CLONMACNOISE

 

Blökende Schafe wecken mich, draußen ist es noch dunkel. Ich blicke durch die Lücken der Abdeckung in den Fenstern des Busses: mein Bus ist von 1oo Schafen umstellt, und alle scheinen sich darauf geeinigt zu haben, mich aus dem Schlaf zu wecken: herzhaft blöken sie, nicht auf einmal und im Chor, das wäre ja auch wahrhaft unerträglich, sondern jedes, wann es Lust hat: da es so viele sind, ein dauerndes Bääääääääääääääääääh.

 

Im Osten rötet sich der Himmel, der wolkenlos ist. Da ich ohnehin wach bin - ausgeruht auch - beschließe ich aufzustehen. Im Bus ziehe ich mich an, entferne die Pappendeckelblenden aus den Fenstern - inzwischen ist das Geplärr verstummt. Wie auf Befehl sind die 1oo Schafe losgetrottet und haben sich Richtung Straße entfernt. Der Parkplatz vor dem Friedhof mit den Ruinen von Clonmacnoise ist schafleer und still. Nur die Schafscheiße ist zurückgeblieben. Einem Polizisten möchte ich nicht begegnen, er würde meinen Zickzackmarsch wahrscheinlich auf Alkohol zurückführen, dabei will ich bloß der vielfach vorhandenen Schafscheiße (Pardon: Schafkötel) ausweichen. Allerdings würde es ihm nicht viel anders ergehen.

 

Frühstück gegessen, Kaffee getrunken, Bus aufgeräumt, überklettere ich die Steinmauer zum Friedhof mit den Kirchenruinen.

 

Hier bin ich auf einer der berühmtesten Stellen der frühmittelalterlichen Christenheit: Als Österreich noch Urwald war, lebten in Clonmacnoise mehrere hundert Mönche zur höheren Ehre Christi. In der ganzen damaligen abendländischen Welt waren sie bekannt und berühmt: mit Karl dem Großen wurden Botschaften ausgetauscht, oder eher, mit seinem Kanzler Alkuin, denn der gute Karl war zwar groß, konnte aber nicht lesen.

 

Geht man heute über den Friedhof, die historische Stätte, ist von all dem nicht viel zu spüren: ein Hochkreuz beim Eingang, angeblich eines der schönsten, doch von der Witterung fast völlig unkenntlich gemacht. Nur gestern, am späten Abend bei meiner Ankunft, zeichneten sich im streifenden Abendlicht die Konturen der Figuren noch einigermaßen deutlich ab. Vor allem aber sind die Ruinen der Kirchen von Clonmacnoise erhalten geblieben: wie üblich ist alles von Cromwells Soldaten niedergebrannt worden, was brennbar war. übrig blieben die steinernen Mauern mit ihren leeren Fensterhöhlen. So kann man das grasbewachsene Innere der Kirchen betreten und die Dohlen stören, die hoch oben in ihren Nestern brüten. Drinnen gibt es nichts zu sehen als nacktes Mauerwerk ohne Verputz: und doch, in der völligen Stille des frühen Morgens ist die Kleinheit und Bescheidenheit der Bauten ein edles Zeichen für die wahre Christenheit.

 

Clonmacnoise

 

Zum Ufer des Shannon hin dann das wahre Kleinod: eine kleine Kirche mit Stumpf eines Rundturmes, ganz gewiss einer der schönsten und ein typischer Anblick in Irland: hinter den Ruinen im Licht glänzend der Shannon, träge dahinfließend in Richtung Limerick und dem Atlantik. Eindrucksvoller ist der große, gut erhaltene Rundturm am Rand des heutigen Friedhofes, historisch wichtig, weil in ihm die Reste verkohlten Holzes und menschlicher Gebeine gefunden wurden. Lange hat man gerätselt, welchem Zweck die Rundtürme wirklich dienten. Schutztürme waren sie nämlich nicht, oder nicht in erster Linie. Nur in den wenigsten Ruinen solcher Türme hat man wie hier Brandreste und menschliche Gebeine gefunden. Doch hier in Clonmacnoise haben sich offenkundig die Mönche vor Angst verkrochen und sind ausgeräuchert worden. Kein Wunder, wurde doch Clonmacnoise allein von den Wikingern über zwölfmal geplündert, zusätzlich die Plünderungen durch Normannen und Gälen, die dennoch die Mönche nicht zur Aufgabe zwangen. Das schaffte erst Cromwell mit seinen Soldaten.

 

Im Jahre 791 sammelte ein irischer Mönch namens Connachtach, Abt des Klosters auf der Insel Iona vor der Küste Schottlands eine Gruppe von Illustratoren und Kalligraphen um sich. Sie kamen aus Konstantinopel, aus Italien, Northumberland und aus Irland. Connachtach hatte sie zusammengebracht, um das wohl schönste Buch in der Geschichte der Menschheit schreiben zu lassen.

 

Man weiß heute, dass 9 "Scriptores" an diesem allerschönsten Buch gearbeitet haben. Die Wissenschaft hat herausgefunden, dass sie sich auf Seite 2o2 des Folianten verewigten, vier blonde und fünf dunkelhaarige Künstler, die sich am Blatt "Die Versuchung" in einer Gruppe mit Christus selbst versammeln. Vier der Autoren waren sogenannte "Meistermaler", die von Connachtach selbst angeführt und befehligt wurden. Die anderen fünf taten nur die sogenannten niedrigen Arbeiten, d. h. sie bereiteten die Seiten vor, mischten die Farben. Denn auf dem Felsen von Iona war der Unterschied zwischen den einfachen Mönchen und den Mönchen, die die kostbaren Handschriften erstellten, noch grösser als sonst wo in Irland. Wie die Wissenschaft annimmt, mussten die Scriptores besondere Eigenschaften erfüllen: Brille und Vergrößerungsglas waren noch nicht erfunden, die Scriptores mussten daher kurzsichtig sein. Wenn man das Book of Kells unter einem starken Vergrößerungsglas betrachtet, erkennt man erst die Feinheit der Dekorationen. Sie zeigen eine minutiöse Sicherheit und eine überwältigende Exaktheit. So ist der Kopf des Evangelisten Lukas etwa einen Zentimeter groß, dennoch sind die Augenbrauen klar gegliedert, dennoch haben die Augen erkennbare Pupillen. Der Mann besteht zu einem Teil aus Mann, zu einem Teil aus Frau, zu einem Teil aus Fisch. So hat er blaue Flossen auf jeder Seite des Körpers und ihn umgeben Serien von Spiralen und Ornamenten. Eine Reihe von Adlern steht Lukas gegenüber - jeder von ihnen hat einen anderen Ausdruck im Gesicht.

 

Wenn man die Arbeit der neun Maler zu identifizieren versucht, stößt man bald auf zwei, die sich durch ihren unterschiedlichen Malstil unterscheiden.

 

Einer von ihnen war, nach allem, was die Wissenschaft herausgefunden hat, wahrscheinlich schottischer Herkunft. Vielleicht war er auch Ire; das ist heute nicht so wichtig, denn nähere Details werden wir sowieso nicht erfahren. Wichtig ist allerdings, dass er offenkundig die Tradition der keltischen Metallarbeiten beherrschte, was sich in den von ihm gezeichneten Bildern äußert.

 

Der andere, wichtige, herausragende Scriptor kam aus dem Mittelmeerraum oder hatte dort zumindest die Grundlagen seiner Kunst erlernt und war von ihr geprägt worden. Wahrscheinlich hat er die koptischen Gebetsbücher und die aus Syrien gekannt; mit Sicherheit war er mit der byzantinischen Kunst verrtaut.  Von ihm stammt mit ziemlicher Sicherheit die sogenannt "Chi-Roh"-Seite. Auch von ihm stammt jene Katze, die auf einer der Seiten den linken Rand hinaufklettert.

 

Was war nun das Book of Kells? War es einer jener Bücher, die, wie überall im christlichen Irland, zur höheren Ehre Gottes hergestellt wurden? Wie die Gelehrten heute glauben, war es etwas aqnderes, zumindest auch. Das Book of Kells bewahrte Kenntnisse und Fähigkeiten, die zum Vergessen verurteilt waren, diente es der Rettung sogenannter abendländischer Kunst und Kultur vor dem Ansturm von Völkern ohne Kultur, wie die Wikinger damals erscheinen mussten, als sie raubend, brennend und mordend über Irland und Schottland herfielen. Dass diese Länder politisch nicht straff organisiert waren, dass die Clans keinen einheitlichen Oberkönig hatten und daher jeder für sich dem Ansturm entschlossener Heerscharen nicht gewachsen waren, erleichterte den Wikingern ihre Arbeit: gleichsam einmal jährlich im Frühjahr hinüber zu den fetten Weiden in Irland und Schottland und geraubt, was nur möglich. Gold war sehr begehrt: konnte man es doch zu Weinbechern etc. einschmelzen, Kunstwerke ihrerseits, aber unter Opferung der künstlerischen Leistungen der Hersteller der Gegenstände, die da eingeschmolzen wurden. Und mit Pergament hatte man nicht viel im Sinn, eignete es sich doch für nicht viel mehr - schreiben konnte man nicht - als zum Anzünden trockenen Holzes.

 

Denen, die das alles unter größten Opfern geschaffen, lag alles daran, es auch vor dem Ansturm der Wilden zu retten.

 

Als ca. 820 die Wikinger Iona überrannten, verteidigten die Mönche ihr Werk: nicht eben die kostbaren Scriptores, sondern die gewöhnlichen Mönche. Sie wurden - natürlich - besiegt, an die achtzig wurden getötet, der Abt - immer noch Connachtach - hatte das Unglück, lebend in Gefangenschaft zu geraten und erlitt das Schicksal, das solchen feindlichen Anführern, waren sie einmal besiegt, nun einmal bereitet wurde: zunächst wurde er kastriert, anschließend geköpft, dann wurde der kopflose Leichnam, dem dies nichts mehr antat, über die Insel geschleift und schließlich von einer Klippe ins Meer gestürzt - Zeichen der vollkommenen Vernichtung und Warnung an alle, die vielleicht in Zukunft auf die Idee kommen sollten, Widerstand zu leisten.

 

Das Buch freilich fanden die Wikinger nicht; sie suchten ja auch nicht danach. Den Umschlag hätten sie vielleicht brauchen können. den Inhalt nicht sehr geschätzt: Ihre Feuer konnten sie auch ohne Bücher entzünden. Das Buch nämlich war quer über die Insel gebracht und in ein Boot verladen worden, samt den Scriptoren. Das Boot brachte sie über das Meer nach Irland, ins Kloster von Kells.

 

Im Trinity College in Dublin ist es seit 1631 aufbewahrt und nunmehr auch für mich sichtbar, unter einem Glassturz und täglich mit anderen Seiten aufgeblättert, um den unvermeidlichen Verwitterungsprozess aufzuhalten. Ich frage mich freilich, ob ich da noch wirklich das Original sehe: seit einigen Jahren gibt es Faksimile-Ausgaben, die für mich, den Laien, nicht anders aussehen als das Original.

 

Als die Sonne durchkommt, mache ich viele schöne Bilder von Clonmacnoise und den Nebelschwaden über dem Shannon. Noch immer liegt vollkommene Stille über der Landschaft, bis dann das erste Motorboot den Shannon herunterfährt und an der Landestelle anlegt. Angesichts der Betriebsamkeit wandere ich nach Osten, durch den neuzeitlichen Friedhof und durch ein kleines Türchen auf den Fahrweg zur Nun‘s Church mit ihrem wunderschönen romanischen Portal und dem nicht wenigen schönen Chorbogen, mitten unter hohen Bäumen gelegen.

 

Ich wandere zurück zum Eingang, wo jetzt schon heftige Betriebsamkeit herrscht. Der erste Reisebus mit Deutschen ist erschienen, der Reiseführer bellt Befehle und alle gehorchen gehorsam. Es ist wie im Theater, wenn man Deutsche darstellt. Ich mache mich aus dem Staube; mit denen da will ich nichts zu tun haben.

 

Östlich der historischen Stätte liegt auf einem Schotterhügel, einem sogenannten Esker, ein weiteres Monument, die Überreste eines Normannenkastells, das Cromwells Armeen erobert und gesprengt haben. Was mit der Besatzung geschah, kann ich mir lebhaft vorstellen. Heutzutage ist von den Schrecken nichts übriggeblieben, außer gewaltigen Mauertrümmern, die wie Spielkugeln verstreut herumliegen. Dennoch sind die Überreste noch so gut erhalten, dass man sich einzelne Teile der Festung vorstellen kann. Das allerdings scheint die Blasen der Besucher anzuregen: wie in allen Ruinen Irlands (und nicht nur Irlands) stinkt es gewaltig. Manche ritzen ihre Initialen in Gemäuer, andere hinterlassen eben weniger dauernde Überreste.

 

Vom Hügel herab blicke ich auf die sumpfige Wiese, jenseits der der Shannon fließt. An der Anlegestelle sind sie geschäftig: Schlafsäcke werden zum Trocknen auf die Wiese gelegt, ein überaus großer Campingkocher bereitet den Kaffee zu: bisher haben die Leute noch kein Interesse an Clonmacnoise gezeigt. Nun ja, man kann ja durch ein Land reisen und sich nur um Tiefgang und Strömung kümmern.

 

Ich beschließe, noch einen Tag zu bleiben und wandere den Shannon abwärts und durch eine Landschaft ohne Höhepunkte. Sehenswürdigkeiten gibt es keine: bloß die Landschaft, die kleinen Gehöfte und der Blick auf den Fluss. Ich stelle mir vor, ich müsste hier leben und beschließe, dass das nicht meine Angelegenheit ist. Im Westen ja, an der sturmumtobten Küste, in einer heroischen und meiner heimatlichen so fremden Landschaft ja, hier aber nicht. Doch die Frage stellt sich ja ohnehin nicht, denn wovon sollte ich denn leben?

 

 © Peter Lausch, 1990, ergänzt 2016

 

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