ROSSES POINT

 

Von Sligo aus fuhr ich nach Norden, bei der ersten Ausfahrt bog ich nach links ab: Rosses Point. Durch eine gepflegte parkartige Landschaft fuhr ich nach Westen, an Villen vorbei, kleinen Ortschaften mit vielen Schildern Bed and Breakfast, doch allesamt ohne Leben. Am Ende der Straße ein protziger Hotelklotz, das William Butler Yeats County Ryan Hotel. Das war mein Ziel. Nicht so sehr das Hotel selbst, das ich von früheren Reise als ganz schön teuer kannte, als der große Parkplatz vor dem Hotel. Dort stellte ich den Bus ab, möglichst weit vom Hoteleingang entfernt. Dies getan, wanderte ich ins Hotel; da ich den Hausbrauch schon kannte, setzte ich mich in den Aufenthaltsraum und las einmal friedlich die Zeitung. 

 

Zeitungen in Irland gäbe es viel zu sagen: ich sage nur so viel, da gibt es Zeitungen, die kann man eine Woche lang lesen und findet kein Wörtchen über Ereignisse außerhalb Irlands. Die besten, Irish Times und The Independent, haben immerhin eine Seite mit Weltnachrichten. Das hat auch seine schönen Seiten: den politischen Murks in Österreich erspart man sich in Irland völlig. Wenn man will, kann man immer noch The Times aus London oder irgendeine Hausmeisterzeitung aus Großbritannien kaufen. Mit der Times war ich immer recht gut bedient; viel über Österreich steht nicht drinnen, aber man lernt als österreichischer Bürger immerhin die Bedeutungslosigkeit unserer Probleme, so sehr sich die Politiker auch in unseren Zeitungen aufblasen wollen (Aesop hat die wahre Geschichte geliefert).

 

Mir gegenüber auf dem Tisch ein Tablett mit Sandwiches und Tee- und Kaffeekannen, die Sandwiches von der Art, die mir immer fremd geblieben ist: in meiner Familie waren Sandwiches immer üppig belegte Weißbrote mit viel Mayonnaise und Paradeisern und Gurken etc. Hier sind Sandwiches in Dreiecke geschnittene Toastbrote mit Käse oder Schinken (was unserer Krakauerwurst entspricht). Mein Hunger erwacht, der vorbeigehende Kellner lädt mich mit einer Handbewegung ein, mich doch zu bedienen. Doch nach den Erfahrungen in Rouen bleibe ich standhaft: das tue ich mir kein zweites Mal mehr an.

 

Als eine Horde plärrender Kinder erscheint (Ehepaare mit Kindern bekommen zu dieser Jahreszeit Rabatt, je mehr Kinder, desto mehr), verziehe ich mich in die Bar. A pint of Guinness lässt die Plärrerei vergessen und auch den Sturm vor dem Hotel. Ein zweites Guiness wärmt den Magen. Der Hunger wird nicht kleiner. Ich gehe zum Bus zurück. Vor dem Eingang steht ein Amerikaner (violette Hose, gelb kariert) und beäugt seinen Renault R 5. Als ich vorbeigehe, spricht er mich an: Rented car etc. Ich entnehme dem Gerede, was ihn stört: der rechte vordere Reifen ist halb aufgeplatzt. Ob er mit diesem Reifen noch werde nach Dublin fahren können, will er ausgerechnet von mir wissen. Ich schüttle weise das Haupt: Natürlich nicht, ich würde die Mietwagenfirma anrufen. Er nimmt es zur Kenntnis, am nächsten Morgen werde ich ihn sehen, wie er mit dem Wagen und dem aufgeplatzten Reifen losfährt. Es ist immer dasselbe: zuerst wird man um seine Meinung gefragt, dann äußert man sie und dann tun die Leute doch etwas Anderes.

 

Essen gibt’s im Bus; als die Sonne durch die Wolken bricht und die Landschaft in warmfarbenes Licht taucht, hält es mich nicht mehr im Bus und ich mache eine Reihe Fotos, die sich, zuhause entwickelt, als wunderschön herausstellen.

 

Es wird stürmisch; mich freut es nicht mehr im Bus, in den ich zurückgekehrt bin, ich gehe durch die Ortschaft. Zwischen Straße und Meer ein Pub, den ich bei den vergangenen Urlauben schon gesehen, aber nie betreten habe. Diesmal ist er geöffnet und ich setze mich an einen Tisch, inmitten einer abenteuerlich überladenen Dekoration aus dem Matrosenleben. Die Bedienung, blond gefärbt, überwutzelt und aufgeblasen, bringt mir das Pint of Guinness. Ich bin der einzige Gast; kaum sitze ich, kommt der zweite Gast, wird freundlich begrüßt von der Blonden, setzt sich an den Tisch mir gegenüber und erzählt mir unverzüglich Unverständliches. Ich sage A und Oh, er nimmt es mir übel, hält mich offenkundig für maulfaul. Ihm jetzt zu erklären, ich sei Ausländer und verstünde sein Kauderwelsch nicht, ist mir zu mühevoll; mein Bier habe ich ausgetrunken, so gehe ich, mit einer unfreundlichen Bemerkung über die Leute, die nichts reden wollen, hinterdrein. Auf dem Weg zum Hotel mache ich den billigsten Anruf nach Wien: "Mir geht es gut, Dir auch?". Die Antwort lautet "Ja", und ich sage: "Ich rufe morgen wieder an.". Der Fortschritt ist nicht aufzuhalten, aus derselben Telefonzelle habe ich 1984 nach Wien zu telefonieren versucht, aber damals war das Selbstwählsystem noch nicht bis Rosses Point vorgedrungen.

 

Der Wind ist stärker geworden: ich gehe vom Hotel noch an den Strand vor, 5oo m circa, zum Yachtclub hinunter, in einer winzigen Bucht, setze mich im Licht der Abendsonne auf eine der Bänke in den Dünen über dem Strand, blick hinunter auf das Meer, während am Horizont die Sonne untergeht. Der Strand unter mir ist menschenleer, die Wellen des Atlantik, ungebremst über viele tausend Kilometer, rauschen auf dem Sandstrand zu meinen Füssen aus. Ihr Rauschen ist bis zu meiner Bank hörbar. Im Hotel vorhin habe ich die International Weekenders gesehen, fette Amerikaner, mit der Boeing 747 aus New York oder anderswo hierher gekarrt und nur mit einem Gedanken im Hirn: A Glass of Ice, please, um den billig eingekauften, weil zollfreien Whisky, zu kühlen. Ich frage mich, ob die Leute überhaupt wissen, wo sie eigentlich sind, umschwärmt von der Reiseleiterin, die sie zum Einsteigen in den Autobus drängt, zum Traditional Dancing, wo immer das auch stattfinden mag. Ob sie das Rauschen des Meeres hören, den Wind in ihrem Gesicht und die Sandkörner auf ihren Lippen spüren werden? Ich denke, für sie wird dieses Weekend eines sein wie viele andere auch, ein bisschen weniger langweilig vielleicht, aber dennoch ein Wochenende in einem anderen Land, das nicht so sehr verschieden ist von dem ihren: bloß mit einer anderen Geschichte, mit einer anderen Landschaft, mit einer anderen Einstellung zum Leben etc.

 

Während die Kinder auf dem Parkplatz johlen, bereite ich mein Bett und verhänge die Fenster: es ist kühl geworden und morgen ist ein neuer Tag, ich werde in den Norden fahren, aber bei Yeats Grab stehenbleiben und an seinen Turm denken, in dem jetzt die Falken hausen und nicht mehr Yeats und seine Frau.

© Peter Lausch, 1990, ergänzt 2016

 

Zurück zum Inhaltsverzeichnis