DONNERSTAG, 25. Mai 2006

 

 

Am Morgen fahre ich ohne Halt bis Donegal und merke den Fortschritt: In Irland baut man nun Umfahrungen. Vom unsäglichen Bundoran mit seinen billigen Hotels, Automatenwaschanlagen, Andenkengeschäften und Spielautomaten (jugendfrei) und seinem Verkehrschaos, bedingt durch eine zu schmale Hauptstraße (andere gibt es nicht), sehe ich nur den Wegweiser bei einer Ausfahrt.

In Donegal könnte ich es auch so haben, doch ich will in die Stadt hinein. Beim Einkauf im Supervalu merke ich, dass die alte Regel immer noch gültig ist: nicht die größte Firma ist die beste, sondern eine andere. Was Sortiment und Präsentation der Waren betrifft, aber auch die Vielfalt des Angebotes, schlägt diese Filialkette die Tescos aus England um Längen. So wird es auch bleiben, so oft ich auch vergleiche.

In der Stadt Donegal selbst finde ich bloß einen gebührenpflichtigen Parkplatz und mache mich von dort einen Rundgang durch die Stadt. Da irische Städte allesamt eher klein geraten sind, macht es nicht viel aus, wenn der Parkplatz sozusagen am Stadtrand liegt – man hat es dennoch nicht weit. Vom Parkplatz zum The Diamond genannten Hauptplatz sind es bloß ca. 150 Meter. Der seiner Form entsprechend benannte vieleckige Hauptplatz ist eigentlich nichts weiter als ein Kreisverkehr mit einem Denkmal für 4 Mönche (sie haben um 1616 eine Weltgeschichte geschrieben, die für Historiker von Interesse ist) mitten drauf, und Geschäften am Straßenrand. Ich schaue bei Magee of Donegal vorbei, wie jedes Jahr, aber ich sehe kein Tweedsakko in der Auslage, das mir gefiele. Liegt aber ganz an mir, die Firma hat einen ausgezeichneten Ruf.

In der Buchhandlung ein paar Geschäfte weiter, erstehe ich dann das <Portrait of the Artist as a joung Man> von Joyce, das ich in den Mußestunden meines Aufenthaltes lesen werde, nicht zu Ende, aber doch. Ich werde es auch ins Flugzeug als Reiselekture für den Rückflug mitnehmen, aber dort vergessen. Schade. Es ist ein Frühwerk Joyce’s, leichter zu lesen als der weltbekannte Ulysses, aber leider, mit dem <Porträt> wäre Joyce wahrscheinlich nicht so berühmt geworden. Und damit keiner sagen kann, ich hätte nichts für die Kultur getan, besuche ich auch Donegal Castle, eigentlich ein Turmhaus aus dem 16. Jahrhundert mit diversen Anbauten, das ganze eingerichtet mit zeitgenössischen Möbeln, Wandbehängen etc. Ein Museum halt.

Von Donegal (Town) aus fahre ich etliche Kilometer nach Westen und biege dann nach rechts auf die direkte (Neben-) Straße nach Ardara ab, einer Kleinstadt, die von ihrer Vergangenheit als ein Zentrum der Tweedweberei lebt. Ich halte mich dort aber nicht lange auf.

Beim Ausparken komme ich einem Herrn auf der Gegenfahrbahn in die Quere, der sich mächtig aufregt – zu Recht leider. Am Ortsende wähle ich die – ausgeschilderte – Strecke zum Loughros Point, aber nach 6 km auf enger Straße mit unübersichtlichen Kurven und keinem Ende der Fahrt in Sicht, reicht es mir und ich kehre um. Vom Loughros Point habe ich daher die schöne Aussicht nicht genossen, denn ich war nicht dort.

Auf die N56 zurückgekehrt, fahre ich ein Stückchen weiter nach Süden und biege dann auf die Straße zum Glengesh Pass über den Ort Maghera nach rechts ab. Mit schöner Aussicht, fast immer am Südufer der Loughros Bay fahre ich auf gewundener Straße ca. 6 km und erreiche dann den Asseracagh Wasserfall. Kein Niagara zwar, aber schön anzusehen und sicher einige Fotos wert, wie sich nicht nur der Lausch, sondern auch ein verliebtes Paar denkt: die Geliebte auf den Steinen des Wasserbeckens balancierend, hält der Liebende die holde Grazie auf Film fest. Die Grazie ist wirklich eine, aus Thailand oder so, hübsch anzusehen, wie ich weiß, denn ich schmarotze und mache ungefragt und ungebeten auch ein Foto vom Wasserfall, mit ihr am Bildrand. Noch hübscher muss der Wasserfall am Nachmittag anzusehen sein, wenn das fallende Wasser im Sonnenlicht aufglänzt.

Danach fahre ich weiter bis zur winzigen Ortschaft Maghera, die wirklich nur aus 5 Häusern besteht und einem Parkplatz. Auf dem Parkplatz stehen schon 2 Autos, kein Wunder, denn von dort geht man einerseits zum weiten Strand und andererseits zu einigen Höhlen in den Felsen am Berghang. Die Höhlen kann besichtigen, wer will. Ich will, aber ich finde die Höhlen nicht und gebe mich mit der Begehung des Strandes zufrieden, gemeinsam mit einem Herrn mit bloß einem Fuß und dafür zwei lästigen Kötern unbestimmbarer Rasse. <Walking the Dogs> heißt das bei ihm, bei uns in Wien würde man <die Hunde äußerln führen> sagen. So weit verstehe ich ihn ja, aber ansonsten ist die Verständigung recht schwierig, denn ich verstehe sein Englisch nicht und er das meine nicht. So viel verstehe ich: die Fahrt werde mir unvergesslich bleiben.

Endlich zum Meer gelangt, stelle ich fest, der Strand schaut nicht anders aus als andere Strände auch; breit ist er halt bei Ebbe, sonst lässt sich nichts sagen oder schreiben und so kehre ich wieder um. Ich bin ja am Meeresufer in der Loughros Bay gestanden. Den Loughros Point selbst sehe ich von dort zumindest aus der Ferne, auch wenn ich nicht sagen kann, dort war ich.

Manche schreiben, der Parkplatz sei gebührenpflichtig und es gibt auch Tafeln, welche auf die Gebührenpflicht hinweisen, indessen selbst ich als Winkeladvokat vermag nicht festzustellen, zahlt man fürs Parken oder für die Höhlenbesichtigung. Ich jedenfalls zahle nichts, denn es gibt keinen, der von mir Geld verlangt und keine Kasse. Vielleicht ist es im Sommer anders.

Nach den letzten Häusern verengt sich die ohnehin schmale Straße noch weiter, wird zur eigentlich einspurigen Fahrbahn, die an der Schulter eines Hanges steil bergauf führt. Asphaltiert ist sie zwar, aber kaum breiter als mein Seat Ibiza; hätte ich Beifahrer, sie hätten gewiss einen schönen Ausblick den steilen Hang neben der Straße hinunter ins Tal. Angeblich müssen die BeifahrerInnen viel Vertrauen in die Fahrkunst des Lenkers haben – oder die Augen zumachen. Dann haben sie freilich nichts von der an sich sehr schönen Aussicht. Ich als Lenker habe jedenfalls nichts von dem gewiss schönen Blick ins Tal, ich bin mit Lenken sehr beschäftigt. Mehr als den 2. Gang verträgt der Motor nicht und mehrmals habe ich bei plötzlichen, zusätzlichen, Steigungen das Gefühl, ich fahre direkt in den Himmel empor.

Auf halber Strecke blockiert ein Bagger die Straße, über die er rechts und links hinausragt. Sein Helfer weist mich in eine Art Ausweiche und ist erst nach mehreren Versuchen meinerseits, im 1. Gang und mit schleifender Kupplung anzufahren, mit der Position meines Autos am Fahrbahnrand (immerhin aber bergseitig) zufrieden. Es wird dennoch knapp, denn der großmächtige Bagger fährt an meinem Auto vorbei talwärts. Ich bin vorsichtshalber rechtzeitig ausgestiegen. Ist schon das Auto hin, bin ich es wenigstens nicht auch. Dabei sehe ich, als Fahrer rechts im Auto sitzend, erst, wie steil der Hang talwärts abfällt und beschließe, auch weiterhin vorschriftswidrig möglichst weit rechts zu fahren. Da kann ich schlechtestenfalls an die Felsbrocken am Berghang entlangschrammen.

Wie Sie sehen, bin weder ich noch ist das Auto den Berghang hinabgefallen und nach 2 Kilometern steil bergauf erreiche ich einen Pass, dessen Namen ich nicht weiß. Von dort geht es auf zwar nicht breiterer, aber im Wesentlichen ebener Straße zum eigentlichen Glengesh-Pass weiter, wo ich in die Straße von Glencolumcille nach Ardara einbiege. Ein wenig unterhalb des Passes halte ich auf einem kleinen Parkplatz mit sehr schöner Aussicht und blicke eine Weile ins Tal hinunter. Etliche andere Leute tun es mir gleich. Von dort fahre ich nach Ardara zurück.

Ich habe den Maghera to Glengesh Drive absolviert. Eines muss ich lobend hervorhebend: die Fahrbahn ist durchgehend asphaltiert.

Unten in Ardara frage ich mich dann, warum ich mir das eigentlich angetan habe? Erfolgserlebnis, Abenteuerlust ….? Eher, denke ich, damit man sich an etwas erinnern kann, über das sich herrlich bramarbasieren lässt im Nachhinein, wie Sie ja gelesen haben. Insofern hat der Mann am Strand von Maghera recht gehabt: diese Fahrt vergess’ ich nicht.

Sie haben ein SUV? Ein richtig großes, z. B. Porsche Cayenne, BMW X5, Jeep Grand Cherokee? Viel Vergnügen. Breite Autos sind nicht immer von Vorteil. Aber dafür genießen Sie dank der Linkslenkung Ihres Autos ungehindert den Blick in die Tiefe. Auch was wert.

Nach Ardara zurückgekehrt, finde ich Ortszentrum einen schönen Parkplatz und mache die obligate Ortsbesichtigung. Viel gibt es an sich nicht zu sehen, einige eher bescheidene Geschäfte, die Tweedstoffe in der Auslage haben und Tweedschals und Tweedkappen und Tweedmuffs (wer letzte kauft?). Ardara war bis ins 20. Jahrhundert hinein bekannt für die Herstellung handgewebter Tweedstoffe. Sozusagen in jedem Haus klapperten die Webstühle, denn mit den Stoffen ließ sich ein bescheidener Lebensunterhalt verdienten, wenn die ganze Familie einschließlich der Kinder zusammenhalfen. Heutzutage gibt es in Ardara ein oder zwei Betriebe, in denen man zusehen kann, wie Tweed von Hand gewebt wird, aber ich denke, das ist nur eine Touristenattraktion in der Saison. Kaufen können Sie Tweedstoffe und Jacketts etc. am ehesten im Betrieb von John Molloy an der N58 südlich des Ortszentrums. Weit bekannter ist allerdings Magee of Donegal und die Stadt Donegal ist auch leichter erreichbar als Ardara.

Nachdem ich ohne wirkliche Begeisterung einige Fotos gemacht habe, fahre ich ein Stück auf dem Sta. Ana Drive, benannt nach dem gleichnamigen Schiff der Armada, das in der Loughros Bay strandete. Die meisten Personen an Bord überlebten den Schiffbruch, hatten aber dennoch wenig Glück: sie marschierten bis nach Killibegs und wurden dort von der Girona aufgenommen, aber leider, auch diese erlitt Schiffbruch und diesmal ertranken fast alle Matrosen und Soldaten an Bord. Wer nicht ertrank, wurde von den Engländern gehenkt.

Von Ardara fahre ich ohne Aufenthalt bis nach Rosses Point vor meine Unterkunft.

 

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Erstellt am 15. Juni 2006

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