Dienstag, 25. Mai 2004

 

Vom Strand in Fahamore fahre ich am nächsten Morgen bei Sonnenschein zunächst bis Tralee, von dem ich aber nichts weiter sehe als die Durchzugstraße, ehe ich auf die N69 abbiege, die Richtung Nordosten über Listowel nach Limerick führt. Von der Hauptstraße abzweigend könnte ich die Kathedrale von Ardfert besuchen, aber das habe ich schon 2003 getan, ich könnte auch zum langen Strand von Banna fahren. Der schaut zwar auch nicht anders aus als viele andere Sandstrände, aber an diesem Strand wurde im 1. Weltkrieg Sir Roger Casement, der einen Aufstand gegen die Briten in Irland zu entfesseln hoffte, von ebendenselben festgenommen. Ballybunion könnte ich besuchen, schön der Strand mit der Ruine einer Festung anzusehen – aber nur bei Flut.

Stattdessen fahre ich heuer ohne Aufenthalt bis Adare. Doch wie das Schicksal will, in Adare hat sich eine große Wolke vor die Sonne geschoben – bei Sonnenschein ist der Ort mit seinen mit Stroh gedeckten Reihenhäusern in der Hauptstraße entschieden schöner anzusehen. Und das Desmond Castle am Nordrand des Dorfes wäre auch heuer ein schöner Anblick und ein prächtiges Fotomotiv, selbst bei trübem Wetter, wäre es nicht noch immer – wie schon 2003 – von unschönen Gerüsten eingeschlossen. Im Vergleich mit dem vorigen Jahr sind die Renovierungsarbeiten nicht wesentlich fortgeschritten, ja, die ganze Baustelle macht einen recht verlassenen Eindruck. Aber vielleicht so um 2006 ………

In Limerick mache ich auf der Suche nach einem gebührenfreien Parkplatz (Sie wissen schon: parking discs) sozusagen mittels Auto eine Stadtbesichtigung, fahre mangels Erfolg auf der Ennis Road stadtauswärts, ehe ich in ruhige Seitenstraßen abbiege, wo ich dann die Wahl habe, mein Auto in die Sonne oder in den Schatten zu stellen. Von dort habe ich nur  10 Minuten zum Shannon, überquere ihn auf der Searsfield Bridge und mache nun einen Stadtrundgang. Der endet wie immer in der Buchhandlung Eason, in der ich mir den Band über Irland aus der Reihe der Lonely Planet Führer kaufe – mit einer Menge praktischer Hinweise, aber kaum Hintergrunddarstellungen. Mit einem Satz: In diesem Führer steht zwar zum Beispiel unter dem Stichwort Limerick manches über preiswerte Unterkünfte und über die Lage öffentlicher Toiletten (Alternative: in jedem Lokal gibt es welche für Gäste), aber wenig über Sehenswürdigkeiten. Dass etwa die Stifter des dort erwähnten Hunt-Museums neuerdings beschuldigt werden, sie hätten sich dank guter Beziehungen zu den Nazis mit Beutekunst eingedeckt, diesen Hinweis suche ich vergeblich.

Am frühen Nachmittag fahre ich von Limerick aus über Ennis zum Bunratty Castle and Folk Park. Diese Sehenswürdigkeit lasse ich mir nie entgehen und finde, was ich sehe, auch nach mehrmaligem Besuch noch interessant.

Streng genommen handelt es sich ja um 2 Sehenswürdigkeiten:

Vorhanden war, als man die Touristenattraktion schuf, ein mittelalterliche Wohnturm, der, vielfach umgebaut und erweitert, im Kern bis aufs 15. Jahrhundert zurückgeht. Innen geschmackvoll und einigermaßen dezent restauriert und teils mit echt alten, teils mit alt wirkenden neuen Möbeln ausgestattet, soll man bei der Besichtigung einen Eindruck von den Wohnverhältnissen eines irischen Großen im 16. Jahrhundert vermitteln. Das tut sie anscheinend mit einer gewissen Authentizität. Hat man den Turm besichtigt, weiß man einigermaßen, wie die Reichen damals lebten. Nicht weiß man, denn das ist ja schwer vermittelbar, wie sie sich, eingebunden in ihre mittelalterliche Gefühlswelt, in dieser Umgebung fühlten, die wir heute wohl als romantisch bezeichnen würden. Ich denke daher, was da dem Besucher vermittelt wird, dürfte nicht ganz der Wirklichkeit entsprechen, denkt man an Krankheit, Gefahr für Leib und Leben, Unwissenheit, etc. 

Auch entspricht das solcherart vermittelte Bild vom Leben im Turm durchaus nicht den typischen Lebensverhältnissen in solchen Turmhäusern, an denen der Reisende allenthalben vorbeikommt. Schon das Dunguaire Castle in Kinvarra vermittelt einen etwas bescheideneren Eindruck und der Wahrheit am nächsten dürfte man kommen, wenn man auf der Fahrt von Westport nach Achill kurz hinter Newport nach links zum Rockfleet Castle (heute meist als Carrickahowley Castle bezeichnet) abbiegt und sich im Haus beim Castle den Türschlüssel holt.

Ich denke, keiner von uns möchte in einer solchen Unterkunft gelebt haben. Nicht einmal  mittelalterlicher Clanherr möchte ich dort gewesen sein: Fenster gibt es wenige in solch einem Turm und im Winter konnte man sie nur mit angenagelten Schweinsblasen verschließen, Betten gab es anscheinend auch nicht, Hoch und Niedrig schliefen auf Strohsäcken auf dem Erdboden, vermutlich dick eingemummelt gegen die Kälte und mangels Waschgelegenheit den ganzen Tag lang entsetzlich stinkend. Aber allabendlich, vermittelt die Fremdenverkehrswerbung, saßen sie bei fröhlichen Liedern beisammen und tranken Bier und Met, außerdem aßen sie Schweinerippchen. In Wirklichkeit saßen sie beim Licht von ein paar Kienspänen oder Öllämpchen in der Düsternis und sangen wohl auch nicht gar so fröhliche Lieder; und statt Schweinerippchen gab es nach allen zugänglichen Unterlagen meist gesalzenen Gerstenbrei. Vom mittelalterlichen Bier will ich gar nicht erst reden. Vielleicht hat es sie in der kühlen Jahreszeit gewärmt, das wird auch nötig gewesen sein, denn ein Kamin je Saal wird den Raum wohl nicht wohlig warm gemacht und die in der hintersten Reihe werden von der Wärme überhaupt wenig abbekommen haben.

Ferner ist Bunratty Castle auch deshalb ein touristisches Glanzlicht, weil hier die Medieval Banquets  - aber erst nach dem zweiten Weltkrieg - erfunden wurden. Dabei sitzt eine Schar Touristen, überwiegend aus den USA, an langen Holztischen und isst vom Holztablett oder Zinnteller Schweinefleisch mit den Händen. Bloß ein Messer zum Schneiden gibt es. Zum Trinken gibt es echt irischen Met mit weit höherem Alkoholgehalt als in amerikanischem Bier. Das Ergebnis ist vorhersehbar. Damit man sich nicht anpatzt, bekommt man eine Art Schürzerl um den Hals gebunden. Dazu spielt garantiert echt irische Volksmusik und tanzen wirklich echte Iren und Irinnen. So war’s halt in der alten Ritterzeit, wird vermittelt. Wer's glaubt, wird selig. Die Angehörigen des Kulturvolks von drüben sind es. 

Wenn Sie so etwas noch nicht erlebt haben, kaufen Sie sich am Nachmittag eine Eintrittskarte und freuen Sie sich über den Zauber. So ein Abendessen ist wirklich sehenswert und eine bleibende Erinnerung, vor allem der Anblick der übrigen Gäste.

Bei so etwas Ähnlichem waren Sie schon, bloß nicht in Irland? Richtig, <Rittermahle> dieser Art sind ebenso ein kommerzielles Erfolgsrezept wie die allenthalben bei uns aus dem Boden schießenden Irish Pubs mit ihrer zum Teil tatsächlich authentischen Einrichtung (aus renovierten Pubs in Irland auf den Kontinent verbracht).

Andererseits ist um das Castle ein wirklich für alle Generationen sehenswerter Folk Park erstanden, teils mit echten alten Gebäuden, die abgetragen und hier neu aufgebaut wurden, teils mit neuen, auf alt hergerichteten Baulichkeiten. Das Pub, am oberen Ende der Main Street, gehört zur zweiten Gruppe.

Im Folk Park wird der Eindruck vom Leben auf dem Lande im County Galway, wie es einst war, vermittelt.  Die im Folk Park aufgebauten Häuser stammen aus der ganzen Shannon Region und geben einen guten Überblick wie solche Häuser aussahen, vom Cottage des Fischers bis zum Haus des reichen Bauern, von der Druckerei bis zum Pub mit dem Hochrad daneben und den roten Telefonhäuschen. So war es vielleicht wirklich, wie man sieht, wenn man eines der Gebäude betritt. Aber natürlich bestand die Mehrheit der Unterkünfte im County Galway aus meist einräumigen Katen – von denen man auch ein Beispiel sieht, aber eben nur ein einziges. Insofern vermittelt der Bunratty Folk Park ein geschöntes Bild der Wirklichkeit. Bedenkt man dies, wird der Besuch zum weithin uneingeschränkten Vergnügen. Steht man in der Hauptstraße und denkt sich die eifrig knipsenden Touristen weg, so kann man sich wirklich in die Vergangenheit zurückversetzt fühlen. Auf den Bänken vor dem – nachgemachten – alten Pub zu sitzen und ein echtes Getränk zu trinken und dabei den übrigen Besuchern zuzuschauen – das lasse ich mir nie entgehen. Sie sollten es auch nicht tun.

Auf dem Rückweg besuche ich eines der etwas größeren Häuser. Drinnen wird Brot gebacken von einer reizenden Angestellten, die bereitwillig den Fotografen posiert. Die Amerikanerinnen, die nach mir hereinkommen, verfallen in Entzücken. Ist ja auch wirklich lovely, der Anblick. Dass Brotbacken kein Vergnügen war sondern Notwendigkeit, um Geld für den Bäcker zu sparen, daran denken sie nicht. Steht nicht im Reiseführer.

Als ich genug gesehen und mehrere Filme vollfotografiert habe, fahre ich über Kilfenora in den Burren, halte beim Steinfort Cathair Conail kurz an und mache mich sodann auf die Suche nach den Portal Tombs von Baur North und Baur South. Den Weg dorthin habe ich auf einer Webseite genau beschrieben gefunden. Indessen gelange ich auf verschlungenen Wegen nur zu einem abgelegenen Haus, in dessen Hof ich einfahre – auf der Zufahrt umdrehen war nicht möglich. Haushund tobt an seiner Kette, die Tür wird erst nach mehrmaligem Anklopfen geöffnet, die Dame des Hauses hört mir wortlos zu, lässt mich dann stehen, verschwindet und schickt den Gatten vor, damit der des seltsamen Fremden Begehr verstehe. Das gelingt – durch Hinweis auf die ausgedruckte Webseite mit Abbildungen. Ganz einfach, meint er: zum Hauptweg zurückfahren, nach rechts weiter, bei der vierten Einfahrt anhalten, über die Wiese gehen, dem Verlauf einer Hecke folgend. Nicht zu verfehlen, Fremder!

Ich folge seinem Rat wortgetreu, indes, ich stolpere über allerlei Steine in der Wiese, gehe allerlei Hecken entlang, einen Hang zu einem Baum hinauf, bei dem ich etwas sehe, was ein Portal Tomb sein könnte. Beim Näherkommen zeigt sich, ich habe mich geirrt: vor mir liegt ein gewöhnlicher Steinhaufen, keine Ähnlichkeit mit den Abbildungen. Also wandere ich wieder zum Auto zurück, biege einmal falsch ab. Von nun an schaut die Gegend anders aus als die, durch die ich beim Hergehen gekommen bin, aber man kann auf einer ummauerten Weide zwar eine Weile im Kreis, aber, wie sich zeigt, auf Dauer nicht in die Irre gehen. Nichts wird es also mit der Besichtung von Baur North und Baur South.

Auf die Verbindungsstraße zurückzufahren, von der ich auf der Herfahrt abgebogen bin, gelingt indessen ohne Probleme – mangels Kreuzungen. Da nun mein Forscherdrang gestillt ist, fahre ich nach Norden, komme zum Poulnabrone Portal Tomb (korrekte Bezeichnung, oft aber Dolmen genannt) und bleibe dort nicht stehen, nicht, weil ich nicht möchte, sondern weil ich keinen Platz finde, mein Auto wenig verkehrsbehindernd abzustellen. Andere vor mir haben das mit ihren Autos bereits getan, 2 Autobusse sind auch – verkehrsbehindernd – geparkt, deren Insassen das Portal Tomb umstehen und sich gegenseitig fotografieren, wie ich sehe, von Ferne leider nur.

So beschränke ich mich auf eine Besichtigung aus der Ferne und könnte immerhin berechtigt sagen, ich war sozusagen auch dort (wenn auch nicht direkt).

Ohne Aufenthalt also fahre ich bis Ballyvaughan weiter, einem bezaubernde Örtchen an der Galway Bay, in dem ich schon oft war. Mehrere Hotels gibt es, viele B&Bs und Thatched Cottages giebt es auch zu mieten. Ballyvaughan eignet sich hervorragend als Standquartier für die Besichtigung der Landschaft des Burrens. Einen kleinen Hafen gibt es, etliche Pubs, unter anderem den der O’Loughlins, der einstigen Grundherren des Ortes. Richtung Fanore kann man noch einen Wohnturm dieser Familie sehen, aber nur von außen besichtigen, doch zahlt sich die Anfahrt eigentlich nicht aus, denke ich.

Ich setz’ mich auf eine Bank an der Promenade am Hafen, lese eine Weile, wandere zurück bis zum Hauptplatz (einer Straßenkreuzung eigentlich), kaufe mir Kaffee, trinke ihn vor dem Hyland-Hotel im Freien sitzend und freue mich des Lebens und mehr noch über den schönen Tag, denn ach, auch Ballyvaughan verliert bei Regen sehr an Reiz, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Bei Regen schauen alle Kaffs gleich aus, pflegte mein Vater zu sagen.

Den Abend verbringe ich beschaulich am Bishopsquarter Beach, 3 Kilometer östlich Ballyvaughan in Gesellschaft einer Reihe von Leuten, die in ihren Autos angefahren kommen, entweder der Sonne beim Untergehen zuzuschauen, oder ihren Hund Äußerln zu führen oder um beides zu kombinieren.

Es wird eine ruhige Nacht im Auto, ungestört von allen und jeden.

 

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Erstellt am 25. Juni 2004

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