Sonntag, 23. Mai 2004

 

Am Morgen wird das Vergnügen beim Aussteigen aus dem Auto ein wenig getrübt von Myriaden winziger Fliegen oder Mücken, oder wie immer. So klein sind diese Viecher, die von den Iren Midgets genannt werden, dass man sie kaum sieht. Man hört sie bloß, wenn sie knapp an den Ohren vorbeifliegen. Und beißen tun sie wie nur was. Ich könnte ihnen nur entkommen, wenn ich schnell davonginge, aber ich muss ja das Auto startklar machen. Schließlich flüchte ich mich ins Auto, aber das haben Scharen lieber Midgets schon vor mir getan. Da hilft dann nur mehr eines: Losfahren und alle Fenster öffnen, damit es richtig durchzieht, denn Wind mögen die Kleinen überhaupt nicht.

Im Ernst: Die Midgets sind für den Kontinentaleuropäer, der sie nicht gewöhnt ist, eine echte Plage. Sie vergällen einem gründlich eine Wanderung in einem Waldstück oder die Benutzung vieler schön gelegener Picknickplätze am Waldrand, wenn kein Wind weht. Das ist aber Gott sei Dank in Irland nur selten der Fall.

Auf die Hauptstraße zurückgefahren, geht es bis Allihies im Westen der Halbinsel weiter. Das ist eine abwechslungsreiche Fahrt durch eine hübsche Landschaft.

Sieht man die tristen Bilder von Allihies im Buch von Jill und Leon Uris, kann man beinahe nicht glauben, dass es sich um denselben Ort handelt. Das damalige Erscheinungsbild mag aber auch dadurch bedingt sein, dass 1962 die Gewinnung von Kupfererz endgültig eingestellt wurde – die Produktionskosten waren einfach zu hoch.

Dank der wirtschaftlichen Prosperität der letzten 10 oder 15 Jahre hat sich auch das Erscheinungsbild von Allihies gewandelt. Einige neue Häuser sind gebaut worden, vor allem aber prangen die alten Häuser, die man auf den Fotos von Jill Uris sieht, in frischen Farben, sehr starken Farben natürlich, und der Ort wirkt viel freundlicher als früher. Aber immer noch gibt es in der Gegend die Halden mit dem Aushubmaterial der Kupferbergwerke und die Schächte zu den Minen ebenso wie die Ruinen der Bergwerksbauten, doch sind alle diese Überreste lange schon von Vegetation überwuchert und man muss schon recht kundig sein (oder einen Einheimischen fragen), um sie zu finden. Am Leichtesten ist die Ruine des Förderhauses oben auf einem Hügel zu entdecken, sie ist weithin sichtbar.

Auch in den Nachbarorten (in Eyeries zum Beispiel) sind die Häuser sozusagen bunt. Das gilt auch für die Landschaft, sozusagen.

Auf der Küstenstraße fahre ich auf teils abenteuerlicher Strecke bis nach Castletownbere zurück und hoffe die längste Zeit, dass mir auf der schmalen Straße kein Auto entgegenkommt. Die Hoffnung ist vergeblich. Im Hafen von Casteltownbere stelle ich danach mein Auto ab. Die Stadt ist ein wichtiger Stützpunkt für die Fischereiflotte, aber ehrlich, außer schadhaften Schleppnetzen, die manuell geflickt werden und einigen wenig eindrucksvollen kleinen Fangschiffen merkt ein Laie wie ich davon nichts.

Ich bleibe nicht lange. Das Cametringane Hotel, in dem ich mir einen Kaffee gönnen wollte, ist leider eingegangen und wartet auf neue Besitzer samt Renovierung. So nutze ich lediglich den Geldautomaten der Allied Irish Bank zweckentsprechend, aber eine Tasse Kaffee wäre dennoch nicht schlecht gewesen.

Auf einer Seitenstraße fahre ich nach Eyeries, einen schön gelegenen kleinen Ort an der Nordküste der Halbinsel – und ein Mekka für Farbfotografen. Schon von weitem ist der Ort in seiner Buntheit nicht zu übersehen. <Bunt>, d. h. in jeweils einer anderen Volltonfarbe angemalt, ist buchstäblich jedes Haus, aber auch jeder Wasserhydrant. Die Straße macht im Ort eine Kurve – eines der gewiss beliebtesten Fotomotive, am schönsten am Vormittag. Mehr schreibe ich nicht, man muss die Buntheit der Häuser gesehen haben.

Der so genannten Ring of Bere (Coast Road, die leider teilweise wegen Reparaturarbeiten unbefahrbar ist, was zu Umwegen ins Landesinnere zwingt) ist ab Eyeries eine schmale, unübersichtliche Berg- und Talbahn mit vereinzelten Ausweichen, aber leider, es kommt immer dann ein Auto entgegen, wenn keine Ausweiche in Sicht ist. In Langsamfahrt kommen wir aber stets ohne Kratzer am Fahrzeug aneinander vorbei. Ich fahre bis  nach Kenmare, kaufe dort Esswaren und bin erstaunt über die Menge an Touristen. Aber natürlich liegt der Ort an der Kreuzung der N70 mit der N71 und wie man’s nimmt, ist Kenmare der nördliche Startpunkt für den Ring of Bere und gleichzeitig der südliche Startpunkt für den Ring of Kerry. Ich finde, außer viel Betriebsamkeit und bunten Hausfassaden, die man allenthalben findet (wer von Eyeries kommt, ist diesbezüglich verwöhnt) hat Kenmare nicht wirklich viel zu bieten, eine Steinbrücke über den River Blackwater allenfalls ausgenommen, auf der schon die Mönche des nahe gelegenen Klosters zu einem heiligen Brunnen am anderen Flussufer gelangt sein sollen (zumindest auf einer früheren Auflage der Brücke, denn mir Laien schaut sie nicht danach aus, als sei sie aus dem 7. Jahrhundert).

Buchstäblich jeder ordentliche Reiseveranstalter, der Busreisen nach Irland anbietet, hat den Ring of Kerry auf dem Programm. Und das zu Recht, denn man findet in ganz Irland keinen anderen Landstrich, der auf so engem Raum einen solchen Reichtum an landschaftlichen und historisch bedeutsamen Sehenswürdigkeiten bietet. Ich habe mir schon mehrmals vorgenommen, den Ring of Kerry in Etappen zu absolvieren, aber leider ….

So fahre ich denn die N70 entlang bis zum Hotelkomplex in Parknasilla, einem Luxushotel für die Wohlbetuchten. Immerhin kann ich auf dem Hotelparkplatz (mit schöner Aussicht) mein Auto abstellen und nach kritischem Blick auf meine Erscheinung und Bekleidung mich ohne besonderes Aufsehen unter die Wohlbetuchten mischen. Früher hob man in allen Reiseführern immer hervor, Charles De Gaulle sei Gast in Parknasilla gewesen, in den modernen Reiseführern wird er nicht mehr erwähnt. Viele junge Touristen wüssten mit seinem Namen vielleicht auch wenig anzufangen, jedenfalls ist sein Urlaub vor x Jahrzehnten kein Werbeargument mehr fürs Hotel. Beim Verlassen des großen Parks parke ich mein Auto unter den Palmen bei der Ausfahrt, verewige diese Tatsache (aber nicht mich selbst, meine Kamera hat als so genannte Profikamera keinen Selbstauslöser, gibt es tatsächlich, deutsche Qualitätsarbeit!) auf einem Foto und fahre anschließend nach Sneem weiter. Keine besonders erwähnenswerte Ortschaft, bloß findet sich dort eine wirklich sehenswerte Ansammlung von Andenkenläden und Pubs, weshalb auch jeder anständige Reiseunternehmer in Sneem einen Aufenthalt einplant. Ich bin zwar keiner, aber ich parke mein Auto dennoch, wenn auch am Ortsrand, denn um den dreieckigen Hauptplatz ist kein Parkplatz frei an diesem schönen Sonntag.

Einige Kilometer westlich von Sneem sehe ich den Wegweiser zum Staigue Fort. Das ist eine absolute Sehenswürdigkeit, die ich mir nicht entgehen lassen würde, wollte ich nicht den landschaftlich noch schöner auf einer Hügelkuppe gelegenen Grianan of Aileagh in Donegal besichtigen. Wollen Sie das nicht, biegen Sie ab. Beim Fort gibt es einen Parkplatz, der Besuch ist an sich gratis, aber eine kleine freiwillige Spende wird dort gerne gesehen. Über das Staigue Fort verbreitern sich alle Reiseführer, also tue ich es bloß ein wenig.

Ich habe mich nur immer schon gewundert, was die Leute wohl seinerzeit bewogen haben mag, an einer bestimmten Stelle im Gelände etwas hinzubauen, sei es ein Ringfort, sei es ein Steinring, sei es ein Gebilde, das wir heutzutage als Court Tomb bezeichnen, weil wir über seine eigentliche Bedeutung nichts Genaues wissen. So ist etwa Staigue Fort auf halber Höhe eines Hangs gebaut, man hat zwar eine nette Aussicht nach Süden, aber von weiter oben wäre die Aussicht noch viel schöner.

Über das Alter des ganz ohne Mörtel gebauten Steinringes mit einer Dicke von bis zu 4 Metern hat man lange Zeit gestritten. Heute ist mehr oder minder allgemeine Meinung unter den Archäologen, dass kein Ringfort älter ist als max. 2500 Jahre – im Falle Staigue Fort hat man sich auf ca. 100 v. Chr. als wahrscheinliches Erbauungsdatum geeinigt. Die archäologischen Untersuchungen haben ergeben, dass das Fort, wie die meisten, mehrere Jahrhunderte lang bewohnt war, einzelne jedoch mehr als tausend Jahre lang. Ob diese Forts Verteidigungszwecken dienten, weiß man auch nicht wirklich. Sie hätten jedenfalls mit ihren bis 5 Meter hohen Mauern einem Angriff standgehalten und waren groß genug, um eine Viehherde zum Schutz vor Räubern hineinzutreiben (allerdings müssten die Kühe recht schlank gewesen sein, denn der Eingang ist sehr schmal).

Übrigens gäbe es in der Nähe auch das Staigue Fort Exhibition Centre zu besichtigen, eine Art Kombination von Pub und B&B samt Videovorführungen über die Baugeschichte von Steinforts. Dort ist der Besuch freilich nicht gratis. Ob er sich lohnt, kommt auf das Alter ihrer Kinder an.

Das Staigue Fort lasse ich also Fort sein; nicht jedoch das nicht weniger eindrucksvolle Fort in Caherdaniel ein Stück weiter in Richtung Waterville mit dem schönen irischen Namen Cathair Donail. Da nur über eine schmale Zufahrt zu erreichen, ist es weniger überlaufen als das Staigue Fort und letztlich genauso schön anzusehen.

Solcherart um Wissen bereichert, fahre ich bis Waterville weiter, über das ich nicht viel zu sagen habe. Außer, dass es ganz prächtige Fotos von einem abgelegenen Haus am Meeresufer gibt, an einem Ausläufer eines kleinen Hügels. Für mich war dieses Haus, von dem ein Foto  in jedem besseren Irlandbildband enthalten ist, immer das Symbol der Verlassenheit am Rande der Welt.

Wie das Leben oft spielt, die diversen, einander ähnlichen Fotos geben nicht die ganze Wirklichkeit wieder. Sie sind, wie ich merke, nämlich vom nördlichen Ende der Strandpromenade mit einem starken Teleobjektiv am späten Nachmittag und bei Flut aufgenommen (daher wird die Fassade des Hauses von der Sonne beschienen). Ich habe mein Auto am Südende der Promenade geparkt und im Übrigen kein starkes Teleobjektiv. Also nähere ich mich über einen Kieselstrand mit kopfgroßen lose herumliegenden Steinen dem Haus. Indessen breitet sich vor dem Haus ein bei Ebbe sozusagen meilenweiter Kieselstrand aus und der Eindruck vom Rand der Welt mag sich durchaus nicht einstellen.

Das macht schon deshalb wenig, weil der diesbezügliche Film während der Entwicklung im Labor des Elektrogroßmarktes ohnehin verdorben wird.

Bevor ich auf der N70 den Ort Caherciveen erreiche, biege ich in Richtung Portmagee ab. Das Wetter ist schön, es ist fast windstill - ist es auch windstill genug für die Fahrt zu den Skellig Islands?

Gleich bei der Brücke in Portmagee sehe ich, was moderne Architektur nicht ist: eine einfühlsame Auseindersetzung mit der Umgebung. Für manche ist das Ideal der Architektur das Aufeinandertürmen von Lego-Steinen. Aber schauen Sie sich das  Besucherzentrum lieber selber an. Dasselbe ist möglicherweise nämlich auch alles, was sie von den Skellig Islands sehen werden. Von Portmagee, aber auch von Derynane und Ballinskelligs, ja sogar von Caherciveen,  fahren theoretisch täglich kleine Boote zur größeren der beiden Inseln, Skellig Michael (auch als Great Skellig bezeichnet). Ist es windig, fahren die Boote nicht aus, ist der Wellengang zu hoch, fahren die Boote nicht aus, sind die Umstände sonst ungünstig, fahren die Boote auch nicht aus. Und fahren sie einmal doch aus, ist es eine Glücksfrage, ob man noch einen Platz auf einem Boot ergattert - andere wollen auch.

Wie man zu einer Fahrkarte kommt? Leicht, sofern gefahren wird. Überall gibt es Verkaufsstände (das heißt in Geschäften, Tankstellen und Pubs in der Gegend) und am kleinen Hafen selbst stehen die Verkäufer auch. Welches Boot man wählt, wenn mehrere fahren? Egal. Für eine Landratte wie mich sehen alle ein wenig fragil aus und gleich teuer sind sie auch - 25 Euro, in der Hochsaison vielleicht etwas mehr (Benzinpreise etc.). Ich schreibe aber gleich: die Fahrt ist das Geld wert.

Ich habe mehrfach Glück: An der Mole  (das Meer beginnt so 5 Meter tiefer) liegen gleich mehrere Boote, die Verkäufer sind verkaufsbereit, außer mir sind auch schon andere Interessenten da: ein irisches Ehepaar, ein katholischer Priester, etliche Franzosen - und ich.

Boat to Skellig, ruft schließlich einer und die versammelte Schar beginnt unter diversen Ach's und Weh's die Leiter zu den Booten hinabzuklettern, angeführt von der irischen Gattin, die durch spitze Schreie sicherstellt, dass ihr ja keiner unter den Rock schaut. So wie sie ausschaut, hielte sich das Interesse wohl ohnehin in Grenzen, außerdem ist keiner unten. Was soll's, als sie unten ist, lassen mir die übrigen Passagiere höflich den Vortritt. Deshalb komme ich als Nächster dran und klettere hinunter. Im Bug des schwankenden Bootes suche ich mir einen Platz und werde dort umgeben von Französinnen und Franzosen.  Ich blicke mich um und deutlicher noch als von oben erkenne ich, wie klein unser Boot ist: vielleicht 10 Meter lang. Auf besseren Ruderbänken sitzen wir, ich am Rand, sodass ich einen ungehinderten Blick aufs Wasser, so ca. 50 cm unter mir habe. Am Heck gibt es einen Holzverbau, der den Motor birgt, samt Steuerrad und hinter dem steht der Kapitän, der - wenigstens etwas - einen einigermaßen professionellen Eindruck macht. Als keiner mehr aufs Boot will, der Andrang hält sich jetzt im Mai noch in Grenzen, fahren wir aufs offene Meer hinaus. Dass wir das tun, zeigt sich auch daran, dass das ruhige Meer auf einmal nicht mehr so ruhig ist.

Die vorher quietschende Irin verkriecht sich an die breite Brust des Gatten, der sie mit käsebleichem Gesicht mannhaft umfangen hält. Das wird eine lustige Reise werden, denke ich und überlege, dass ich mich für den Fall der Seekrankheit günstig an die Reling gesetzt habe. Die Franzosen erzählen sich - anscheinend lustige - Geschichten, denn sie lachen unentwegt, sofern sie nicht gerade singen. Der Kapitän blickt ohne Sorge mannhaft voraus und hat die Rettungswesten, so welche vorhanden sind, noch nicht ausgegeben. So schlimm wird es also nicht werden.

Ein dunkler Steinklotz weit draußen auf dem Atlantik wird größer und erweist sich als schwarz und weiß gesprenkelt: Schwarz ist der Fels und weiß die Vogelgacke. Der Klotz ist Little Skellig, an dem wir vorbeifahren, doch eine weithin bekannte Brutstätte von Seevögeln. Unser Ziel ist der  größerer Felsklotz, der daher Great Skellig genannt wird, oder wahlweise auch Skellig Michael.

In die Flanke des Klotzes hat man im 19. Jahrhundert eine Landestelle hineingesprengt, denn auf der Insel befindet sich ein früher bemannter Leuchtturm. Die Landestelle wirkt von weitem nicht sehr eindrucksvoll und das ändert sich nicht beim Näherkommen. Sie ist eigentlich nur eine einige Meter breite Betonmauer ins Meer hinaus. An einer Seite hat man eine Treppe eingelassen, die ins Meer herabführt. Im Windschatten dieser Mauer legt unser Schifflein an.

Beim Landgang der Passagiere (ich hoffe mich seemännisch einwandfrei auszudrücken) lassen mir die übrigen Passagiere durchaus den Vortritt. Man sieht, das Alter hat nicht nur Vorteile. Das Aussteigen spielt sich etwa so ab: Das Schifflein wird durch eine Welle an der Mauer so drei oder vier Meter in die Höhe gehoben und sinkt dann wieder ab. Einmal habe ich die Oberseite der Mauer vor Augen und sogleich wieder die nasse Treppe. An der Mauer hängt ein Seil. Ist das Schifflein oben, soll ich auf die Treppe steigen, das Seil ergreifen und flugs die Treppe erklettern.

Als das Boot emporgehoben wird, gibt mir der Kapitän einen aufmunternden Schubs. Einen Moment später erst steige ich tatsächlich aus. Als ich den linken Fuß auf eine Treppenstufe setze, sinkt das Boot daher schon wieder ins Wellental ab. Ich halte mich verzweifelt am Seil fest und klettere eilends die glitschigen Stufen empor. Oben auf der Mauer angelangt, blicke ich zurück, oder besser, hinunter. Das Boot liegt 4 Meter unter mir und alle blicken zu mir empor. Ihnen steht Vergleichbares noch bevor.  Ich eile die Mauer entlang zum Ufer, hüpfe über einen Wasserschwall drüber, den der Atlantik von der Windseite her über die Mauer jagt.

Alle gelangen wir glücklich ans rettende Ufer. 3 Stunden hätten wir Zeit, außer, er blase schon früher seine Trompete, dann hätten wir früher zurückzukommen, sagt der Kapitän.

Nun machen wir uns auf den Weg. Viel Auswahl gibt es nicht auf Great Skellig oder Skellig Michael, wie ich es von nun an nennen will. Der einzige Weg führt vom Landeplatz auf den Gipfel. Dort oben haben ab dem frühen Mittelalter viele Jahrhunderte lang christliche Mönche gedarbt. Wie Sie wissen, die heiligen Männer in Ägypten suchten ich eine Höhle in der Wüste, um vor der Versuchung durch den Bösen gefeit zu sein. Mangels geeigneter Höhle erkletterte man eine Säule und wurde ein sprichwörtlicher Säulenheiliger.  In Irland fand sich keine Wüste und passende Säulen fanden sich auch nicht. Aber schwer erreichbare, weltabgeschiedene Gegenden gab es zuhauf. Der hl. Kevin ließ sich in Glendalough nieder und andere, die weniger berühmt sind und deren Namen keiner kennt außer GOTT der Herr suchten sich einsame, schwer erreichbare Inseln vor der Westküste Irlands.  Hier lebten sie in äußerster Askese ein wie sie dachten gottgefälliges Leben.

Karg war es, das Leben: Wasser gab es genug, Nahrungsmittel aber nur, soweit man sie auf der Insel pflanzen konnte, genug für das Überleben, dann und wann bereichert durch die Spenden frommer Menschen, welche die Überfahrt und die Landung wagten (die Landestelle gab es ja noch nicht).

Erst die Überfälle der Wikinger machten der Siedlung ein Ende.

All das geht mir durch den Kopf, als wir in einer langen Reihe die Stufen der in den Felsen geschlagenen Treppe am Hang des Berges hinaufklettern. Keuchend kommen wir in einer flachen Mulde im Hang knapp unterhalb des Gipfels an, dort, wo sich die seit Jahrhunderten verlassene Siedlung der Mönche befindet. Da oben steht noch immer eine kleine Zahl von Bienenkorbhütten, auch sie, wie alle, ohne Mörtel gebaut und noch immer regendicht.

Wir sind still geworden bei diesem Anblick, aber bald kommt Leben in die Anwesenden, die sich um eine weitere Gruppe, die mit einem anderen Boot gekommen ist, vergrößert hat. Die Neuankömmlinge haben vorgesorgt und wollen auch nicht einen halben Tag so leben wie die Mönche: auf einem Steintisch, dem ehemaligen Altar der Mönche, wie man annimmt, breiten sie Esswaren aus, Toast, Schinken, Mixed Pickles, Ketchup und schmausen friedvoll vor sich hin. Gegen den kalten Wind haben sie sich eine Flasche Whiskey mitgebracht, und trinken, Männlein und Weiblein, reihum aus der Flasche. Ob die Mönche sich jetzt im Grab umdrehen? Weiß man nicht, denn Gräber hat man nicht gefunden, nur die Stelle des einstigen Gemüsegartens mit seiner dicken Humusschicht  aus Sand und Seetang, von der Küste von den Mönchen körbeweise heraufgeschleppt.

Mag sein, dass ich eine Extremgruppe erlebt habe, aber mir reicht es dennoch. Ich blicke mich nochmals um, versuche, das laute Gelächter der Neuankömmlinge zu überhören und mache mich, als das natürlich nicht gelingt, auf den Weg zum Meer hinunter. Auf halber Höhe höre ich Trompetenklang, unten sehe ich den Kapitän wild gestikulieren und beschleunige den Abstieg.  Offenbar sollen wir vorzeitig zurückfahren.

Unten angelangt, verstehe ich sein Gestikulieren erst richtig. Der Wind hat sich gedreht, der Betonklotz wird der Länge nach von Gischt übersprüht. Alle paar Sekunden taucht das Gesicht des gestikulierenden Kapitäns über der Mauer auf, ehe sein Boot wieder in die Tiefe sinkt.

Auf dem trockenen Ufer versammeln sich weitere Passagiere. Wie das Leben so spielt, stehe ich ein paar Schritte vor den übrigen und mir gilt nun das Gestikulieren des Kapitäns. Ich komme mir vor wie im Theater: ich der Hauptdarsteller, hinter mir die Zuschauer. Ihnen ist bewusst, was mir bevorsteht, blüht auch ihnen. Mir bleibt nichts anderes übrig, ich gehe scheinbar mutig an den Rand der Mauer. Als das Boot sich mit der anbrandenden Woge hebt,  reiche ich gnädig dem Kapitän die Hand. Er ergreift sie fest und zieht mich aufs Boot. Ich bin leider ein wenig langsam. Das Boot sinkt bereits wieder, ich falle mehr hinunter als dass ich aufs Boot steige - sicher ein Anblick für Götter. Ich setze mich in den hintersten Winkel des Bootes, was gar nichts heißt, weil es ja keinerlei Verdeck gibt. Ähnlich elegant betreten auch die restlichen Passagiere das Boot, das heißt, sie fallen von oben herunter. Bloß die irische Ehefrau kreischt dabei wie ein angestochenes Schwein.

Nicht alle Gesichter sind vertraut von der Herfahrt. Die Verschiffung ging so schnell, dass keine Zeit war, die Leute auf die Boote zu verteilen, mit denen sie gekommen sind. So sitzen wir ganz weißgesichtig und aneinander gedrängt auf den Sitzbänken. Sobald wir losgefahren sind, wird die See sozusagen bewegt, ja ich sehe sogar einige Wellen mit weißen Schaumkronen. Alles in allem nicht gefährlich, aber eindrucksvoll, wenn man in so einem Wellental fährt und nichts um und neben einem sieht als Ozean. Und ist man dann oben auf dem Wellenkamm und blickt hinunter auf das Nachbarboot, ist das auch nicht beruhigend. Im Leben ist halt vieles eine Frage des Standpunktes.

Jedenfalls bin ich heilfroh, als ich in Portmagee die Leiter der Kaimauer emporklettere. Vielleicht ist es doch keine so schlechte Alternative, im schönen Bau des Skellig Experience zu bleiben und das Original Original sein zu lassen.

Noch im Nachhinein mit leicht weichen Knien  fahre ich bis Caherciveen weiter, ohne anzuhalten. Nach schöner Fahrt am Südufer der Dingle Bay halte ich erst wieder in der Ortschaft Glenbeigh.

Nach der vorigen einsamen Nacht möchte ich diese nicht zu weit von menschlicher Gesellschaft verbringen und buche einen Platz auf dem Campingplatz am Ostende der Ortschaft. Der Platz erweist sich jedoch, wie ich erst nach Entrichtung meines Obolus bemerke, als Niete: Überwiegend dient er als Stellplatz für Wohnwagen, nur eine kleine Wiese ist den Zeltlern vorbehalten. Und weil die Wiese so klein ist, muss man sein Auto auf dem Parkplatz neben dem Eingang abstellen. Macht nichts, wenn man ein Zelt dabei hat, das man aufschlagen kann, hat man indes keines (so wie ich) und will nur im umzäunten Campingplatz im Auto schlafen, ist das nicht das Richtige. So lasse ich denn meine 11 Euro 11 Euro sein (sozusagen als Lehrgeld) und fahre zum langen schönen Rossbeigh Strand am westlichen Ortsrand und parke dort für die Nacht. So wie etliche Einheimische fröne ich sodann zwei irischen Vergnügungen: erst mache ich einen kilometerlangen Spaziergang entlang des Sandstrandes, anschließend setze ich mich in mein Auto und schaue der Sonne zu, wie sie untergeht. Als die Lenker und Lenkerinnen nach Sonnenuntergang nach Hause oder sonst wohin fahren, parkt sich nicht weit von mir ein Wohnmobil aus Essen ein – also werde ich diese Nacht nicht einsam am Strand schlafen. Das beruhigt.

 

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Erstellt am 25. Juni 2004

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