Montag, 24. Mai 2004

An diesem prächtigen Morgen fahre ich von  Strand  durch den Ort Glenbeigh, vorbei an meinem bezahlten, aber nicht benutzten Nachtquartier und halte erst wieder in Killorglin, für den Touristen von Interesse eigentlich nur jedes Jahr vom 10. – 12. August, denn dann findet die Puck Fair statt. Dabei wird ein mit allerlei bunten Bändern geschmückter Ziegenbock auf eine Plattform auf dem Hauptplatz gehievt und verbringt dort oben 3 Tage zum Gaudium der Zuschauer, die sich auf ebener Erde nicht nur auf dem alljährlichen Viehmarkt vergnügen. Anlass für diesen seltsamen Brauch soll ein Fruchtbarkeitsritus aus heidnischer Zeit sein – man weiß nichts Genaues. Aber lustig soll es sein für alle Besucher, außer vielleicht für die Hauptfigur. Ich kann aber leider nichts aus eigener Erfahrung dazu sagen, ich war noch nie im August in Irland.

In Richtung Killarney fahre ich weiter. Infolgedessen lasse ich mir den schönsten Anfahrtsweg entgehen, nämlich die direkte Strasse von Kenmare her am Ladies’ View vorbei. Den Namen hat dieser wirklich prächtige Aussichtspunkt von einer Reise Queen Victorias, die mit ihren Hofdamen mit vielen Ah’s und Oh’s von dort aus die weite Aussicht und den Blick auf die Seen von Killarney bewundert hat.

Je näher man Killarney kommt, aus welcher Richtung immer, desto zahlreicher werden die B&Bs und die mehr oder minder teuer wirkenden Hotels. Böse Zungen sagen, denke man sich die B&Bs, die Hotels, die Bars und die Andenkengeschäfte sowie die vielen Besucher weg, dann bliebe nichts von Killarney als der Bahnhof.

Ich bin zum ersten Mal vor rund 20 Jahren nach Killarney gekommen, da war es ein nichts sagendes Nest mit unverhältnismäßig teuren Hotels. Mir hat der damalige Anblick genügt, um viele Jahre lang den Ort zu meiden. Voriges Jahr war ich erstmals wieder in Killarney und siehe da: die Stadt ist bunt geworden, vieles ist neu gebaut worden unter Beibehaltung der alten Fassaden und der auf alt getrimmten Ladenportale. Sogar ein paar Bäume wurden in der Hauptstrasse gepflanzt.

Gleich geblieben ist der Geruch nach den Hinterlassenschaften von Pferden und nicht nur der Geruch beherrscht die Stadt, auch die Hinterlassenschaften selbst. Neuerdings bindet man daher den Pferden eine Art Windelhosen um, was den Geruch ein wenig mindert.

Die Pferde und die von ihnen gezogenen Kutschen (<jaunting cars>, eine Art Fiaker wie in Wien) samt den Kutschern, denen man eine gewisse Originalität des Wesens und Verhaltens nachsagt (wie in Wien den Fiakerkutschern auch) sind nötig, weil die bekanntesten und wirklichen Sehenswürdigkeiten Killarneys (das, ehrlich, eine Reise oder zumindest einen Aufenthalt wert ist, auch wenn man über manches bissige Bemerkungen machen kann), liegen ein wenig außerhalb. Die Jaunting Cars transportieren daher die Touristen zu und von den Sehenswürdigkeiten, als da sind das Gap of Dunloe, der Wasserfall von Torc und Muckross House and Gardens samt der Ruine eines Klosters. Ross Castle nicht zu vergessen, das nur ca. 3 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt ist.

Dorthin fahre ich zunächst, denn seit einigen Jahren ist endlich die gleichsam unendlich lang dauernde Restaurierung abgeschlossen und das Castle mit seinem eindrucksvollen Wehrturm erstrahlt in neuem Glanz. Ich fahre natürlich mit dem Auto hin, wie viele andere auch. Auf dem zentralen Parkplatz in Killarney hätte ich mir auch ein Fahrrad mieten können. Und zu Fuß hätte ich auch gehen können, aber das ist ein, denke ich, geringes Vergnügen angesichts des doch starken Autoverkehrs und der ein wenig langweiligen Szenerie entlang der Zufahrtstraße. Schön ist es geworden, das Castle und eindrucksvoll gelegen. Vieles gäbe es zu schreiben, etwa dass Ross Castle der letzte Stützpunkt der aufständischen Iren war, der sich Cromwells Truppen 1652 ergeben hat – aber das beschreiben anständige Reiseführer ohnehin genauer. In solchen Führern finden Sie auch die Einzelheiten der schönen Geschichte, dass die Verteidiger sich erst ergaben, als sie eine alte Prophezeiung eintreten sahen: das Castle werde mit Feuer aus dem Wasser zerstört werden. Was auch immer das auch heißen mag: als die Engländer Kanonen auf Schiffen herbeiruderten, reichte es den Verteidigern und sie ergaben sich.

Muckross House ist das nächste Ausflugsziel, einige Kilometer südlich an der Straße nach Kenmare und nicht weit vom Wasserfall von Torc, den ich mir indessen erspare. Hat man einen gesehen, schauen alle anderen Wasserfälle ja doch ähnlich aus.

Muckross House ist aus mehreren Gründen sehenswert: einerseits der prächtigen Landschaft wegen, in die es eingebettet liegt und andererseits seines Aussehens wegen. Im Jahr 1843 an Stelle eines Vorgängerbaus errichtet, ist es, meiner bescheidenen Meinung nach, ein architektonisches Scheusal, das am Besten von innen wirkt – dann sieht man es nicht. Aber auch das Innere ist nicht ohne, wie man bei der Besichtigung sieht. Trotz großer Fenster düstere Räume, voll mit dunklen Möbeln und an den Wänden Porträts finster dreinblickender Herren und Damen zweifelhafter Herkunft – wer sollte in solcher Umgebung auch freundlich dreinschauen und sei es bloß auf einem Gemälde? Die Besucher erhalten – indirekt – auch einen Einblick ins Leben der Dienstboten der hochmögenden Herrschaften, wenn sie, den Wegweisern folgend, ins Kellergeschoß hinuntersteigen. Dort kann man, je nachdem, wann man hinkommt, einer Dame zusehen, die Pullover strickt, einer anderen, die irgendetwas webt und auch einem Herrn, der irgendetwas schmiedet. Nur in der Küche, in die man auch schauen darf, wird nichts gekocht (wer will schon einen halben Ochsen essen, der soeben auf dem Bratspieß steckt) Hinter verschlossenen Türen verbergen sich die ehemaligen Unterkünfte der Dienstboten, düster zweifellos auch sie, aber ohne Aussicht auf den Park, denn die Fenstersimse befinden sich so in zwei Meter Höhe.

Übrigens: im Vorgängerbau starb 1794 der Verfasser des Münchhausen, Rudolf Erich Raspe, an Scharlach, den es auf der Flucht vor seinen Gläubigern ins damals weltabgeschiedene Killarney verschlagen hatte.

Und ob Sie es glauben oder nicht, es ist so: das Gebäude wurde von der Familie Guinness, die es von den Erbauern gekauft hatte, als Quartier bei Jagdausflügen der <guten Gesellschaft> vermietet und schließlich an einen reichen Amerikaner verkauft, der es - ausgerechnet - seiner Tochter zur Hochzeit schenkte. Leider: Geld und Geschmack paart sich nur selten.

Ins Freie gelangt, hole ich erst einmal nach so viel Mief der Vergangenheit tief Luft und bewundere dann ausgiebig die prächtige Landschaft vor dem Haus, zum See hin, vor allem auch die prachtvollen Rhododendrensträucher, vor denen und mit denen sich sozusagen ein jeder Besucher fotografieren lässt.

Nach dem Mittagessen fahre ich auf der R563 über Faha nach Castlemaine und von dort bis nach Inch, wo ich auf einem kleinen Parkplatz beim Strand anhalte. Der Platz gefällt mir nicht, Aussicht auf eine schütter bewachsene Sanddüne jenseits des Parkplatzes. Als ein so an die 20 Jahre alter VW-Bus in zügigem Tempo an mir vorbei auf den Sandstrand hinausfährt, folge ich ihm. Wenn der Bus nicht im Sand stecken bleibt, werde ich es mit dem Vierradantrieb meines Autos wohl auch noch schaffen. Und recht habe ich getan. Denn der Sandstrand von Inch ist wirklich prächtig: jetzt bei Ebbe denke ich an die hundert Meter breit und mehrere Kilometer lang. So fahre ich auf dem feuchten, festen Sandboden an die drei Kilometer und parke dort das Auto, gut 200 Metern von den nächsten Nachbarn entfernt. Einen langen Spaziergang mache ich, sogar die Zehen stecke ich ins Wasser, aber das genügt mir: wer die Adria gewöhnt ist, wird mit der Wassertemperatur des Atlantik nicht recht glücklich. So begnüge ich mich eine Stunde lang, wie es auf Werbedeutsch heißt, meine Seele baumeln zu lassen.

Erholt und mit leichtem Sonnenbrand fahre ich über Dingle bis nach Fahan und dann zum Slea Head, einem wirklich schönen Aussichtspunkt. Vorher habe ich schon mehrfach angehalten, um <beehive huts> zu bewundern, kreisförmige, ohne Mörtel gebaute Hütten mit abgerundetem Dach. Dieser Gebäudetyp ist alt, schon die Mönche des 7. Jahrhunderts auf Great Skellig bauten sich solche Unterkünfte. Soweit ich sehe, sind auch die Beehive Huts von Fahan noch ebenso wasserdicht wie die Hütten auf Great Skellig. Doch hat sich die Bauweise solcher Hütten seit damals nicht wesentlich verändert. Wie alt daher eine bestimmte Hütte ist, kann man als Laie schwer beurteilen. Jedenfalls wurden solche Hütten, Steine gab es ja genug, noch bis ins 20 Jahrhundert als Unterkünfte für Schafe und Ziegen sowie zur Aufbewahrung des Heus gebaut. Hartnäckig hält sich das Gerücht, manch besonders malerisches Ensemble sei in den letzten Jahren extra für die Touristen errichtet worden.

Natürlich stellen wir uns im Deutschen unter Hütte nicht ganz das vor, worum es sich bei den Beehive Huts handelt, aber so lautete eben die wörtliche Übersetzung.

Auf der Weiterfahrt sehe ich mehrfach Wegweiser zu besonders schönen Gruppen solcher Hütten und biege schließlich auf einen Seitenweg ein, fahre bis zu einem Haus: auf einer Weide hinter dem Haus befindet sich gleich eine ganze Anzahl solcher Hütten sozusagen in <Bestlage>. Dorthin will ich. Aber vorerst muss ich einem allerliebst dreinschauenden Großmutterl einen kleinen Obolus entrichten, ehe ich den Schlüssel zum Zauntor erhalte. Und ferner muss ich die orangerote Katze streicheln, die maunzend um meine Beine streicht, worauf sie zu maunzen aufhört und mir folgt als wäre sie ein Hund.

An die drei Meter beträgt der Durchmesser der Hütten, die ich solcherart betrete. Der Eingang ist so niedrig, dass ich mich bücken muss, aber einmal drinnen, ist es ganz gemütlich, vor allem heute bei warmem Wetter, wenn die Sonne durch die Tür ins Innere scheint. Und gut erhalten sind sie, diese Hütten. Ich mache ein paar Aufnahmen, entschließe mich, die Hütten für echt zu halten und Großmutterl nicht zu fragen. Wie schon Marcel Proust gesagt hat, man glaubt immer, was man glauben will – allerdings hat er dazu an die 4000 Seiten gebraucht, aber dafür wird man seinen Roman noch lesen, wenn dieser Text schon längst im Orkus verschwunden ist.

Großmutterl verabschiedet mich freundlich, um 3 Euro weniger arm, die Katze schaut mir so traurig nach, dass ich beim Auto angelangt, nochmals zurückgehe und ihr noch eine Schale Katzenfutter aus Frankreich öffne, den heimischen Schnurrl dadurch schädigend.

Weiter geht’s zum Gallarus Oratory. Das ist leicht zu finden. In einer Straßenbiegung steht ein Pub und nach rechts führt eine schmale Straße mit entsprechendem Wegweiser. Jetzt kommt es darauf an, als sparsamer Mensch nicht auf die kurz nach der Kreuzung abzweigende breite und schön asphaltierte Straße zum Visitor Centre abzubiegen, sondern geradeaus 100 Meter weiterzufahren, dort befindet sich ein kleiner Parkplatz und von dort kann man die vielleicht 100 Meter zum Oratory weitergehen. Auf der breiten Straße kommt man auch zu einem – größeren – Parkplatz, dem Besucher stellt sich indessen das Visitor Centre entgegen, durch das man eintritt und auf der Rückseite wieder verlässt, um mehrere Euro ärmer und ebenfalls 100 Meter zum Oratory geht.

Das Gebäude ähnelt, wie man sagt, einem umgedrehten Boot und spiegelt den Übergang von den runden Beehive Huts zu den rechteckigen Kirchen wieder. Gebaut im 7. Jahrhundert ohne Verwendung von Mörtel, zusammengehalten ausschließlich durch die geschickte Anordnung der Bruchsteine, ist es auch heute noch wasserdicht, wenngleich der Giebel ein wenig eingesackt ist. . Groß ist das Gebäude nicht: 3x4 Meter im Grundriss, an die 3,5 Meter Firsthöhe. Man betritt es durch eine kleine Tür und sieht durch sie, steht man drinnen, über die leicht abfallenden Wiesen bis zum Meer.

Der Geruch innen ist nicht ohne und keineswegs historisch.

Und weil ich schon in der Gegend bin, schaue ich mir auch die Ruine von Kilmalkeddar an, eine im 12. Jahrhundert gebaute Kirche mit erhalten gebliebenem Portal in romanischem Stil und mit einem Ogham-Stein im Inneren, wie man sie in der Gegend häufig findet.

Ohne weiteren Aufenthalt vollende ich die Rundfahrt und biege in Dingle, nach einer durch allerlei Einbahnen abseits der Durchgangsstraße bewirkten unabsichtlichen Stadtrundfahrt nordöstlich zum Conner-Pass ab. Die Straße auf die Passhöhe ist schmal und steil. Ich passiere nacheinander zwei Autos mit kochende Kühlern und komme an zwei Fahrzeugwracks neben der Straße vorbei, die schon länger dort liegen dürften. Auf der Passhöhe und dem dazugehörigen Parkplatz angelangt, entschädigt die Aussicht jedoch für jede Beschwer: sie ist einfach und schlicht prachtvoll. Weit nach Süden reicht mein Blick, die Stadt Dingle zu meinen Füssen, über die Dingle Bay hinaus aufs offene Meer bis nach Valencia Island. Und blicke ich nach Norden, ist die Aussicht genauso schön. Über den breiten Sandstrand auf der Halbinsel von Fahamore blicke ich bis zum Kerry Head und bilde mir ein, dahinter sogar noch den Loop Head im Dunst zu erkennen.

Ich verharre nicht lange auf der Passhöhe inmitten eines wahren Menschengewimmels, haben doch auch mehrere Autobusse die Fahrt herauf geschafft. Das offenbar häufige Gewimmel hat bewirkt, dass zwei finster blickende Herren anwesend sind: einer bietet räudige Welpen unbestimmter Rasse an, der andere unglücklich dreinschauende Kätzchen, die ihr Schicksal ahnen: hinein in einen Sack und in den nächsten Bach mit ihnen, falls sie keiner kauft. Das Kaufinteresse des Gewimmels hält sich in Grenzen.

Ich begebe mich nun in niedrigere Gefilde, nämlich auf Meereshöhe hinab und fahre nach Osten entlang des Strandes von Kilcummin bis nach Castlegregory, einer Ansammlung von Pubs und B&Bs, im Sommer sicher ein beliebter Urlaubsort. Auf einer schmalen, stellenweise von Dünensand bedeckten Straße fahre ich den langen Strand von Fahamore entlang bis in den gleichnamigen Ort. Dort enden alle Straßen bei einer Kirchenruine samt Friedhof. Nur einige Wochenendhäuser stehen neben der Kirche, viele Menschen scheinen hier nicht zu wohnen.

Mein Auto stelle ich windgeschützt hinter eine mit Gras bewachsene Düne am Strand und mache in der Abendkühle einen langen Spaziergang. Am Ufer sehe ich einen Hund aufgeregt hin- und herlaufen und siehe: das dazugehörige Herrl schwimmt ziemlich weit draußen im Meer den Strand entlang. Der Hund indessen steht nur mit den Pfoten im kalten Wasser und ist trotz anfeuernder Rufe des Herrls nicht zu bewegen, zu ihm hinauszuschwimmen.

Da ziehe ich mich leicht fröstelnd in mein noch relativ warmes Auto zurück und schlafe ungestört bis zum Morgen.

 

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Erstellt am 25. Juni 2004

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