Samstag. 29. Mai 2004

 

Am Morgen Aufbruch vom B&B in Gort. Auf der breiten Hauptstraße und über den dreieckigen Hauptplatz fahre ich nach Norden, aber nicht weit, denn dieses Jahr lasse ich mir einen Besuch im Coole Park nicht entgehen.

Ob man den Coole Park als Sehenswürdigkeit bezeichnen soll, darüber kann man verschiedener Meinung sein. Einst stand hier ein Herrenhaus, das der irische Staat (bzw. die verantwortlichen Beamten) in einem Augenblick vorübergehenden Wahnsinns 1941 niederreißen ließ. Schade drum, denn das Herrenhaus war der Wohnsitz der Lady Gregory, Gastgeberin einer illustren Schar irischer Dichter, von Synge bis Yeats. Auch Lady Gregory war eine interessante Person. 1852 im Roxborough House an der Straße nach Loughrea geboren, entstammte sie einem ursprünglich englischen Adelsgeschlecht, das seit Cromwells Zeiten in Irland  ansässig war. Aber auch das Roxborough House ist heute nicht mehr zu besichtigen, da im Irischen Bürgerkrieg angezündet und abgebrannt. Mit 29 Jahren heiratete sie den Diplomaten William Gregory, dem Coole Park gehörte. Als ihr um 34 Jahre älterer Ehemann gestorben war, führte sie ein großes Haus. Bei ihr ist praktisch die ganze Schar irischer Dichter und Schriftsteller regelmäßig zu Gast gewesen

Der neben Shaw bedeutendste der Gäste, Yeats, verdankt Lady Gregory sehr viel. Er und die 13 Jahre ältere Lady trafen sich 1898 zum ersten Mal und im Lauf weiterer Treffen entstand die Idee eines Irischen Theaters. Mit ihrem Origanisationstalent und seiner Dichtung "The Countess Cathleen" erfolgte schon 1899 die erste Aufführung des Irish National Theaters, ein heute schwer lesbares gestelztes Versdrama, das nicht zu seinen größten Werken zählt. Sie ihrerseits produzierte kleine Einakter zur Erheiterung des Publikums, weniger gestelzt, aber auch mit Recht vergessen. 1907 wurde dann in Dublin das Abbey Theater gebaut und die Institution erhielt damit ein eigenes Gebäude, das noch heute bespielt wird. Wichtig an diesen damals produzierten Theaterstücken ist die andere Sichtweise der irischen Lebensart: die Abkehr von der Darstellung der Iren als Trunkenbolde und Dummköpfe, romantisch gesinnt, aber unfähig zu selbständigem Handeln. Groß geratene Kinder halt, denen man dann und wann auf die Finger klopfen muss, wenn sie zu übermütig werden. Genau das ist die geistige Haltung, welche der protestantischen Oberschicht vielfach gemein war.

In den einst viel gelesenen Romanen der weiblichen Lebens- und Dichtergemeinschaft Somerville & Ross zeigt sich diese Auffassung deutlich.

Lady Gregory, die auch dieser Gesellschaftsklasse entstammte, war die rühmliche Ausnahme. Dem Theaterpublikum sollte der Spiegel der irischen Geschichte vorgehalten werden, um ihnen klarzumachen, dass Irland eine eigene nationale Entität ist, so wie das auch Sinn Fein propagierte.

In der Erinnerung verbleibt sie vor allem als Herausgeberin des 2-bändigen Werkes <Irish Mythology>, das auch heute noch neu aufgelegt wird und einen reichen Schatz an Erzählungen aus der gälischen Mythologie festhält. Übrigens hat der Dichter Yeats zu beiden Büchern das Vorwort verfasst, in dem er festhält, das Buch sei das Beste, das zu seiner Zeit in Irland geschrieben worden sei. Das ist wohl nicht so ironisch gemeint wie es klingen mag, aber auch nicht ganz ernst zu nehmen, bedenkt man die Rolle Lady Gregorys als finanzielle Unterstützerin einer Reihe irischer Dichter. Dennoch könnte man viel schreiben über die Ansicht Yeats, der diesen Satz zwar zu Anfang des Jahrhunderts schrieb, aber zu seinen Lebzeiten auch die Publikation von Ulyesses von James Joyce im Jahre 1922 miterlebte.

Charakter und Eigenheiten der vielen Arten von Feen Irlands sind in diesem Werk genauestens beschrieben. Gelesen wird das Buch heute selten; die eifrigsten Leser sind, glaube ich, die Autoren von Fantasy-Büchern (Sie wissen schon, Märchen für Erwachsene), die im reichen irischen Sagenschatz eine unerschöpfliche Fundgrube an Figuren und an wohlklingenden Namen finden. Die Sidhe sind zum Beispiel besonders nett und hilfsbereit, sofern man ihnen täglich am Abend eine Schale Milch vor’s Haus stellt. Dass diese Schale nicht bloß für die Hauskatze bestimmt ist, würde allerdings keine von Ihren Zimmervermieterinnen zugeben. Manchmal sind die Sidhe übermütig und spielen den Menschen einen Streich. Auf Touristen sollen sie es besonders abgesehen haben. Dass Sie bei ihrer Urlaubsreise nicht immer dorthin kommen, wo Sie hinwollen, verdanken Sie nicht etwa verdrehten oder übersehenen Wegweisern, sondern den Sidhe. Gefeit sind Sie nur, wenn Sie schon Schuster in der 7. Generation sind, oder ihre Jacke verkehrt anziehen, das Futter nach außen. Viel häufiger werden Sie auf die Leprechauns treffen, kleine grüne Männchen, meist in Souvenirgeschäften heimisch. Sobald Sie das erste gesehen haben, werden Sie wissen, was ich meine.

Gleichsam als Dank für ihre Gönnerin haben die Herren Dichter im Park in die Rinde des heute so genanten Autograph Tree ihre Namen eingeritzt, Shaw, Yeats, Douglas Hyde, Violet Martin und viele andere.

Zu diesem heute eingezäunten Baum treten alle Besucher des Parks von Coole und stehen da, betrachten die schwer lesbaren Namen und denken, sie stünden in den Fußspuren großer oder zumindest bedeutender irischer Dichter und Schriftsteller, von denen es einer, Douglas Hyde, es zum ersten Staatspräsidenten des unabhängigen Irlands brachte. Violet Martin ist übrigens die Dame, die in der Lebens- und Dichtergemeinschaft Sommerville und Ross als Ross fingiert.

Und warum wurde das Herrenhaus demoliert? Weil ein Baumeister die schön behauenen Steine begehrte. Verschwunden ist damit nicht nur das Haus an sich, sondern auch dessen Einrichtung, die zum Teil noch auf einen Gregory zurückging, der im 17. Jahrhundert lebte. Bemerkenswert nicht nur als Vorfahre und Kunstsammler, sondern auch, weil er sich als reifer Mann in ein Schulmädchen verliebte, sie als Knabe verkleidete und in einem abseits gelegenen kleinen Haus auf dem Gut unterbrachte, bis sein Vater starb und er das Mädchen heiraten konnte.

Übrigens hat Yeats auch über die Schwäne auf dem Coole Lough ein Gedicht geschrieben, <The Wild Swans of Coole>, das ich Ihnen erspare, das Sie aber bei Interesse u. a. im Internet lesen können.

Als Ersatz für die Besichtigung des nicht mehr vorhandenen Herrenhauses samt Inhalt gibt es in einem ehemaligen Nebengebäude eine für Interessierte recht ansprechende Ausstellung. Am sozusagen frühen Morgen, als ich vorbeikomme, ist alles natürlich noch verschlossen.

Und weil ich schon von Yeats schreibe, besuche ich gleich auch noch den als „Yeats Tower“ ausgeschilderten Thoor Ballylee einige Kilometer nordöstlich von Coole Park. Das ist ein ursprünglich mittelalterlicher Wohnturm, den Yeats 1917 für wenig Geld zwar, dafür aber mehr als halb verfallen, kaufte und bis 1920 fertig restauriert hatte. Dort wohnte er mit Unterbrechungen mit seiner Frau George bis 1927, worauf beinahe eintrat, was Yeats in einem Gedicht vorausgesehen hatte und auf eine Metallplatte am Fuß des Turms eingravieren ließ:

„………..
And may these characters remain
When all is ruin once again.“

 Dazu ist es indessen nicht gekommen. Der Turm kann besichtigt werden – es herrscht zwar nicht gerade ein Ansturm von Besuchern, aber 2 bis 3 Autos stehen immer auf dem benachbarten Parkplatz. Vom kleinen Bach aus, an dem der Turm steht, kann man – mit Weitwinkelobjektiv – besonders am Morgen, wenn die Sonne richtig steht und die Turmfassade bescheint, ein hübsches Erinnerungsfoto machen.

In dem kleinen Häuschen, das sich an den Turm anschmiegt, werden untertags Andenken und Bücher über Yeats verkauft. Den Turm selbst kann man besteigen. So wohnen wie Yeats mag zwar nicht komfortabel sein (das Klo ist ein simples Plumpsklo), doch in den Zwanzigerjahren hier zu wohnen, muss der Frieden auf Erden gewesen sein. Kein Radio, kein Fernsehen, keine Besucher, in Frieden mit sich selbst, der Frau, die man liebt und den Krähen, die den Gang zum Klo im zweiten Stock in ein großes Nest für die Nachkommen verwandelt haben, hier könnte ich schon leben.

Doch vielleicht ist das nur eine Illusion, hat es Yeats doch auch hier, wie gesagt, nur vorübergehend ausgehalten und nur unter der Bedingung eines umfangreichen Briefwechsels mit der Countess Markiewiecz aus Sligo und vielen anderen. Er hat hier seine Ruhe nicht gefunden, trotz treu sorgender Gattin, die sich als Medium betätigte, um den Gatten zufrieden zu stellen. Aber vielleicht tut man sich mit viel jüngerer Gattin halt schwer, wenn man 50 ist und zeit seines Lebens allerlei weiblichen Gestalten nachgelaufen ist, die einem dann nicht heiraten wollten, so etwa einer weiteren Gönnerin, Maud Gonne, ebenso wenig wie deren Tochter, Yseult, bei der er es dann, als diese "mannbar" war, ebenfalls probierte.

Danach fahre ich weiter nach Norden und mache in Galway einige Einkäufe Vorher  muss ich bei der Einfahrt in die Stadt allerdings alle paar hundert Meter einen Kreisverkehr überwinden, bei meiner und der Fahrweise der Iren ein ernsthaftes Unterfangen, das aber gelingt, wie Sie sehen.

Ich fahre nach Westen auf der N59 Richtung Clifden, der inoffiziellen Hauptstadt von Connemara. Am Wegweiser zum Aughanure Castle komme ich vorbei, einem nicht sehr schönen Wohnturm, ausgezeichnet durch einen Speisesaal mit einem Schacht im Boden, der in das Verließ darunter reicht, damit die hungernden Gefangenen an den Festmählern oben zumindest gedanklich teilhaben konnten.

In Maam Cross fahre ich nach Süden, biege nach ca. 10 Kilometern auf die R340 ab und nach weiteren 10 Kilometern in einer Straßenbiegung auf eine schmale, geradeaus weiterführende unbezeichnete Straße, einen asphaltierten Feldweg, würde man bei uns wohl sagen. Auf diesem fahre ich bis Cashel und dann weiter nach Toombeola, durch eine ganz eigenartige Moorlandschaft, mit verfallenen Häusergruppen und vereinzelten Schafen, menschenleer bis auf die Torfstecher, die ihrem Handwerk nachgehen. An der Straße und neben den Torfstichen die fein säuberlich zum Trocknen aufgestellten Torfziegel.

Diese Landschaft ist reizvoll, als ich bei Sonnenschein und nur ein paar kleinen Haufenwölkchen vorbeikommen, aber wie trostlos mag sie wirken bei Regen oder Nebel?

In Toombeola biege ich auf die Küstenstraße (R341) ab, auf der ich bis nach Roundstone gelange. Ich hätte an sich auch die kleine Nebenstraße nehmen können, die durch den Roundstone Bog führt, ein weiteres, ebenso schönes Hochmoor.

Der Ort ist nicht eigentlich alt; um 1820 wurde hier ein kleiner Hafen gebaut, von dem aus Fischerboote in See stachen. Mangels einheimischer Fischer wurden Fischer aus Schottland herübergeholt. Heute wird zwar immer noch gefischt, aber die großen Fangschiffe fahren von anderswo ab und so ist der Hafen zwar hübsch anzusehen und richtig pittoresk, aber auch recht unbelebt, um es so zu formulieren. Touristen interessiert das ohnehin nicht, sie wandern die einzige Straße von Roundstone entlang, oder setzen sich gleich auf die Terrasse von Eldon’s Hotel, trinken ein Bier und üben die Bedienung einer Bodhrán, einer kleinen Trommel mit nur einseitiger Bespannung, die aus der irischen Volksmusik nicht wegzudenken ist. In Roundstone werkt einer der bekanntesten Erzeuger dieses Musikinstruments. Details finden Sie bei Interesse hier.

Wie ich unverzüglich merke, schaut die Bedienung dieser Trommel zwar einfach aus, erfordert jedoch eine gewisse Übung. Fehlt diese, entsteht kein rhythmisches Trommeln, sondern schlicht und einfach – Lärm. Dem jungen Mädchen am Tisch nebenan fehlt es an Übung, das macht ihrer um sie herumsitzenden Sippe, dem Reden nach aus Großbritannien, jedoch überhaupt nichts aus – kein Wunder, wenn die Damen und Herren einschließlich Urgroßmutter tatsächlich alle die Biergläser gelehrt haben, die auf ihrem Tisch stehen.

So verkürzt sich mein Aufenthalt auf der Terrasse von Eldons Hotel auf das Minimum an Zeit, das ich brauche, um eine Tasse Kaffee zu trinken.

Auf der Weiterfahrt komme ich – kurz vor Clifden – am Hinweisschild zum Derrygimlagh Bog vorbei. Denkwürdig, aber nicht besichtigungswert ist dieses Moor deshalb, weil buchstäblich in ihm 1919 das Flugzeug von Alcock und Brown landete. Die beiden Herren hatten  damit die erste erfolgreiche Überquerung des Atlantik mit einem Flugzeug geschafft. Von der Straße führt ein fast 1,5 Kilometer auf schlechtem Weg durchs Moor, bis zu einem bescheidenen Denkmal, das den Anmarsch nicht lohnt, denke ich.

Clifden selbst würde hierzulande als Dorf bezeichnet, aber in Irland ist es eine Stadt. Und tatsächlich, in der Touristensaison ist es voll von Passanten, die in allerlei ausländischen Sprachen miteinander reden, denn Connemara gehört zur Reiseroute eines jeden anständigen Reiseveranstalters und damit auch Clifden – die schöne Moorlandschaft, durch die ich heute gefahren bin, ist dank schmaler Straßen für die großen Reisebusse tabu.

Am Schnittpunkt der 2 Hauptstraßen haben sie neuerdings ein Monument errichtet und eine Kurzparkzone haben sie auch in Clifden, und ein Einbahnsystem. Das ändert nichts daran, dass der Verkehr in der oberen Hauptstraße regelmäßig zusammenbricht, weil die Einheimischen nicht von der ihnen lieb gewordenen Gewohnheit lassen, immer vor jenes Geschäft oder Pub ihr Auto hinzustellen, in das sie gehen wollen, und sei es auch in sozusagen 3. Spur. Da wird dann gemächlich Lenker oder Lenkerin gesucht und nach einigen Minuten auch gefunden, erscheint aufgescheucht, fährt 10 Meter weiter und hofft, dass er oder sie diesmal ungehindert einkaufen etc. kann.

Aber alles in allem ist Clifden eine hübsche Stadt, schön anzusehen mit ihren in allen Farben des Regenbogens bemalten Häusern und Geschäftslokalen. Nur in die schmalen Seitengassen sollte man nicht gehen, dort schaut es anders aus, aber das tut ohnehin kein vernünftiger Tourist.

Von Clifden aus fahre ich auf der N59 nach Norden. Trotz der Kategorisierung  gleich die N59 streckenweise eher einem engen, unübersichtlichen asphaltierten Feldweg als einer Nationalstraße. Früher oder später sind auch diese widrigen Umstände Vergangenheit, ich erreiche die Kylemore Abbey.

Gebaut als bescheidenes Heim eines reich gewordenen Industriellen aus Manchester, ist dieser leibhaftige Albtraum neugotischer Baukunst inzwischen ein Kloster, dessen geschäftstüchtige Nonnen es verstanden haben, ihr Kloster zu einem Muss bei Touristen zu machen. Die Abbey finde ich so hässlich, dass sie fast schon wieder schön ist.

Heuer leiste ich mir, neugierig, wie es in der Abtei ausschaut, eine Eintrittskarte für teures Geld (9 Euro, aber schon ermäßigt für mich als senior citizen). Dafür darf ich ins Abteigebäude und insgesamt 5 oder 6 Zimmer mit angeblicher Originaleinrichtung besichtigen. Ich habe selten ein so gemütliches Heim gesehen wie dieses. Es ist zum Schreien.

Und es wird nicht besser, als ich die zur Abtei gehörige Kirche besuche, die ein wenig abseits steht und die mich, wie immer, an eine Schrumpfkathedrale erinnert; Sie wissen schon, man nimmt den Bauplan einer echten englischen Kathedrale und verkleinert fast alles um den Faktor 5, ausgenommen die Eingangstür und die Sitzbänke. Ich denke, ein wahrer Kunstgenuss.

Einigermaßen bescheiden ist bloß das Grab des Ehepaares, zu sehen links auf dem Weg zur Kirche.

Ich muss mich aber zu meinem Leidwesen zurückhalten, denn bereits mehrmals in den vergangenen Jahren bin ich von Lesern darauf hingewiesen worden, welch wichtiger Arbeitgeber die Abtei sei und welche Wohltat dadurch für die Bewohner der Gegend. Ich schreibe daher nur abschließend, die Kylemore Abbey ist ein schönes Beispiel, wie man eine Touristenattraktion erzeugt, was sage ich, eine Goldgrube für die Eigentümerin, ein christlicher Orden übrigens.

Weiter geht es anschließend nach Leenane, einem kleinen, hübschen Ort am Killary Harbour, den ich, weil es mir dort so gut gefällt, praktisch auf jeder Irlandreise besucht habe. Fast fühle ich dort beinahe heimisch, erkenne ich doch von einem zum anderen Mal einzelne Gesichter. Mehr noch, ich kann, da ich den Ort seit langem kenne, die Veränderungen sehen, welche ihn, wie ähnlich in ganz Irland, zum Besseren und zum Schlechteren verwandeln. Ich merke mit Bedauern die zunehmende Verhüttelung der Landschaft, wie man bei uns die Flut von Neubauten in einst ländlichen Gebieten bezeichnet. Andererseits sind die Lokale, bedingt durch den Fremdenverkehr, nicht mehr so hinterwäldlerisch wie früher, sie sind aber auch verwechselbar geworden.

Leenane verdankt viel dem Fremdenverkehr - und den Filmemachern. Nicht zuletzt dank dem Film „The Field“, der 1989 in Leenane bzw. der unmittelbaren Umgebung gedreht wurde. Die Wirtshausszenen wurden fast auschließlich in Gaynor’s Pub gedreht, gleich neben, nicht vor, der Tankstelle. Das Pub nennt sich daher seit damals auch „The Field Bar“. Das Cottage, in dem der männliche Hauptdarsteller im Film wohnte (Richard Harris) liegt am westlichen Ortausgang an der Straße nach Clifden. Das mit Mauern umgebene Grundstück, das Feld, das dem Film den Namen gab, liegt ca. 9 Kilometer nördlich an der Straße nach Westport, neben einer kleinen Brücke. Und der Wasserfall, vor dem sich der Hauptdarsteller und sein Mitbewerber um das Grundstück raufen, ist der Aasleagh Fall kurz vor der Einmündung des Erriff-Flusses in den Killary Harbour, der im Übrigen kein eigentlicher Hafen ist, sondern ein tief eingeschnittener Meeresarm.

Zu diesem Wasserfall fahre ich ebenfalls. Auf dem Parkplatz stehen zwei Wohnmobile von der Art, die grundsätzlich die engsten Straßen befahren und deren Lenker nicht schneller fahren wollen als 30 km/h.

Der Wasserfall, zu dem ich gehe, ist heuer ein wenig kümmerlich: die Trockenheit der letzten Wochen ist schuld daran.

Auf dem Rückweg begegne ich 2 Ehepaaren, die mit Wiener Dialekt reden und mich neugierig anstarren: Ist das der Wiener, der sein Auto neben unseren geparkt hat? Ich sage nichts, sie sprechen mich auch nicht an. So sind wir halt, wir Wiener, denn Wiener sind wir alle fünf, tragen doch beide auf dem Parkplatz abgestellten Ungeheuer Wiener Kennzeichen.

Ich entschließe mich wegen des schönen Wetters die Straße am Nordufer des Killary-Harbours zu nehmen, die nach etlichen Kilometern nach Norden abbiegt, nach Louisburg und nach Westport führend. Durch Delphi fahrend, das seinen Namen einem Spleen des damaligen Marquess of Sligo (trotz des Namens in Westport wohnhaft) verdankt, den es – schwer vorstellbar für Normalmenschen – an Delphi in Griechenland erinnerte, denke ich an die 600 Menschen, die von Louisburgh aus während der Großen Hungersnot auf der Suche nach Essbarem sich zum Jagdhaus des Herrn Marquess in Delphi schleppten. Dort wurden sie grob abgewiesen und dorthin zurückgeschickt, woher sie kamen. Das taten sie, aber nicht alle erreichten Louisburgh. Von den 600 Leuten, die in Louisburg zu ihrem Bittgang aufgebrochen waren, starben 400 von ihnen auf diesem Marsch infolge Auszehrung und Erschöpfung. Dem Herrn Marquess waren halt Pferdewetten wichtiger als das Wohl der Pächter, die seine Ländereien bewirtschafteten.

An diesen Marsch erinnert am Jahrestag der Ereignisse (heute) ein Gedächtnismarsch entlang des Doo Lough, den ich entlangfahren möchte. Angesichts der großen Zahl von Wanderern auf der Straße biege ich vom Doo Lough ab auf eine Seitenstraße zu den Sheefry Woods, die durch eine schöne, menschenleere Gegend führt, so einsam, dass ich beinahe glaube, ich sei allein auf weiter Flur. Südlich von Westport mündet die Straße dann in die Hauptstraße von Leenane nach Westport.

In Westport suche ich mir mit Hilfe des Tourist Board in der James Street beim Octogon ein B&B, und bekomme ohne Probleme ein Zimmer ein wenig außerhalb der Stadt. So mache ich denn am Abend noch einen kleinen Spaziergang durch diese hübsche Stadt, esse indisch bei einem Chinesen in der Bridge Street und lasse es mir danach in meiner Unterkunft gut gehen.

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Erstellt am 25. Juni 2004

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