. Ihre Produkte sind langlebig und qualitativ hochwertig. Besitzer von Leicas und Besitzer von Objektiven zur Leica sammeln nicht nur, sondern fotografieren auch mit ihren alten Kameras und ihren alten Objektiven.
   Bloß - an eine modern ausgestattete Kamera können sie ihre Objektive nicht mehr anschrauben, denn eine modern ausgestattete Schraub-Leica gibt es nicht. Um die vielen Besitzer von Objektiven mit Schraubfassung nicht zu vergrämen, gab es einige Zeit noch Adapterringe von Schraub- auf Bajonnettanschluss, dann erwartete die damalige Firma Leitz, dass die Interessenten gefälligst neue Objektive zu neuen Kameras kauften. Und nahezu gleichzeitig gaben auch die Japaner, die sich überwiegend dem Bau von SLRs zuwandten (sofern sie nicht in Konkurs gingen) die Erzeugung ihrer Objektive in Schraubfassung auf.
   Cosina hat vor mehreren Jahren unter Verwendung des traditionsreichen Firmennamens Voigtländer (der Firmennamen ist während einer "Restrukturierung" von Rollei verkauft worden) und der ebenso bekannten Namen klassischer Objektivnamen von Voigtländer die Eigenentwicklung eines Super-Weitwinkels mit den Daten 4,5/15mm auf den Namen Heliar getauft. Für dieses Objektiv wurde eine eigene Kamera konstruiert, die Bessa L, - kein Wunder, denn die Bestandteile fanden sich bereits in den zahlreichen SLR-Modellen der Firma, die quasi für jeden Interessenten eine Kamera nach Wunsch zusammenbaut und seinen Namen eingraviert - vorausgesetzt, er nimmt eine entsprechende Stückzahl ab. So erzeugte Cosina für Olympus, aber auch für Canon und Nikon und viele andere Firmen Kameras unter deren Namen; die passenden Objektive gleich dazu.
   Man nehme daher eine simple mechanische SLR von Cosina, lasse das Spiegelreflexgehäuse weg, baue anstatt des Bajonetts ein Schraubgewinde ein - und man hat die Voigtländer Bessa L. Das ist dann das ideale Gehäuse für das Heliar. Auf das sucherlose Gehäuse wird ein Aufstecksucher aufgesetzt, Entfernungsmesser erübrigt sich bei 15mm Brennweite ohnehin - für den relativ geringen Aufwand ein vermutlich schöner kommerzieller Erfolg. Für das Geld, für das man bei anderen Firmen bloß ein halbes Objektiv bekommt, erhält man bei Cosina (pardon, Voigtländer) gleich Objektiv + Kamera. Dass man mit dieser Kombination ausgezeichnet und preiswert (infolge des großen Bildwinkels überraschende) Fotos machen kann, nur nebenbei. Seither hat Cosina noch einmal nachgebessert und liefert nunmehr auch ein weiteres Superweitwinkel mit 12 mm Brennweite samt passendem Sucher.
   Baut man auf dieses Gehäuse auch noch einen festen Sucher mit Entfernungsmesser auf, bekommt man eine Kamera in der Art der alten Schraubleicas, aber mit modernem Verschluss (1-1/2000sec), Blitzsynchronisation bei 1/125sec - und Belichtungsmessung durch das Objektiv - alles Dinge, von denen die Fans der Schraubleicas jahrzehntelang nur träumen konnten. Und konstruiert man dazu auch noch einige Objektive sehr guter Qualität zu einem passablen Preis und gibt ihnen traditonsreiche Namen wie Nokton, Ultron, Color-Heliar, hat man eine Nische im überfüllten Kameramarkt abgedeckt, in der man wenig Konkurrenz zu fürchten hat - aus den raren Exoten des Herrn Yasuhara, der die gleiche Idee früher hatte, ist infolge Qualitätsproblemen nichts geworden. So muß man bei Cosina gedacht haben und so schaut die Bessa R auch aus.

Eigenschaften der Bessa R
   Die Voigtländer Bessa R ist eine Sucherkamera mit gekuppeltem Entfernungsmesser und Schraubgewinde für Wechselobjektive. Im schönen, klaren Sucherbild sieht man in der Mitte den Messfleck des Entfernungsmessers. Durch Drehen der Entferungseinstellung am Objektiv bringt man das Bild des Entfernungsmessers mit dem Sucherbild zur Deckung. Damit ist das Objekt scharf eingestellt. Das geht schnell und einfach, auch in der Dämmerung und unter schlechten Lichtverhältnissen. Für die Genauigkeit der Entferungseinstellung kommt es dabei auf die Messbasis des Entfernungsmessers und die Suchervergrößerung an. Infolgedessen ist die Einstellgenauigkeit der Bessa R geringer als die große Konkurrenz Leica M6 TTL. Den Unterschied merkt man in der Praxis kaum - außer bei lichtstarken Objektiven mit längeren Brennweiten bei Einstellung auf ihre größte Öffnung. Hier wird wohl doch die Grenze der Einstellgenauigkeit erreicht. Da es solche Objektive (z. B. mit den Daten eines Summilux 1,4/75mm oder Summicron 2/90mm) zu den Zeiten der Schraubleicas aber ohnehin nicht gab, reicht dieser Entferungsmesser für Schraubobjektive praktisch aus. Jedenfalls gibt es bei den zur Bessa R von Cosina angebotenen Objektiven keine Probleme und keine Probleme dürfte es in dieser Hinsicht auch bei den alten Schraubobjektiven von Leitz und allen möglichen anderen Fabrikanten geben, wenn man die Verwendung lichtstarker Objektive bei ihren größten Blenden vermeidet.

   

   Der Verschluss ist mechanisch; seine Belichtungszeiten reichen von 1 Sekunde bis zu 1/2000sec. Wie der Blick von oben auf die Kamera zeigt, ist in den Verschlusszeitenknopf auch die Einstellung der Filmempfindlichkeit integriert (Einstellbereich 25-3200 ISO). Eine DX-Abtastung der Filmpatrone fehlt leider. Die passende Filmempfindlichkeit müssen Sie daher selber einstellen. Die Belichtungsmessung erfolgt durch leichten Druck auf den Auslöser. Im Sucher sehen Sie einen mit + oder - markierten Pfeil, der die Drehrichtung für die Blendeneinstellung am Objektiv oder wahlweise am Verschlusszeitenknopf andeutet. Bei richtiger Einstellung sehen Sie einen roten Leuchtpunkt. Die Messung erfolgt mittenbetont, der notwendige Strom wird von 2 Batterien LR44 oder SR44 geliefert - zwei Typen, die Sie weltweit ohne Schwierigkeiten kaufen können.
   Beim Blick in den Sucher sehen Sie den oder die passenden Leuchtrahmen als Begrenzung des Sucherbildes. Im Leuchtrahmen werden ca. 85% des Bildes erfasst - das bedeutet, auf dem Negativ ist mehr drauf als Sie nach dem Blick in den Sucher vielleicht gemeint haben. Das ist bei allen Sucherkameras so. Der passende Leuchtrahmen wird nicht, wie bei den M-Leicas (mit Objektivbajonett) automatisch eingespiegelt, sondern Sie müssen ihn, entsprechend dem verwendeten Objektiv, mit dem Hebel links neben dem Zubehörschuh selbst einstellen. Anders geht es nicht: Objektiven mit Schraubgewinde fehlt die passende Steuernocke, wie sie die M-Objektive von Leica und neuerdings von Konica haben. Der Rahmen für das Weitwinkelobjektiv ist kombiniert mit dem Rahmen für ein Objektiv mit 90mm Brennweite. Ein solches ist von Cosina erst seit Frühjahr 2001 lieferbar (APO-Lanthar 3,5/90 mm) und erinnert frappant an das Tele-Elmarit 2,8/90 mm, wie es zwischen 1964 und 1989 von Leitz geliefert wurde. So Sie haben, können Sie dadurch aber auch Ihr altes Tele-Elmarit oder Elmar mit Schraubgewinde verwenden.
   Standardobjektiv sollte ursprünglich laut Voigtländer/Cosina   ein Color-Skopar 2,5/35mm in 2 Ausführungen sein. Wie es ausschaut, sehen Sie mit Hilfe des vorstehenden Links. Bilder sind manchmal mehr wert als meine Worte oder die von Cosina oder Ringfoto, der deutschen Vertretung. Die - sozusagen - Normalsausführung hat die Objektivfassung des schon seit längerem zur Bessa L erhältlichen Shnapshot-Skopar 4/25mm erhalten; zusätzlich gibt es eine flache Ausführung mit denselben optischen Daten, die, zumindest in Japan, allerdings billiger ist. Als eigentliche Taschenkamera ist die Bessa R aber auch mit dem flachen Objektiv nicht zu bezeichnen. Mir scheint die Kombination des Gehäuses mit dem Ultron 1.7/35mm, wie oben abgebildet, wesentlich günstiger. Auch ist das Ultron ein von deutschen Fotozeitschriften als sehr gut bewertetes Objektiv.
   In der Zwischenzeit ist auch die Lieferung des Nokton 1,5/50 mm gesichert. Sie haben jetzt die Wahl, ob Sie sich zum Gehäuse ein "Universalobjektiv" wie Leitz die Brennweite 50 mm jahrzehntelang bezeichnet hat, kaufen oder eher ein 35er mit einer Perspektive, die in den letzten 20 Jahren zur Norm geworden ist.

Fazit
   Die Bessa R ist sicher nicht eine Kamera für jeden, sondern eine Nischenkamera. Sind aber schon Sucherkameras mit Wechselobjektiven Nischenkameras, besetzt die Bessa R gemeinsam mit der T981 des Herrn Yasuhara eine Nebennische. Ursache dafür ist die Entscheidung von Cosina, die Bessa R mit einer Schraubfassung auszustatten, anstatt mit dem Bajonett der M-Leicas, dessen patentrechtlicher Schutz jedenfalls abgelaufen ist. Auf Grund der Schraubfassung lassen sich nämlich die Objektive mit M-Bajonett an der Bessa R nicht verwenden. Gut für Cosina. Denn die Firma kurbelt auf diese Weise den Absatz ihrer Objektive an. Diese lassen sich nämlich, mit Adapter, einfach und komplikationslos an den M-Leicas und an der neuen Konica Hexar RF (mit Leica-Bajonett) verwenden. Aber auch alle anderen (alten) Objektive mit Gewinde M39 lassen sich mit Adapter an diesen Kameras verwenden.
   Heutzutage noch eine Kamera mit Schraubfassung herauszubringen, hat sich als recht kluger Schachzug erwiesen. Eigentlich sollte zwar die Zeit des Herumfummelns mit einem widerspenstigen Gewinde lange schon vorbei sein.  Aber Cosina hat mit der Bessa R eine preiswerte Kamera geschaffen, einerseits für alle jene, die eine moderne Kamera für ihre alten Leitz-Objektiv kaufen möchten - eine Gruppe, die von Leica ja leider nicht mehr bedient wird.

Da erst merkt man, wie sich eine gut geführte Firma mit einem Firmenchef, der Geschäftschancen wittert und aus der Branche stammt, von einer anderen unterscheidet, die zeitweise von Möbelhändlern geleitet wird - ist nicht auch der gute Mann ein <Manager> gewesen, und Deutscher war er außerdem noch?
  
Cosina hat sich mit der Bessa R daher zunächst selbst der Chance beraubt, ein billiges Zweitgehäuse für Besitzer von M-Leicas für Film zu erzeugen, oder für Leute, welche nicht fast 3000 Euro für das bloße Gehäuse einer M-Leica   aufbringen wollen (können). Was Cosina geschafft hat, ist ein modernes Gehäuse (wenn auch mit mechanischem Verschluss) für die vielen Eigentümer von Schraubobjektiven, die mit ihren alten Objektiven an einer modernen Kamera fotografieren wollen ohne gleich eine M-Leica zu kaufen.

In der Zwischenzeit und sicherlich angesichts des kommerziellen Erfolges der Bessa R hat Cosina auch Bessas mit Bajonettanschluss im Programm, für alle, die sich zu ihrer M-Leica ein passendes Zweitgehäuse mit eingebauter TTL-Messung kaufen wollen.

Kein Außenstehender kennt die Verkaufszahlen der Bessas: aber die Firma lebt und bringt immer wieder Neuheiten auf den Markt. Und mit den zur Leica (auch zur digitalen M8) passenden, vorwiegend weitwinkeligen Objektiven hat Cosina, wie mir scheint, durchaus erfolgreich im Reich der Leica Camera AG. gewildert. Wie sagte ich oben: Möbelhändler etc. an die Spitze!
   

 

 

 

Minolta CLE

 

Canon
Canonet G-III

 

Konica
Hexar RF

 

Leica CL

 

 

 

Eingerichtet am 15. April 2000
Zuletzt geändert am 23. Juli 2009
© Peter Lausch