Pfingstsonntag, 30. Mai 2004

 

Von Westport fahre ich am Morgen Richtung Newport, einem kleinen Ort mit gewaltiger Eisenbahnbrücke, aber leider seit vielen Jahren ohne Eisenbahn, denn die Linie ist längst schon stillgelegt, die Geleise demontiert, die Trasse verkauft. Übrig geblieben sind von dieser Linie, die einst bis Achill führte, in Newport im Wesentlichen nur das Viadukt über den Fluss und – oben im Ort – einige Baulichkeiten des einstigen Bahnhofs, jetzt für kirchliche Zwecke verwendet.

Ohne Aufenthalt fahre ich bis nach Mulranny, vorbei an den Wegweisern nach links zur recht gut erhaltenen Burrishoole Abbey sowie zum Rockfleet oder Carrickahowley Castle, das einst Grace O’Malley gehörte, der so genannten Piratenkönigin des Westens, deren Charakter und Wesen sogar Königin Elisabeth I. Respekt abnötigte. Und auf der rechten Seite sehe ich den Wegweiser zum Nephin Drive, einer wirklich romantischen Strecke durch eine landschaftlich schöne, beinahe unbesiedelte Landschaft, der folgend man eine schmale Nebenstraße befährt, von der ein kleines Stück geschottert, aber unbehindert befahrbar ist.

Westlich Mulranny biege ich sodann auf die Straße nach Achill und Achill Island ab, genieße die schöne Fahrt bis zur Ortschaft Keel mit ihrem langen Sandstrand an der Trawmore Bay. Nach einer Fahrt zum Keem Strand weiter westlich fahre ich über Dugort und einem ebenfalls prächtigen Strand (Blue Flag Strand nach der Qualifikation der EU, daher ungefährlich beim Baden, höchste Wasserqualität und Sicherheitsstandards) wie übrigens Keel Strand auch. Bloß dem Keem Strand haben sie heuer den Blue Flag-Status entzogen – Colibakterien im Wasser. Nicht entgehen lasse ich mir das schon von Heinrich Böll beschriebene <Deserted Village>, das nicht zuletzt wegen dieser Beschreibung von buchstäblich allen deutschsprachigen Besuchern Achill Islands besichtigt wird. Ich kann mich nur wiederholen: Es handelt sich um die sehenswerten, landschaftlich schön gelegenen Ruinen eines Dorfes, das, Ausgrabungen nach zu schließen, ab dem 17. Jahrhundert bis zur Zeit der Großen Hungersnot bewohnt war. Da verhungerte wohl ein Teil der Bewohner, deren Kartoffeln verfaulten, ein anderer Teil wanderte aus und ein weiterer Teil zog dem Vernehmen nach nach Keel und nach Dugort. Blickt man von der ehemaligen Dorfstraße übrigens in Richtung Keel kann man auf den Weiden unmittelbar unterhalb der Häuser noch die Bodenwellen der einstigen Lazy Beds erkennen, in denen die Kartoffel gezogen wurden.

Auf der Rückfahrt biege ich vor Mulranny an der erwähnten Kreuzung nach Norden ab, fahre durch eine ausgesprochene, aber reizvolle Einöde bis Bangor und von dort über Ballina nach Sligo. Dort stehe ich eine Weile im Stau (über den genauen Verlauf der notwendigen Umfahrungsstraße wird seit 10 Jahren gestritten), überquere den Fluss Garravogue Richtung Norden und biege gleich nach der Brücke nach Links ab: die landschaftlich sehr schöne Halbinsel von Rosses Point ist mein Ziel.

Das Auto stelle ich auf den Parkplatz beim Hotel. Zum Hafen hinunter gehe ich, sehe das vertraute rote Schiff an der Mole aufgebockt, ganz im Trockenen jetzt bei Ebbe und ein neues (auch schon recht alt aussehendes) Schiff an der vertrauten Stelle angebunden, oder wie immer es auf seemännisch heißt. Ich schreite den Fußweg entlang, sehe das Lotsenhaus und die Siedlung aus weißen Häusern, von denen ich so gerne eines bewohnen würde, und den Segelklub und komme schließlich zur Stra­ßenbiegung, von der aus ich den weiten Strand zum ersten Mal erblicke. Wie immer an dieser Stelle fällt ein stürmi­scher, kalter Wind über mich her, der mich frösteln lässt, aber nur mich, denn unten am Wasser gehen Leute in Hemdsärmeln spazieren.

Vor mir sehe ich den Deadman's Point, der seinen Namen nach jenem Matrosen hat, der irgendwann im 19. Jahrhundert auf einem nach Amerika ausfahrenden Schiff gestorben war und den seine Kameraden, aus Angst vor Reiseverzögerungen durch Abwicklung lästiger Formalitäten, einfach auf die Klippen legten. Nach Norden sehe ich, den langen Sandstrand (auch Blue Flag-Qualifikation) mit der Felsklippe, auf der noch die Fundamente der Geschützstellungen aus dem 1. Weltkrieg ebenso zu sehen sind wie das einstige Pulvermagazin, das heute friedlicheren Zwecken dient. Am Nordende des Strandes eine Felsklipppe, der eigentliche Rosses Point. Dahinter ein Meeresarm und dahinter im dunklen Wald die helle Front des Lissadell House, das ich am 2. Juni 2004 besuchen möchte. Und wenn ich den Blick nach Süden wende, dann sehe ich halbrechts Coney Island mit seinen wenigen weißen Häusern, einst eine Siedlung von Fischern, heute die Wochenendhäuser der Sligoer. Und unmittelbar vor mir, im Süden in dem schmalen Meeresarm den Iron Man, eine lebensgroße Figur eines nach Westen ausschauenden Matrosen mit einer Laterne, als Markierung der schmalen Fahrrinne zum Hafen von Sligo im Osten. Und das lang gestreckte Oyster Island sehe ich, mit seinen 2 weißen Häusern und dem Leuchturm an der Westspitze. Ich sehe aber auch, weil ich weiß, worum es sich handelt, die zwei Hügelgräber auf der Insel, kleine, flache und scheinbar unauffällige Hügel. Weiter nach Süden sehe ich, über die flache Insel hinweg, auf den südlichen Teil des Meeresarms, sehe in der Ferne im Dunst Salthill mit dem Flugplatz und als südlichen Abschluss den Knocknarea mit einem auch von hier deutlich sichtbaren Steinhaufen obendrauf, von dem der Volksmund sagt, es sei das Grab der sagenhaften Queen Maeve der irischen Mythologie. Und ein Grab ist es, ein reich ausgestattetes oder ein bereits geplündertes, man weiß es nicht. Denn das Grab ist nie archäologisch untersucht worden, aber sicher nicht das der Queen Maeve, von der man nichts weiß, ebenso wenig wie von den übrigen Gestalten der mythologischen Geschichte Irlands in der sagenhaften Vergangenheit.

Blicke ich von meinem Standpunkt in der Straßenbiegung aus halb nach Osten, sehe ich die Ruine des Pilot's House, ein kleines Häuschen mit zwei runden Fenstern, in dem einst der Lotse auf Schiffe wartete, denn die Einfahrt in den Hafen war immer gefährlich und überhaupt nur bei Flut möglich - auch heute, doch dank besserer Navigationsmittel braucht man keine Lotsen mehr. Und ferne, eben von einer Wolke beschattet, sehe ich die Konturen der Stadt Sligo.

Ach, wie oft schon bin ich hier gestanden, habe aufs Land und aufs Meer geblickt und an die Zeilen aus dem Gedicht von Joyce: I hear the Armies, storming upon the Beach ..... gedacht und an die schaumgekrönten Wellen, die der Sturm den weiten Strand hinauf treibt, bis zu den mit Gras bewachsenen Dünen des heutigen Golfplatzes.

Ich steige die Treppe zum Strand hinunter, eile zum Wasser vor und mir ist, als sei meine Heimat hier und ich sei nun - wie jedes Jahr - für ein paar Tage wieder heimgekehrt. Der Leuchtturm glänzt im Sonnenlicht und an der Felszunge, die gewöhnlich unter Wasser liegt, brechen sich jetzt bei Ebbe stürmisch die Wellen. Ich mache es den anderen Leuten nach und schreite den Strand entlang, muss mich gegen den Wind anstemmen und gehe schnell, um nicht zu frieren, und werde dennoch von einer Reihe von Frauen überholt, die teils allein, teils in Begleitung ihrer Hunde, den üblichen Spaziergang am Nachmittag machen. Mein Ziel ist es, bis zu der Felszunge am Ende des Strandes zu gehen, aber dieses Ziel erreiche ich nicht.- Der Bach nahe den Felsen führt zu viel Wasser, als dass ich ihn trockenen Fußes hätte durchschreiten können und die einsetzende Flut überspült bereits den flachen Teil des Strandes, auf dem der Bach sich zu einem weiten, flachen Rinnsal verbreitert. Daher kehre ich um, ohne mein angestrebtes Ziel erreicht zu haben. Auf dem Rückweg kommt mir mit rudernden Armbewegungen eine ältere Frau entgegen, die mir auf dem Herweg begegnet ist. In der Zwischenzeit ist sie den ganzen Strand, den ich entlang gekommen bin, abgegangen und schon wieder auf dem Rückweg. Mit rotem Gesicht ruft sie mir irgend etwas zu, was ich nicht verstehe und mit „Mmmmh“ beantworte, was alles bedeuten kann. Ihr genügt mein Brummen als Antwort, vielleicht hat sie gar keine erwartet.

Vom Strand fahre ich auf der Suche nach einem Quartier Richtung Sligo.

Die Quartiersuche erweist sich nicht als einfach. Die eine Vermieterin sagt, leider, nichts frei, obgleich ich weit und breit kein Auto auf dem Parkplatz vor ihrem Hause sehe (will man eines der üblichen Doppelzimmer für sich allein haben, ist man nicht überall willkommen!), die andere hat gleich die Türklingel abgestellt und will heute Abend offenbar Ruhe haben von lästigen Logiergästen; eine andere feiert ausgerechnet an diesem Abend die Taufe des dritten Enkelkindes und ist auf Logiergäste nicht neugierig.

Abwechslung gibt es aber auch: die Vermieterin oder Host, wie man so sagt (nicht zu verwechseln mit Hostess, das wäre unpassend, weil dem Berufsbild einer anständigen Zimmervermieterin nicht entsprechend) des Sea Park Houses hat zwar – ehrlich – kein Zimmer frei, empfiehlt mich dafür aber GOTT, dem Herrn; damit ich mich seiner auch würdig erweise, bekomme ich sogleich, wenn schon kein Zimmer, so doch eine christliche Broschüre in die Hand gedrückt. Da hilft auch kein Hinweis auf mangelnde Englischkenntnisse: sie überreicht mir die gleiche, von der Deutschen Bibelgesellschaft in Stuttgart herausgegebene erbauliche Lektüre auf Deutsch. Nett von der Dame, doch ersetzt die Broschüre kein Zimmer. Wie zutreffend formuliert doch der Prophet, wenn er sinngemäß sagt, ich sei wie ein Schaf, das sich verlaufen hat: Jesaja, 53,6.

Dafür habe ich beim nächsten Versuch unverhohlen Glück:  Deutlich ausgeschildert  liegt das B&B Saniúd (Sänjud gesprochen, steht für den Hl. Jude, heißt es) gleich neben dem neuen Radisson-Hotel in einer ruhigen Seitenstraße, ist von außen schön anzusehen und die Zimmer sind schön und preiswert. Am Besten freilich die Besitzerin: Marian Nealon ist herzlich, freundlich, hilfsbereit, der Urtyp dessen, was eine gute Zimmervermieterin ausmacht.

Reisender, kommst Du nach Sligo und suchst Du ein schönes B&B mit sicherem Parkplatz in schöner Umgebung, ich empfehle das Saniúd, Tel.: 071-42773. Übrigens: ich bin am B&B weder beteiligt noch bekomme ich Vermittlungsgebühren und auch sonst erhalte ich nix. Bloß: in keiner Unterkunft in Irland habe ich mich je so wohl gefühlt wie in der von Marian Nealon.

Wie wir in Wien früher sagten, geschneuzt, gewaschen und gekämmt, fahre ich danach in die eigentliche Ortschaft Rosses Point zurück.  Bei der Zimmersuche habe ich das Restaurant „The Moorings“ gesehen und im Reiseführer von Lonely Planet ist es auch angeführt.

Frischen Lachs esse ich dort und dem Schmatzen nach zu schließen schmeckt das Essen auch den Gästen an den übrigen Tischen – das Schmatzen habe ich mir aber vielleicht auch nur eingebildet. Ganz billig ist das Vergnügen ja wieder nicht, aber, sagen wir, angemessen teuer.

Nichts tue ich mehr am Abend als im B&B die 10 Fernsehkanäle durchzuzappen. Dass ich nichts finde, was mir zusagt, liegt sicher bloß an mir.

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Erstellt am 25. Juni 2004

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