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DIENSTAG, 30. Mai 2006
Am Vormittag fahre ich von Leenane nach Westport, Lebensmittel und Zeitungen einkaufen. Das Wetter ist nicht besonders, ich gehe eine Weile spazieren, dann esse ich im Lokal neben dem Supervalu ein <Big Breakfast>. Solcherart gestärkt, fahre ich Richtung Louisburgh, biege auf halber Strecke ab zur Ruine der Murrisk Abbey, die noch recht gut erhalten ist und von der ich einen schönen Blick auf den Croagh Patrick habe. Was soll ich über den Croagh Patrick schreiben? So viel haben Berufenere schon zu Papier gebracht. Daher nur kurz: Im Jahr 441 verbrachte der Hl. Patrick insgesamt 40 Tage auf dem Gipfel dieses 763 m hohen Berges in frommen Gebet und kämpfte gegen allerlei Dämonen, die seinen Geist befielen. Bei dieser Gelegenheit verbannte er u. a. gleich alle Schlangen von der Insel Irland (nur Ungläubige sagen, bei dem irischen Wetter hätten Reptilien vor und nach Patrick ohnehin keine Überlebenschancen im Freien gehabt). Jedes Jahr findet am letzten Julisonntag eine Wallfahrt auf den Berg statt, an dem Tausende teilnehmen, teils bloßfüssíg, alle in frommes Gebet versunken. Der Berg selbst hat es <in sich>. Bei schönem Wetter ist der Anstieg auf steinigem Pfad zwar beschwerlich, belohnt wird die Anstrengung jedoch von einer prächtigen Aussicht, unter anderem auf die landschaftlich sehr schöne Insel Clare. Da auf dem Gipfel kein Restaurant, sondern eine – meist verschlossene – Kapelle steht, heißt es, ausreichend Essen und Trinken mitnehmen, denn 763 m Aufstieg sind nicht ohne. Bei schlechtem Wetter und unzureichendem Schuhwerk wird der Aufstieg zum Abenteuer: der Berg hüllt sich dann oft in Wolken und im Nebel ist der Pfad nur schlecht zu erkennen. Die Pilger folgen unter solchen Umständen meist dem Geräusch, das die Pilger vor ihnen machen. Unter diesen Umständen zieht sich der Weg und die Pilgerfahrt wird zum echten Opfer für den Glauben. Heutzutage sind auch Sanitäter unterwegs, die Blasen, blutende Wunden und Kreislaufkollapse behandeln können, aber nach wie vor ist die Wallfahrt bei schlechtem Wetter extrem anstrengend. Ich selbst, mit meiner Einstellung und bei meinen Reisezeiten kann das natürlich nicht beurteilen: Ende Juni liege ich, nach Möglichkeit, am Strand der Neuen Donau in Wien und lasse mir die Sonne auf den Bauch scheinen. Wie bei allen meinen Besuchen lasse ich es daher mit dem Anblick des Berges bewenden. Einmal allerdings bin ich bis zu der Christusfigur so 20 Meter über dem großen Parkplatz aufgestiegen und war nicht allein: manche Touristen vertrauen auf die Ahnungslosigkeit der Lieben daheim und geben sich, auf dem obligaten Foto vor der Figur stehend, als Bergbesteiger aus. Da dies ein Erlebnisbericht ist und kein Reiseführer, lasse ich mich weder über den hl. Patrick noch über den Croagh Patrick weiter aus. Jeder gute Reiseführer liefert ausreichende Unterlagen für Touristen. Welche Reiseführer gut sind, schreibe ich – nach ganz subjektiver Wertung – hier. Louisburgh selbst ist eine kleine, nette Stadt; fährt man von Louisburgh nach Norden, kommt man zum sehr schönen weiten Sandstrand von Old Head; fährt man nach Westen, gelangt man bald zum Roonagh Quay. Von hier aus fährt die Fähre nach Clare Island. Das ist, so man Zeit hat, ein schöner Tagesausflug. Ich selbst zweige von der Straße zum Anlegeplatz nach Südwesten Richtung Killadoon ab. Weiter südlich fahrend, käme ich zu schönen Stränden und könnte weite Fußmärsche unternehmen. Ich fahre aber nur bis Killeen und von dort nach Westen zu dem sehr schönen Roonan Beach, lese ausgiebig die Zeitung, blicke aufs Meer hinaus, in dessen – sicherlich kalten – Fluten einige Surfer surfen (wenn auch in wärmenden Neoprenanzügen). Als das diesige Wetter aufklart, gehe ich spazieren. Als ich davon genug habe, fahre ich nach Killeen und an der Kreuzung (es gibt nur eine) geradeaus nach Osten weiter, Richtung Cregganbaun. Diese kleine Straße würde man bei uns als Güterweg bezeichnen, so breit wie ein Auto. Im Ort fahre ich dann nach Süden auf der R 355, die über Delphi nach Leenane führt. Nördlich des dunklen Doo Lough komme ich an der Straße an einem Denkmal vorbei, das an die Opfer eines Todesmarsches in der Zeit der großen Hungersnot im 19. Jahrhundert erinnert. Hunderte von halb verhungerten Menschen haben sich damals diese Straße entlang bis nach Delphi geschleppt, weil sie glaubten, der dortige Grundherr würde ihnen ein wenig Nahrung überlassen. Das tat er indessen nicht. Sie wurden von seinen Bediensteten stattdessen davongejagt. Also machten sie sich auf den Weg nach Louisburgh zurück. Viele der Geschwächten, Hungrigen und Kranken legten sich entlang des Weges zum Sterben nieder. Erst Wochen später hat man sie in Massengräbern entlang der Straße verscharrt. Delphi besteht heute aus der Delphi Lodge, einem Luxushotel. Wieso der Ort Delphi heißt, wollen Sie vielleicht wissen? Weil ein Familienmitglied der damaligen Eigentümer die obligate Bildungsreise durch Europa unternommen hatte (genug Geld war ja da) und ihm die Landschaft um Delphi an das heimische Tal erinnert hatte – wozu man viel Fantasie benötigt, nebenbei bemerkt. Am Seeufer befindet sich ein von Bäumen umgebener kleiner Anlegeplatz und Parkplatz (angeblich Privateigentum) für 5 Autos. Dies ist ein beliebter Haltepunkt für Touristen, denn eines der bekanntesten irischen Postkartenmotive zeigt den Anlageplatz mit den auf einem kleinen Felsvorsprung wachsenden Bäumen. Da freut sich der Tourist, auch ein Foto machen zu können.
Danach geht es weiter nach Osten bis zur Kreuzung mit der Straße von Westport nach Leenane, der ich nach Süden folge. Das war es dann für diesen Tag.
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