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SAMSTAG, 27. Mai 2006
Wolkenlos der Himmel, als ich erwache, auch nicht kalt: 14 Grad. Der Radiosprecher überschlägt sich fast beim Wetterbericht. Da fällt mir die Entscheidung leicht: ich fahre zu den Aran-Inseln, oder eigentlich, um genau zu sein, nach Inishmore, der größten Insel. In Doolin besteige ich das erste Schiff des Tages, es fährt aber auch eine ganze Menge anderer Frühaufsteher mit dem Schiff. Die Fahrt selbst kann ich nicht wirklich genießen: vom Fahrtwind durchfroren, versammeln wir Passagiere uns im Schiffsbauch (sprich: Kabine) und trinken Kaffee. Im Hafen von Kilronan werden wir erwartet: Fahrradvermieter, Lenker von Ponykutschen und Andenkenverkäufer sind angetreten und wollen Geld verdienen. Noch vor 100 Jahren lagen die Aran-Inseln sozusagen am Rand der Welt. Teils wetterbedingt: im Winter verhinderte stürmisches Wetter oft wochenlang die Überfahrt zum Festland in den kleinen Ruderbooten. Teils wirtschaftlich: die Menschen lebten notgedrungen in einer Subsistenzwirtschaft. Für die Betroffenen war das ein Unglück, das sie hinnahmen, weil sie ja keine anderen Möglichkeiten hatten. Um 1900 erwachte das Interesse an der Irisch sprechenden Bevölkerung mit altmodischen Bräuchen und altmodischer Kleidung. J. M. Synge schrieb Theaterstücke in einer an das Irische erinnernden Formensprache und ist nicht nur durch sein Stück: „Der Held der westlichen Welt" bekannt geworden, sondern auch durch seine Reportagen über die Aran-Inseln und deren Bewohner. Sozusagen ins Bewusstsein Europas und der USA und Kanadas aber gelangten die Inseln 1934 durch den kommerziell überaus erfolgreichen Dokumentarfilm „Men of Aran" von Robert Flaherty. Dabei beruht der Film auf einer Art Geschichtsfälschung: vorgegeben wird eine dokumentarische Widergabe der damals aktuellen Lebensverhältnisse. In Wirklichkeit bringt er eine romantisierte Darstellung des Lebens, wie es zu Anfang des 19. Jahrhunderts gewesen war, zu einer Zeit, in der die Männer noch mit der Harpune auf Haifischjagd gingen. Begehrt war die Haifischleber und das aus ihr gewonnene Öl, das für die Öllampen in den Häusern benötigt wurde. Zu Flahertys Zeit war dieses Haifischöl längst schon durch Parafin oder Elektrizität ersetzt worden. Aber wie es halt so ist mit der Wirklichkeit: oftmals muss man ihr ein wenig nachhelfen, manches romantisieren, um Spannung zu erzeugen. Sozusagen die ganze Welt war damals von dem Film begeistert, bloß die Insulaner, welche die Realität ja täglich am eigenen Leib erfuhren, waren es weniger. Heute ist das Leben leichter geworden auf den Aran-Inseln. Man kann in einigen Minuten mit der Aer Arann zum Festland fliegen, man kann, außer bei Orkanen, per Fähre zum Festland hinüberfahren – die Fähren halten Stürme aus, aber bei wirklich schlechtem Wetter bleiben auch sie im Hafen. Die Menschen leben vom Fremdenverkehr; manchmal sind sie ein wenig überfordert. Aber heute hat nicht mehr jede Familie für die Pullover der Männer ein eigenes Strickmuster nötig, um nach Unglücksfällen die angeschwemmten Kadaver wenigstens an diesem Strickmuster identifizieren zu können. Dennoch gibt es die Aran-Pullover sozusagen überall zu kaufen. Die wenigsten sind auf den Aran-Inseln handgestrickt worden wie einst. Die Avoca-Weavers in Avoca im County Wexford sind ja immerhin noch eine irische Firma, wenn sie längst auch schon Strickmaschinen für ihre Aran-Pullover verwenden. Doch auch Strickmaschinen in China schaffen solche Muster, so man sie einsteuert und infolge des Kunststoffanteils in der Wolle geht der Pullover nicht mehr so ein, wenn er nass wird, wie das ein echter Aran-Pullover tut. Mir gefällt Kilronan nicht. Bei allem Verständnis: man kann das Kommerzstreben auch zu weit treiben. Mit einem deutschen Ehepaar teile ich mir eine Ponykutsche zum 1,5 Km entfernten steinzeitlichen Fort von Dun Aengus. Das ist eindrucksvoll anzusehen und zeugt von der gut organisierten Gesellschaft der damaligen Inselbewohner, von denen wir sonst nichts wissen. Mit einigen wenigen Leuten wäre das Fort nicht zu errichten gewesen, es ist das Ergebnis der Anstrengungen einer größeren Gemeinschaft. In den Pubs von Kilronan herrscht mittags Hochbetrieb. Ich kaufe mir beim Spar Wurst und ein Pariser Weckerl, setze mich auf eine der unzähligen Mauern und esse. Im urigen John Watty's Pub kaufe ich mir einen Kaffee und dann warte ich auf das nächste Schiff, das mich schließlich wieder aufs Festland zurückfährt. Auf der Rückfahrt benütze ich die Küstenstraße und setze mich auf dem Picknickplatz kurz vor der Ortseinfahrt nach Fanore. 6 Holztische mit Bänken stehen dort, alle sind sie frei und ich setze mich an den Tisch, der dem Auto am nächsten ist. Nach mir parkt sich ein Autobus ein, die Passagiere steigen aus, ich höre eine Sprache, die mir Deutsch zu sein scheint. Ein Ehepaar erscheint, jeweils mit einem Papierteller ausgestattet, auf dem eine Art Bockwurst liegt, mit Senf garniert und einer Scheibe Toast. Grußlos und ohne mich anzusehen, setzen sie sich an den Tisch, an dem ich sitze – obgleich 5 gleiche Tische unbesetzt sind. 1 Minute später setzt sich eine Frau neben mich, grüßt nicht, nimmt mich nicht zur Kenntnis und löffelt aus einem Plastikteller Gulaschsuppe. Und noch eine Dame setzt sich zu uns, nur hat sie anscheinend echte Hühnersuppe in ihrem Teller. Sie reden leise, ich spitze neugierig die Ohren, aber ihr Dialekt ist wirklich schwierig einzuordnen. Dafür redet beim Autobus eine Dame mit schriller Stimme nahezu in Hochdeutsch und mit beträchtlicher Lautstärke pausenlos auf ein dort auf einer Mauer sitzendes Paar ein und stellt tausend persönliche Fragen. Ich sage zu meinen Tischnachbarn: „Hört diese Frau niemals zu reden auf?" und ernte fassungsloses Staunen. Einer Antwort würdigt mich keiner der vier Leute, aber ich denke, sie werden noch heute daheim über den Iren reden, der so perfekt Deutsch gesprochen hat. Als sie dann in Ihren Bus einsteigen und sich auch die laute Dame in den Bus verzieht und zweifellos weiterhin laut vor sich hinredet, senkt sich Stille über den Platz: laut Aufschrift auf der Heckscheibe handelt es sich um eine Reisegruppe aus Zerbst, wo auch immer das sein mag. Was tut man nach solchem? Ich gehe in O’Brien’s Bar und schlafe danach friedlich im Auto.
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