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Portsalon - Buncrana - Fort Dunree - Gap of Mamore - Mamore Cottages - Malin - Malin Head
(Freitag, 23. Juni 2000)

   Frühstück erst um 8 Uhr: der Lausch streicht hungrig über den Strand und vergleicht sich mit einer hungrigen Möwe, die ihn beharrlich umfliegt, als betrachte sie ihn als Beute. Ungemach vergeht, lehrt irgendein Sprichwort, aber vielleicht ist es von mir und kein Sprichwort; jedenfalls vergeht, geht man nur weit genug spazieren, auch die Zeit und ab 8 Uhr wird gefrühstückt.
  Ich wähle die Nebenstraße entlang der Ballymastoker Bay, überwinde - mit gebührendem Halt wegen der Aussicht auf den weiten Strand - auf gewundenen Wegen einen Hügel und fahre auch weiterhin auf gewundenen Wegen den Lough Swilly entlang bis Rathmullan, einem recht hübschen Dorf mit Klosterruine, diesmal eines der Karmeliter, das aber nicht anders ausschaut als andere Klosterruinen auch. Die Ruine kann man besichtigen; wichtiger ist der Ort wegen dem, was man nicht sehen kann: vom kleinen Hafen aus begann formell "The Flight of the Earls". 1607 verließen von hier aus die Earls von Tyrone und Tyrconnell mit ihren Gefolgsleuten Irland und flüchteten nach Frankreich, wo sie als Gegner Königin Elisabeths I. freundlich aufgenommen wurden. Die Königin freute sich zweifellos: die Flucht gab den Anstoß zur "Plantation", der Ansiedlung protestantischer Bauern und Adeliger vor allem aus Schottland im Norden Irlands und zur Unterdrückung der nicht geflohenen katholischen Bevölkerung - die Folgen wirken bis heute nach und Ereignisse wie die Anfang Juli eines jeden Jahres in Drumcree zeugen davon.
   Der Lausch indessen fährt - mangels Fähre über den Lough Swilly über Ramelton bis Letterkenny zurück und biegt im Kreisverkehr auf die Derry Road ein und folgt auch in der Folge beharrlich den Wegweisern Richtung Derry. Die Straße hinauf zum Grianach of Aileach passiere ich ebenso wie das dazugehörige Museum in der alten, grauen Pfarrkirche und weiss, auf die kommt es nicht an, sondern auf die neue Kirche. Dort beginnt die Auffahrt. Voriges Jahr bin ich den Hügel zu dem wirklich eindrucksvollen Ringfort hinaufgefahren und habe, nach einiger Mühe, sogar den heiligen Brunnen gefunden, an dem oder in dem irgendwer getauft worden ist, für den das sicher eine sehr wichtige Angelegenheit gewesen ist. So ändern sich die Zeiten.
   Ohne Halt fahre ich bis Buncrana weiter, einem Städtchen mit einer Hauptstraße. An der stehen kitschige Laternen mit Kupferdächern und in den Geschäften gibt es mancherlei Schnickschnack für Touristen zu kaufen. Laibchen aller Art zum Anziehen gibt es auch. Die Firma Fruit of the Loom hat in Buncrana eine Fabrik, die zwar vom Zusperren bedroht ist, die Arbeitskräfte in Marokko sind billiger, die aber dennoch der größte Arbeitnehmer der Stadt und der Umgebung ist. Da immer wieder Leute entlassen werden, ist die wirtschaftliche Lage nicht rosig. Vielleicht kommt es mir nur so vor, aber ich habe noch in keiner Stadt so viele Mütter in billigen Trainingsanzügen mit Kleinkindern gesehen wie hier auf dem - kurzen - Spaziergang die Upper Main Street hinunter (zur Lower Main Street) und zurück. Und so viele Pubs auch nicht.
   Von Buncrana aus geht es weiter in Richtung Clonmany; Fort Dunree könnte ich besuchen, einem auch noch nach der Unabhängigkeit Irlands von der britischen Armee benützten Befestigung, waren doch im Lough Swilly sowohl im 1. als auch im 2. Weltkrieg amerikanische und britische Kriegsschiffe in relativer Sicherheit vor deutschen U-Booten stationiert. Im Fort gibt´s allerdings nicht viel Bemerkenswertes zu sehen, der Besuch lohnt sich bestenfalls für Iren, welche über die Geschichte ihres Landes Bescheid wissen wollen. Die Aussicht von den Felsen, auf denen das Fort gebaut ist, die Aussicht ist allerdings gewaltig. 
   Auf einer schmalen, dafür aber schnurgeraden Seitenstraße fahre ich zu einer Kreuzung; vor vielen Jahren bin ich diese Straße so schnell hinuntergerast, dass ich Kreuzung versäumte und erst am Gegenhang merkte, ich hätte ja eigentlich nach links abbiegen sollen zum Gap of Mamore. Durch mein Alter gereift und vor allem um die damalige Erfahrung reicher, fahre ich heuer mit angemessener Geschwindigkeit (langsam) durch die Gegend, sehe die Kreuzung rechtzeitig und biege nach links ab. Die Steigung der Straße ist beträchtlich; auf dem Gap angelangt, geht es in Serpentinen in ebenso beträchtlichem Gefälle auf der anderen Seite wieder bergab. Der Unterschied liegt in der Aussicht. Beim Hinauffahren sieht man nichts als die stetig steigende Straße und darüber hoffentlich blauen Himmel. Fährt man hinunter, hält man unwillkürlich öfters an und schaut auf das Land und das Meer unten. Auf ein weites Tal blicke ich, auf niedrige Hügel im Mittelgrund, dahinter einen Meeresarm, auf dessen entferntem Ufer hell der 5-Finger-Strand von Malin leuchtet und dahinter die Halbinsel Malin, die zum Malin Head ausläuft, dem nördlichsten Punkt Irlands. Auf halber Höhe der Straße ist ein sehr schöner Parkplatz mit prächtiger Aussicht, auf dem ich das Auto parke und die Aussicht genieße.
   Als sich eine dunkle Wolke Unheil dräuend im Westen aufbaut, fahre ich weiter, gerade rechtzeitig, dass ich, unten im Talgrund, rechts auf eine Nebenstraße der Nebenstraße einbiegend, nach 1 Kilometer zu den Mamore Cottages komme, einer Ferienhaussiedlung in Form von 5 oder 6 strohgedeckten Cottages in traditioneller Bauart (Im Internet findet man unter diesem Stichwort nur 2, die anderen gehören anderen Eigentümern und werden anderswo angezeigt, wo, weiß ich aber nicht. Sie schauen aber alle im Wesentlichen gleich aus und sind auch vergleichbar ausgestattet). Dort bleibe ich stehen, mache einige Fotos. Ein Bauer auf seinem Traktor hält an, schaut meinem Treiben zu und fragt, ob ich vielleicht eine Unterkunft suche. Nun ja, nicht eigentlich, ich habe andere Pläne, aber er ist von der Aussicht auf Einnahmen so angetan, dass er mir ein Cottage aufsperrt und mich einlässt.
   Da beschließe ich, mich hier für zwei Tage niederzulassen und wir werden handelseins. Ob es mir auch nichts ausmache, dass es außer mir keine Gäste gebe, ich also ganz allein sein werde? Ich schaue daraufhin natürlich traurig drein, es nützt aber nichts, ich erlange keine Preisreduktion durch die von ihm befürchtete Aussicht auf Einsamkeit.
   Das Gepäck in mein Cottage eingeräumt, fahre ich Richtung Malin weiter und parke mich auf dem hübschen dreieckigen Platz ein, um den die Häuser des Ortes stehen. Zum 5-Finger-Strand gehe ich, der so heißt nach den Felsvorsprüngen, die ihn in einzelne Abschnitte aufteilen. Offiziell heißt der Strand allerdings Trawbeagha Bay. Ein wenig komme ich mir schon vor wie der Mensch in der Kabarettszene des verstorbenen Österreichers Qualtinger, der auf die Frage, warum er an diesem Orte sei, antwortet, weil ihn das Reisebüro hierher vermittelt habe.
   Mich hat zwar kein Reisebüro nach Malin vermittelt, aber dafür ein Buch, ein Bestseller sogar, ein Krimi mit dem Titel "Inishowen" mit so genauen Ortsbeschreibungen auch von Malin und vom Malin Head, dass ich die Reiseroute des Romanhelden nachvollziehen wollte. Auf diese Weise kommt der Mensch zum Malin Head. Nach Malin zurückgekehrt, kehre ich im einzigen Hotel des Ortes ein, im Roman von Joseph O´Connor erwähnt. Danach fahre ich über die vielbogige, ebenfalls erwähnte Brücke nach Carndonagh, sehe das den Ort bekannt machende Hochkreuz aus dem Auto und gelange auf Nebenstraßen und gewiss mit einigen Umwegen zurück zu meinem Cottage.
   Den Nachmittag verbringe ich, mich als Hausherr fühlend, teils vor dem Cottage in der Sonne sitzend, teils im Cottage beim Versuch, trotz Elektroheizung, die ich einschalten könnte, mit Torfbrocken ein Feuer im Kamin zu erzeugen, was mir unter Verbrauch einer noch nicht fertig gelesenen Irish Times und fast einer ganzen Küchenrolle zur Verstärkung endlich gelingt, woraufhin der Duft nach Torffeuer mein Cottage durchzieht - mißgünstige Mitbenützer würden wohl behaupten, der Rauch sei nicht durch den Rauchfang abgezogen, sondern durch die Wohnräume zur offenen Tür hinaus, einer Tiroler Rauchkuchl ähnlich (bevor das Tiroler Volk nämlich gegen den Autobahnlärm zu protestieren beginnen konnte, saß es Jahrhunderte lang geldlos in seinen Rauchkuchln, aß steinharten Schweinespeck und kämpfte mit den Mäusen ums Brot, aber das haben die Tiroler flugs vergessen). Gott sei Dank habe ich keine Mitbenützer und bis zum Abend, als es dann wirklich kühl wird, habe ich den Trick schon heraußen. Ja, es gelingt mir sogar, vor dem Schlafengehen die glosenden Torfstücke zu zusammenzuschieben, dass ich am Morgen noch Glutnester unter der Asche entdecke und stolz neuerlich ein Torffeuer entzünde.

 

 

 

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Zuletzt geändert: 26. Juli 2007
© Peter Lausch |  2000