Irland 1989

LISSADELL HOUSE

 

Gegen 13 Uhr Abfahrt vom Yeats County Ryan Hotel in Rosses Point nördlich von Sligo. über schmale Nebenstraßen Richtung Benbulben, den unverwechselbaren Tafelberg. Bei der Einmündung in die Straße von Sligo nach Donegal biege ich Richtung Norden ab. Am Grabe Yeats, des unvergänglichen Dichters, fahre ich diesmal vorbei, biege beim Wegweiser nach links ab: Lissadell House. Entlang des Meeresufers fahre ich durch ein ungepflegtes Wäldchen Richtung Westen und komme schließlich zum Lissadell House, einem jener typischen Häuser des britischen Landadels aus den Jahren aus dem 19. Jahrhundert, als Irland noch englisch war. Das Haus ist ein protziger Kasten, einstöckig und grau verwittert. Ein neuer Verputz wäre dringend nötig. Natürlich bin ich zu früh da: die Führungen beginnen erst um 14 Uhr. Ich beschließe, mir den Garten rings ums Haus anzusehen, stelle das Auto auf dem Parkplatz ab und gehe rings ums Haus. Der Park ist schön, aber ungepflegt wie das Wäldchen entlang der Zufahrtstrasse. Als ich mich umdrehe und ein Foto mache, sehe ich hinter einem der großen Glasfenster einen ergrauten Mann sitzen, der eifrig in der Zeitung liest. Von mir lässt er sich nicht in seiner Lektüre stören.

 

Lissadell House

 

Ich gehe weiter. Als ich schließlich nach dem Spaziergang im Park zum Haus zurückkehre, ist es 14 Uhr geworden, die Türe unter dem Portikus ist geöffnet. Ich trete ein und werde von einer recht schäbig gekleideten alten Frau empfangen, bei der ich den Obolus bezahle. Danach lädt sie mich ein, im Zimmer hinter ihr zu warten. Das Zimmer ist ausgefüllt von einem großen Tisch, auf dem die Werke Yeats ausgebreitet sind und eine Reihe von Büchern verschiedener Autoren über die Countess Markievicz, die schlanke Gazelle, wie Yeats sie bewundernd nannte (die Dame war bemerkenswert: nicht nur ihrer Schönheit wegen, nicht ihrer Ehe mit dem Grafen Markievicz wegen, einem polnischen Grafen zweifelhafter Herkunft und mit keinem Vermögen), sondern weil sie am Oster-Aufstand in Dublin teilnahm, zum Tode verurteilt und nur deshalb nicht hingerichtet wurde, weil sie eine Frau war; da sie überlebte, konnte sie im ersten Kabinett der Republik Irland Ministerin werden. Nach mir kamen noch ein paar Leute, insbesondere eine grell gelb gefärbte Amerikanerin mit ihrem Mann, der mir nicht in Erinnerung blieb, weil er den Mund hielt, was man von seiner Frau nicht sagen konnte.

 

Als gegen halb drei Uhr keine weiteren Besucher mehr erschienen, begann die schäbige Alte mit der Führung. Sie sprach jenes wunderschöne Englisch der Upper Class, das sogar ich verstand und mir dämmerte, das war ja gar nicht die Kassierin, das war die Eigentümerin von Lissadell House. Im Hause selbst schien die Zeit stehen geblieben zu sein, als wäre sie 1914 angehalten worden: da gab es die Wiege der Countess zu sehen, ihr Spielzeug und das ihrer etwas weniger extravaganten Schwester: irgendwelche Holzpferde und geschnitzte Holzfiguren, die einen Bauernhof symbolisierten. Ein Segelschiff in einer riesigen Glasflasche, mit dem auch irgendwer gespielt hatte, das alles in einer zweistöckigen Halle, so groß wie eine Turnhalle und mit einem Geruch wie in einem Museum. Daneben ein kleinerer Raum, ca. 5o qm groß, angefüllt mit verschlissenen Möbeln, teils mit Schonbezügen, die auch schon zerfielen. Auf den Fauteuils haufenweise Zeitungen, allesamt aus den Dreißigerjahren, wie ich feststellte. Nur der grauhaarige Mann, offenbar auch aus derselben Zeit, war jetzt nicht mehr zu sehen. Und während der ganzen Führung, bei der die grauhaarige Alte uns Geschichten aus dem Jahre 1914 erzählte (sie war die Urgroßnichte der Countess oder so etwas Ähnliches), plapperte die Grellgelbe aus Detroit (wo sie nach Habitus uns Sprache anscheinend eine zu Geld gekommene Klofrau war) daher, von Wonderful bis Marvelous und schien sogar ihrem Gatten auf die Nerven zu gehen.

 

Nach oben marschierten wir, zu den heiligen Hallen, in denen der berühmte Dichter   bei  offenbar häufigen Besuchen gewohnt hatten. Zwar mögen die Hallen heilig sein, berühmt waren sie nicht. Fließwasser hatte es offenkundig nicht gegeben, nach dem verbeulten Waschtisch zu schließen, und hinter einer Tapetentür, die ich, neugierig wie ich bin, öffnete, befand sich ein verstaubtes Plumpsklo, was die Alte mit spitzem Schrei quittierte: Sir,..... Sie sagte noch manches, da ich sie aber nicht verstand, konnte ich nur schließen, ich hätte einen Fauxpas begangen. Freilich war damit die Neugier der Grellblonden geweckt, marvelous and wonderful, und am liebsten hätte sie das Ding gleich benützt. Die Tapetentür wurde sogleich wieder geschlossen, ich erntete einen bösen Blick. Nach dem Badezimmer des großen Dichters fragte ich lieber nicht, denn offenbar gab es solchen Luxus nicht.

 

Alle Zimmer, außer einem, in dem offenbar die Alte mit dem grauhaarigen Mann schlief, durchwandert, stiegen wir nicht nur ins Erdgeschoss hinunter, sondern sogar in den Keller. Im schimmeligen Gang lehnte ein Fahrrad, das nach seinem Aussehen offenbar auch von der Countess benützt worden war; die Führerin allerdings schwieg. Um genau zu sein, sie schwieg nur zur Geschichte des Fahrrades; nicht schwieg sie bezüglich der excellent quality ihres Kaffes und ihrer scones und sonstigen Mehlspeisen (rosarot und giftgrün), die sie im Keller gemeinsam mit einer weiteren Alten, die auch nicht schäbiger aussah, sich indessen als Magd entpuppte, servierte (gegen Bezahlung natürlich und natürlich nicht billig). Die Grellblonde schlug zu: laut gurrend häufte sie sich einen Berg Scones und giftgrüne Mehlspeise auf den Teller und stellte an die weniger schäbige Alte eine Vielzahl von Fragen über Familien, die mit ihrer angeblich verwandt, der Alten aber allesamt nicht bekannt waren. Da ich giftgrüne Mehlspeisen nicht mag (ich nahm an, dass es sich um Mehlspeisen handle) und die Scones eher alt aussahen, entfernte ich mich unauffällig. Im Bus vor dem Hause saß ich noch eine Weile und fragte mich, warum man die Zeit anhalten müsse (an irgend einem Tag des Jahres 1914, wie mir schien). Ich fand keine Antwort.

 

So machte ich mich auf den Rückweg nach Rosses Point, am Grabe William Butler Yeats vorbei, mit dem Spruch auf dem Grabstein: Horseman,..... und das unvergängliche Gedicht von Joyce fiel mir ein von den Horses, plunging on the beach....... Ein seltsames Volk sind sie schon, die Iren.

Nachtrag 2016:

In den Jahren seither haben die beiden Alten, die ich gesehen und beschrieben, zunächst die Bibliothek verkauft, um zu Geld zu kommen. Da das aber nicht ausreichte, haben sie in der Zwischenzeit das Haus und die umliegenden Grundstücke an zwei reiche Rechtsanwälte aus Dublin verkauft.

Ein eigentlich trauriges Schicksal für Leute wie die Gore-Booths, die einst zu den reichsten Grundbesitzern Irlands zählten. Aber nach Gründung der Republik haben sie zunächst den allergrößten Teil ihres Grundbesitzes verloren, der an die einstigen Pächter gegangen ist. Mit den verbleibenden Einkünften konnten sie den Besitz zwar erhalten, aber nicht pflegen. So überwucherte die Natur einen Teil der Nebengebäude.

Die beiden neuen Eigentümer entdeckten im inzwischen entstandenen Dschungel das große ehemalige Wirtschaftsgebäude neben dem heutigen Parkplatz und am Meeresufer die Überreste des ehemals berühmten Alpine Gardens samt Nebengebäude. 

 

Lissadel Alpine Garden

 

Außerdem ließen sie den ehemaligen Gemüse- und Blumengarten (Walled Garden genannt, nach der umgebenden Mauer) von Unkraut und Sträuchern befreien. Seither betreiben sie ein wahrscheinlich gewinnträchtiges Unternehmen, indem sie die Touristen gegen Entgelt aufs Gelände lassen.

Ob sich der Besuch lohnt? Lissadell House selbst ist meiner Meinung nach hässlich, der Alpine Garden wird in zehn Jahren oder so, wenn die angesetzten Pflanzungen herangewachsen sind, sicherlich sehenswert sein und Gärten wie den Walled Garden gibt es in ähnlicher Form anderswo auch: Kohlhäuptel in Reih und Glied sieht man auch in heimischen Schrebergärten. Sind Sie indessen an der Geschichte der Countess und ihrer Familie interessiert und wollen den morbiden Charme der Inneneinrichtung kennenlernen, dann lohnt sich der Besuch sicherlich.

 © Peter Lausch, 1990, ergänzt 2016

 

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