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Ballyvaughan - Oughtmama Churches - Phoulaphuca Dolmen - Teampall Chronain - Pulnabrone Dolmen - Ballyvaughan
(Freitag, 30. Juni 2000)

   Ich mach´ mich auf zur Flaggy Shore mit seinem alten Turm zum Schutz vor Napoleons Schiffen auf der Halbinsel von Kinavarra. Vom Hafen aus und mehr noch von meinem Nachtquartier auf dem Bishopsquarter Quai vor einigen Tagen habe ich den Turm ganz nahe in Erinnerung; er ist es auch beim Blick auf die Landkarte, doch ich muß bald bis Kinvarra zurückfahren, bis ich nach Westen auf eine schmale Straße abbiege. Auf Finavarra gibt es nicht viel zu sehen; dennoch ist dies ein historischer Ort, denn bis vor 500 Jahren war auf dieser Halbinsel in Gebäuden, die längst schon verfallen sind, eine Schule der Barden untergebracht, die keltischen Dichter und Geschichtenerzähler, die ihre Geschichten teils neu erfanden, teils mündlich von den Vorvätern selbst vorgetragen erhielten und möglichst unverändert weitergaben. So ist sehr altes Erzählgut bis beinahe in unsere Zeit erhalten geblieben. In den 30er-Jahren haben kluge Leute im Regierungsauftrag die Alten im Westen aufgesucht, die Geschichtenerzähler und haben eifrig mitgeschrieben, was die ihnen erzählten. Lady Augusta Gregory aus Gort hat dies angeregt und sich selbst eifrig beteiligt. Der große Dichter Raftery, den Yeats so bewunderte, hat in dieser Gegend gelebt. Von ihm ist am bekanntesten ein Gedicht über seine Blindheit; dennoch sei sein Leben schön, voll Hoffnung und voll Liebe.
   Wer hier wandert, versteht leicht, was er meinte. Man kann nur beim Anblick de sich meergleich im Wind wiegenden Glockenblumen entlang der sonnenbeglänzten Felsplatten am Ufer der See hoffen, dass es gelingt, die Unversehrtheit dieses Landstrichs zu erhalten.
   Nach längerem Marsch erreiche ich Mount Vernon, ein Herrenhaus, einst der Sommersitz der eben erwähnten Lady Gregory aus Gort, der Förderin des Dichters Yeats und darüber hinaus alles Irischen. Seltsam ist der Name des Hauses, so eigentlich unpassend in die Landschaft Clares und der hier üblichen Namen: Cappanawalla, Poulnabrone, Bealaclugga, Ballyvelaghan. Doch einer von Lady Gregorys Vorfahren verehrte George Washington so sehr, dass er sein Haus nach der Residenz des damaligen amerikanischen Präsidenten benannte. Vor und um die vorletzte Jahrhundertwende versammelte sich in diesem durchaus bescheiden wirkenden Haus die Elite der irischen Dichtung der Zeit: Yeats, Shaw, Sean O´Casey und John Millington Synge, der Journalist aus Dublin mit literarischen Neigungen und der Liebe zur irischen Sprache. Und der Maler Augustus John malte hier nicht nur, sondern entwarf und baute gemeinsam mit seinen Freunden auch die Kamine in den beiden großen Zimmern im Erdgeschoß, in denen man, barmherzig eingeladen so wie ich, als verirrter Besucher schon am Morgen sitzen kann, Tee oder Kaffee samt Scones verspeisend (wer würde in solchen Räumen einfach: essen?). Der Blick schweift durch die Fenster auf den Rasen vor dem Haus und die hohe Fuchsienhecke, die es zum Meer hin abschirmt. Doch alles vergeht und der Besucher wird fürsorglich bis zur Straße begleitet, auf dass er sich nicht ein weiteres Mal im Dickicht verirrt.
   Landeinwärts fahre ich von der Straßenbiegung in Bealalclugga, dessen Namen länger ist als der Ort groß: nichts außer einem Postamt. Nach Süden fahre ich, nach einem Kilometer mündet die Straße in die andere ein, die von Corranrock über den Bergsattel zwischen Abbey Hill und Oughtmama führt, knapp 70 Meter über dem Meer und dennoch für manchen Holländer mit seinem Wohnwagen ein Problem. Sie fahre ich bergaufwärts ein Stück zurück, bis zu einem Gehöft und zur Einmündung eines schmalen Weges, der weiter bergauf nach Osten führt. Dort lasse ich mein Auto stehen und wandere auf schlechtem Weg hangaufwärts, als wollte ich den Berg Oughtmama besteigen, 240 Meter hoch. Mein selbst gewähltes Ziel sind die 3 Kirchen von Oughtmama, drei Ruinen kleiner Kirchen, Überreste einer klösterlichen Gemeinschaft, die schon lange untergegangen war, als die Abtei von Corcomroe unten im Tal um 1200 erbaut wurde. Aber immer noch finde ich unverändert, wenn auch verwittert, das Weihwasserbecken mit seiner gemeißelten Verzierung von zwei ineinander verwobenen Fabelwesen. Und hinter den Kirchen, sieht man genau, finde ich immer noch das Viereck des einstigen Gemüsegartens der Gemeinschaft. Die Gartenmauern sind hüfthoch und von Moosen und Flechten bewachsen, aber sie sind nicht zerstört. Und nicht zerstört ist auch die Wasserleitung, die zur Getreidemühle der Gemeinschaft führte. Zumindest reime ich mir das aus den vorhandenen Überresten so zusammen.
   Still ist es hier oben. Das Rauschen des Windes, das Zwitschern einiger Spatzen, die ich aufstöre, das Knirschen meiner Schuhe auf den Steinen, das ist alles. Unten sehe ich, in Richtung Ballyvaughan hin, die Wellen weiß gischtend an den felsigen Strand vor Gleninagh Castle zerstäuben und natürlich sehe ich unter mir die Menschen in ihren Autos auf der Hauptstraße fahren. Kein Laut davon dringt zu mir her, beinahe höre ich eine Eidechse auf einem Felsen züngeln. Hier oben ist man ganz allein mit seinen Gedanken, aber das ist schwer auszuhalten.
   Was könnte ich noch alles machen? Ich könnte ein Stück weglos hinaufsteigen, Richtung Süden zum heiligen Brunnen, ich könnte hinüber wandern (eher hinauf) zum Hügel von Turlough und in Betrachtung des Cairns auf seinem abgeflachten Gipfel versinken und danach einen Kilometer nach Osten wandern zum Hügelfort, das ich von meinem Standpunkt aus klar erkenne. Von dort könnte ich hinuntersteigen zur Häusergruppe von Aghawinnaun, der Straße abwärts folgen, zum Kinderfriedhof aus dem ersten Jahrtausend abzweigen, als man die noch ungetauften Kinder abseits verscharrte und nicht auf geweihten Friedhöfen, und von da aus nach Turlough und zum Auto zurückwandern. Alles das könnte ich; ich würde die Stille in mich aufnehmen, das Bild des Marders, den ich gesehen habe, den Lauf der weißen Haufenwolken auf dem tiefblauen Himmel verfolgen, mich am Gesumm der Bienen erfreuen - all das könnte ich, aber ich tue es nicht. Um das alles zu tun, dürfte ich nicht der Mensch sein, der ich bin.
   Statt dessen steige ich weglos nach Shanvally hinab und fahre im heißen Auto bis Turlough und dann noch drei Kilometer weiter. Bei einem Gehöft parke ich mein Auto und folge dem Wegweiser einen Fahrweg bergauf bis auf die Senke von Phoulaphuca (die Senke des Puck, Shakespears Puck ist von diesem Begriff abgeleitet). Zu Füßen ein Blumenmeer zwischen den Felsplatten steht da groß und mächtig der Dolmen von Phoulaphuca, 4000 Jahre alt, gefügt aus 3 mächtigen Fundamentsteinen und einer großen, schweren Deckplatte darüber, unverändert nach so langer Zeit. Über 80 Stück davon gibt es im Burren, nicht alle sind einfach zu finden. Fast alle entsprechen im Wesentlichen dem gleichen Bauplan: An einer Seite sind sie schmäler und niedriger, die Deckplatte sitzt daher nicht waagrecht, sondern schräg auf und die breitere Öffnung weist nach Osten. Das nennt sich in der Fachsprache Wedge Tomb. Längst nicht alle sind archäologisch untersucht worden. Der bekannteste von ihnen, Poulnabrone Dolmen, wurde 1968 untersucht und man fand die halb verbrannten Überreste von bis zu 22 Erwachsenen und etwa 6 Jugendlichen, einschließlich eines neu geborenen Babies. Kein Erwachsener wurde älter als 40, die meisten starben, ehe sie 30 Jahre alt waren. Aus der Unvollständigkeit der Skelette schließt man, dass es sich nicht um so genannte Erstbestattungen handelt, sondern die Leichen wurde einige Zeit anderswo aufbewahrt, bis ihre Skelette dann gemeinsam eingegraben wurden. Daraus erklärt sich auch, dass die Zahl der Toten nicht eindeutig festgelegt werden konnte, weil nicht alle wesentlichen Teile gefunden wurden.
   In den Jahrtausenden, die seit seiner Errichtung vergangen sind, hat sich der Dolmen nicht verändert. Allerdings wurde 1985 eine der Stützen ausgetauscht und durch einen gleich großen Stein ersetzt, weil der Originalstein infolge Witterungseinflüssen gesprungen war. Verändert hat sich hingegen die Landschaft ringsum. Zur Zeit der Erbauung lag der Dolmen nicht auf einer großen felsigen Platte, von der man eine weite Fernsicht bis Galway, die Aran-Inseln und im Süden über Clare hinweg hat. Zur Zeit der Erbauung war der Burren bewachsen mit Kiefern, Fichten, Eiben und Ulmen, gelegentlich einer Eiche, von Haseldickichten nicht zu reden. Zur Zeit der Erbauung hatte man von hier oben keine Aussicht, außer, man kletterte auf die Bäume.
   Nichts wissen wir von den Riten und religiösen Überzeugungen der Menschen dieser Zeit. Im Boden unter den Dolmen hat man die Asche von Menschen gefunden, Knochenfragmente auch. Nicht in jedem Fall stammten die datierbaren Überreste aus der Zeit der Erbauung. Wahrscheinlich haben Menschen, die von den Überlegungen gar nichts wussten, die zur Errichtung eines Dolmen geführt hatten, diesen als markante Stelle benützt, wo die Asche ihrer Toten aufbewahrt werden konnte.
   Wäre ich ein Kundiger, ich brauchte auch hier nur eine Weile umherzuwandern, um andere Spuren menschlicher Besiedlung zu finden, Steinkreise, standing stones, Dolmen. Der Burren ist übersäht mit Spuren menschlicher Besiedlung und sie sind der beste Beweis dafür, dass er nicht so lebensfeindlich ist, wie diese Landschaft bei der Annäherung aussieht. Aber es ist ein empfindliches Gleichgewicht, das leicht gestört werden kann. Man muß vorsichtig sein.
   Daher haben sich einige Mutige vor fast 10 Jahren zusammengetan, als der irische Staat mitten im Burren, in Mullaghmore, ein Besucherzentrum bauen wollte, Disneyland auf Irisch, mit Parkplätzen und zumutbaren Zufahrtsstraßen. 10 Jahre hat es gedauert, bis sie dieses Vorhaben zu Fall brachten, in diesen Tagen wird der Staat gerichtlich nun auch gezwingen, die bereits getätigten Bauarbeiten rückgängig zu machen und den früheren Zustand so gut es geht wieder herzustellen.
   Den holprigen Weg wandere ich langsam wieder in die Senke hinab zum Auto und fahre weiter nach Süden bis Crugwill bei Carran. Dort biege ich auf eine Seitenstraße ab, bis diese bei einem Bauernhof endet. Der restliche Weg führt über eine Kuhweide bzw. durch Kuhfladen.
   In einer Senke liegt Teampall Chrònáin, eine kleine, sehr alte Kirche, in völliger Abgeschiedenheit. Sie besteht nur mehr aus vier Mauern aus Stein. In die Westfront ist ein verwitterter Steinkopf eingefügt, dessen Züge kaum mehr erkennbar sind. Hinter der Kirche findet sich ein Steinsarkophag mit keilförmigen Dach. Dort soll Chrònáin begraben sein. Der Sarkophag ist halb offen, drinnen liegt Schotter und gelbliches Gebein. Wahrscheinlich ein Tier, das hineingestürzt ist und sich nicht mehr befreien konnte.
   Laut Karte gäbe es auch noch einen heiligen Brunnen und ein Kreuz in unmittelbarer Umgebung zu besichtigen, auch soll bei der Kirche selbst noch ein zweiter Steinsarkophag zu finden sein. Ich indessen finde nichts davon und fahre bis Carran zurück.
   Auf schmalen Wegen, die zu fahren mir besonderen Spaß macht (dem Auto, wäre es menschlich, wahrscheinlich weniger) komme ich sodann nach vielen Kreuzungen und Windungen zum eigentlichen Touristenmagnet des Burren, dem Poulnabrone Dolmen. Er schaut nicht anders aus als der Dolmen von Poulaphuca, nur habe ich den sozusagen für mich allein gehabt und neben und auf der schmalen Straße parkt hier ein Autobus nach dem anderen. Beim offenen Gittertor sitzt dann ein Herr und hält die Hand auf. 
   Eintrittsgeld will er haben. Davon bekommt er scheinbar so viel von den nichtsahnenden Besuchern, dass er die Kosten der Gerichtsverfahren leicht tragen kann, die ihm der irische Staat anhängt. Denn für den Eintritt darf er nichts verlangen. Natürlich ist es für solch einen Bauern schwer verständlich, dass da tagein, tagaus hunderte Leute kommen, seine Felsplatten begehen, seine Mauern überklettern, viel Geld haben - sonst kämen sie nicht her: und ausgerechnet er soll an diesen Leuten nichts verdienen? Außerdem sind die Leute auch nicht ohne: sie lassen Papier und andere Abfälle liegen, sie klauben Steine auf und nehmen sie als Andenken mit (davon hat er aber ohnehin genug, das wäre nicht das Problem) und sie bauen aus etwas größeren Steinen zu zweit oder zu dritt unter viel Geschrei und Jubel neue kleine Dolmen. Letzteres ist lästig: jeden Herbst, wenn der Touristenstrom vorbei ist, stürmen ganze Schulklassen und die Pfadfinder herbei und räumen die neuen Kunstwerke weg, damit man sich als unbedarfter Tourist nicht von den neuen täuschen lässt und sie für alte hält.
   Mit Glück gelingt es mir, so lange zu warten, bis gerade kein Autobus mehr Passagiere ausspeit und außerdem die Sonne scheint, denn ich möchte hinter dem Dolmen hübsche Wolken haben. Große Mühe habe ich, nicht in Autobusse verladen zu werden, denn die Reiseführer halten zweimal mich Alten für einen Angehörigen der anderen Alten, die bereits im Autobus sitzen. Aber schließlich kommt der große Augenblick: keine Touristen stehen mir im Weg, Wolken türmen sich plastisch auf und die Sonne scheint für einen Moment, was genügt, denn ich brauche ja bloß 1/250 Sekunde; wenn geht, mehrmals hintereinander.
   Danach fahre ich Richtung Ballyvaughan ein Stück weiter, biege danach scharf nach links ab und fahre über endlos wirkende Nebenstraßen an einer einzigen Häusergruppe vorbei zur Hauptstraße N67 von Lisdoonvarna nach Ballyvaughan. Dieser Umweg beschert mir einige Serpentinen mit prächtiger Aussicht und Parkplatz einige Kilometer vor Ballyvaughan.
   Nichts weiter tue ich an diesem Abend als in der Hotelbar sitzen, den Strand entlang zu wandern, in der Hotelbar sitzen etc. bis ich müde werde und die Augen für die Nacht schließe.

 

 

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Zuletzt geändert: 26. Juli 2007
© Peter Lausch |  2000