Irlandreise 1989

Gallarus Oratory

 

Gegen o6.oo Uhr bin ich munter. Gewaschen, geschnäuzt und gekam­pelt, wie man in Wien so sagt, bin ich eine halbe Stunde später. Aber Frühstück gibt es leider erst in einer Stunde. Ich entschließe mich zu einem Spaziergang, wandere über den Parkplatz des Limerick Ryan, durch gepflegte Villenviertel zum Shannonfluss. Der schaut nicht attraktiv aus: hier wirkt sich schon Ebbe und Flut aus, jetzt ist Ebbe, und der Fluss wird zum Rinnsal inmitten stinkender Ufer. Ich wandere den Fluss stadteinwärts, treffe auf eine Joggerin, die ich tief er­schrecke, denn so besonders vertrauenswürdig sehe ich ja vielleicht nicht aus. Und was weiß man schon bei einem Mann um die Fünfzig, mit weißem Bart und fremdländischen Aussehen. Dass sie mich, nach den Erlebnissen in Frankreich, auch erschreckt hat, wenn ich mich auch vor ihr nicht fürchte, das weiß sie nicht. Aber mir hätte ja an die­ser Stelle auch wer anderer entgegenkommen können. Ich lächle mög­lichst freundlich, rufe "A nice day, isn`t it?"  und sie lächelt auch. Aber vorher hat sie noch in die Büsche geblickt, für den Fall, sie müsste fliehen. Oder habe ich es mir nur gedacht?

 

Vor der Brücke über den Shannon gilt es noch einen kleinen Umweg zu machen. Unter der Brücke ist ein Lager der Travellers und mit meiner Nikon möchte ich da nicht durchwandern. Nicht dass sie mir etwas täten, außer Hühnern und gelegentlich einem Schaf  stehlen sie nichts, aber sie sind ein wenig eigen, wenn man bei ihnen fotografiert. Das nehmen sie regelmäßig übel. So habe ich zwar viele hundert Fotos in Irland gemacht, aber kein einziges mit Travellers. Nicht bloß deshalb, weil ich Angst hatte, beim Fotografieren entdeckt zu werden, sondern auch und vor allem, weil ich mich scheute, die Armut und das Unglück dieser wahrhaft Ärmsten in Irland festzuhalten.

 

Den Fluss überquert, bin ich im Zentrum Limericks. Limerick schläft - jetzt um o7.oo Uhr - noch tief. Die Straßen sind noch menschenleer, es ist ganz ruhig, keine Autos fahren, bloß Katzen gegen spazieren. Doch irische Katzen haben ein schweres Leben, scheint mir - bei Menschen sind sie ganz vorsichtig, verkriechen sich unter geparkten Autos, streichen einem nicht um die Beine, so sehr ich auch Miau, Schnurrli, Brumm etc.  rufe. Vielleicht sprechen irische Katzen aber auch einfach eine andere Sprache als die im Waldviertel, die sich nach solchen Äußerungen mit Begeisterung kraulen lassen.

Sligo

 

An einer Autobushaltestelle sehe ich ein Mädchen mit einer Zeitung, frage höflich, wo sie sie gekauft und sie gibt mit spanischem Akzent Auskunft. Deshalb verstehe ich sie klaglos, zum Unterschied von den Einheimischen, die im Dialekt etwas herausnuscheln, was man bloß erraten kann. So bekomme ich die Irish Times, mit der ich mich auf den Weg zum Hotel mache. Es ist jetzt gegen o8.oo Uhr, allmählich sieht man Menschen. Wie immer am - für Irland - frühen Morgen se­hen diese Menschen gleichsam zerstört aus, halb im Schlaf noch und alle mit finsterem Gesichtsausdruck, mit dem Schicksal hadernd, das sie zu einer derartigen Zeit auf die Straße treibt. Die Frauen im Besonderen, ungekämmt - oder ist Struppigkeit der Frisur gerade Mode - und ohne Strümpfe bei 1o Grad und ich versuche mich zu erinnern, wann ich zuletzt in Wien eine Frau bei dieser Temperatur ohne Strümpfe gesehen habe oder aber im korrekten Kostüm mit weißer Bluse und Mascherl in der Farbe des Kostüms (alles giftgrün). Ein seltsames Volk sind sie schon, die Iren.

 

Auf dem 1 Kilometer die Ennis Road stadtauswärts, verstärkt sich der Verkehr schlagartig. Irland erwacht und macht sich auf die Fahrt in das Büro.

 

Im Speisesaal des Hotels erscheine ich als zweiter Gast. Dement­sprechend ist die Bedienung. Ein Herr, der anscheinend in seinen Kleidern geschlafen hat, nimmt die Bestellung entgegen. Orangensaft gibt es keinen, er weiß nicht, wo er welchen finden kann. Aus einem Pappkarton schüttelt er Kellogs Cornflakes in eine Schüssel, die er mir auf den Tisch knallt, wo noch das Abendgedeck steht, das nicht benutzt wurde. Die Geschäfte gehen schlecht in Irland. Nach einer - beträchtlichen - Weile knallt er einen Becher mit eiskalter Milch auf den Tisch, also gibt es Cornflakes mit Milch - ein wirklich übler Fraß. Den Herrn sehe ich danach nicht mehr, statt seiner erscheint eine verblühte Blondine von 3o Jahren und struppigem Haar, auch ohne Strümpfe und mit geplatzten Adern an den Beinen und fragt dreimal, ob ich Kaffee haben möchte oder Tee. Aber immerhin, im dritten An­lauf erscheint sie mit einer Literkanne mit Kaffee (in Wahrheit Kaffe), während die Brünette am nächsten Morgen genauso zerstört aus­sieht, aber nach billigem Parfum riecht und statt Kaffe Tee bringt, der auch nicht anders schmeckt. So entscheide ich mich für Bacon und Sausages und Fried Tomatoes, was mir nichts nützt, denn ich be­komme statt der Paradeiser ein Spiegelei und eine verwaschene Er­klärung, dass die Tomatoes aus seien. Daran wird sich in den folgen­den Tagen nichts ändern, was immer ich bestelle, ich bekomme nur das Standardmenü, bestehend aus fettem Schweinebauch samt Schwartel, einem fetttiefenden Spiegelei (in Wahrheit ein missratenes hartes Ei) und zwei kleinen Würstchen und alles wird nach nichts schmecken als nach Salz. So viel Salz, so viel Íl und soviel Eier esse ich in Österreich im ganzen Jahr nicht. Dazu und danach gibt es 4 Scheiben Toast und zwei Scheiben Vollkornbrot. Das Brot ist das einzige, was mir schmeckt, bloß, besseres Brot schaffe ich selber auch im Gasherd in Wien. Auf die Marmalade vergisst man, die müsste ich extra verlangen. Doch zweieinhalb Wochen Orangenmarmalade (eine andere Sorte gibt es in keinem Hotel in Irland, in dem ich bisher übernachtete) reichen mir ohne­hin: so trage ich zum Gewinn des Hotels bei - und verlange nichts, auf die Gefahr hin, dass sie sich über die blöden Ausländer schieflachen. Doch viel zu lachen dürften sie nicht haben, denn es sind fast alle Zimmer leer und das Hotel nur von einer Reklametruppe für Coca-Cola bevölkert.  Hotelier in Irland möchte ich nicht sein.

 

Dabei ist die Auslastung der Hotels ganz unterschiedlich. Zahle ich in einem menschenleeren Hotel 35 Punt, hätte ich im Limerick Ryan daneben für ein nur wenig größeres Zimmer 55 Punt bezahlt, wenn ich ein Zimmer bekommen hätte. Aber dieses Hotel ist regelmäßig voll belegt (We are very busy now, wie die Dame an der Rezeption sagt) mit Amerikanern, die übers Wochenende nach Shannon-Airport fliegen und in Limerick übernachten. Das muss so billig sein, dass sogar ame­rikanische Hausmeister und Bedienerinnen sich den Flug leisten können, denn was anderes können die Herren und platinblond gefärb­ten "Damen" mit je 1oo kg nicht sein.. Und im Flugzeug gibt es natürlich Whisky zollfrei, was sie alle an der Bar erscheinen lässt und um ein Glas mit Eis  betteln (und ungehalten werden, wenn die Bardame sagt, sie sollten sich das Eis aus dem Eiswürfelautomaten holen, der in Amerika offenbar zur Standardausstattung auch des billigsten Motels gehört und im Ryan-Hotel in jedem zweiten Stockwerk aufgestellt ist.

 

Alles zusammengegessen, verlasse ich die gastliche Stätte und ma­che mich auf, den Ring of Kerry zu fahren. Natürlich bin ich die Straße um die Halbinsel schon gefahren, weiß an den Kreuzungen, wie ich wohl abbiegen muss, um den richtigen Weg zu schaffen. Doch eine Fahrt vor 1o Jahren hinterlässt wohl Erinnerungen, aber sie sind, wenn man die Fahrt nicht eben nachvollzieht, nicht aufrufbar. So erinnere ich mich an die abenteuerliche Unterführung unter der Eisenbahnlinie, die mit vielen Warntafeln dramatisch als gefährlich angekündigt ist, an den Parkplatz dahinter, den ich mit der Celica einmal benutzt habe, das eifrige Winken eines irischen Paars ignorierend, während ich an ihrem Wagen vorbeifuhr, hinter dem die Reisegefährtin hockte mit blankem Hinterteil. Was tut man da? Ich tat damals so, als habe ich sie nicht gesehen und fuhr weiter.

 

Hinter Tralee beginnt das Fremdenverkehrsland. Kerry ist vom Klima begünstigt, hier wachsen Palmen (wenn man sie hätschelt und pflegt), hier wachsen aber auch Fuchsien zu Bäumen heran. Außerdem ist Kerry nicht so zerklüftet wie die südlichere Halbinsel Beara - was Wunder, dass gleichsam ein jeder Tourist um die Halbinsel herum­fährt. Dazu kommt, dass auf ihr, ganz einfach zu erreichen, eines der seltsamsten frühchristlichen Denkmäler steht.

 

Wer die südliche Route nimmt, so wie ich, überholt eine Menge von Autobussen, Campingbussen, Mobilhomes (jedes dieser Gefährte breiter als das andere und noch viel langsamer) bis er sich nach Slea Head und Dunquin durchkämpft. Dunquin ist ein Ort, Slea Head eine Landzunge, die sich weit ins Meer hinausstreckt. Bei ruhiger See ist das kein so besonderer Anblick, aber bei Sturm (oder was auch immer ich Landratte darunter verstehe), ist der Anblick des Meeres, das sich gegen die Klippen wirft, furchterregend, wie ich vor einigen Jahren gesehen habe. Slea Head war bis vor einigen Jahren ein klassisches Fotomotiv, bis dann ein spanischer Frachter strandete und den Anblick verunzierte. Ich war immer der Meinung, man müsste das Wrack entfernen, doch die Iren wussten es besser: heute ist das Schiff von den tobenden Fluten so zerstört, dass nur mehr die Aufbauten vorhan­den sind - in einigen Jahren werden auch sie verschwunden sein, so wie jedes der vielen Schiffe verschwunden ist, die im Laufe der Jahr­hunderte an den Küsten Irlands gestrandet sind, manche davon, weil die Bewohner  mit Fackeln am Ufer entlangliefen und den sicheren Hafen vorgaukelten, der aus Klippen bestand. "Ryans Daughter" handelt davon, und im Film sieht man den Slea Head und die nördlich gelegene Hafenstadt Dunquin, bei schönem Wetter ein wunderschö­ner Badeort.

 

Leider ist das Wetter diesig, ich fahre nach frugalem Mittagessen und Lekture der Zeitung weiter zum Gallarus Oratory.

 

Gallarus Oratory

 

Dort gibt es eine Überraschung: der Parkplatz ist für Autobusse reserviert, daneben eine Wiese, auf der die Pkws zu parken haben.  Ferner gibt es einen jungen Burschen, der mir ein ganzes Punt als Parkgebühr abnimmt, wofür ich eine Parkkarte bekomme, auf deren Rückseite man mich beglückwünscht, dieses großartige Denkmal gesehen zu haben. Auf meine Frage, ob er wohl in einem einzigen Monat reich werden wolle, lächelt er verlegen. Nach der Zahl der Autos zu schließen, muss das ein gutes Geschenk sein. Gallarus Oratory ist ein bootsförmiges Ge­betshaus, das ca. 700 nach Christus aus behauenen Steinen errichtet worden ist. Kein Mörtel ist verwendet worden, dennoch ist es heute noch dicht. Bei Regen bleibt man trocken im Inneren, wie ich von frü­her her weiß.  Neben dem Oratory sitzt ein Ire, der zahnlos ruft "Give me a Pound", was ich, nachdem er sich auf mich zuzugehen an­schickt, mit herzhaftem "Go to hell" beanworte. Das schreckt ihn of­fenkundig ab, hindert ihn aber nicht, die nächsten Touristen wieder anzureden. Manchmal sind sie recht lästig, die Iren.

 

© Peter Lausch, 1990, ergänzt 2016

 

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