DUNBOY CASTLE

 

 

Die Einfahrt ist diesmal fest verschlossen. Das Torhüterhaus, 1983 noch bewohnt, 1984 verschlossen, ist eine Ruine mit einge­schlagenen Fenstern. In den Zimmern, in die ich neugierig blicke, liegt Laub der vergangenen Jahre. 1984 noch konnte ich einfahren bis zur Schlossruine, allerdings mit einem Obolus von 5o Pence per Auto und Person, und 5 irl. Pounds for overnight parking. Die Banknote habe ich in den Briefkasten geworfen, wie verlangt, vorher aber noch meine Autonummer draufgeschrieben. Jetzt also ist die Einfahrt überhaupt verboten. Ich weiß mir freilich Rat: ein paar hundert Meter weiter westlich zeigt das Schild zu einem Parkplatz außerhalb des Gutes; von dort kann man zur Schlossruine gehen. Ich fahre los, biege - gut beschildert - nach links ein und fahre - dem Gefühl nach - mehrere Kilometer eine 2m breite asphaltierte Straße nach Süden; bei einer Gabelung endet der Asphalt, ich halte mich links, und nach 2oo m gelange ich zum Parkplatz, wie jeder andere auch ein Picknickplatz. Ein einziges Auto steht da, ich parke mich im Schatten ein, inmitten eines dichten Jungwaldes mit vereinzelten Rhododrendronbüschen, die eigentlich schon den Namen Bäume verdienen; allesamt in voller Blüte. Es riecht süß nach ihren Blüten. Die sind wunderschön; da es knapp vor der Ankunft anscheinend noch geregnet hat, glitzern die Tropfen auf den Blü­ten in der Sonne. Ich mache viele Bilder. Die einzige Picknickbank in der Sonne ist schon aufgetrocknet und ich krame meine Konserven hervor und zwei kleine Dosen Bier und schmatze friedlich vor mich hin. Leider habe ich nur das unsägliche Weißbrot bekommen, von dem man eine Scheibe in der Faust zu einem kleinen Klumpen zusammendrücken kann, den sozusagen jeder Spatz auf einmal frisst. Das Bier ist lauwarm. Ich trinke nur eine Dose, die andere nehme ich mit mir mit. Bevor ich zur Schlossruine wandere, gibt es noch eine Lektion in Umweltschutz auf Irisch: Pflichtgemäß habe ich die Abfälle meiner Mahlzeit in den Abfallkorb geworfen, der auf dem Parkplatz aufgestellt ist. Als ich einen schmalen Weg in den Wald hinein entdecke, mit einem Strauch mir unbekannter Art voll Blüten, folge ich ihm. 2o m hinter dem Abfallkorb die Entsorgung des Abfalls auf Irisch: ein 1 Meter hoher Haufen aus Milchpaketen, Flaschen, Dosen, Einwickelpapier, alles umsummst von Fliegen und Wespen.

 

Südlich des Parkplatzes ein schmaler Weg hinein in die dicht stehenden Rhododendren-Bäume, die den Weg überwölben. Ca. 1oo Meter dem Weg entlang, dann öffnet sich der Wald zu einer Wiese an den Klippen zum Meer. Entlang der Klippe die überesse des historischen Dunboy Castle, einer kleinen, bescheidenen Burg, die von Cromwells Truppen belagert, mit den damaligen Mitteln aber dennoch nicht leicht einzunehmen war. Als den Belagerten die Vorräte ausgingen, kapitulierten sie auf Zusicherung ehren­hafter Behandlung, aber anscheinend dürften sie etwas vergessen haben zu vereinbaren: wurden sie doch zwar nicht unehrenhaft behandelt, allerdings samt und sonders gefesselt von den Klippen bei Flut ins Meer geworfen. Bei Ebbe hätten sie den Sturz wohl überlebt, die Klippen sind nicht hoch; bei Flut ersoffen sie samt und sonders. Das Schloss wurde von Cromwells Truppen gesprengt. Daher ist jetzt nicht mehr viel übrig. Aber die Überreste sind romantisch anzusehen, an die grausame Geschichte sollte man dabei lieber nicht denken.

dunboy castle ruin

 

Ich gehe nur sehr vorsichtig in den Ruinen umher: 1984 habe ich mir bei einem unbedachten Tritt den Knöchel verstaucht, bin zum Auto (damals vor der Ruine von Puxley Manor geparkt) zurückgekrochen und habe einen Nachmittag und eine Nacht gewartet, ob ich wieder auftreten könnte oder mir den Fuß gebrochen hätte. Ich mache dieses Mal keinen Fehltritt.

 

Von da an ist es nicht weit zu der großen Wiese mit der Schlossruine links oben und dem verlotterten Hafenbecken rechts, mit dem leckgeschlagenen Schifferboot am anderen Ende.

 

Die Ruine ist ein imposanter Anblick. Das Schloss selbst muss ein protziger Bau  gewesen sein mit einer nach wie vor wunderschönen Aussicht inmitten gepflegter Gärten mit tropischen Bäumen und Rhododendrenbüschen, wie sie damals, weil neu in Europa, große Mode waren. Aus vollkommener Liebe zu ihrem (britischen, protestantischen) Landlord, der sein, den irischen Pächtern abgenommenes Geld naturgemäß in London verprasste, haben ihm die Bediensteten (Iren, katholisch natürlich) sein Protzgebäude Anfang der zwanziger Jahre angezündet. Sie haben es mit Vollkommenheit getan: alles, was an dem Haus aus Holz war, verbrannte nahezu vollkommen: die Fensterrahmen, die Holzfußböden, die Wandverkleidungen. Alles, was aus Stein, Ziegeln und Stahl war, blieb erhalten: die stählernen Traversen haben sich in der Hitze verbogen, hängen aber zum Großteil noch an den Wänden. Ringsum im Land muss es aber steinerne Fußböden geben, denn die Bodenfliesen und Granitplatten des Erdgeschosses sind verschwunden: seit 1984 sind es noch einige weniger, bilde ich mir ein, aber vielleicht irre ich mich.

 

Wenn man den Kontakt mit Kuhfladen nicht scheut, kann man gefahrlos eintreten; von der riesigen Halle noch oben blicken bis zu den Kaminen in der Quermauer. Auch in den Keller reicht der Blick, mit stählernen Säulen zum Stützen der Eisentraversen, auf die der hölzerne Boden ruhte, der verbrannt ist. Von unten dröhnt ein freundliches Muh, wiederkäuend steht eine Kuh mit Kalb im Dreck; beide Tiere sind den Anblick von Besuchern offenbar gewöhnt.

Puxley Castle Ruin

 

Weiter geht es durch deckenlose Räume, blicke ich in den blauen Himmel. Manchmal sind in den Ausnehmungen der Ziegelwände noch verkohlte Holzstücke erhalten; an den Ausnehmungen selbst kann ich erkennen, wie die Holzverkleidungen der Türen und Fenster befestigt waren. Es ist schon seltsam, im 3. Stock (1o Meter über mir) einen scheinbar perfekt erhaltenen offenen Kamin zu sehen mit schön behauener Kaminplatte und zu schwierig zu erreichen für die Plünderer der letzten 70 Jahre. Im Norden war ein anscheinend modernerer Trakt angebaut gewesen: nach oben sehend, erkenne ich noch die Kacheln von Badezimmern und WCs, sehe auch noch die aus der Wand herausragenden Bleirohre der Wasserleitung. Das ist auch die einzige Stelle in der Ruine, in der noch die Fußbodenkacheln unter Bergen von Schmutz hervorscheinen, wenn man mit dem Fuß ein wenig herumscharrt.

 

Ach Österreich, was ist uns nicht alles erspart geblieben in den letzten 5oo Jahren, die Schrecken des Jahres 1945 mit eingerechnet.

 

Ich gehe zum Hafenbecken hinunter, zu dem alten Fischerboot, das einst wunderschön grell gelb und grün und rot und blau ge­strichen gewesen: durch Alter und Verwitterung halb abgeplatzt, ist der Kahn noch immer ein schönes Motiv für viele Bilder. Doch nicht nur wir Menschen werden älter: seit 1984 ist der Kahn total zerbrochen. Werde ich in ein paar Jahren wiederkommen, wird wohl nichts mehr von ihm zu sehen sein oberhalb des Wasserspiegels.

 

Ich versuche, in das Rhododendrondickt westlich des Hafenbeckens einzudringen, entdecke die Reste einer steinernen Treppe, die buchstäblich im Kuhdreck versinkt. Bei jedem Fußtritt quatscht es: 7o Jahre Laub und Kuhfladen haben den Verlauf der Treppe überdeckt. Ich gelange auf den Gipfel des Hügels, der Ausblick ist gleich null. Zwar ist eine Lichtung da, mit ein paar regelmäßig angeordneten Steinbrocken, auf denen einst vielleicht eine Laube errichtet war, die Bäume und Sträucher ringsum sind freilich so hoch gewachsen, dass sie den Blick auf die Schlossruine ebenso verdecken wie den Blick auf den westlich gelegenen Meeresarm, auf dessen jenseitigem Ufer ich auf dem Rückweg einige Villen entdecke.

 

Ich wandere zum Bus zurück. Da es noch immer schön ist, ja, immer weniger Wolken am Himmel sind, beschließe ich den Wegwei­sern Scenic Walk zu folgen. Nach Osten hin wandere ich dem fel­sigen Meer entlang, lege mich ein halbes Stündchen in die Sonne. Die Dose Bier, im Meer versenkt. ist danach von angeneh­mer Kühle. Danach wandere ich noch eine Weile weiter bis zu ei­ner kleinen Bucht. Dort setze ich mich auf die vorsorglich hin­gestellte Bank und träume vor mich hin. Vor mir das blaue Meer, kleine Wellen, die ans Ufer platschen, dahinter ein schmaler Streifen Land, das Nordufer der Bantry Bay. Ich weiß es nicht. Dazwischen nichts, was auf die Existenz anderer Menschen schließen ließe. Vögel zwitschern, Schmetterlinge fliegen, und wäre die Bank nicht, auf der ich sitze, die Landschaft wird vor 4ooo Jahren nicht anders gewesen sein und nicht vor 1o.ooo Jah­ren. Wenn ich an den Trubel und an den Lärm vor meinem Wohnhaus denke, an die vielen Menschen mit ihren angespannten Gesichtern, ihren wahrlich kleinen Problemen, an die Ehrgeizlinge im Büro, so fühle ich mich glücklich, dem Jammertal ein wenig entronnen zu sein. In solchen Augenblicken kann Irland nicht schöner sein.

 

Der Markierung folgend, kehre ich auf einem schmalen Weg land­einwärts zum Parkplatz zurück, treffe dort auf Großmutter, Mut­ter und Kind, die das andere Auto besteigen, mich aber vorher noch ausgiebig mit weit aufgerissenen Augen anstarren. Aus dem Kennzeichen meines Autos haben sie geschlossen, dass ich ein Ausländer sein müsste; wissen sie vielleicht auch noch das A zu deuten, werden sie sich wohl fragen, was ein Österreicher in Irland macht. Sie belassen es beim Augenaufreißen und reden mich nicht an.

 

Es ist gegen 17 Uhr geworden. Ich esse mein Nachtmahl, lese noch ausgiebig im Reiseführer. Gegen Anbruch der Nacht wandere ich nochmals zur Ruine des originalen Castles. Ich versuche mir das Leben damals in so einem Gebäude vorzustellen (später werde ich mich das noch in Bunratty Castle fragen) und weiß keine Antwort.

 

So wandere ich durch die nachtdunkle Laube aus Rhododendron zurück zum Bus, lasse noch ein wenig die Beine baumeln und mache bei Einbruch der Nacht, es ist schon wieder kühl geworden, die Luken dicht. In der Nacht werde ich ein scharrendes Geräusch hören, die Schiebetür öffnen und im Mondlicht auf dem hellen Kies des Parkplatzes ein Tier mit buschigem Schwanz sehen, das ebenso erschreckt scheint wie ich: daher schließe ich die Tür. In Österreich fällt ein Jäger vor Lachen fast vom Tisch: der Lausch lässt sich von einem gewöhnlichen Fuchs erschrecken. Jäger müsste man sein, furchtlos und frei.

Am nächsten Morgen ist die Sonne ein tiefroter Ball im Osten; kaum aufgegangen, versteckt sie sich hinter einer Wolkenwand und ich beschließe nach dem üblichen Frühstück und nach dem üblichen Ärger mit dem Campingkocher, nach Westen zu fahren bis ans Ende der Bere-Peninsula. Die Straße rauscht vorbei gleich­sam, in Parknasilla steige ich aus wie auf allen Reisen zuvor: die Ansammlung von Palmen in einem gepflegten tropischen Garten, möglich durch den Golfstrom an der Küste, hat es mir ange­tan. Nicht nur mir: Charles de Gaulle war hier und eine Reihe weiterer Berühmtheiten; der Lausch natürlich auch; ich habe allerdings keine Spuren hinterlassen, bin durch den Park gewandert, zum Hotel hin und umgekehrt, habe mein Auto gestartet und bin weitergefahren. Das Hotel schien gänzlich lehrzustehen, die Palmen waren ohnehin gratis und die Erinnerungen an die Be­rühmtheiten lockten mich nicht.

 

Mehr lockte mich Sneem: eine ganz nichtsagende irische Dreckstadt, die nur einen Vorzug hat: die Einwohner haben in den Farbtiegel gegriffen, jeder in einen anderen natürlich, und ha­ben ihr Nest farbig ausstaffiert: jedes Haus in einem möglich grellen Farbton, die Farbe möglichst verschieden von der, die der Nachbar für seine Fassade gewählt hat. Schier schlägt es einem die Augen aus, aber der Ort hebt sich ob seiner südlichen Farbigkeit wohltuend ab von den anderen tristen irischen Nestern. Natürlich ist auch er ein tristes irisches Nest mit ein paar Andenkenläden und einem Greissler, bei dem ich eine Dose Campinggas erstehe - wofür wohl, weiß der geneigte Leser. Das Scheusal will gefüttert werden.

 

Danach weiter nach Allihies: ein mieses, dreckiges Nest am Ende der Welt.

 

 

Ein Pub gibt es, geschlossen jetzt am Morgen, Kupferminen, geschlossen, aber nicht erst seit heute, einen miesen Sandstrand am Ende eines miesen Weges; dass ich mir an einem Stein am Rande der Straße zum Hafen den Nebelscheinwerfer abbreche, ist ausschließlich meine Schuld. Meine Begeisterung für Allihies wird nicht grösser.

 

Eyeries ist nicht viel anders. Eigentlich ungerecht, denn eine weinrote Hausmauer mit gelbem Wasserhydranten liefert schöne Bilder.

 

 

 Dass ich keinen Menschen sehe, dass ein eisiger Wind weht, was macht das schon. Dennoch, manchmal schon habe ich mich gefragt, wie das wohl wäre, könnte ich in Irland leben: wenn ja, wo? In Killarney vielleicht, in Sligo sicher, in Allihies nicht. Zu triste ist die baumlose Landschaft, zu düster die Berge, zu mies die Ortschaft selbst. Das scheinen auch die meisten Iren aus Allihies zu denken, die Ortschaft wirkt einfach menschenleer, der offizielle Führer des Tourist Board weiß von Abwanderung zu berichten. Ich fahre weiter.

Nachtrag 2016

Inzwischen haben die Bewohner von Eyeries zum Farbtigel gegriffen. Lebhafter ist der Ort nicht geworden, indessen  - für Touristen - weitaus schöner anzusehen. Hoffen wir, dass sich die Bewohner an den bunten Farben nicht sattsehen.

Eyeries

 

 

Die Ruinen von Dunboy Castle haben eine traurige Geschichte, die ich hier beschreibe.

Und Puxley Manor ist in der Zwischenzeit zum Objekt von Spekulanten verkommen, die mit ihrer Renovierung grandios gescheitert sind in den Jahren, als der keltische Tiger brüllte. Diese Geschichte beschreibe ich hier.

Puley Manor ist nicht wiederzuerkennen und man kann es auch nicht mehr betreten.

© Peter Lausch, 1990, ergänzt 2016

 

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