FREITAG, 26. Mai 2006

 

In der Nacht regnet es, am Morgen hat der Regen aufgehört, aber eine niedrige Wolkendecke hängt über Sligo.

Am Vormittag fahre ich auf vielen Nebenstraßen eher ziel- und lustlos dahin und komme schließlich nach Ballina. Von dort geht es bis Belmullet, wo ich erst gar nicht stehen bleibe, sondern nach Süden bis zum Blacksod Point fahre, einer Landspitze mit einem in Umbau befindlichen Leuchtturm. Dort bleibe ich eine Weile, schaue auf den diesigen Atlantik hinaus, aber erhebend ist der Anblick nicht.

Liegt die miese Stimmung daran, dass ich bei einem Anruf zu Hause gehört habe, meine 17 Jahre alte Katze Schnurr fresse kaum und wirke hinfällig? Ach, ein Tier ist ein Tier und man soll es nicht vermenschlichen, aber mir scheint, in den Augen meiner Katze (richtiger: im Hirn, sofern Katzen denken könnten wie wir Menschen) muss ich sein wie Gott: allgewaltig, unerforschlich, jähzornig Herr über Glück und Unglück – so ähnlich wie der Gott des Alten Testaments. Und dieser Gott wendet sich ab und entschwindet und überlässt die Katze ihrem Schicksal – so jedenfalls müsste es ihr vorkommen, könnte sie denken. Das schlägt ihr auf den Magen. Und ein wenig altersschwach ist sie ohnehin, bei dem Alter.

Zu meinem Überdruss fängt es auch noch zu regnen an.

Deshalb fahre ich zurück nach Sligo und versucht mein Glück im Booknest an der Rockwood Parade. Das ist eine kleine Buchhandlung mit leider nur beschränktem Angebot und davon ist nichts für mich dabei.

Also „nach Hause" ins Hotel.

Wie es halt so ist mit dem irischen Wetter: kaum bin ich in meinem – kalten – Hotelzimmer, scheint draußen die Sonne: Und wie das auch so ist in Irland: im Sonnenlicht und der reinen Luft leuchten alle Farben intensiv und es ist eine Freude, zuerst durch den Ort selbst zu Austie’s Bar auf einen Kaffee zu gehen und dann zum Strand.

Die Welt ist groß. Viele Menschen wollen möglichst viel von der Welt sehen und besuchen entlegene Weltgegenden, sofern mit dem Flugzeug erreichbar. Redet man mit ihnen, nun, auf den Galapagos-Inseln waren sie schon, in der Mongolei auch, Ladakh ist ihnen nicht fremd, in Isfahan, als dort der Schah noch herrschte, in Angkor Wat, ehe es die Roten Khmer eroberten – in Irland waren sie auch, einmal, das genügt ihnen, denn ist die Welt nicht groß und gibt es nicht so viel zu sehen?

Ich gehöre nicht zu dieser Art von Menschen. Ich war sozusagen nirgends. Ein paar Mal habe ich einen Badeurlaub auf Mallorca verbracht und als es mir dort nicht mehr gefiel, habe ich ein anderes Reiseziel gesucht: Norwegen vielleicht, aber die Sprache, Schweden, aber der ewige Dill in allen Speisen, Finnland, natürlich, wären da nicht die hunderttausend Stechmücken, die einen umschwärmen (und stechen). So bin ich in Irland gelandet; in Irland gefällt es mir und seit 1985 habe ich viele Urlaube in Irland verbracht.

Immer wieder in dasselbe fremde Land zu reisen, ja, auch in die selben Gegenden, hat Vor- und Nachteile.

Über die Leguane (?) auf den Galapagos-Inseln vermag ich nicht zu reden, Kamelmilch habe ich noch nie getrunken und das Geräusch der abkühlenden Steine im Tibesti-Gebirge bei Anbruch der Nacht auch auch noch nicht gehört. Und dass der schiefe Turm in Pisa schief ist, muss ich glauben, wie so vieles andere.

Immer wieder ins selbe Land zu reisen, hat jedoch auch seine Vorteile: man sieht die Änderungen im Lauf der Zeit, im Guten und im Bösen, im Großen und im Kleinen.

Und wenn ich in Rosses Point an der Straßenecke bei der ehemaligen Einfahrt zu Haus Elsinore stehe und Richtung Sligo blicke, dann sehe ich die Änderungen, wenn ich die Gegenwart mit der Erinnerung vergleiche: Ich sehe den Neubau an der Ecke mit dem leer stehenden chinesischen Lokal und weiß, vorher war dort ein Mace-Lebensmittelgeschäft und vorher war da gar kein Gebäude, sondern eine Holzbaracke mit Boyer’s Shop, einem altmodischen Gemischtwarenladen. Und gegenüber das in Blautönen getünchte Wohnhaus war einst Egan’s Shop, wo ich vor langer Zeit eine – verschrumpelte – Orange von einer alten Frau gekauft habe.

Diese Erinnerungen sind für mich von Bedeutung, an ihnen zeigt sich der Ablauf der Zeit. Dieses Wissen bereichert den Sinneseindruck, wenn ich dort stehe und gegen Sligo blicke: es ist, als lägen Vergangenheit und Gegenwart wie Schichten in meinem Verstand übereinander, die ich bloß, je nach Bedarf, ausblenden muss.

Stoff genug für tiefsinnige Betrachtungen, während ich den Strand in Rosses Point entlang marschiere, denke ich: was wohl die anderen Marschierer denken mögen, die mit gesenktem Kopf und beschleunigtem Tempo so wie ich dahineilen?

Am Abend gehe ich ins Pub hinunter.

Ein Autobus voll amerikanischer Touristen ist am Nachmittag angekommen und für sie wird ein musikalischer Abend mit irischer Volksmusik veranstaltet. Da kommt es auf einen Besucher mehr oder minder nicht an.

Die Amis sind gerührt und ihre Rührung macht Appetit auf Guinness und Whiskey. So ist allen gedient, den Amis, dem Hotel, den Musikanten und mir.

 

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Erstellt am 15. Juni 2006

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