Irland 1989

BROWNE`S HILL DOLMEN

 

Östlich von Carlow  sehe ich endlich den Wegweiser. Nach drei Kilometern erreiche ich den Parkplatz, wo ich den Bus abstelle. Einem schmalen Fußweg folge ich, säuberlich eingezäunt, einen Bach entlang und friedlich glotzen mich von rechts und von links Kühe an. Über den Bach führt der Weg, schwenkt nach rechts, leicht aufwärts entlang einer großen Wiese, nach 2oo m wieder nach rechts und da sehe ich ihn: den Browne`s Hill Dolmen. Mitten auf der heutigen Wiese 3 aufrecht stehende mannshohe Steine und auf sie aufgesetzt ein Riesenbrocken von Stein, angeblich 1oo Tonnen schwer. Das ist der grösste Dolmen in Irland, errichtet wie alle anderen dieser Denkmale von Menschen, von denen wir nahezu nichts wissen und aus Gründen, die wir nicht kennen. Warum hier und wofür, werde ich mich auf dieser Reise noch oft fragen, angesichts der berühmten Dolmen wie in Carrowkeel (County Sligo)  und angesichts der vielen nicht so berühmten.

 

Wie sie diese Dolmen errichteten, die Unbekannten, das können wir uns schon vorstellen. Man nimmt an, dass sie die groß geratenen Kieselsteine (ein Überbleibsel aus der letzten Eiszeit) aus der näheren Umgebung holten, auf Rollen und mit Hebeln zu den ausgewählten Ort bewegten, Erdrampen errichteten und die Steine, die aufrecht stehen sollten, in vorbereitete Gruben stürzten. Den Deckstein rollten sie wahrscheinlich auf die selbe Art daher, nachdem sie die aufrecht stehenden Steine eingegraben hatten und setzten den Deckstein auf. Danach haben sie die Erde wieder abgegraben und damit die aufrechten Steine freigelegt, auf denen jetzt der Deckstein saß. Manchmal fand man zwischen den Steinen ein Grabmal, meist aus jüngerer Zeit, aber nicht immer. Doch: die Steine bergauf zu rollen, einzugraben, den Deckstein draufzusetzen, das kann nicht die Arbeit einer Familie sein, wahrscheinlich nicht einmal eines Clans, das setzt eine sorgsam organisierte größere Gemeinschaft voraus, abgesehen davon, dass die Leute ja durch irgendetwas motiviert werden mussten.

 

Nachdenklich gehe ich, von den Kühen wiederum neugierig beglotzt, zum Bus zurück, Kaffee ist fällig.   Dazu Nachrichten von Radio Austria International. Der Bundeskanzler hat irgendetwas gesagt, der Innenminister auch, im Parlament wird dies oder das beraten und der Generalsekretär der ÖVP sagte auch etwas: mich lässt das alles kalt. Man sollte alle Österreicher ins Ausland reisen lassen, damit sie die wahre Größe ihrer Politiker erkennen. Und die Bedeutung Österreichs in der Welt: Es kommt nicht vor in irischen Zeitungen.

 

 

 

KILKENNY

 

Kaum komme ich nach Kilkenny, wird es strahlend schön, kein Wölkchen ist am Himmel zu sehen. über den Fluss fahre ich im Stau, den sich die Iren mit größter Vorliebe immer selbst bereiten. Einer bleibt in zweiter Spur vor dem Geschäft stehen, in dem er einkaufen will, der nächste bleibt in zweiter Spur vor dem Geschäft auf der anderen Seite stehen, in dem er einkaufen will. Der Lenker des ersten Sattelschleppers, der daher kommt, versucht sich durchzuwinden und stellt fest, dass er nicht durchkommt. Also bleibt auch er stehen. Stau mit viel Gerede und wenig Geschrei alsbald beendet. Wie die freundlichen Wiener reagieren würden, will ich mir lieber nicht vorstellen. Es geht  weiter bis zur Kreuzung vor dem Schloss. Ich biege nach links ab, da gibt es Parkplätze. Aber die moderne Zeit ist auch in Kilkenny ausgebrochen: inmitten des Platzes thront ein vielseitiger Ticket-Automat, von dem die Wiener Stadtväter nur träumen können. Wiederum: Nur wenn man die Österreicher nicht reisen lässt, fallen sie auf das Gerede der Politiker herein.

 

Gehorsam löse ich mein Ticket: es ist zwar lästig, aber das Ticket ist spottbillig und ich bin dadurch gesetzestreu. Am Weg zurück komme ich an einer Art Litfaßsäule vorbei, aus der eine Frau heraustritt, worauf es in der Litfaßsäule zu rauschen beginnt: es ist nämlich keine Litfaßsäule, oder nicht nur, sondern ein automatisches WC, das nach jeder Benützung maschinell gereinigt wird. Wenn ich da an die öffentlichen WCs in Wien denke?

 

Aber bevor jetzt der geneigte Leser sagt, dem Lausch ist in Irland bloß ein Klo aufgefallen, nein, ich besichtige jetzt das berühmte, geschichtenbeladene Schloss von Kilkenny. Alles was darüber zu sagen ist, kann man in jedem Reiseführer genau nachlesen. Mich interessieren solche Kästen nicht, ich wandere im Andenkenshop herum: allzu gerne hätte ich einen der schönen Aranpullover gekauft, doch in meiner Größe gibt es nichts. So spart man Geld. Von den Araninseln sind sie ohnehin nicht.

 

Beim Auto angelangt, stelle ich fest, dass die Parkdauer noch lange nicht abgelaufen ist; so wandere ich in die Stadt hinein, in Wahrheit die eine Häuserzeile entlang, in der es Geschäfte gibt. An deren Ende nach rechts zum Fluss hinunter, dann noch einmal nach rechts in eine Seitengasse. Der Anblick betrübt: ein Haus nach dem anderen, an dem ich vorbeigehe, ist in verschiedenen Stadien des Verfalles: bei manchen sind die Fenster eingeschlagen, bei anderen sieht man durch die eingeschlagenen Fenster in mit Unrat übersähte Räume, bei anderen schon durch die zusammengebrochenen Decken und Dachbalken den Himmel. Fast allen fehlt der Verputz, und eigentlich traurig stimmen mich jene Häuser, in denen noch Menschen zu leben scheinen in einer trostlosen Umgebung ein wahrscheinlich trostloses Leben. Schattenseiten in einem schönen Land.

 

 

 © Peter Lausch, 1990, ergänzt 2016

 

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