Titelseite Einleitung | Anreise  | AufenthaltRückreise

13.6. | 14.6. | 15.6. | 16.6.| 17.6. | 18.6. | 19.6. | 20.6. | 21.6. | 22.6. | 23.6. |  

  24.6. | 25.6. | 26.6. | 27.6. | 28.6. | 29.6. | 30.6. | 1.7. |2.7.3.7. | 4.7.| 5.7. | 6.7. | 7.7.

 

 Rosses Point - Carrowmore - Labby Stone - Heapstown Cairn - Ballindoon Priory - Sligo - Mullaghmore - Rosses Point 
(Dienstag, 27. Juni 2000)

    Da ich gestern am Abend noch Pläne gewälzt und die Broschure über Altertümer im County Sligo gewälzt habe (sie ist nicht wirklich zu wälzen, dazu ist sie zu dünn), mache ich mich nach Sligo auf, warte auf die Anlieferung der Zeitungen, kaufe, lese auf dem Parkplatz und komme mir mit meinen festen Gewohnheiten schon fast wie ein einheimischer Pensionist vor. 
   Altertümer stehen auf dem Programm. Über Salthill geht es rund um den Berg Knocknarea herum nach Carrowmore, einer der wichtigsten Fundstätten frühzeitlicher Dolmen, Steinkreise etc. Beim Besucherzentrum parke ich mein Auto, besichtige aber die hehre Stätte mit der dahinter liegenden Wiese mit diversen Dolmen, Cairns und Standing Stones nicht. Vielmehr überklettere ich wieder einmal - bei Sonnenschein heuer - die gegenüber dem Parkplatz angebrachte Barriere samt Hinweis, dass ich Farmland betrete und mich entsprechend verhalten soll. Richtiges Verhalten besteht primär darin, den Hinterlassenschaften der anwesenden Rindviecher auszuweichen, ihnen aber auch nicht zu nahe zu kommen, den Hinterlassenschaften, damit sich die darauf sitzenden tausenden Mistfliegen nicht erheben und auf mir niederlassen. Die Rindviecher selbst sind Besucher schon gewöhnt, ja, sie haben, scheint es, auch schon einige Tricks gelernt: Damit der Fotograf einen Größenvergleich für die Dolmen auf dem Bild hat, haben sich die Kühe passend vor den Dolmen und inmitten der Steinkreise niedergelassen. Vorne Kuh, dahinter Dolmen, dahinter Knocknarea, darüber blauer Himmel und Sonnenschein. Was will ich mehr? Dem Hobby gefrönt, fahre ich weiter, dem Plan nach an vielen anderen Dolmen etc. vorbei, die auf privaten Grundstücken stehen, so sie nicht inzwischen zerstört sind. Was nämlich tausende Jahre überstanden hat, tendiert neuerdings zum Verschwinden, weil es den Bauern im Wege steht. Das tat es zwar schon immer, aber erst heutzutage haben sie Schubraupen und Presslufthämmer zur Verfügung.
   In Ballysodare erreiche ich die N4 nach Dublin und fahre bis Castlebaldwin. An Hand der Beschreibung in meiner Broschure biege ich beim Postamt links ab und folge dann den Wegweisern bis zu dem ehemaligen Festen Haus. Dieses wurde im 17. Jahrhundert errichtet, gehörte einem Herrn Baldwin, von dem man sagt, eines Tages sei er von der Jagd zurückgekommen und habe sein Haus von der dankbaren Dienerschaft niedergebrannt vorgefunden, die sich nach Entfachung des Freudenfeuers in alle Winde zerstreut hatte. Wie auch immer, von Brandspuren sehe ich naturgemäß nichts mehr, aber ich sehe an der ganzen gut erhaltenen Ruine auch keine Spur von Holz: was brennen konnte, ist verschwunden, erhalten geblieben ist, wie bei so vielen irischen Ruinen, was aus Stein ist, die äußere Hülle also. Das aus behauenen Steinen sauber zusammengefügte Hauptgebäude hat an beiden Giebelwänden hoch aufragende Rauchfänge, die zu einem Kamin im Erdgeschoß bzw. zweien im Obergeschoß gehören. Sehr gemütlich kann es der Herr Oberst an kühlen Abenden im Haus nicht gehabt haben. Auch hat er sich, wie die Ereignisse ja auch zeigten, nicht wirklich sicher in seinem Bau gefühlt, denn oberhalb der Haustür befand sich ein Vorbau mit Loch im Boden. Durch dieses Loch konnten die Leute drinnen siedendes Öl auf die Häupter ungebetener Besucher draußen gießen oder ihnen wahlweise Steine auf den Kopf werfen. Derartige Erker sind heutzutage ungebräuchlich geworden, aber an den historischen Bauten der protestantischen Eroberer Irlands finden sie sich häufig.
   Auf dem Rückweg zum Auto tritt mir der Eigentümer entgegen. Er will mich nicht mit Steinen bewerfen und heißes Öl in ausreichender Menge hat er bestenfalls im Traktor aber nicht bei der Hand. Er ist auch nicht feindselig, ich habe mich ja auch ganz ordentlich verhalten. Neugierig ist er, warum ich denn den weiten Weg mache, ob wir so etwas in Österreich nicht haben? Dem Mann kann geholfen werden, wir reden und dringlich empfiehlt er den Weg zum Labby Stone (der sich außerhalb seines Grundstückes befindet).
   Ich folge seinem Rat und hätte auch ohne Rat dasselbe getan. Ich fahre zur Cromleach Lodge (der Weg dorthin ist sozusagen narrensicher beschildert) und parke auf dem hoteleigenen Parkplatz neben dem modernen Gebäude. Den Wegweisern folge ich durch dichten Jungwald einen Hang hinauf auf eine Wiese, wo es ein wenig unübersichtlich wird. In einer Mulde entdecke ich schließlich am Waldrand den Dolmen. Aufrecht stehende Steine tragen einen eindrucksvollen Klops von Stein von 2 Meter Dicke und über 4 Meter Länge. Er muß mehrere Tonnen wiegen. Das Monument hat mindestens 4ooo Jahre überdauert. Der Deckstein ist zwar recht verwittert und weist einen beträchtlichen Bewuchs auf, ist aber sonst gut erhalten. Diverse Mythen sind mit diesem Monument verbunden. Die ganze Gegend ist sagenumwoben und niemand kann heute mit Sicherheit sagen, ob die Erzählungen von den frühen Bewohnern Irlands, den Tuatha De Danaan, Erfindungen sind oder historische Ereignisse über viele Generationen weg weitergegeben und verfremdet wurden. Jedenfalls gibt es in der ganzen Gegend eine    Wegweiser bieten an, auf einer anderen Route zurückzugehen und ich folge ihnen, aber nicht weit, denn mehrere Hunde bellen mich bei einem menschenleeren Gehöft an und ich klettere in gebührender Entfernung weglos den Hang hinauf. Oben habe ich eine schöne Aussicht, vor allem auf einen Fahrweg zu meinen Füssen und auf ein Monument auf dem Gegenhang. Auch entdecke ich unmarkierte Wegweiser. Den entsprechenden Hügel emporgeklettert, finde ich jedoch keinen vorzeitlichen Steinkreis oder dergleichen, sondern ein Vermessungszeichen ganz zweifelsfrei aus Beton. Die Wegweiser gehören zu einem Weitwanderweg und führen weiter in die Einöde. Um ein Erlebnis reicher, wandere ich wieder zurück zum Labby Stone und gehe dann doch auf einer anderen Route richtig zum Parkplatz zurück.
   Auf der Fahrt zur Cromleach Lodge bin ich an einem Pub mit Tankstelle vorbeigekommen. Dorthin fahre ich zurück, parke und wandere 100 Meter weiter zu einem Tor, durch das ich eine Weide betrete und durch Wiese und neben Hinterlassenschaften der Benutzer zu einem ganz eindrucksvollen Steinhaufen gehe: dem Heapstown Cairn. Noch heute etwa 6 Meter hoch mit einem Durchmesser von 60 Metern, besteht er aus einer Unzahl von zum Teil kopfgroßen Steinen. Was ich sehe, ist aber nur mehr ein Rest, denn noch im 19. Jahrhundert war er viel größer; der Rest der Steine ist zum Bau von Gebäuden, Straßen, Brücken in der Nähe verwendet worden. Was sich unter dem Steinhaufen verbirgt, ob überhaupt etwas, weiß man nicht. Ohne seine Zerstörung ließe sich der Steinhaufen mit traditionellen Methoden nicht untersuchen. Angeblich ist er über dem Grab Ailils errichtet worden, der um 400 die Gegend beherrschte, es gibt aber auch Geschichten, dass der Cairn viel älter sein soll. Auch gibt es Theorien, die diesen Cairn mit den Denkmälern in Carrowmore und Maeve´s Tomb auf dem Berg Knocknarea in Verbindung bringen. Was man davon glaubt und was nicht, ist wohl Glaubenssache: glaubt man alles, billigt man den frühgeschichtlichen Menschen ein beträchtliches Maß an Wissen und Fähigkeit zu, das ihnen die - anerkannte - Wissenschaft nicht zutraut.
   Zum Auto zurückgekehrt, kommt mir die Gegend aus dieser Blickrichtung durchaus bekannt vor und ich beschließe, an der Cromleach Lodge vorbei zu fahren und richtig, über einige Ecken und Kreuzungen gelange ich zur interessanten Ballindoon Priory oberhalb des Lough Arrow.
   Von   Statt dessen fahre ich unter einer dicken Regenwolke nach Sligo zurück. Im Booknest suche ich neuerlich nach Lesestoff, finde nichts und als ich aus dem Geschäft hinausgehe, merke ich, die Regenwolke hat sich verflüchtigt. Als wäre es den ganzen Tag schön gewesen, schaut das Wetter aus.
   Zu schade, schon in mein Quartier zu fahren und so geht es an Drumcliff vorbei fast bis Cliffony, wo ich links nach Mullaghmore abbiege, einem Badeort mit weitem Sandstrand und einem Schloss, das einst den Vorfahren Prinz Philips gehörte und heute einem der reichsten Männer Irlands, Smurfit. Daher ist das Schloss auch nicht zu besichtigen, schaut aber aus der Ferne mit seinem abenteuerlichen Stil auch nicht schlecht aus, wie ich merke, als ich um die Halbinsel herumfahre, an deren Hals der Ort liegt. Danach lasse ich mich auf einer Bank beim Hafen nieder und betrachte das bunte Treiben um mich.
   Solange die Sonne meine Bank und mich bescheint, ist mir einigermaßen warm; im Schatten merke ich, es hat bei weitem keine 20 Grad und es ist zu kühl, um im Freien zu sitzen.
   Der Abend wird im Yeats Country Hotel verbracht, wo ich mir ein Konzert mit pseudo-irischer Volksmusik für die Hotelgäste anhöre, von denen die jüngsten Zuhörer an die 70 sein müssen. Ich bleibe schön im Hintergrund, damit mich nicht eine unternehmungslustige Greisin auf die Tanzfläche verschleppt, auf welcher bereits eine Anzahl Greise beiderlei Geschlechts, von anderen Greisen angefeuert, wie wild, aber ohne Takt, umherhüpft. Muss schon schön sein, AmerikanerIn zu sein.

 

 

 

Hinauf

Zuletzt geändert: 26. Juli 2007
© Peter Lausch |  2000