Konica AA-35
oder: Wenn eine gute Idee dem Sparstift zum Opfer fällt

Zuerst ein Blick zurück


Ab 1980 kamen japanische Firmen, führend vor allem Olympus, auf die Idee, an Stelle oder zusätzlich zu den überaus vielseitigen, aber leider auch großen und schweren einäugigen Spiegelreflexkameras (in der Folge als SLR bezeichnet) den Kunden auch leichte und handliche Kameras anzubieten. 
  
Leider hatten die selben Firmen, die jetzt kleine handliche Kameras anbieten wollten, großteils gerade 10 Jahre vorher die eigenen kleinen, handlichen Sucherkameras zu Gunsten der SLRs aufgegeben. Für die Produzenten solcher Kameras hat eine SLR ganz andere Vorteile als eine handliche Konica S3, eine Canon Canonet G-III QL 17, eine Voigtländer Vitomatic IIa: nicht nur ist die SLR schwerer und voluminöser, sie ist auch teurer und, weil fast immer Wechselobjektive angesetzt werden können, auch im Nachhinein für den Produzenten noch ein schönes Geschäft, sofern dem Kunden Originalobjektive des Kameraherstellers verkauft werden können. Hat jemand jedoch eine Canonet gekauft, um stellvertretend eine der meistverkauften Kameras der 70er-Jahre zu nennen, machen das Geschäft ab dem Kauf der Kamera dann andere: die Filmerzeuger und die Filmverarbeiter.

Kodak hatte ab den 60er-Jahren die Richtung für neue Filmformate vorgegeben durch die Entwicklung der Instamatic-Kassette und dazu passender Kameras. Um diesem für den Filmhersteller kommerziell wichtigen neuen Filmformat zum Durchbruch zu verhelfen, vergab Kodak großzügig Lizenzen für den Bau passender Kameras buchstäblich an jeden, der eine solche Lizenz haben wollte.

Damit hatte Kodak  unbeabsichtigt auch schon die Grundlage für den Niedergang des Instamatic-Formats gelegt, denn ach, die meisten Instamatic-Kameras waren leider unter aller Kritik. Aber was war schon von Kameras zu erwarten, die zu billigsten Preisen in irgendwelchen Hinterhöfen in Hongkong und Taiwan erzeugt wurden und auf dem Weltmarkt auf Konkurrenzprodukte trafen, die qualitativ vergleichbar waren. Die dahinvegetierende deutsche Kameraindustrie stürzte sich auf diese Kameras: wer selbst keine Kamera mehr bauen konnte oder wollte, der kaufte zu, umso mehr, als die Erzeuger buchstäblich jeden Namen auf ihre Kameras schrieben und kleine kosmetische Änderungen auch möglich waren. Entsprach schon nicht die Qualität, denn immerhin der Verkaufspreis und ein wenig konnte man auch in Deutschland noch verdienen mit den Fremdprodukten. Weltweit waren Millionenumsätze die Folge.

Dazu kam der von Kodak in das Instamatic-System eingebaute Mangel: Der Film wurde nicht mittels der Andruckplatte in der Kamera und deren Führungsschienen in Position gebracht, sondern mittels der Plastikkassette, die den Film enthielt. Eine Unzahl von teils kaum, teils deutlich unscharfer Aufnahmen war die Folge.
   
Ca. 10 Jahre später versuchte es Kodak nochmals mit einem neuen Filmsystem, dem Pocketformat. An sich erlaubten zwar Fortschritte in der Emulsionstechnik eine Verkleinerung des Filmformats, andererseits wurden bei diesem System derselbe Fehler gemacht: eine Vielzahl wahrhaft schlechter und billiger Kameras brachte das ganze Format in Verruf. Nachdem nochmals Jahre später das ebenfalls von Kodak lancierte Disc-Format ein unrühmliches Ende gefunden hatte, gab Kodak die Entwicklung neuer Filmformate Gott sei Dank auf  
     Nicht ganz freilich, denn am viele Jahre dahintümpelnden und nur in preiswerten Sucherkameras verwendeten APS-System war Kodak ja auch wieder beteiligt. Es gab auch SLRs, aber wer mit einer SLR zurechtkommt, der kann in der Regel auch einen Film einlegen und den - möglichen - elektronischen Schnickschnack dieses Formats brauchte man ohnehin nicht. Man brauchte von Anfang an kein Prophet zu sein, um zu sehen, dass damit nicht das Ende des Kleinbildformats 24x36mm gekommen war, eher umgekehrt.

Dessen Ende wird durch die Marktbeherrschung digitaler Kameras herbeigeführt werden.
   
Lange bevor Kodak das Instamatic-System eingeführt hatte, war bereits von anderen Firmen versucht worden, kleinere Filmformate als das KB-System 24x36mm auf dem Markt zu etablieren. Zahlreich und vielfältig waren die Versuche: Vom Minox-Format 7x11mm über das Karat-System einzelner Agfa-Kameras mit dem Bildformat 24x24mm, bis zum Bildformat 24x32mm, dem Bildformat der ersten klassischen Sucherkameras von Nikon, über die schon viel geschrieben worden ist. Agfas Rapid-System gehört auch dazu.
  
Oskar Barnack, nicht nur der wahre Erfinder der Leica, sondern auch der entscheidende Geist bei der Wahl des Filmformats, hatte sich für den 35mm-Film entschieden, wie er im Kino verwendet wurde, aber zwei Bilder 18x24mm im Hochformat zu einem Bild 24x36mm im Querformat zusammengefügt – und damit trotz der nach heutigen Begriffen damals unbefriedigenden Filmqualität Erfolg gehabt.
  
Ab den 50er-Jahren nahm zunächst Olympus die Idee des sogenannten Halbformats mit einer Bildfläche von 18x24 cm auf und konstruierte eine Vielzahl von kommerziell überaus erfolgreichen kleinen Sucherkameras für die Rocktasche und die Damenhandtasche. Solche Halbformatkameras wurden in der Folge naturgemäß auch von der Konkurrenz gebaut, praktisch von allen Firmen mit bekannten Namen und von vielen mit - damals wie heute – anderen.

    Da wollte die Konishiroku Photo Industries Co. Ltd. nicht zurückstehen und brachte 1966 unter dem für uns Westler leichter auszusprechendem Markennamen Konica die Konica Eye heraus, eine recht hübsche kleine Sucherkamera mit einem Objektiv 1,9/30mm und Verschlusszeiten von 1/30-1/800sec. Die Kamera gefiel nicht nur mir, sondern auch der sowjetischen Kameraindustrie, welche eine 1:1 Kopie unter dem Namen Fed Micron erzeugte.
    
Das Original war recht erfolgreich, so erfolgreich jedenfalls, dass ein Jahr später eine verbesserte Auflage erfolgte, bei der der Selenbelichtungsmesser durch eine CdS-Messzelle ersetzt worden war.
   
Allen Halbformatkameras war ein Mangel und den meisten eine Besonderheit gemeinsam und diese beiden erwiesen sich allmählich als entscheidend: Man sah es den Bildern an, dass sie gegenüber einer Aufnahme auf Kleinbildfilm mit dem Filmformat 24x36mm stärker vergrößert werden mussten. Den Unterschied merkte man bei den damaligen Farb-Negativfilmen auch bei einer Vergrößerung auf 10x15cm. Und die meisten Halbformatkameras, auch die eben erwähnte Konica Eye, waren einfach verkleinerte Kleinbildkameras. Die waagrechte Filmführung bewirkte allerdings bei normaler Kamerahaltung Bilder im Hochformat statt im Querformat. Natürlich kann man die Kamera auch hochkant halten, aber ......


Die Kamera mit weggeschobener 
Objektiv- und Sucherabdeckung


Auftritt der Konica AA-35:

Mit der Konica AA-35 brachte Konica 1984 eine für die damalige Zeit recht innovative Kamera auf den Markt. Die AA-35 besitzt ein Objektiv 4,0/24mm, Belichtungszeiten von 1/60-1/250sec und einen passiven Autofokus. Der Kameraverschluss (Programmautomatik) wird durch eine CdS-Messzelle gesteuert, wobei Filme mit den 100 – 200 – 400 ISO berücksichtigt werden. Zwischenwerte können nicht eingestellt werden. Bemerkenswert an der Kamera ist der eingebaute Motor, der auch die Rückspulung des belichteten Films in die Kassette übernimmt, der programmgesteuerte Verschluss und der eingebaute kleine Blitz mit einer LZ von 12 bei 100 ISO. 
   Die Bedienung ist einfach: Der linke Gehäuseteil wird vom Kamerakörper seitlich weggezogen; in dieser Stellung wird das Objektiv, die CdS-Messzelle und die Messeinrichtung für den Autofokus sichtbar. In unbenutztem Zustand sind diese Teile hinter der vorgeschobenen Klappe geschützt. Durch leichten Druck auf den Auslöser wird der Belichtungsmesser eingeschaltet. Eine rot leuchtende Diode weist darauf hin, dass das Blitzgerät mittels eines Schiebers auf der linken Schmalseite eingeschaltet werden muss. Blitzbereitschaft wird durch eine Leuchtdiode auf der Oberseite der Kamera angezeigt. Da der belichtete Film vom eingebauten Motor weitertransportiert wird, sind Sie schnell wieder aufnahmebereit (Sie können etwa 1B/sec aufnehmen). 
   


Filmeinlegen ist einfach - Ansicht von hinten

Nach der letzten Aufnahme müssen Sie eine orangefarbene Taste am Kameraboden nach rechts schieben und der Motor spult den Film in die Kassette zurück. An die gelangen Sie, wenn Sie danach die mit "Change film" markierten Schieber auf der Rückseite der Kamera nahe dem Boden nach rechts schieben. Dann klappt die Rückwand nach oben auf und Sie sehen die eigentliche Besonderheit der Kamera: der Film wird von unten nach oben transportiert. Durch diese Art der Filmführung können Sie auch bei Halbformat Aufnahmen im Querformat mit der gewohnten Kamerahaltung machen.
  
Vergebens sucht man einen Stativsockel, es gibt keinen. Ebenso wenig gibt es einen Drahtauslöseranschluss, einen Zubehörschuh, einen Blitzkontakt für die Verwendung eines externen Blitzes oder eine Fassung für die Verwendung von Filtern vor dem Objektiv. Berücksichtigt man indessen die Zielgruppe, für welche die Konica AA-35 gedacht war, sind das in Wahrheit keine Mängel, sondern eigentlich überflüssige Mätzchen, die der Anwender ohnehin nicht braucht. Wer braucht einen Drahtauslöser, der ohnehin nur die kleine Tochter mit dem Teddybären im sonntäglichen Sonnenschein anblitzen möchte? Keiner. So dachte Konica, so dachten auch die Käufer. Die Konica AA-35 wurde ein achtbarer Erfolg. 
  
Die Konica AA-35 war übrigens Konicas letzter Versuch, mit Halbformatkameras Geld zu verdienen; sie war auch eine der letzten Halbformatkameras überhaupt, denn es nahte die Zeit der Autofokuskameras und die dazu notwendigen Bauteile waren anfangs so groß geraten, dass sie nach größeren Kameras verlangten.
  
Aber das ist schon eine andere Geschichte und nicht mehr die der Konica AA-35.
  
Bleibt noch eines nachzutragen: Sie ist auch heute noch, viele Jahre nach Markteinführung, nicht zuletzt infolge der seither ständig verbesserten Filme, eine durchaus verwendbare kleine Taschenkamera – vorausgesetzt, die Rocktasche ist massiv, denn 1985 war das Zeitalter der Plastikkameras noch nicht wirklich gekommen und die Konica AA-35 wiegt für ihre Kleinheit beachtliche 250g ohne Batterien und ohne Film. In den letzten Jahren hat sich die Qualität der Farbnegativfilme, insbesondere deren Feinkörnigkeit, so stark verbessert, dass  man im Unterschied zu 1984 den Vergrößerungen im Format 10x15 cm nicht mehr ansieht, dass sie auf einem Negativ im Ausmaß von 18x24 cm beruhen. 

Aber leider, das Halbformat ist tot, wenngleich manche Labors auch heute noch anstandslos Aufnahmen von Halbformatkameras  vergrößern. 
  
Eine Konica AA-35 wird nur selten im Gebrauchthandel angeboten. Die bessere Quelle ist wahrscheinlich eBay.  Und billig ist sie.

Verfasst am 19. April 2000
Zuletzt geändert am 14.3.2014
© Peter Lausch