Irland 1989

Exkurs: Eine Reise nach Irland mit dem Auto

Einmal nicht wie sonst in aller Frühe abreisen, d.h., um vier Uhr morgens, war mein Ziel. Leicht war es zu verwirklichen, wollte ich doch am ersten Tage nicht weiter kommen als bis zur deutsch-französischen Grenze. Später wegzufahren, hatte noch einen Vorteil: ich sparte einen Urlaubstag.

So fuhr ich punkt 12 Uhr mittags vom Büro im 3. Bezirk in Wien los. Nach drei Stunden war ich in Salzburg, nützte den Schleichweg nach Deutschland über die Ausfahrt Kaserne zum Bundesstraßenübergang. Dort warteten die Zöllner arbeitslos, aber nicht auf mich, denn sie ließen sich durch mich nicht in ihrem angeregten Geplauder über zweifellos dienstliche Angelegenheiten  stören, winkten mich gelangweilt durch. Hinter der Grenze die schmale Nebenstraße, ca. 500m lang und schon war ich auf der Autobahn nach München. Drei Stunden und 15 Minuten war ich schon unterwegs.

Zwei weitere Stunden dauerte die Fahrt nach München; vor München aus Vorsicht nicht in durch die Innenstadt gefahren, sondern den Autobahnwegweisern auf die damals noch nicht vollständige Autobahnumfahrung von München gefolgt nach Norden und danach auf die elende Umfahrungsstraße Richtung Stuttgart gelangt, fuhr ich hinter einem türkischen Lastwagen her, der 5o km/h fuhr, obgleich 70 km/h erlaubt waren. Ach, wäre ich doch nach München hineingefahren und den Inneren Ring Richtung Westen. Länger hätte es nicht dauern können. Aber was soll´s: einmal falsch abgebogen, musst Du schauen, dass Du aus dem Schlamassel wieder herauskommst. Kompliziert war die Route nicht, ich war ja auf der richtigen Straße, nur Geduld musste ich haben, hinter dem Türken. Ich hatte die Geduld nicht, aber infolge des starken Gegenverkehrs gab es keine Gelegenheit zu überholen.

Endlich die Einmündung in die Autobahn Richtung Stuttgart. Viel Verkehr jetzt, nach 17 Uhr, aber kein Stau. Lästig bloß das Fahrverhalten der anderen: immer auf der linken Spur fahren, rechts bloß die LKW und hie und da ein Campingbus. Ich fuhr dann auch links, aber auf der hügeligen Strecke Richtung Stuttgart ging dem Bus (mit seinen 70 PS) immer wieder gleichsam die Luft aus und wurde ich von hinten angeblinkt; wechselte ich aber in die rechte Spur, musste ich vom Gas gehen und bei der nächsten Steigung konnte ich dann den Lastwagen vor mir nicht mehr überholen und zuckelte hinterdrein.

Stuttgart im Norden; an einer Raststätte musste ich tanken und aß ein Wurstbrot aus Wien und trank einen Kaffe, durchsichtig und geschmacklos, dafür mit Kaffeeobers, aber er machte mich dennoch wieder richtig munter. Denn nach jetzt schon fast 700 km merkte ich doch schon die Müdigkeit. Nach einer Viertelstunde Richtung Bamberg machte ich auf einem ruhigen Parkplatz Rast. Kaum hatte ich den Motor abgestellt, parkten sich vor mir, hinter mir, neben mir (bloß nicht über mir) die LKW einer französischen Armeeeinheit ein, 100 m gegen den Wind nach Diesel stinkend. Von den Ladeflächen kletterten so gegen 15o Soldaten; sie rochen zwar nicht nach Diesel, stanken aber dafür nach Gitanes und nach ungewaschenen Kleidern. Dass doch offenkundig alle Soldaten dieser Welt ihren eigenen Mief haben müssen und sich ebenso offenbar zu selten waschen!

Die Franzosen verleideten mir die Rast. So ging die Fahrt rasch weiter, nach dem Autobahnkreuz bei Bamberg nach Norden, Richtung Frankfurt, Bonn, Hamburg, wie die Wegweiser kündeten. Dann hieß es abbiegen nach Westen, Richtung Saarland. Nach 5o km, mitten in Hessen, der erste Wegweiser: PARIS, mein Herz begann zu klopfen. Dazu Schnulzen von HR3 im Autoradio und die Stimme eines unverkennbar österreichischen Ansagers. Nach 1oo km eine Autobahnraststätte bei Hettenleidelheim mit Motel. 1984 hatte ich hier übernachtet im (ungastlichen) Motel, diesmal aber parkte ich den Bus auf dem Parkplatz gratis, trank zwei Bier in der fast leeren Raststätte. Danach verhängte ich die Fenster im Bus und, es war schon dunkel geworden, legte mich schlafen. Ich schlief nicht gut, denn nach so vielen Kilometern fuhr ich gleichsam im Geiste die Strecke noch einmal. Gegen Mitternacht parkte sich ein Autobus voll mit Halbwüchsigen ein, die johlend und kreischend und offenkundig allesamt besoffen, auf dem Parkplatz herumliefen und einen Heidenlärm machten. Aber nach einer halben Stunde war der Spuk vorbei, es war wieder still. Die Jugend war weitergefahren.

Gegen 5 Uhr morgens war ich munter, kochte Kaffee, wusch mir Gesicht und Hände in der völlig verdreckten Toilette, wandte mich würgend vom WC wieder ab und fuhr weiter Richtung Frankreich.

Nebelschwaden zogen über die Autobahn, rechts und links nur schemenhaft die Umrisse offenbar riesiger Kasernen der U.S. Army und der U.S. Air Force; Panzer gab es und gepanzerte Feldhaubitzen auf Selbstfahrgestellen und Jeeps natürlich in rauhen Mengen, davon konnte man beim österreichischen Bundesheer nur träumen. Aber vergammelt sahen auch die amerikanischen Fahrzeuge aus.

Saarbrücken ließ ich im Norden liegen. In der Morgensonne, die endlich über den Nebel siegte, sah es schäbig und unordentlich aus. Mich zog es nicht in die Stadt, ich wollte zur Goldenen Bremm, dem letzten Rasthaus in der BRD. Im Rasthaus freilich war noch Nachtbetrieb; ein Kaffeeautomat, der keine Milch spendete, sondern ein Eiweißpulver, das wie Milch aussah und geschmacklos war, ein verschlafener Kassier und ein paar Deutsche, die aus Literdosen Bier tranken. Ich vertilgte meinen Kaffe, der so schmeckte, wie er aussah und fuhr die paar Meter bis zur Grenze.

Die Grenze

Die Zöllnerin war schwarzhaarig mit braunem Teint und schmuddelig wie die Soldaten vom Vortag, trotz der schicken Uniform, die sie trug. Mein Pass interessierte sie; einmal kein Boche. Also begann sie mich auf Französisch auszufragen, was zum Fiasko führte, denn ich kann nicht französisch. Also wechselte sie in schlechtes Deutsch und wollte unbedingt wissen, wohin ich unterwegs sei. Cherbourg et Irlande, sagte ich in meinem besten Französisch, worauf sie mir etwas erzählte, was ich naturgemäß nicht verstand. Indigniert winkte sie mit der Hand: ich verstand. Ich sollte weiterfahren, wenn man mit mir schon nicht reden konnte. Ich tat es.

Frankreich also: keine Fachwerkhäuser mehr in adretten Dörfern, wie in Hessen, sondern vergammelte und irgendwie schmuddelige Ortschaften entlang der Autobahn Richtung Metz. Der erste Parkplatz: schön angelegt, mit elegantem Klohäuschen. Innen die berüchtigte Tasse zum Draufstellen, total verdreckt freilich. Mich trieb es hinter das Häuschen. Vor mir war es etlichen anderen auch so ergangen, wie man merkte.

Danach also weiter: wenig Verkehr, aufklarendes Wetter, RTL Luxemburg im Radio, zuerst auf Mittelwelle und dann, gegen Paris, auf Kurzwelle. Kein schnelles Vorwärtskommen möglich: immer wieder Mautstellen mit Kasslerinnen, denen die 100 Francs-Noten, die ich ihnen reichte, nicht passten, wollten sie doch nur 8 oder 11 Francs. Zumindest interpretierte ich ihr Verhalten so, denn verstehen konnte ich sie ja nicht. Doch woher Münzen nehmen als frisch eingereister Ausländer? Mit der Zeit wurde es besser, der Beifahrersitz bedeckte sich mit Münzen und Geldscheinen und ich konnte die verlangten Beträge exakt bezahlen. Nur einmal gab es Schwierigkeiten mit einer Matrone kurz vor Metz: hatte ich das Hinweisschild falsch verstanden oder wurde aus irgendeinem Grund mehr verrechnet als angegeben, sie war mit den Münzen, die ich ihr reichte, nicht einverstanden, wollte offenkundig mehr. Aber wie viel? Ich reichte ihr einen 5o Francs-Schein, aber der passte ihr auch nicht. So kommandierte sie, nach einem Blick auf den Beifahrersitz: Cinq Francs, deux Francs, bis sie hatte, was sie wollte. Ich kam mir recht dumm vor und beschloss zum hundertsten Male, Französisch zu lernen.

Die Schlachtfelder von Verdun hinter mir, an Metz vorbei, ich fuhr nur noch mit Tempo 1oo, ließ die Landschaft an mir vorbeifließen. Kaum Verkehr: die Maut hielt die Franzosen ab, ihre Autobahn zu benutzen. Ich verstand die Leute: Steuern zahlen und dann für jeden Meter der damit errichteten Autobahn zur Kasse gebeten werden, würde ich auch nicht akzeptieren. Das ist ja wohl auch der Grund, dass die Kirchturmpolitiker[1] bei uns mit der Einführung einer Autobahnmaut zögerten.  Inzwischen freilich ist die Geldnot größer geworden, die Maut ist gekommen und das Volk hat sie akzeptiert wie so Vieles andere auch. Mich freilich freute es: einmal im Jahr die Autobahn so ungehindert benützen zu können, wie dies bei uns in den fünfziger Jahren der Fall gewesen sein muss, das war die 3oo Schilling schon wert, welcher der Spaß von Metz nach Paris mich 1989 kostete. Nach Metz hielt ich an einer Raststätte: schwarzer Kaffee, gallbitter trotz Süßstoffs, keine Milch (wie sagen?) und ein trockenes Hörndli, wie ein Schweizer gesagt hätte, mies und fett und aus Blätterteig.

Auf nach Paris: die Mautstellen waren gegen Mittag überwunden, der Verkehr schlagartig stärker geworden, aber kein Vergleich mit der Südosttangente in Wien am Morgen, ich mittendrin. Die Autobahn mündete in die Route Peripherique nach Süden. Ich habe mich richtig eingeordnet. An der Sonnenblende vor meinen Augen hängt ein Verzeichnis der Ausfahrten, an denen ich vorbeifahren muss. An irgendeiner Porte  fahre ich ab. Als ich auf der Ausfahrspur bin, erkenne ich, dass ich zu früh abgebogen bin. Umkehren kann ich nicht, also fahre ich weiter, sehnsüchtig nach unten auf die Autobahn blickend, auf der ich weiterfahren möchte.

Ich bilde mir ein, ich könnte die Seineschleife gleichsam durchschneiden, doch dann verzage ich. Die Häuser haben nur mehr zwei Stockwerke, neben den Gehsteigen parken kaum mehr Autos, vor den Cafes sitzen Araber im Fes: das ist nicht der Weg nach Irland. Ich biege nach Westen ab, an der nächsten Straßenkreuzung nach Norden. Nach wie vor sitzen Araber vor den Cafés, die Wegweiser kann ich zwar lesen, sie nützen mir aber nichts, da ich keinen Stadtplan von Paris besitze. Einen Franzosen, falls ich einen finde, zu fragen, wo wohl der Weg nach Irland ist, scheint nicht zielführend. Ich werde wohl selbständig den richtigen Weg wiederfinden.

Da, ein weiterer Platz, eine Brücke über einen Fluss und eine Ausfahrt auf die Brücke. Der Fluss unter der Brücke muss die Seine sein und dahinter müsste die Route Peripherique verlaufen. Ich fahre auf die Brücke, viele Fahrspuren. Ich bleibe ganz rechts, biege in eine Abfahrt ein und -  Glücksgefühl - vor mir ist eine vierspurige Autobahn. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Durch Tunnels durch, über Brücken drüber, endlich die Ausfahrt nach Le Havre und Cherbourg. Ich biege ab in Zweierkolonne: an diesem Samstag wollen sie alle nach Westen, scheint mir.

Eine vierspurige Straße quer durch den Gare de Boulogne, was immer das sein mag. Nach vielen Ausfahrten zum Werk von Renault wird der Verkehr schwächer, die Schilder häufen sich: Murailles de La Seine. Ein Parkplatz: der Blick hinunter auf den Fluss ist ganz nett, die Gegend vollkommen verlottert. Ich fahre weiter, bis das Benzin zur Neige geht: Tankstelle mit Bedienung. Der Tankwart sieht auf mein Kennzeichen, sagt klug: O, Vienne, Autriche. Er ist gesprächig, sagt noch viel mehr: Plus Neige, verstehe ich und sage meinerseits: Full, please. Schrie ich nicht schon, ich möchte Französisch sprechen können?

Weiter geht es in Richtung Westen. Die Abzweigung nach Cherbourg ignoriere ich. Noch ist es zu früh am Tage für die Fahrt nach Westen, das Schiff wartet erst morgen gegen 18 Uhr. Ich fahre Richtung Rouen. 1984 habe ich im Novotel teuer übernachtet in einem Hotelzimmer, jetzt mit dem Bus wird es ja wohl billiger sein, denn ich werde mich vors Hotel stellen. Doch die Verhältnisse haben sich geändert: vor dem Hotel ein absolutes Halteverbot, nach dem Hotel eine Gstättn, die mir nicht vertrauenserweckend erscheint. So fahre ich auf den nahezu leeren Hotelparkplatz, stelle mich in den Schatten der Bäume nahe der Einfahrt; es ist gegen 15 Uhr, lange noch bis zur Nacht.

Durch die mir bekannte Hotelhalle wandere ich an den Swimmingpool. Niemand schwimmt umher, zum Unterschied zu 1984, als mir die Augen beinahe aus dem Kopf fielen angesichts der vielen bildhübschen Wassernixen. Stattdessen sitzen am Pool fünf Engländer in schwarzen Anzügen, die Unmengen Bier trinken. Einer gibt jeweils eine Runde aus und zahlt sie anschließend mit Kreditkarte. Ich tue das auch und zahle erstmals in meinem Leben zwei Bieres blondes, oder wie es genau heißen mag, mit Kreditkarte. Der Kellner verzieht keine Miene, aber als ich ihm zusätzlich Trinkgeld gebe, in barem Gelde, lächelt er mich freundlich an. Irgendeinen Unterschied muss es schon geben zwischen Engländern und einem freundlichen Wiener. Ich freue mich. Ich habe das Ansehen meiner Heimat gehoben, ohne sagen zu müssen, Waldheim is NOT my president.

Der Abend wird lange. Bedingt durch die Lage Rouens weit im Westen des Kontinents sinkt die Sonne viel später als bei uns zu dieser Jahreszeit. Es wird einfach nicht dunkel. Nicht nur habe ich zwei Bier getrunken, die Umgebung des Hotels erforscht[2] und nach weiteren Bieres blondes grandes, oder wie es auch immer heißen mag, die Kellnerin hat mich jedenfalls verstanden, fällt Müdigkeit über mich. Gegen sieben Uhr abends mache ich die Fenster des Busses dicht und werfe mich auf das Bett. Süß schlummere ich bis gegen 6 Uhr morgens, gehen im staubigen Wäldchen vor dem Hotel spazieren. Gegen 7 Uhr verfalle ich auf die Idee, ich könnte mir ein Frühstück im Hotel leisten. Das Frühstücksbuffet ist schon geöffnet, ich trete hoffnungsvoll ein, setze mich an einen Tisch und bestelle bei der ländlich wirkenden Kellnerin einen Kaffee mit Milch (Café au Lait!). Das Problem fängt an: Sie serviert und fragt nach der Zimmernummer. 1984 musste man für das Frühstück extra bezahlen, jetzt ist es offenkundig im Zimmerpreis inbegriffen. Das verkompliziert die Sache; ihr jetzt zu erklären, ich hätte gar kein Zimmer, sondern wollte nur ein Frühstück essen, erscheint mir zu schwierig. Ich flüchte zu einem Schmäh und nenne irgendeine Zimmernummer. Sie nimmt es zur Kenntnis, trägt die Nummer in ein Verzeichnis ein, stutzt, da es die Nummer anscheinend nicht gibt oder das Zimmer nicht belegt ist oder sonst etwas. Jedenfalls watschelt sie zu einem männlichen Kollegen, redet angeregt auf ihn ein und beide blicken zu mir herüber, dem dämlichen Ausländer, der nicht einmal weiß, in welchem Zimmer er wohnt. Mir wird klar, dass der Erklärungsaufwand in nächster Zeit beträchtlich steigen wird, während ich mir die beiden unauffällig ansehe. Die vertiefen sich indessen neuerlich in eine Liste. Den Kaffee habe ich inzwischen ausgetrunken. Während sich die beiden ratlos an einen dritten Angestellten wenden, der nicht sehr freundlich dreinblickt, erhebe ich mich und entferne mich unauffällig. In der Hotelhalle fühle ich den Blick des Portiers, mein Aufzug, sehr bescheiden, dürfte ihm nicht recht gefallen. Das entscheidet die Angelegenheit. Ich wende mich zur Flucht. Hinein in den Gang zu den Hotelzimmern, an dessen Ende, wie ich seit 1984 weiß, gibt es eine Tür zum Parkplatz. Die Tür ist glücklicherweise nicht versperrt. Ich hinaus auf den Parkplatz, auf dem, weit entfernt, mein Bus einsam steht. Der Weg ist recht weit, erinnert mich an die Wildwestfilme, in denen der Held der Gefahr ungeschützt und ungerührt den Rücken zukehrt. Bloß bin ich nicht ungerührt und ich spiele in keinem Film mit und einem französischen Polizisten, der sich ärgert, weil ich seine beschauliche Sonntagsruhe störe, möchte ich auf Deutsch mein Verhalten auch nicht erklären müssen.

Doch nichts passiert, ich starte glücklich den Motor und passiere, letzte Hürde, den offenen Schranken der Ausfahrt des Hotelparkplatzes.

Rouen bleibt, den Fuß auf dem Gashebel, hinter mir zurück. Ich beschließe, fortan wieder auf den Spuren der Rechtmäßigkeit zu wandeln. Lieber kein Hotelkaffee am Morgen. Kannst man nicht französisch, setzt man sich in keine Hotelrestaurants. Und im Übrigen: der Kaffee aus meiner Kaffeemaschine ist vielleicht nicht so bequem zu bereiten, aber, wenn ich ihn trinke, klopft mein Herz viel weniger schnell.

Ich fahre die Autobahn Richtung Cherbourg. Zunächst noch auf der Autobahn, dann, als sie endet, auf irgendeiner Route Nationale durch Ortschaften und Städtchen durch, die so schön behäbig wirken als wären sie aus einem Film von Tati. In dieser Gegend der Normandie sind 1944 die alliierten Truppen gelandet, daher die vielen Soldatenfriedhöfe der Deutschen Wehrmacht und der Amerikaner. Ich entscheide mich für den Omaha-Beach, fahre an den Meeresstrand hinunter und blicke die Klippen empor, die damals die amerikanischen Soldaten unter schweren Verlusten emporgeklettert sind. Man muss nicht alles haben im Leben und zu den armen Schweinen möchte ich nicht gehört haben, denke ich mir.

Die ärmsten Schweine, die nämlich, die ins Gras gebissen haben, bzw. den Heldentod gefallen sind für Freiheit und Ehre und im edlen Kampf gegen den Faschismus etc. besuche ich dann gleich anschließend bei der nächsten Straßenkreuzung. Ein riesig großes Feld mit geometrisch angeordneten Grabsteinen, tausenden, in der Mitte eine Art Kapelle, am Rand ein Museum: nichts nützt den Toten mehr, nichts den Müttern und Vätern, den Frauen und Kindern der Toten, es ist alles hohles Pathos.

Ich freilich verspüre nicht nur das; mitten im Feld der Toten merke ich, dass die in ein Hörnchen eingebackenen Würstchen in Bayeux nicht die Frischesten gewesen sein dürften, erinnere mich, dass der Verkäuferin der niedrige Preis seltsam vorgekommen war und die Kollegin ihr etwas ins Ohr geflüstert hatte: dem Ausländer haben sie den alten Schmarrn angedreht.

 

 © Peter Lausch, 1990, ergänzt 2016

 

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[1] Das ist ein Schmeichelwort für die Leute, welche die Weitsicht eines Frosches am Grunde eines Brunnenschachtes besitzen, sagt man.

[2] Novotel baut seine Hotels immer auf billigen Grundstücken weit außerhalb des Stadtzentrums: der Hotelgast ist ohne Auto gleichsam erschossen, dafür sind die Zimmer um einige Schillinge billiger. So schaut die Gegend dann aber auch aus - siehe Wien.