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MITTWOCH, 24. Mai 2006
Ich fahre zum Lough Melvin, nicht weil mir die Landschaft dort als besonders schön empfohlen ist, sondern einfach, weil mir der Name gefällt. Von Rosses Point bis Grange fahre ich, biege dort nach rechts auf Seitenstraßen ab und komme schließlich zum See, dem ich auf südlich des Sees verlaufenden Straße nach Osten hin entlangfahre. Bei einer Weggabelung in der Nähe von Garrison könnte ich nach links abbiegen und käme ohne Grenzkontrolle (es gibt dort nämlich keine) nach Ulster. Ich aber habe mir vorgenommen, in der Republik zu bleiben. Über Rossinver gelange ich nach Manorhamilton, passend benamst nach dem Festen Haus, das einst eine Familie namens Hamilton dort baute und dessen Ruine ich zwar sehe, aber wegen Baufälligkeit nicht betreten darf. Von dort geht es nach sehr kurzer Pause (das Städtchen gefällt mir nicht) nach Dromahair weiter, für welches Gleiches gilt. Am südlichen Ortsende biege ich auf die nach Sligo führende R287 ab. Kurz hinter Dromahair (von dort bequem zu Fuss zu erreichen) könnte ich zur Creevylea Abbey abbiegen, tue es aber nicht, sondern fahre ein Stück weiter und biege dann nach rechts, dem Wegweiser folgend, zur Isle of Innisfree ab. Manche Leute verbinden mit Innisfree den Namen einer irischen Kosmetikserie. Die Insel selbst liegt im Lough Gill, ist klein, waldbestanden und historisch unbedeutend. Bekannt ist sie dennoch: der schon erwähnte Dichter Yeats hat ihr eines seiner Gedichte gewidmet. Dorthin will ich. Der Weg dahin zieht sich: fast 4 Kilometer auf unübersichtlicher, enger Straße mit vielen Kreuzungen ohne Wegweiser. Man fährt besser auf halbe Sicht. Am See gibt es einen kleinen Parkplatz, auf dem 3 Autos stehen. Dort halte auch ich und gehe die vielleicht 100 Meter zum Landungssteg am See hinunter. Nun sehe ich die Insel, von der Yeats schrieb: Ich werde mich jetzt erheben und nach Innisfree gehen, Man muss an dieses Gedicht denken, wenn man den Anblick würdigen will, denke ich. Denn an sich sieht man den weiten See, die kleine Insel vielleicht 100 Meter vom Ufer entfernt, aber mangels Fähre unerreichbar und jenseits des Sees eine grüne Hügelkette, die ein Spekulant mit weißen Reihenhäusern verhundst hat. Man kann den Entwicklern von Photoshop einfach nicht dankbar genug sein, denn mit ihrem Programm lassen sich solche Scheußlichkeiten leicht wegretuschieren. Danach fahre ich ein Stück weiter und biege dann zum Parkplatz von Slish Wood mitten im Wald ab – übrigens auch Thema eines Gedichtes von Yeats. Und auf einem weiteren Parkplatz beim Dooney Rock an derselben Straße könnte ich auch halten, beschrieben (der Felsen!) auch von Yeats. Habe ich nicht schon geschrieben, die Fremdenverkehrsmanager können dem Dichter gar nicht dankbar genug sein, dass er über allerlei Landschaftsmerkmale je ein Gedicht geschrieben hat? Nicht zu vergessen auf den Glencar Waterfall, auch für Autobusse leicht zu erreichen am gleichnamigen See an der N18! Südlich von Sligo komme ich an einem Lagerplatz von Travellern entlang der Einfahrtsstraße vorbei. Unmittelbar an der Straße sind 5 Campinganhänger unterschiedlicher Größe aber gleichem - ungepflegten - Zustand abgestellt, einige Autos daneben, das ganze umgeben von einem Haufen Schrott, den die Insassen der Campinganhänger gesammelt haben, einem an einen Ast angebundenen Pferd und einer ganzen Schar von kleinen Kindern. Das sind keine Touristen, denen das Reisegeld ausgegangen ist, das sind Travellers, die man früher Tinkers nannte - nicht sesshaften Iren, die heute in Camping-Anhängern leben, früher in den acht so schönen "Zigeunerwagen". Erstens sind diese Menschen keine Zigeuner, zweitens waren ihre Pferdewagen, unter deren Dach sie wohnten, nicht "schön" und drittens sind diese Menschen heute ebenso wie früher die Ärmsten der Armen der irischen Gesellschaft. Schlechte - oder gar keine - Schulbildung, Berufsunfähigkeit mangels einschlägiger Ausbildung, Krankheit und geringe Lebenserwartung, das ist das Schicksal dieser Menschen. Wer sie sind? Weiß man nicht so genau, wahrscheinlich die Nachkommen jener Menschen, die man im 19. Jahrhundert aus ihren Häusern warf, weil die Grundeigentümer die Felder und die Häuser für die finanziell einträgliche Schaf- und Rinderzucht brauchten und da waren die Pächter kleiner Landwirtschaften ein Hindernis. Also mussten sie fort, falls sie, was sich steuern ließ, die Grundpacht nicht bezahlen konnten. Heute lebt noch immer ein beträchtlicher Teil der Travellers am Straßenrand. Die anderen leben auf abgelegenen Grundstücken am Rand der Städte in ihren Wohnwagen, und nicht alle dieser Siedlungen sind ans Wassernetz und an das Kanalnetz angeschlossen. Nur eine Handvoll hat die Integration in die Gesellschaft der Sesshaften geschafft, von denen sie teils mit Angst, teils mit Unbehagen betrachtet werden, mit Verständnis nie. Davon weiß der Tourist in seinem schmucken Zigeunerwagen (der Spaß, so etwas zu mieten, ist nicht billig) natürlich nichts. Ich weiß es und Sie wissen es jetzt auch. So verkommen empörende soziale Versäumnisse zur Touristenattraktion. Heimgekehrt, trinke ich Kaffee in der hoteleigenen Bar und mache dann einen langen Spaziergang entlang des Strandes, gemeinsam, wie schon geschrieben, mit anderen Spaziergängern.
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