Dysert O´Dea

 

Von Clonmacnoise aus fahre ich am Nachmittag zum Hochkreuz von Dysert O´Dea, zwischen Ennis und Corrofin, anzusehen. Über Seitenstrassen, zwischen Erdwällen und Hecken geht es gegen Westen. Aus dem Reiseführer weiß ich um die Schönheit des aus hellem Kalkstein im 12. Jhdt. gemeißeltem Hochkreuzes, das ich aus Bildern kenne. Es unterscheidet sich von den anderen: es hat keinen Kreuzring mehr, statt der Figurenfülle der älteren Kreuze gibt es jetzt nur mehr zwei halbplastische Figuren. Der Fachmann sagt, das Kreuz verrate skandinavischen Einfluss.

 

Wie unglücklicherweise die meisten der irischen Denkmäler steht auch dieses laut Karte in einer menschenleeren Landschaft mitten auf einer Wiese hinter einem Steinmäuerchen und abgetrennt von der Straße durch ein Gatter. Durch die übliche Kuhscheiße hinter dem Gatter gehe ich die Wiese hinan und staune: Kein Kreuz. Als ich näherkomme, entdecke ich auch die kleine Tafel: für eine Ausstellung über irische Hochkreuze ist das Hochkreuz von Dysert O`Dea bis zum Herbst in Deutschland. übrig geblieben ist bloß der neuzeitliche Sockel. Dafür bin ich also 5o km gefahren.

 

Wiederum die Kuhscheiße passiert, sehe ich am Bus zwei seltsame Figuren herumfummeln, die sich ins Gebüsch verdrücken, als sie mich sehen. Insgesamt bin ich bisher über drei Monate in Irland gewesen und habe nie Angst gehabt, doch der Anblick der beiden Männer auf der völlig leeren Straße macht mir weiche Knie. Ich beeile mich, in den Bus einzusteigen, in dem ich mich trügerisch sicher fühle, zu starten und einen halben Kilometer weit zu fahren. Erst dann bleibe ich stehen, probiere, ob alle Türen geschlossen sind und bin erst dann beruhigt. Doch aus dem Regen komme ich in die Traufe. Den Bus habe ich, ohne viel zu denken, neben einer Lagerstelle von Travellers angehalten, die wohl glauben, ich wollte sie fotografieren. Jedenfalls läuft ein Haufen Kinder auf mich zu, gefolgt von einem Mann, der nicht eben freundlich dreinblickt. Natürlich würde ich sie gerne fotografieren, dreckig und liebreizend wie die Kinder sind, aber ich würde es mich nicht trauen. So gebe ich dem Bus gleichsam die Sporen, niemand wirft sich mir in den Weg, nicht einmal mit Steinen wird geworfen, entweder, weil es keine gibt, oder weil ich die Leute falsch eingeschätzt habe.

 

Auf Umwegen fahre ich nach Clonmacnoise zurück, wo der tägliche Trubel zu Ende ist. Das Eingangsgebäude ist schon geschlossen, kein Bus mehr da - und der Ort versinkt in die Stille, die Jahrhunderte geherrscht hat. Ich bin froh darüber.

 

 Während die sinkende Sonne lange Schatten wirft, wandere ich nochmals durch die Ruinenstätte zum Shannon hinunter. Dasselbe Boot wie am Morgen liegt noch immer an der Anlegestelle; inzwischen haben sie Wäsche gewaschen, die an der Leine trocknet, und einen ganzen Tag Irland versäumt. Ich bedaure sie, obgleich die Erlebnisse des heutigen Tages nicht so ganz erfreulich waren.

 

Am Morgen geht es weiter, neuen Zielen zu.

 © Peter Lausch, 1990, ergänzt 2016

 

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