Ballyvaughan
- Horn Head - Cliffs of Moher - Lahinch - Ballyvaughan
(Donnerstag, 29.
Juni 2000)
Am Morgen liegt eine Nebelbank über der Bucht, drängt mit der Zeit an
Land und taucht die Küste in unbestimmtes Licht. Schemenhaft erkenn ich
das Hafenbecken, vom Berg Capannawalla, der den Ort im Westen überragt,
ist nichts zu sehen. Ich weiss nicht recht, ist´s eine Nebelbank oder
einfach eine tiefhängende Wolke, denn es beginnt zu regnen und ich
flüchte ins Hotel zurück und setz´ mich an den Frühstückstisch.
Was auch immer sich an Wettererscheinung draußen
abgespielt hat, es hat nicht Bestand. Als ich frisch gestärkt mein
temporäres Heim verlasse, dringt die Sonne durch die, nennen wir sie
Nebelwolke, als ich beim Auto bin und nach dem Stativ zu kramen anfange,
scheint sie sozusagen wässrig, als ich mein Stativ endlich gefunden und
hervorgeholt habe, sehe ich ein Fleckchen Blau am Himmel und als ich
dann an der Straßenkreuzung stehe, scheint die Sonne von einem
tiefblauen Himmel, auf dem einige Haufenwolken entschweben.
Dem Hafen, nicht der Straßenkreuzung verdankt
Ballyvaughan seine Existenz, denn bis Ende des 19. Jahrhunderts verband
nur ein elender Fahrweg den Ort mit Galway im Osten und mit Lisdoonvarna
im Süden. Dann wurde auch nicht die heutige N67 gebaut, sondern die
Küstenstraße zum Black Head und von da über Doolin nach Lahinch und
Lisdoonvarna.
Infolgedessen kann man wirklich, aus Richtung Galway
kommend, im Ort vor Hyland´s Hotel nach rechts die Küstenstraße und
nach links die N67 fahren und kommt in beiden Fällen nach Lisdoonvarna.
So steht es auch auf dem Wegweiser; dazu kommen allerdings eine Reihe
von zusätzlichen Hinweisschildern, so dass sich nur der Ortskundige
durch diesen Wegweiser nicht verwirren lässt, der aber braucht ihn
ohnehin nicht. Mit Hilfe des Stativs und des Selbstauslösers schaffe
ich die Aufnahme von mir und Wegweiser und bin zufrieden.
Welche der beiden Straßen ich danach zur Weiterfahrt
wähle, ist einfach zu entscheiden: die Küstenstraße ist schöner und
romantischer, nur Lastwagen sollten einem nicht entgegenkommen.
Also fahre ich oberhalb der Klippen durch eine
steinübersähte Landschaft. Grün sehe ich wenig: Kalkplatten mit
Grykes, den charakteristischen Spalten, aus denen allerlei Pflanzen
herauswachsen. Der Burren beherbergt eine Unzahl seltener Pflanzen und
ist ein Rückzugsgebiet für mancherlei Vögel und eine reine Freude
für Botaniker und Ornithologen. Ich Banause kann nur sagen, ich sehe
allerlei mir unbekannte Blumen und Blüten und ich sehe auch allerlei
Vögel, die weder Möwen noch Spatzen sind und auch keine Amseln, womit
ich so ziemlich die mir bekannten Vogelarten aufgezählt habe. Sollten
Sie wissen wollen, was da wirklich fleucht und kreucht, ich hoffe,
bessere Reiseführer geben darüber Auskunft.
Zwei Kilometer nach der Abzweigung des Burren-Wegs den Berg
hinauf halte ich und gehe auf einem Fahrweg zum felsigen Ufer. Ich finde
Überreste einer anscheinend namenlosen Burg und, gekennzeichnet, eines
Fualacht Fladh. Das oder der schaut aus wie ein besseres Waschbecken aus
Stein, im Boden versenkt, diente aber nicht zum Wäschewaschen, sondern
zum Kochen. Die Bewohner Irlands in der Jungsteinzeit erhitzten
angeblich Steine im offenen Feuer, füllten das Becken mit Wasser,
warfen die glühheißen Steine hinein und Fleischstücke dazu und nach
einiger Zeit war das Wasser immer noch heiß, das Fleisch aber gekocht.
Solche Feuerstellen finden sich im Westen Irlands in großer Zahl.
Gleich oberhalb der Straße soll noch eine weitere sein, lese ich aus
meiner Karte heraus. Es gibt allerdings auch Leute, die nicht glauben
können, dass die Menschen damals so umständlich gekocht und ihr
Fleisch nicht einfach auf einen Spieß gesteckt und gebraten haben. Wie
auch immer, sehr eindrucksvoll sind diese Reste nicht. Nahe der Straße
erkenne ich außerdem mit viel Phantasie ein viereckiges Gemäuer, das
eine Kirche gewesen sein soll.
Ereignislos fahre ich bis zum Black Head weiter, verpasse
die schmale Zufahrt zum Leuchtturm und halte auch in Fanore nicht an. An
einer Straßenkreuzung biege ich links ab, fahre entlang des Caher
Flusses durch schöne Berglandschaft bis zu einer Brücke über den Bach. Laut
Plan vor Hyland´s Hotel soll sich dort ein verlassenes Dorf finden,
davon sehe ich weit und breit nichts. Als ich ein Auto mit spanischem
Kennzeichen geparkt sehe, halte ich an, wandere einen Fahrweg nach
Süden, sehe auf einer Wiese südlich des Baches einige
unidentifizierbare Steinhaufen. Laut Plan soll das Dorf allerdings
nördlich des Baches sein. Ich kehre um, als ich einen Wegweiser sehe,
der den Fahrweg als Teil des Wanderweges durch den Burren ausweist. Zum
Auto zurückgekehrt finde ich einen alten Mann, der mir unaufgefordert
einen Fualacht Fladh zeigt, eine der frühzeitlichen Kochstellen. Da frage ich ihn nach dem verlassenen
Dorf. Ja, sagt er, den Weg könne er mir schon beschreiben. Zuerst aber
müsse ich die kleine Kapelle von Fermoyle besuchen. Zwei Kilometer soll
ich weiterfahren, dann einen Hang emporsteigen zu einem Gestrüpp und
mich nicht täuschen lassen. Im Gestrüpp verborgen, da sei sie zu
finden, die Kirche. Und das Dorf . ... er beschreibt mir den
Weg.
So mache ich mich auf zur Kapelle von Fermoyle. Eine der
vielen kleinen Kirchen finde ich, an abgelegenen Stellen angelegt, damit
die britischen Truppen sie nicht finden und zerstören können. Kaum
mehr als 6 Meter im Quadrat misst die Kapelle, mit einem massiven
Steinklotz in der Mitte, der wohl als Altar diente. Vor der Kirche
versammelten sich die Gläubigen, nachdem sie Wachposten aufgestellt
hatten, damit die Briten sie nicht beim Gottesdienst aufstöberten.
Denn den katholischen Glauben versuchten die fremden Besatzer mit allen
Mitteln auszurotten, ohne dass es ihnen gelang, wie wir wissen. Aber wie
viele Menschen fielen den Verfolgern zum Opfer, wie viele Priester
wurden umgebracht!
Zur Straße zurückgekehrt, fahre ich ein Stückchen
weiter, halte bei einem Fahrweg aufwärts zu einem Gehöft. Von diesem
aus kann man weglos aufsteigen zum verlassenen Dorf Caherbeannagh,
dem Fuchsheim auf deutsch. Falls jemals Füchse aus diesem Dorf
vertrieben wurden, sie haben letztlich gesiegt und sind zurückgekehrt. Traurig ist´s, ein
ganzes Dorf in Ruinen zu sehen, ein verlorenes Dorf, eines von vielen im
Burren. Deutlich erkennbar sind die Ruinen von 7 oder 8 Wohnhäusern und
die Reste von Schuppen und Ställen. Wann das Dorf aufgegeben wurde, ob
die Bewohner wegzogen, auswanderten oder einfach während der großen
Hungersnot starben, wer weiß? So vieles in der Geschichte eines Volkes
geht verloren, der wahren Geschichte. Nur die Taten der Führer und
Feldherren bleiben erhalten, tote Fakten, an das Schicksal der einfachen
Menschen erinnert sich keiner.
Einen Kilometer weiter komm´ ich zu einer
Straßengabelung. Ein Fußweg zweigt hier ab, einer der alten Pfade,
die, unbenutzt heutzutage und nur stellenweise noch im Gelände
erkennbar, früher das Land verbanden, die Orte und Klöster, zwischen
denen Menschen mit ihren Tragtieren wandern konnten. Nach Corcomroe oder
Ballyvaughan führt dieser Weg noch heute, wenn ich die Karte richtig lese, nach
Corofin und vielleicht bis Lisdoonvarna konnte man von hier aus wandern.
Was gäbe es hier in der Gegend nicht alles zu sehen: die Ruine einer
Shebeen, eines jener
geheimen Wirtshäuser, in denen selbstgebrannter Schnaps verkauft wurde,
strafbar die Erzeugung, strafbar der Verkauf. Und noch mehr: eine ganze
Anzahl prähistorischer Ringforts mit romantischem Namen: Lismacsheedey,
Lisnagat, Lismacteigue. Aber auch die Ruine der Kirche von Rathborney
könnte ich erwandern: eine Kirche, gebaut in ein heidnisches Ringfort
mit einem heiligen Brunnen daneben, der immer noch Wasser spendet in
dieser wasserlosen Gegend, in der die Flüsse in Spalten versiegen und
Kilometer weit entfernt wieder zum Vorschein kommen, manchmal heilende Quellen
bildend, die nach dem Volksglauben allerlei Unbill beseitigen.
Und würde ich weiterfahren, ich käme in den kleinen Ort
Toomaghera, nett anzusehen und mit schrecklicher Geschichte. 1831 kamen
5 Büttel der Briten nach Toomaghera und nahmen den Dorfschmid fest,
unter windigen Vorwänden, in Wahrheit, weil er an einer katholischen
Messe teilgenommen hatte, er und ein Spitzel der Briten. Die
unbewaffneten Dörfler liefen zusammen und verlangten die Freilassung
des Schmieds.
Um sie abzuschrecken, erschossen die Polizisten im Getümmel einen aus der Menge,
irgendeinen, den erstbesten. Da fielen die Dörfler über die
Büttel her mit Steinen, Prügeln und mit ihren Fäusten und am Ende
blieben 5 tote Britenbüttel auf der Walstatt.
Niemand legte Zeugnis ab gegen einen der seinen in der
nachfolgenden gerichtlichen Untersuchung, und so suchte sich die
Obrigkeit eben einen aus und verurteilte ihn zum Tode wegen Mordes. Im
Zentrum Toomagheras hängten sie ihn an einem eigens errichteten Galgen,
zur Abschreckung in Anwesenheit der Frauen und Kinder des Dorfes. Das
ist britische Gerechtigkeit im Jahre 1831. Im Jahre 1988 wurden mitten
in Gibraltar am Mittag 3 unbewaffnete Zivilisten von maskierten
Männern erschossen. Augenzeugen erzählten später, wie alle drei auf
einmal umfielen und einer der Maskierten sich über einen schon am Boden
Liegenden beugte, um ihm den Rest zu geben. Unerkannt entkamen die
Maskierten, kein Wunder, waren es doch Angehörige einer Sondereinheit
der britischen Armee. Die Mordopfer seien im Verdacht gestanden, einen
Anschlag auf Einrichtungen der britischen Krone vorbereitet zu haben.
Das war´s. Das versteckt sich hinter James Bonds Lizenz zum Töten.
Zum Begräbnis von Mairead Farrell, Sean Savage und Danny
McCann auf dem Milltown Friedhof in Belfast erschien auch Michael Stone.
Ihn hatte eine protestantische Splitterorgananisation mit Pistole und
Handgranaten ausgestattet. Während die Särge in die Gräber
hinabgelassen wurden, warf Stone mehrere Handgranaten in die
Trauergemeinde. Mindestens 60 Personen, Männer, Frauen und Kinder,
wurden durch Granatsplitter, den Luftdruck und durch Gesteinstrümmer
teils lebensgefährlich verletzt. Als Stone zum wartenden Fluchtauto
rannte, wurde er von empörten Trauergästen verfolgt. Auf seinem Weg
drehte er sich mehrmals um und schoss auf die Verfolger. Drei von ihnen
brachte er um, ehe er überwältigt und von der empörten Menge halb tot
geprügelt wurde. Von der Untat existieren Fernsehaufnahmen. Stone wurde
mit seiner Tat zum Helden der protestantischen Terroristen, zur Legende.
Der Richter verurteilte ihn zu insgesamt 700 Jahren Gefängnis und
wünschte sich, Stone solle "wirklich lange" eingesperrt bleiben.
Damit
ist die einmal begonnene Spirale der Gewalt noch nicht zu Ende. Beim
Begräbnis der drei von Stone ermordeten Männer gerieten zwei britische
Soldaten in Zivil mit ihrem Auto versehentlich in den Trauerzug, wurden
erkannt, aus dem Auto gezerrt und verprügelt, ehe sie von der IRA
entführt und in
einer Schottergrube am Stadtrand von Belfast erschossen wurden. Zeugen
des Vorfalls sagten nachher aus, die beiden Soldaten hätten laut um ihr
Leben gebettelt.
Held Michael Stone brachte es im Gefängnis bis zum
Sprecher seiner Terroristenkollegen. Ende Juli 2000 wird dieser
Mörder, so wie alle anderen politischen Mörder in Nordirland auch, in
die Freiheit entlassen - als einer der letzten, aber das ist wenig
Trost. An den Herrn Michael Stone sollte man denken, wenn wieder einer
von den Terroristen der IRA daherredet. Jedes Leben ist gleich teuer,
das Leben von Katholiken und das Leben von Protestanten, oder?
Sogar Fluchsteine könnte ich mir ansehen in der
Gegend. Immer findet man sie in der Nähe von Kirchen. Denn um zu
verfluchen, musste man vorher fasten und die Messe hören und dann die
Steine im Uhrzeigersinn in die Richtung drehen, in der man den zu
Verfluchenden vermutete und dabei musste man eine Fluchformel sprechen.
All das sehe ich nicht. Ich weiß, all das könnte ich
sehen, Dinge, die ich noch nie gesehen habe. Doch nie hat man alles
gesehen, immer noch gibt es Dinge, die man sich vorbehält, beim
nächsten Mal, vielleicht ...
Nach Fanore zurückgekehrt, geht es auf der Küstenstrasse
weiter, nicht gerade entlang der Küste, sondern im Durchschnitt 1,5
Kilometer landeinwärts durch eine kaum bewohnte Gegend. Nur an einigen
wenigen Häusern komme ich vorbei, dem unvermeidlichen Gasthaus mit
Postamt vor allem. Schließlich komme ich nach Doolin.
Dieser kleine Ort ist ein Phänomen. Es gibt Urlauber, die
fliegen nach Galway und fahren von da gleich direkt nach Doolin. Der Ort
gehört zur Gaeltacht, wo auch im täglichen Verkehr Irisch gesprochen
wird. Noch vor einigen Jahren war Doolin ein Geheimtyp für Eingeweihte,
denn in den drei Pubs des Ortes gab es fast täglich folk music zu
hören. Die Einheimischen waren unter sich und die wenigen Ausländer
störten nicht weiter. Das hat sich in den letzten Jahren geändert. In
Gus O´Connors Pub hört man angeblich immer noch die beste Musik. Ich
höre keine, denn ich bin nicht wegen der Musik gekommen, sondern wegen
der Fähre zu den
Aran-Inseln.
Manchmal lohnt es sich, Morgenmensch zu sein. Ich bin
rechtzeitig für die erste Überfahrt (um 10 Uhr) nach Inishmaan, der
mittleren der drei Inseln. Lange schon wollte ich die Inseln besuchen
und habe mich für diese Insel entschieden. Die Fahrt dauert
tatsächlich nur 20 Minuten, so man Glück hat. Hat man keines, gibt es
keine Fahrt: die stürmischen Winde lassen es auch im Sommer oft geraten
erscheinen, von der Fahrt abzusehen. Insofern kann man sich auf die
Kapitäne der Fährboote verlassen, sie nehmen kein unnötiges Risiko
auf sich, obgleich sie gegebenenfalls auch keine Einnahmen haben.
Was einem spätesten beim Aussteigen auffällt, ist einerseits
die absolute Baumlosigkeit und andererseits die Steinigkeit der
Landschaft. Wohin man blickt: Stein. Trockenmauern aus grauem Stein
überziehen die Insel wie die Körper sich windender Schlangen, in den
vergangenen Jahrhunderten aufgeschichtet. Sie trennen einerseits
Grundstücke voneinander, aber sie dienten auch zur Ablagerung der
Steine, die auf den Feldern aufgesammelt wurden. Was sich Feld nennt,
ist in vielen Fällen auch grauer Fels, bedeckt mit einer dünnen
Schicht Erde. Und diese Erde ist kein gewöhnlicher Humus, sondern ein
manuell herbeigeschafftes Gemisch aus Sand vom Strand und zerstampftem
Seetang, der mit Glück zu einer Art Erde verwittert und den Anbau von
Gras und ein wenig Gemüse erlaubt.
Auf Inishmaan leben etwa 200 Leute ständig. In hohem Maß
sind sie von den Touristen abhängig; reichen die Einnahmen aus dem
Fremdenverkehr nicht aus, gibt es wenig Möglichkeiten, Geld zu
verdienen. Von der Landwirtschaft allein kann keiner leben.
Der Pier ist in den letzten Jahren neu gebaut worden. Die
Insulaner sind geteilter Meinung. Die einen sagen, man habe auch ohne
die Fremden Jahrhunderte auf der Insel sein Auskommen gefunden (aber
welches?) und die anderen sehen scheelen Auges auf den
Wirtschaftsaufschwung der größeren Schwester Inishmor. Erst in den
letzten Jahren hat sich Inishmaan auf seinen größten Propagandisten
zurückbesonnen: auf John Millington Synge. Seit August 1999 kann man
dank der Bemühungen einer Nachfahrin der Familie, die Synge
beherbergte, das von ihm bewohnte Haus wieder besuchen. Synge hat
Inishmaan 1898 zum ersten Mal besucht und ist in der Folge viele Jahre
hindurch jeden Sommer wiedergekommen. Das weiß gekalkte und mit neuem
Strohdach versehene ehemalige Wohnhaus der Familie Mac Donagh ist innen
mit zeitgenössischen Möbeln eingerichtet und gibt einen einigermaßen
wahrheitsgetreuen Einblick in die damaligen Lebensumstände einer der
reicheren Familien auf der Insel. In einem Nebentrakt findet sich eine
kleine Ausstellung über Synge, aber auch über seine Beziehungen zu
Yeats und Lady Gregory und die Geschichte des von ihnen wiederbelebten
irischen Theaters.
Anderswo hat durchaus der Fortschritt Einzug gehalten:
Strom und Telefon ist ebenso vorhanden wie einwandfreies Trinkwasser.
Ja, es gibt sogar eine kleine Textilfabrik, in der mit
computergesteuerten Maschinen die echten Aran-Pullover hergestellt
werden, die an Ort und Stelle auch gleich mit diversen Firmennamen
versehen werden, je nach Besteller. Wer glaubt, dass da noch etwa die
Wolle der Inselschafe verstrickt wird, der irrt gewaltig.
Neuseeländische Schurwolle und Alpacawolle aus Peru darf es sein, die
internationale Kundschaft will es fein. Nach wie vor gibt es allerdings
einige Frauen, welche die komplizierten Muster mit der Hand stricken,
das sind dann die echten handgestrickten Aran-Pullover zum Unterschied
von den echten Aran-Pullovern und zum Unterschied von allen anderen
Pullovern, deren Hersteller irgendwo einfach die traditionellen Muster
verwenden. So einfach ist es.
Auch die traditionellen Currachs werden noch verwendet. Die
Bespannung ist nicht mehr aus geteertem Leinen, sondern aus
Kunstfaserfolie, aber die Boote wirken noch immer so zerbrechlich wie
auf den alten Fotografien. Heutzutage ist ein Außenbordmotor vorhanden
und die Ruder werden nur mehr benutzt auf den ersten Metern vom Strand,
wenn das Wasser noch nicht tief genug für den Motor ist. Der Motor mag
zwar das Leben leichter machen, aber er macht es nicht weniger
gefährlich: die Strömungen sind tückisch und das Wetter schlägt
schnell um. Was ein Fischer zu Synge sagte, gilt noch heute: "Ein
Mann, der das Meer nicht fürchtet, wird bald ertrinken, denn er wird
ausfahren, wenn er an Land bleiben sollte. Aber wir, die wir das Meer
respektieren, wir werden nur selten ertränkt."
Eigentliche Straßen gibt es keine auf der Insel, wohl aber
Autos und Mopeds. Sie sind nicht unbedingt nötig, denn die Insel ist
bloß 5x3 Kilometer groß. Fahrräder sind nützlich, denn man kommt
doch schneller voran. Dun Conor kann man besuchen, ein Hügelfort. Seine
Mauern sind stellenweise heute noch 6 Meter hoch - und sie sind nicht
rekonstruiert aus einem Steinhaufen. Man sagt, es sei von den Firbolgs
gebaut worden, einem der Stämme der Vorzeit, der sich vor späteren
Invasoren auf die Inseln zurückzog und von den Hügelforts auf
Innishmaan und Innishmore aus zum letzten Gefecht antrat. Die
Wissenschaft sagt anderes, aber wer vor dem Fort steht und auf die Insel
zu seinen Füssen blickt, möchte gerne der romantischen Sage glauben.
Zu schnell vergeht der Nachmittag, um 17 Uhr bin ich wieder
in Doolin.
Dort ist inzwischen schon ein wenig mehr los. Die Pubs
haben geöffnet. Schon von weitem höre ich allerlei Gesang aus der
offenen Tür von O´Connors Pub. Der Gesang ist nicht gerade irisch,
kein Wunder, der Ort geht über von Rucksacktouristen aus Amerika. Aber
als mich eine Dame anspricht, gebe ich weise Antwort und zeige den Weg
zu einer Jugendherberge, an der ich vorbeigekommen bin.
Von Doolin aus geht es weiter nach Süden, zu den Cliffs of
Moher. Vom Parkplatz aus geht man über eine Wiese, folgt einem Fußpfad
und steht unversehens vor einer Reihe senkrecht aufgestellter
Steinplatten. Dahinter fallen die Klippen nach einigen Metern Wiese
stellenweise an die 200 Meter senkrecht ab. Ich wandere zum O´Brien´s
Turm, von dessen Fuß man die beste Aussicht hat. Am Abgrund weht ein
derartiger Wind, dass die Möwen Schwierigkeiten haben, zu ihren Nestern
in der Wand der Klippen zu gelangen, denke ich. Die Felsen sind weiß
gesprenkelt, von Vogelkot und von Vögeln, die dort ihre Nester haben.
Unten stürmt der Atlantik gegen die Felsen und ich habe fast den
Eindruck, er lässt die Felsen zittern unter der Wucht des Anpralls der
Wassermassen. Aber das denkt wohl nur eine phantasievolle Landratte wie
ich, die sich zum echten Klippenrand ohnehin nicht vortraut.
Auf dem Rückweg fahre ich nochmals durch Doolin. Der
Betrieb hat sozusagen zugenommen, es schaut aus, als bekäme man etwas
geschenkt. Nichts für mich, ich fahre nach Ballyvaughan zurück in die
von mir verursachte Unordnung meines Zimmers bzw. meiner
Siebensachen und esse Schaf mit Currysauce, damit das Schaf nicht so
nach Schaf schmeckt.