Pfingstmontag, 31. Mai 2004

Und siehe: Pfingstmontag ist im katholischen Irland kein Feiertag. Macht aber für den Touristen wenig Unterschied, denn auch an Sonntagen und Feiertagen haben alle Supermärkte geöffnet, wenn auch vielleicht, je nach Ort und Konkurrenz, bei eingeschränkten Öffnungszeiten. Aber ab 11 Uhr hat jeder Supermarkt geöffnet.

Heute steht eine lange Fahrt auf meinem Programm. Weil mir aber die Unterkunft so gut gefallen hat, bestelle ich gleich in Zimmer im Voraus für den 2. Juni 2004.

Vom B&B fahre ich in Richtung Sligo, halte mich auf dem Cartron Hill bei der Kreuzung mit der N15 links und fahre danach auf der N15 Richtung Norden. Rechts vor mir sehe ich – er ist übrigens von ganz Sligo aus sozusagen unübersehbar – den Benbulben, der von der Form her an den Tafelberg in Kapstadt erinnert und komme nach etlichen Kilometern nach Drumcliff. erkennbar am Stumpf eines Rundturms links neben der Straße, einem mittelalterlichen Hochkreuz rechts davon und, die Baumkronen des Friedhofs recht überragend, der Kirche von Drumcliff. Turm und Kreuz kennzeichnen die Stelle, an der der Hl. Columba um 575 n. Chr. ein Kloster gründete (im Wesentlichen dort, wo sich heute der Parkplatz befindet, wie archäologische Untersuchungen ergeben haben).

Weit bekannter ist Drumcliff jedoch geworden, weil auf dem Friedhof – vor der anglikanischen Kirche – W. B. Yeats begraben ist. Gestorben ist er zwar schon 1938 in der Provence, seine Gebeine wurden jedoch, seinem Letzten Willen entsprechend, in Drumcliff zweitbestattet (1948). Das Grab ist schlicht. In den Grabstein eingemeißelt der von Yeats selbst formulierte Grabspruch:

Cast a cold eye
On Life, on death,
Horseman, pass by.

Das Grab ist leicht zu finden, denn fast immer stehen Leute dort, die sich damit einen Wunsch erfüllen: am Grab des Dichters stehen. Damit das auch andere daheim mitbekommen, lassen sie sich gerne mit dem Grab im Hintergrund fotografieren. Einen Euro für jedes derartige Foto und ich wäre Euromillionär.

Sind Sie durstig und hungrig, können Sie beide Bedürfnisse in der  nahe gelegenen Yeats Tavern stillen – dieses primär den Bedürfnissen der vorbeikommenden Reisegruppen dienende Lokal ist allerdings mit dem Dichter nur durch den Namen des Lokals verbunden.

Auf der Weiterfahrt sehe ich in Grange die Wegweiser zum Lissadell House, das, nach teilweiser Renovierung des Inneren ab 1. Juni 2004 wieder für Besucher geöffnet ist. Ich werde es bei der Rückfahrt nach Sligo am 2. Juni besuchen und fahre weiter.

Ich folge auch nicht den Wegweisern zum Streedagh Strand. Der Strand ist nicht gerade überwältigend; er ist vor primär von historischer Bedeutung, sind doch vor diesem Strand 3 Schiffe der spanischen Armada gescheitert, was 1100 Menschen das Leben kostete – nur einige wenige erreichten lebend den rettenden Strand.

In der Nähe des Strandes hat man ein kleines Denkmal errichtet, aber ach, an einem sonnigen Vormittag bei Windstille kann man sich die Schrecken jenes nebeligen, stürmischen Tages im Jahre 1588 nicht wirklich vorstellen, ich wenigstens nicht.

Dabei weiß man über die damaligen Ereignisse einigermaßen Bescheid, weil ein spanischer Adeliger namens Francesco De Cuellar  einer der wenigen war, die überlebten und der es in der Folge schaffte, in sein Heimatland zurückzukehren. Dort schrieb er einen ausführlichen Bericht über seine Erlebnisse. Erschöpft in den Dünen liegend, beobachtet er damals mit Entsetzen, wie die Einheimischen die Leichen der Ertrunkenen fleddern und vom angeschwemmten Strandgut mitnehmen, was ihnen nicht zu schwer ist. Zurück bleiben die entblößten Leichen der Besatzungsmitglieder inmitten der Trümmer der gescheiterten Schiffe. Cuellar schafft es trotz eines gebrochenen Beins, sich zu der nahe gelegenen Staad Abbey zu flüchten, nur um festzustellen, dass sie zerstört und verlassen ist und dort im wahrsten Sinn des Wortes Totenstille herrscht. In den Ruinen haben die Engländer auf einem improvisierten Galgen zehn Spanier erhängt, die den Untergang ihrer Schiffe überlebt hatten. Blickt man heute vom Denkmal aus zum Strand, erkennt man in der Ferne die noch stehende Giebelmauer der Abteikirche von Staad.

Auf der Weiterfahrt nach Norden halte ich Ausschau nach den schlecht sichtbaren Hinweistafeln zur Creevykeel Wedge Tomb. Sieht man rechts der Straße einen kleinen Parkplatz, ist man richtig, kann das Auto parken und die paar Schritte zum Grab gehen.

Inmitten eines beträchtlichen Steinhaufens befinden sich eine relativ kleine Grabkammer und davor ein offener Vorhof. Man schätzt, dass die Anlage um ca. 2500 v. Chr. errichtet wurde. Sie wurde indessen auch später benutzt: Wahrscheinlich noch in der Bronzezeit wurden drei weitere Grabkammern geschaffen, an denen man auf dem Zugangsweg vorbeigeht. Vermutlich in den ersten Jahrhunderten nach Chr. wurde in der Anlage auch Eisenerz geschmolzen, die Überreste des Brennofens sieht man im Vorhof.

Wieder einmal mache ich vom Grab Aufnahmen und hoffe, dass ich diesmal den Blickpunkt gefunden habe, von dem aus man einen schönen Überblick über die Anlage hat. Wird aber wohl wieder nichts werden, mangels Leiter oder besser noch Hubbühne, denn nur von oben erschließt sich der Aufbau der Anlage auf Anhieb. Vom Boden aus fotografiert unsereins bloß einen Haufen Steine, der alles sein kann oder auch nichts. Warten wir’s ab.

Hingegen lasse ich mir einen Aufenthalt in Bundoran <entgehen>. Einstmals ein durchaus fashionabler Badeort, erkennbar an den Reihenhäusern bei der Einfahrt von Süden her, ist der Ort heute zu einer Ansammlung von Imbissbuden, Spielsalons und Gasthäusern verkommen, woran auch die wenigen Hotelneubauten nichts ändern. Dennoch oder gerade deshalb wird der Ort im Sommer gerne von Urlaubern besucht: sein besonderes Merkmal ist nämlich der schöne weite Sandstrand, der bei der Ausfahrt nach Norden links zu sehen ist, einschließlich eines architektonisch sicherlich bemerkenswerten Strandhotels. Architekten gibt’s ….

Ohne weiteren Aufenthalt fahre ich bis Donegal weiter, verlasse die Umfahrung der Stadt und parke das Auto auf dem zentralen Parkplatz hinter dem dreieckigen Hauptplatz im Zentrum der Stadt. Diese ist unter anderem bekannt durch ein Modegeschäft, Magee of Donegal, das sehr schöne Sakkos und Jacken aus Tweed anbietet, eine Spezialität des Countys Donegal. Die Burg gleich nördlich des Hauptplatzes beherbergt heute ein Museum, doch ist mir der Eintritt traditionell zu teuer, sodass ich mich auch heuer wieder mit einem Foto der Burg von außen begnügt habe. Im einsetzenden Regen flüchte ich mich ins Auto.

Da von Süden kommend, halte ich mich auf dem Hauptplatz links, fahre an der Burg vorbei und biege nach links auf die N59 ab, auf der ich bis Killybegs fahren könnte. Viele sagen, Killybegs sei eine reizende Stadt, das mag ja auch sein, ich will es gar nicht bezweifeln, im Hafen ankert jedoch stets eine große Zahl von Fischerbooten (besser wäre: -schiffen), die vor der nächsten Ausfahrt gereinigt werden. Heißt auf Deutsch: im Hafen stinkt es unerträglich und wer nicht aufpasst, steigt auf halb verweste tote Fische. In der übrigen Stadt ist der Gestank erträglich, aber immer merkbar.

Das erspare ich mir für heuer. Nicht ersparen könnte ich mir zumindest die Durchfahrt, wollte ich wie viele nach Glencolumbcille weiterfahren, aber dort war ich voriges Jahr und seither hat sich ja hoffentlich nichts geändert.

Deshalb biege ich schon auf halber Strecke in Milltown auf eine unbezeichnete Seitenstraße Richtung Ardara ein. Schmal und eng ist sie, der Straßenbelag ist auch nicht so besonders und das Auto gibt infolge des Straßenzustandes gelegentlich absonderliche Geräusche von sich, aber es herrscht dafür kaum Gegenverkehr und die Landschaft, die ich durchquere, ist recht hübsch anzusehen. Empfehlenswert, denke ich.

In Ardara mache ich halt. Die Stadt war ein Zentrum der Tweedweberei; auch heute noch sieht man in den Auslagen vieler Häuser hölzerne Webstühle, auf denen in Handarbeit Tweed gewebt wurde. Tweed kann man auch kaufen, es gibt eine Reihe entsprechender Geschäfte. Und Kleidung aus Tweed einschließlich Kappen gäbe es auch, für Damen und Herren, in reichlicher Auswahl, aber leider, mir gefällt nichts. Im Ardara Heritage Center am dreieckigen Hauptplatz könnte ich mich in einer Ausstellung über die Entwicklung der Tweedweberei informieren, so ich wollte, aber das Zentrum hat geschlossen. Mittagspause oder einfach noch keine Saison?

Man sieht keine Touristen. Sagt deshalb beim Supermarkt eine Dame mehrfach „God bless you, Sir“ oder will sie ein Almosen? Sie sagt es nicht und ich frage nicht.

In Nancy’s Bar gönne ich mir einen Kaffee. Am Nebentisch sitzt ein bohemienhafter Mann,  in Habitus und Kleidung ganz unpassend für die Gegend, und bietet mir, als er meine Kamera sieht, Landschaftsaufnahmen zum Kauf an. Die Bilder sind schön, die Lichtstimmung ist gut erfasst – der Mann muss sicherlich viel Zeit aufwenden, um genau zum richtigen Zeitpunkt an Ort und Stelle zu sein und ein Foto zu machen. Für ein Bild im Format DIN A3 verlangt er allerdings 50 Euro. Deshalb bleibt es beim Betrachten der Bilder.

Auf dem Hauptplatz sehe ich eine Hinweistafel zu einem <Santa Ana Drive>. Die Fahrtroute folgt der Küstenstraße nördlich der Loughros Mor Bay bis nach Portnoo und dann nach Naran, das ich auch direkt von Ardara aus erreichen könnte. Doch der Name lockt mich und die Geschichte, die dahinter steckt, lockt mich auch.

Die <Duquesa Santa Ana> war ein umgebautes und mit 23 Kanonen bestücktes Frachtschiff, das zur spanischen Armada gehörte. Von Süden kommend, fuhr sie im Herbst 1588 entlang der Westküste Irlands nach Norden. Der Kapitän hoffte, das damals noch unabhängige und katholische Schottland zu erreichen und so der Verfolgung durch die Engländer zu entgehen.  Das Schiff hatte nicht nur die 300 Mann zählende eigene Mannschaft an Bord, er hatte auch noch Schiffbrüchige von anderen spanischen Schiffen aufgenommen, alles in allem ca. 1100 Mann, die in drangvoller Enge um ihr Leben bangten.

Ein Sturm brachte das Schiff jedoch vom Kurs ab, trieb es gegen Osten, auf die großteils felsige Küste zu. In höchster Not wurde ein Anker ausgeworfen, doch brach die Ankerkette und die Duquesa Santa Ana scheiterte in der Loughros Mor Bay. Ein großer Teil der Besatzung ertrank, der – kleinere – Rest überlebte, doch ach, ihr Leidensweg war noch nicht zu Ende. Zunächst aber marschierten die Überlebenden durch  unwegsames, bergiges Gelände zum Hafen von Killybegs. Dort, hatten freundlich gesinnte Einheimische berichtet, wären ebenfalls spanische Schiffe gestrandet.

So war es. Am besten im Stand war die Galeasse Girona mit 400 Mann Besatzung einschließlich der zwischenzeitlich von anderen Schiffen aufgenommenen Schiffbrüchigen. Das Ruder der Girona war jedoch in stürmischer See gebrochen und musste repariert werden, was gelang. Die beiden anderen Schiffe der Armada waren jedoch so beschädigt, dass sie aufgegeben wurden. Man verbrannte sie, um sie nicht den Engländern in die Hände fallen zu lassen.

Nach der Reparatur des Steuers setzte die Girona mit nördlichem Kurs die Fahrt fort. Auch ihr Kapitän versuchte, das rettende Schottland zu erreichen. Zu groß war die Wegstrecke nach Süden, ins heimatliche Spanien, vor allem angesichts der ungenügenden Lebensmittelvorräte und der drangvollen Enge auf dem Schiff.

Zu diesem Zeitpunkt hatte das für nicht mehr als 600 Menschen gebaute Schiff mehr als 1300 Menschen an Bord, nämlich zusätzlich zur eigenen Besatzung die Überlebenden mehrerer Schiffbrüche, unter anderem der Duquesa Santa Ana und ferner die Besatzungen der beiden anderen Schiffe, deren Wracks  man in Killybegs verbrannt hatte.

Als sie nördlich von Malin Head bereits auf Schottland zuhielten, geriet die Girona in einen Sturm, der das Schiff auf die Küste zutrieb. Das notdürftig reparierte Ruder der Girona begann zu knirschen.

Als das Ruder ganz abbrach, war das Schiff nicht mehr zu steuern. Auch die Kraft der 224 Ruderer konnte das Schiff nicht vom verhängnisvollen Kurs auf die Klippen abhalten. Vor der Küste des heutigen Nordirland, nahe dem Giants Causeway, schlug die Girona gegen Mitternach mit der Breitseite auf die Klippen auf, der ganze Rumpf wurde aufgerissen und brach krachend auseinander. Die Besatzung (und damit auch die Überlebenden des Schiffbruchs der Santa Ana) wurde von den Trümmern zermalmt oder ertranken in den stürmischen Wogen. Von den etwa 1300 Menschen an Bord überlebten offiziell nur 9 den Schiffbruch. Vielleicht überlebten auch einige Menschen mehr – in den Geschichten der Einheimischen ist die Rede von Überlebenden, die irische Frauen heirateten und die der Verfolgung durch die Engländer entgingen.

Schwierig finde ich es, angesichts dieser Tragödie nicht Mitleid mit der Besatzung, den 1300 Matrosen, Ruderern, Adeligen und den <gemeinen> Soldaten zu empfinden, deren Leben in den dunklen kalten Fluten vor Irlands Nordküste endete.

Das Wrack der Girona ist übrigens vor einiger Zeit geortet worden. 

An diesem schönen, sonnigen Tag (es hat längst schon wieder zu regnen aufgehört), kann man sich die Schrecknisse jenes Unglücks in dunkler, stürmischer Nacht kaum vorstellen, sowenig wie das scheinbare Glück der Überlebenden des Untergangs der Duquesa Santa Ana vor dieser Küste, welche gewiss Gott dankten für ihr Überleben, die aber den Untergang ihres Schiffs bloß ein paar Monate überlebten.

Um die Mittagszeit komme ich in den winzigen Ort Portnoo, der zwar auf Landkarten vorkommt, in Wirklichkeit jedoch bloß aus ein paar wenigen Häusern besteht. Dafür gibt es in Portnoo aber einen ganz prächtigen Sandstrand zwischen Felsklippen; so setze ich mich denn auf einen Stein und esse mein Baguette mit gesalzener Butter. Den Toten helfen weder besinnliche Gedanken über ihr Schicksal noch schadet ihnen mein Imbiss.

Von Portnoo aus fahre ich zunächst auf der Küstenstraße nach Osten und ab Maas in südöstlicher Richtung bis Glenties. Von dieser Stadt ist mir nur die moderne Kirche in Erinnerung geblieben – und, dass ich von hier aus durch eine hübsche Landschaft über Fintown (mit seiner liebenswerten Museumsbahn) nach Letterkenny fahre. Dort will ich übernachten.

Die Zimmervermittlung des Irish Tourist Board finde ich erst nach mehrfachen Erkundigungen. Sie ist nämlich (wegen Parkplatznot begrüßenswert) nicht im Stadtzentrum, sondern außerhalb der Stadt nahe der Kreuzung von N13 und N14. Wäre ich auf der Hauptstraße von Sligo her nach Letterkenny gekommen, ich hätte das moderne Gebäude gar nicht übersehen können, aber so ….

Ein freies Zimmer wird durch die Angestellte dort sogleich reserviert, ich bekomme eine umständliche Wegbeschreibung; in Wahrheit ist der Weg einfach zu finden: Richtung Sligo auf der N13 und auf dem ersten Hügel steht auf der linken Seite unübersehbar das Ardglas B&B, wo ich für zwei Nächte unterkomme.

Hungrig mache ich mich sodann auf die Fahrt zurück nach Letterkenny. Hungrig streife ich durch die nach Geschäftsschluss beinahe menschenleere Hauptstrasse auf der Suche nach einem passenden Lokal. Weder will ich im Abrakadabra Hamburger essen noch irgendwo einen Chicken-Burger, ich will sitzen und mich bedienen lassen.

Ach, viele Lokale gibt es nicht in Letterkenny, welche diesen Ansprüchen genügen. Auf Anhieb finde ich gar nichts Passendes. Nun ist es ja sicher recht nett, auf der Main Street mit ihren bunten Geschäftsportalen (und Häusern) dahinzuschlendern, auch wenn die Geschäfte schon geschlossen haben und aus Sicherheitsgründen  die Rollbalken vor den Auslagen heruntergezogen sind. Sicher ist es auch nett, in einem der zahlreichen Pubs ein Guinness zu trinken oder mit halbvollem Glas rauchend vor dem Pub zu stehen (Raucher haben in Irlands Lokalen seit einiger Zeit nichts mehr zu suchen), aber wenn man denn nun hungrig ist?

Beim Marktplatz finde ich endlich ein indisches Lokal mit dem schönen Namen India Royal Restaurant mit viel versprechender Speisekarte. Dort trete ich ein, steige die steile enge Treppe hinauf (bei uns nennt man das <Hühnerleiter>)  und werde angenehm überrascht. Wirklich.

Kaum sitze ich im heimelig dunkel-grünblau gestrichenen Speisesaal, bin ich schon Teil der Inderfamilie, denn Indergattin und Inderkinder leben sozusagen im Speisesaal. Sogleich erlange ich intime Einblicke in indisches Familienleben und in die Grundsätze der indischen Kindererziehung, denn die beiden Inderkinder sind nicht nur recht lebhaft, sondern auch, zur sichtlichen Freude ihrer Eltern, äußerst stimmgewaltig.

Auch übers Essen kann ich nicht klagen. Dass sich das bestellte Huhn in Tikka Masala Sauce als Schwein entpuppt, ärgert nur wahrhafte Kleingeister. Die Kellnerin, gefragt, ob indische Hühner nach Schwein schmecken, behauptet, ich hätte das bekommen, was ich bestellte. Dies klärt sich erst auf nach Einblick in den Bestellschein. Daraufhin erklärt sie mir, der Koch habe in den falschen Fleischtopf gegriffen und bietet zuvorkommend an, mir auch ein Huhn in Sauce zu bringen, aber erst in 20 Minuten. So lange dauere es schon – das arme Huhn muss wohl erst eingefangen und gemeuchelt werden. Was sagen bei so viel Freundlichkeit und Dienst am Kunden? Ich bleibe lieber beim nicht bestellten Schwein, auch wenn es in der Zwischenzeit ein wenig abgekühlt ist. So verbrenne ich mir wenigstens beim Essen nicht die Zunge.

Und wer, frage ich, würde sich ärgern, dass die Kellnerin anschließend eine ganze Weile lang die Rechnung nicht bringen kann, weil sie den kleinsten Inder umhertragen muss, was diesem unüberhörbar allergrößtes Vergnügen bereitet? Welcher Unmensch wollte eine solche Idylle stören? Und sitze ich denn nicht angenehm im trockenen und gemütlich dunkel-grünblauen Speisesaal, während ich mich auf der Straße der Gefahr eines allfälligen plötzlichen Regengusses aussetzen müsste?

Dass die Rechnung für 2 Personen 47 Euro ausmacht, wer würde sich daran stören, wird sie doch – nach Reklamation – anstandslos auf angemessene 34 Euro reduziert.

Bloß werden deshalb die Gäste, aus Australien, woher denn sonst, beim Verlassen der gastlichen Stätte keines Grußes gewürdigt – nun, das Vergnügen, im India Royale Gast gewesen zu sein, kann dadurch auch nicht mehr gemindert werden.

Kinderliebender Reisender, kommst Du nach Letterkenny und findest dort kein besseres Lokal, z. B. die <Brewery> gleich gegenüber, achte darauf, dass Du zu essen bekommst, was Du bestellt hast und prüfe ja die Rechnung genau, was Deinen Mathematikkenntnissen sicher nicht schadet. Befolgst Du diesen Ratschlag, dann wirst Du, so wie auch ich, zufrieden lächelnd das India Royale Restaurant auf dem Market Place in Letterkenny ein für allemal verlassen.

Was, frage ich, könnte heute dieses Erlebnis noch übertreffen? Nichts, sage ich mir. Daher fahre ich in mein Ardglas B&B in der Sligo Road in Letterkenny zurück. Es muss am Essen gelegen haben, dass ich mich 3x verfahre, aber schließlich sinke ich doch müde in mein –für heute eigenes - Bett und schlafe, von Indien und den Indern träumend, bis zum Morgen.

 

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Erstellt am 25. Juni 2004

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