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SONNTAG, 28. Mai 2006
Der Seat Ibiza steigt in meiner Wertschätzung: bringt man den Beifahrersitz und die Rückenlehne in eine der eigenen Größe angepasste Stellung, ist Schlafen im Auto weit bequemer als erwartet. Ich fahre zunächst nach Westport, gehe dort spazieren, fahre zum Westport House, nicht um es zu morgendlicher Stunde zu besichtigen, sondern einfach, um es von der Zufahrt aus zu fotografieren, aber daraus wird leider nichts: Westport House ist dachlos, mit einer Pawlatsche und Plastikplanen ist das Dachgeschoß abgedeckt, ein denkbar hässlicher Anblick. Des Aussehens willen wird 2006 wohl niemand Westport House besuchen. Ob man sich für teures Geld die Besichtigung der Innenräume antut, ist wohl nur nach persönlichen Interessen zu entscheiden: wer gerne sehen will, wie man zu Ende des 18. Jahrhunderts in irischen Herrenhäusern üppig lebte, derweil die Pächter in Erdlöchern wohnten, dem ist eine Besichtigung durchaus zu empfehlen. Ich habe mir das nur einmal angetan. Um 9 Uhr morgens öffnet der Supervalu auch an diesem Sonntag seine Pforten, ich kaufe ein paar Sachen ein und gehe dann ins angeschlossene Cafe hinüber, wo ich ein Big Breakfast verzehre. Big bedeutet, auf dem Teller mit Würstchen, Spiegelei und Speckstreifen findet sich auch je eine Scheibe Blut- und Leberwurst und ein Kartoffel-Wedge, ein frittiertes Dreieck aus geriebenen Kartoffeln eben. Toast gibt es auch, Kaffee oder Tee auch – Butter und Marmelade aber nicht. Und die gleichsam unvermeidlichen <Cereals> auch nicht. Das ganze für weniger als 7 €. Ist recht sättigend. Danach fahre ich weiter nach Newport mit seinem Eisenbahnviadukt (ohne Eisenbahn) aus rötlichem Sandstein. Newport ist klein, besteht eigentlich nur aus einer ansteigenden Hauptstraße und dahinter ein paar Wohnhäusern, teil in unterschiedlichen Stadien des Verfalls. Richtung Achill fahre ich weiter, tanke an der Statoil-Tankstelle am westlichen Stadtrand. Auf der Weiterfahrt sehe ich die Wegweiser zur Burrishole Abbey und zum Rockfleet oder Carrigahowley Castle. Die Abtei ist eine recht ansehnliche Ruine mit interessanter Geschichte, eine Besichtigung wert für jeden, der nicht schon genug hat von Klosterruinen. Interessanter wäre Rockfleet Castle, ein Wohnturm aus dem 15. Jahrhundert, der einstmals Grace O’Malley gehörte, die in die irische Folklore als <pirate queen> eingegangen ist - eine recht interessante Persönlichkeit. Einen Abstecher wert ist der Wohnturm insofern, als man im benachbarten Wirtschaftsgebäude den Schlüssel erhält und den Turm besichtigen kann. Um es zusammenzufassen: ich bin heilfroh, im 21. Jahrhundert zu leben.
Und weil das Wetter immer schöner wird, fahre ich anschließend über eine Bergschulter zum idyllisch gelegenen Keem Strand, auf dem bloß einige Kinder Fangen spielen. Es gibt aber Fotos, die reges Badeleben am Strand zeigen, doch wann immer ich dort bin, kann ich mir dieses bloß vorstellen. So geht es denn bald wieder zurück Richtung Campingplatz, doch biege ich kurz vorher nach Norden ab zum Berghang hin unter dräuenden Wolken (Wegweiser: Dugort). Ich indessen fahre nicht nach Dogort, wo Heinrich Böll mit seiner Familie in den 50er-Jahren etliche Sommer verbrachte. Vielmehr biege ich links zum Friedhof ab und steige zu den Ruinen des Deserted Village hinauf. Verlassene Dörfer gibt es in Irland naturgemäß viele. Dieses indessen ist berühmt; nicht so sehr seinetwegen, sondern weil es Heinrich Böll beschrieben hat. Das Dorf selbst ist erstaunlich gut erhalten. Bei einigen der aus Stein errichteten und fast in allen Fällen mit dem Giebel nach Süden hin ausgerichteten Häusern sind allerdings die Außenmauern teilweise, oder auch ganz, eingestürzt. Und alle sind sie ohne Dach, die hölzerne Dachkonstruktion verfault oder anderweitig verwendet. Blickt man von oberhalb des das Dorf durchschneidenden Weges auf die Häuser, vermag man sich ein recht genaues Bild des Dorfes zu machen, wie es wohl einst gewesen sein mag. Am Hang unterhalb und oberhalb der Häuser sieht man bei günstigem Licht die immer hangabwärts verlaufenden Streifen der einstigen <lazy beds>, in denen die Bewohner Kartoffeln anbauten, zusammen mit Milch in der Zeit vor der Großen Hungersnot die Hauptnahrung armer irischer Bauern und Landarbeiter. Nach allem, was man weiß, wurde das Dorf, dessen Namen man nicht kennt bzw. das möglicherweise gar keinen Namen hatte, gegen Ende des 18. Jahrhunderts angelegt. Nach der Großen Hungersnot zogen die meisten Überlebenden ins nahe Dugort, ein anderer Teil wanderte aus. Wie viele Menschen verhungerten, ist nicht bekannt. Einige Häuser dürften auch weiterhin bewohnt gewesen sein. Es gibt dafür ein untrügliches Merkmal: was einen Herd und einen Rauchfang hat, ist nach 1850 gebaut oder umgebaut worden. Ob diese Bewohner indessen ganzjährig dort wohnten oder nur im Sommer, so wie in den Alpen die Senner und Sennerinnen mit dem Vieh mitziehen und in Almhütten wohnen, lässt sich nicht mehr feststellen. Anscheinend ist diese vorübergehende Nutzung nach 1920 unüblich geworden. Seither war das Dorf sich selbst überlassen – bis Böll es bekannt machte. Schließlich fahre ich zurück nach Keel und stelle das Auto auf dem Campingplatz für die Nacht ab. Mir fehlt zwar ein Zelt, aber das stört niemandem und ist im übrigen auch nicht nachteilig, denn in der Nacht weht ein heftiger Wind und in den paar Zelten dürfte es nicht sehr gemütlich sein. Naturgemäß könnte ich um 10 € reicher auf dem Parkplatz am Strand genau so sicher schlafen und nicht unbequemer als auf dem Campingplatz. Aber auf einer umzäunten Wiese schläft unsereins halt besser.
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