Irland 1989

Exkurs 2. Teil: Cherbourg

 

In Cherbourg fahre ich Richtung Hafen, parke mich bei einem Supermarkt ein. Rings um den kleinen Hafen gehe ich, hinein in die Altstadt, die so aussieht wie in den Parapluies de Cherbourg mit Catherine Deneuve. Ein Rühren überfällt mich, ein WC ist nicht in Sicht.  Übel ist mir und mit wehem Bauch wandere ich den Hafen entlang, dem Auto zu, der beweglichen Heimat. Der Weg ist schwierig: blicke ich in das infolge der Ebbe leere Hafenbecken hinab, überfällt mich Übelkeit, blicke ich die Häuser empor, werde ich schwindlig. Wohin ich auch blicke, ich gehe wie auf Eiern und denke die ganze Zeit, was soll ich - allein in Frankreich und ohne die Sprache zu beherrschen - denn tun, sollte mein Zustand nicht vorübergehen? Risiko des Reisenden, wird mir bewusst.

 

Als ich beim Bus ankomme, geht es mir schon etwas besser. Ich krieche mehr als ich gehe, ins Restaurant des Supermarkts und kaufe mir ein Cola und trinke es aus. Meinem Magen gefällt das eiskalte Getränk gar nicht und so sitze ich im Bus und warte, dass es mir besser geht. Währenddessen ziehen die Engländer scharenweise mit ganzen Schachteln voller Bierdosen an mir vorbei zu ihren Schiffen. Bier ist billig in Frankreich, verglichen mit dem UK.

 

Um 17 Uhr schließt der Supermarkt. Ich fahre vom Parkplatz zur Hafeneinfahrt, stelle mich beim Zoll an. Drangekommen erzählt mir der Zöllner Unverständliches, ich ihm auch. Das führt zur Kontrolle des Gepäcks, die bleibt ergebnislos. Deshalb winkt er mich weiter und ich frage mich, was wohl der Lebenszweck eines solchen Menschen sein mag. Aber mich geht das ja nichts an. Ich fahre zum schäbigen Container der Irisch Continental Ferries vor, die mich, tatsächlich, als Passagier vorgemerkt haben und mich auf das aus dem Schlot rußende Schiff winken.

 

Das Auto eingeparkt und - gewitzigt durch die Erfahrung von 1984, dass man danach nicht mehr ins Auto kann, weil die Wagen eng an eng eingeparkt werden - mit einer kleinen Tasche mit dem Notwendigsten ausgestattet, steige ich die Treppen im Bauch des Schiffes St. Patrick zur Rezeption empor. Möge Gott abhüten, dass es ein Unglück gibt: aus dem Bauch dieses Schiffes wird ein Entkommen sehr schwer sein. Sie händigen mir einen Kabinenpass aus und selbständig finde ich meine Kabine. In der haben sich offenbar die Säue gewälzt und der Stall ist nicht aufgeräumt worden. Klagend wende ich mich an die erste pausbäckige Irin, die so reagiert wie sie aussieht. Bei der dritten Irin finde ich Verständnis oder auch nicht: angewidert überreicht sie mir Unverständliches murmelnd einen Schlüssel zu einer anderen Kabine. Die finde ich auf Anhieb, öffne die Tür und bin angenehm überrascht und verstehe nachträglich auch das Gerede der letzten Irin. Ich habe eine Außenkabine mit Bad und WC ergattert und bin der alleinige Benützer. Luxuriös ist die Kabine freilich nicht, wie ich am Abend feststelle. Am Oberbett über mir schlage ich mir mehrfach den Kopf an, will ich die WC- und Duschkabine benützen, kann ich sie nur baucheinziehend seitlich betreten, so schmal ist die Tür. Bin ich dann drinnen, kann ich mich entscheiden, ob ich das WC mit trockenem Hinterteil benutzen will oder nicht; wenn nicht, brauche ich vorher bloß zu duschen.

 

In der Kabine angelangt, verändert sich das Vibrieren im Bauch des Schiffes: es hat abgelegt. Es ist 18 Uhr geworden, Zeit für die Öffnung der Bar. Nach den Entbehrungen des Nachmittags ist es Zeit, mir ein Guinness zu gönnen, das erste der Reise nach Irland.

 

Das Bier ist schwierig zu erlangen. denn es ist zwar mein erstes Pint of Guinness dieser Reise, aber andere haben viel zielstrebiger als ich auf ihr erstes Bier gewartet: einerseits eine Horde von irischen Lastwagenfahrern, die saufen wie die Löcher und denen ich in Irland hoffentlich nicht begegnen werde; zweitens aber eine Horde von Männern und Frauen, die sich mit den rasch und glücklich erworbenen Pints und Halfpints und Double Scots an die kleinen Tische an der Außenwand des Schiffs zurückziehen. Ich kenne niemandem, trinke mein erstes Pint allein an einem Tisch, kaufe an der Bar ein zweites und nehme das schäumende Glas mit in die Kabine zum frugalen Nachtmahl. Danach, nach einem langen Spaziergang auf den Decks der St. Patrick ein drittes Pint of Guinness und als Folge träge Müdigkeit. Ich sinke in mein schmales Bett in der Einzelkabine für viel Geld. Mit Schrecken denke ich an 1984 zurück, als ich, um den Minimalpreis zu erlangen, keine Kabine hatte, sondern einen sogenannten Schlafsessel. Die Schlafsessel lassen sich ein wenig zurückkippen, sodass man bequemer sitzen kann, dafür scheint einem die Neonröhre oberhalb des Sitzes unbarmherzig in die Augen. Schlafen kann man dennoch nicht: die Füße kann ich nirgends hinlegen, sitze gleichsam in einem Fauteuil. Nicht einmal die Armlehne zum Nachbarsitz kann ich umlegen, so wurde es ein Schlaf im Sitzen. Erst nach einigen Stunden habe ich damals erkannt, warum sich die anderen Schlafsitzer mit Decken ausstaffiert hatten: die Temperatur im Schiff wird auf 17 Grad C abgesenkt und über meinem Kopf blies eine Düse kalte Luft in den Raum. Die Nacht war ein einziges Vergnügen.

 

Jetzt aber, 1989, ist die Überfahrt tatsächlich ein Vergnügen. Zwar ist das Bett nicht weicher und auch nicht viel breiter als der Schlafsessel, aus den Belüftungsdüsen bläst auch 1989 kalte Luft, infolge der drei Pints of Guinness schlafe ich wie ein Engel und die Stimmen und Geräusche vor der Tür stören mich nicht mehr.

 

Morgen wird es und ich bin hungrig: nichts mitgenommen natürlich und die Cafeteria öffnet erst gegen 9 Uhr auf. Ich fühle mich wie ein hungriger Inder. Das Frühstück ist das erste auf irischem Boden. Mir schmeckt es nicht, wie üblich. Porridge gibt es und Maisflocken mit Milch und Reisflocken mit Milch, es fängt gut an. Danach gibt es wahlweise irrsinnig stark gesalzene kleine fette Bratwürstchen oder mehrere Scheiben fetten, irrsinnig stark gesalzenen Specks: ich wünsch mir beides und bekomme es auch. Ferner gibt es gebratene Paradeiser und Spiegeleier, triefend vor Fett und weiche Eier und Eierspeise, auch triefend vor Fett und angebranntem Toast und Marmalade und Butter. Ich nehme alles, was ich bekomme, es kostet ja ohnehin einen Einheitspreis: S 120.- (€ 9, und das 1989) . Den berühmten irischen Kaffee habe ich vergessen, durchsichtig und bitter, soviel Süßstoff ich auch hineingebe. Dafür gibt es keine gewöhnliche Milch, sondern Kaffeeobers. Hunger freilich ist der beste Koch, sagt man. Mir schmeckt es nicht und den Vormittag wird mir der Geschmack von ranzigem Fett auf der Zunge liegen, aber das Rumoren im Bauch klingt ab. Für die Rückfahrt werde ich vorsorgen.

 

Frühstück bewältigt, beschließe ich den Weg aufs Achterdeck und lasse mir die kalte Luft des Morgens um die Nase wehen. Gescheit wie ich bin und gewitzigt durch frühere Reise habe ich mir die wärmste Jacke mitgenommen und stehe jetzt nicht frierend wie die anderen Reisenden an der Reling und blicke wie sie auf das trübe Meer. Sichtweite ist ca. 1oo m. Ich hoffe, dass das Radargerät funktioniert, zumindest dreht es sich oben neben dem Rauchfang. Zu den Rettungsbooten habe ich wenig Vertrauen. Nicht nur tragen sie noch finnische Aufschriften, fuhr doch das Schiff früher zwischen Helsinki und Stockholm hin und her. Seit Generationen haben die Matrosen frische weiße Farbe auf die Seile und Rollen geschmiert, damit alles ausschaut, als wäre es neu; doch ob die Rollen sich noch drehen? Rettungswesten gibt es unter den Decksitzen. Wenn sie im selben Zustand sind wie die Flaschenzüge für die Rettungsboote, wünsche ich mir ruhige See und kein Schiff, das unserer Route nahekommt.

 

Doch es geschieht kein Unglück und so steigt die Hoffnung, trotz dieser Reise die Pension noch zu erleben. Das gute Gefühl vergeht endlich, als ich die wiederum geöffnete Bar/Lounge betrete. Nicht nur sitzen sie wieder da, die LKW-Lenker von gestern, sie trinken auch schon wieder fleißig. Sie sind allerdings nicht die einzigen, die trinken: offenbar verbringt buchstäblich jeder Passagier die Fahrt in der Bar, an unbequemen Tischen und in niedrigen Fauteuils, je nach Temperament schweigsam oder johlend. Am ärgsten sind die jungen Leute, die Whiskey nur so in sich hineinschütten: auf dem Schiff kostet alles die Hälfte, da steuerbegünstigt. Ich trinke ein Guinness. Bei der Landung um drei Uhr nachmittags werde ich wieder nüchtern sein.

 

Durch die Fenster scheint die Sonne, es hat aufgeklart und ich gehe nach draußen, setze mich auf die Bank auf dem Hinterdeck, lasse mir die Sonne ins Gesicht scheinen. Eine Horde Bundesdeutscher erscheint, setzt sich vor mich, hinter mich, neben mich. Fette Matronen wetzen ihre Hintern und drängen sich an mich: der Ehemann muss auch noch auf die Bank. Ich kann nicht mehr weiterrücken, ich sitze ohnehin nur mehr mit dem halben Hinterteil auf der Bank. Gemütlich ists. Obgleich sie anscheinend deutsch reden, ich verstehe kaum ein Wort. Gottseidank verschwinden sie bald wieder fröstelnd, da sie nicht warm genug angezogen sind.

 

Nach 14 Uhr erscheint weit rechts vorne ein dunkler Streifen am Horizont: Irland. Alle Passagiere wandern auf die rechte Seite des Schiffes, gerade, dass es nicht Schlagseite bekommt. Ich wandere nach links. Irland werde ich noch lange genug sehen und im Übrigen gibt es jetzt freie Sitzplätze, die windgeschützt sind.

 

Vor 15 Uhr langen wir in Rosslare Harbour an, das Schiff tastet sich an die Mole heran, viel Geschrei und scheinbares Chaos, dann ist es mit dem Festland verbunden. Die meisten Passagiere bekommen das nicht mit, sie sind schon in den Schiffsbauch geeilt, sitzen startklar in ihren Autos. Ich bin einer der letzten da unten und dennoch viel zu früh dran. So sitzen wir in unseren Autos im Schiffsbauch unter der Wasserlinie, manche haben den Motor schon gestartet, und alle warten wir. Endlich öffnet sich das Ausfahrtstor am Bug des Schiffs: Aufregung macht sich breit. Auch die im Heck möchten die ersten sein, die das Schiff verlassen. Viel Gebrüll, viel Händefuchteln der Matrosen ist nötig, aber gleich die ersten beiden Autofahrer wollen mit ihren Gefährten gleichzeitig aus dem Schiffsbauch. Krach. Weiter hinten macht sich Unmut breit über die beiden Idioten, deren Autos johlend von den Matrosen nach außen geschoben werden. Freie Bahn für die übrigen. Endlich bin ich dran, fahre aus dem Schiff, in unübersichtlichen Schleifen auf dem Vorfeld umher, reihe mich als letzter in die kürzere Schlange wartender Autos ein. Doch leider, die rechte, die längere Schlange wird schneller abgefertigt, ich bin an einen Brodler von Zöllner angelangt. Als ich als der wirklich letzte aus dem Schiff beim Zöllner angelangt bin, sagt der Zöllner: Open your boot, please, was immer auch ein boot sein soll. Da er aber auf die Heckklappe zeigt, verstehe ich doch, was er will. Also öffne ich die Heckklappe. Er hebt den Schlafsack hoch und die beiden Decken, stößt unverzüglich auf die drei Pakete Milch, die ich nicht einführen dürfte und übersieht sie. Beim nächsten Paket fingert er herum und es beginnt zu rauschen. Er prellt zurück und ich erkläre, es sei ein shortwave-receiver. Er glaubt es. Danach greift er gar nichts mehr an, f ragt bloß, wie viele alcoholic drugs ich bei mir habe und ich sage, one Liter; die 2o Bierdosen vergesse ich, das sind ja wohl keine alcoholic drugs, sondern Nahrungsmittel. Er ist zufrieden, winkt mich weiter. Drei Kurven noch, dann habe ich den Hafen verlassen und bin jetzt unverwechselbar in Irland.

© Peter Lausch, 1990, ergänzt 2016

 

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