MONTAG, 29. Mai 2006

 

Am Morgen fahre ich nach Achill, überquere dort den Achill Sound und halte auf dem Parkplatz des Hotels. Über die Straße gehe ich, zu einer Reihe von eher schäbigen Gebäuden, bis hin zum Railway Hostel. Dies ist das ehemalige Bahnhofsgebäude der Eisenbahnlinie von Newport nach Achill. Sogar die Bahnsteige sind noch erhalten. Auch diverse Magazine und einen Unterstand für Lokomotiven gibt es noch zu sehen, wenngleich in unterschiedlichen Stadien des Verfalls.

Seit 1937 ist diese 1894 eröffnete Linie Geschichte. Ihre Bedeutung zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist nicht zu unterschätzen: der Landbevölkerung wurde erstmals ein einigermaßen preiswertes Verkehrsmittel angeboten, um das abgelegene Achill verlassen zu können und um Vieh und Getreide transportieren zu können. Mit der Errichtung akzeptabler Straßen und von Autobusverbindungen war die Linie aber nicht mehr lebensfähig – wirklich rentabel war sie ohnehin nie, bedingt durch die geringe Bevölkerungsdichte entlang der Linie.

Sowohl der erste als auch der letzte Zug auf der Strecke transportierte die Leichen von Verunglückten, kein gutes Omen von Anfang an. 1984 wurden mit dem ersten Zug die Leichen von 10 jungen Männern nach Achill befördert, welche bei einem Bootsunglück in der Clew Bay ums Leben gekommen waren. Und der letzte Zug überführte Leichen junger Männer aus Achill, die sich ihr Brot den Sommer über in Schottland verdienten und dort bei einem Hausbrand ums Leben kamen.

Von den Toten kündigt ein Grabdenkmal in Achill; von der Eisenbahnlinie sieht man auf der Fahrt nach Mulranny und dann weiter östlich nach Newport gelegentlich noch Spuren der Eisenbahntrasse und einige Brückenfundamente. Die Geleise selbst und das Schotterbett sind längst anderweitig verwendet worden. Und in Newport ist der alte Bahnhof oberhalb des Ortes noch in den Grundzügen erhalten, sogar die Bahnsteige gibt es noch inmitten von Gemüsebeeten. Den Bahnhof sieht der Reisende nicht von der Hauptstraße; unübersehbar und sozusagen das Wahrzeichen von Newport ist jedoch die alte steinerne Eisenbahnbrücke, deren Entfernung zu aufwändig gewesen wäre.

Kurz vor Mulranny biege ich auf einer schwer einsichtigen Kreuzung nach Norden auf die N59 ab, die nach Bangor (manchmal als Bangor Erris bezeichnet) durch eine Landschaft führt, die man, je nach Gemütslage, entweder als traurige Einöde oder als von grandioser Erhabenheit bezeichnen kann. Was die Qualität der Straße betrifft, gibt es auch andere Bezeichnungen ….

Bangor ist eigentlich bloß eine Straßenkreuzung mit ein paar Häusern. In einem Cafe kaufe ich mir einen Mug of Coffee und folge dann den Wegweisern nach Ceide Fields bzw. Ballycastle (die Straße zweigt westlich des Ortes nach Norden ab und ist drittklassig.

Ich habe mir mit der Beschreibung der Ceide Fields immer schwer getan. Ich weiß schon, dass hier eine der wichtigsten archäologischen Fundstellen steinzeitlicher Artefakte zu finden ist, aber das Problem für mich ist, dass man davon so wenig sieht und dass es nicht nur mir so geht. Deshalb hat man vermeint, den fantasielosen Besuchern durch eine entsprechende Ausstellungsgestaltung helfen zu müssen und herausgekommen ist eine Art Disneyworld.

Fakt ist: Dort, wo sich heute das Ceide Fields genannte Moor erstreckt, haben vor über 5500 Jahren Menschen gewohnt, die ihre Felder mit Steinmauern voneinander abgrenzten. Sie wohnten in Holzhäusern, deren Wände möglicherweise aus geflochtenen Weidenzweigen mit Lehmbewurf bestanden. Infolge einer Änderung des Klimas gaben sie ihre Siedlung auf. Ihre Felder wurden im Lauf der Jahrtausende von einer teils mehrere Meter dicken Schicht Torf bedeckt. Von den Siedlern heißt es, sie seien woanders hingezogen. Wohin, weiß keiner. Wer sie waren, woher sie kamen, welche Sprache sie sprachen, an welche Götter, wenn überhaupt, sie glaubten, weiß auch keiner. Da sich weder Leichen noch überhaupt organische Überreste von Menschen und Tieren erhalten haben, weiß auch niemand, ob diese Menschen überhaupt Vorfahren der heutigen Iren waren oder ausgestorben sind, ohne Spuren in der Erbsubstanz zu hinterlassen.

Der Verlauf der von ihnen gebauten Feldmauern lässt sich insofern für Fachleute gut nachvollziehen, weil die ohne Mörtel errichteten Mauen zwar im Lauf der Zeit in sich zusammengefallen, die Steine aber noch vorhanden sind. Man muss dort bloß mit langen Stangen durch die Torfschicht bis auf den Mutterboden stoßen und messen, wie weit die Stange jeweils eintaucht. Die alten Mauern zeigen sich durch Erhebungen tief unter der Erdoberfläche. Stößt man oft genug mit genug Stangen in den Boden, lässt sich der Verlauf der Mauern feststellen. Diese kann man in eine Karte einzeichnen – das freut die Fachleute. Die Besucher weniger, denn sie sehen bloß ein Torfmoor und hören Erläuterungen durch den Führer oder die Führerin. Um wenigstens ein wenig die Fantasie zu beflügeln, hat man an einigen Stellen den Torf abgegraben: schaut man in die Grube, sieht man einen einigermaßen gerade verlaufenden Steinhaufen – die alte Mauer.

Und von den Häusern haben sich überhaupt nur die Pfostenlöcher der Balken erhalten, mit denen die Häuser errichtet waren. Nicht der Pfosten, wohlverstanden, sondern bloß eine rundliche Verfärbung im Boden.

In solchen Fällen baut man ein Museum – ein gelungenes Beispiel moderner Architektur übrigens, scheint mir. Aber leider, mangels Fundstücken gibt es dort nur Rekonstruktionen, teils eher kindlicher Natur, und einige Fotos von draußen, damit die Besucher was davon haben, wenn die Wege draußen in grundlosem Schlamm versinken. Können Sie auch haben, hier.

Infolgedessen fahre ich nach kurzem Blick auf die grandiose Klippenlandschaft und einem Abstecher zur Rosserk Abbey. Sie ist weit besser erhalten als die nahe gelegene Moyne Abbey, die auch seltener besucht wird, führt doch ein längerer Fußmarsch durch die Hinterlassenschaften zahlreicher Rindviecher.

Über Ballina will ich mich weiter nicht auslassen – mir ist sie nur als Stadt eines seit Jahrzehnten andauernden Verkehrschaos in Erinnerung.

Den Abend verbringe ich in friedlich in Leenane.

Zum Inhaltsverzeichnis

Zum 9. Reisetag

 

Post

Erstellt am 15. Juni 2006

© 2006   www.lausch41.com
 IMPRESSUM  |  RECHTLICHES