Samstag, 22. Mai 2004

 

Um 10 Uhr vormittags sind wir im Hafen von Cork. Der Mann von der Guarda, wie dortzulande die Polizei heißt, hält mich dank dem A auf meinem Auto für einen Schweizer. Macht aber nichts, auch dem Österreicher wird freundlich ein schöner Aufenthalt gewünscht.

Von Cork fahre ich auf Seitenstraßen nach Kinsale. Schön gelegen ist der Ort, ganz ohne Zweifel, erinnert, wie manche sagen, an ein Städtchen in der Bretagne. Mir drängt sich dieser Vergleich nicht auf: zu zuckerlbunt sind die Häuser angemalt, hübsch anzusehen dennoch.

Eine interessante Geschichte hat der Ort, landete doch 1601 eine spanische Armee in Kinsale, um die irischen Rebellen im Norden Irlands zu unterstützen. Das misslang gründlich. In der Folge war er bis 1922  Stützpunkt der britischen Marine, doch daran erinnert den Touristen im Stadtbild nichts mehr. Außerhalb der Stadt kann man das passend so genannte sternförmige Charles Fort aus der Zeit besuchen, als Irland noch zu England gehörte. Wer sich für Militärgeschichte interessiert, kann durchaus einen Abstecher dorthin unternehmen. Ich habe mir das Charles Fort nicht angesehen.

Ich habe mir in Kinsale überhaupt wenig angesehen. Die halbe Zeit meines Aufenthaltes habe ich mit der Suche nach einem freien Parkplatz verbracht; als ich endlich einen gefunden hatte, hätte ich eine der famosen <parking discs> gebraucht, von denen jedes Kuhdorf seine eigene Variante hat. Wo man denn solche in Kinsale erstehen kann, habe ich nicht herausgefunden. So wurde ich gleich am ersten Tag meines Aufenthaltes zum Gesetzesbrecher. Freilich, viele Gesetze gibt es in Irland, Kontrollen aber weniger, scheint mir.

Die nächste halbe Stunde verbrachte ich im Stadtzentrum, das aus 4 Häuserblocks besteht, mit vielen Pubs und vielen Restaurants, von denen einige recht teuer aussehen. Ob die Speisen dort trotz oder dank Vornehmheit  die verlangten Preise wert sind? Auch das kann ich nicht sagen. Mit anderen Worten: ich war in Kinsale, aber weiß über die Stadt nichts zu berichten.

Von Kinsale aus fahre ich eine Coast Road entlang zur Timoleague Abbey. Coast Road heisst nicht nur, dass man mehr oder minder entlang des Meeresufers fährt; es heißt auch, dass die Straße schmal und unübersichtlich ist. Nicht nur das, damit das Vergnügen größer wird, <bumpy> ist eine jede Coast Road natürlich ebenfalls, so wie übrigens eine jede Straße in Irland, auch die neu gebauten und von der EU mitfinanzierten Straßen. Bumpy bedeutet, die Straßenoberfläche  besteht aus vielen kleinen Bodenwellen, die jedes Auto so durchschütteln, dass ich meines beinahe tragen möchte. Sehen Sie übrigens Beifahrer und Lenker, welche die Zähne beim Fahren zusammenbeißen, heißt das nicht, sie seien zornig, sondern sie haben bloß Angst, sich bei dem unablässigen Gerüttel in die Zunge zu beißen.

Die Timoleague Abbey ist, so wie viele andere, hübsch anzusehen und durchaus fotogen. Kunsthistorisch ist sie eher unbedeutend. Warum ich sie mir dennoch ansehe und dazu auch noch einen Umweg fahre? Weil sie auf dem Umschlag des Reisehandbuchs bei meiner allerersten Irlandreise abgebildet war.

Was die Geschichte von Orten, Denkmalen etc. betrifft, ist mein Handbuch übrigens von keinem neueren Werk übertroffen worden: <Blue Guide Ireland, in englischer Sprache herausgegeben von Ian Robertson, London 1979> – so viel ich weiß, gab es keine deutsche Übersetzung.

Timoleague Abbey geht ursprünglich auf eine im 7. Jahrhundert von einem Schüler eines Heiligen namens Molaga gebaute Kirche zurück, von der sich nichts erhalten hat. Was man so an Ruinen sieht, stammt von den Franziskanern, die im 14. Jahrhundert das von einem lokalen Clanherren gebaute Kloster übernahmen. Der Wohntrakt der Mönche ist noch recht gut erhalten; darunter befinden sich die Reste der Kellergewölbe, die man jedoch nicht betreten kann. Ohnehin haben sie nicht mehr den Reiz, den sie auf Cromwells Soldaten ausübten, war die Abtei doch weithin bekannt für die guten Verbindungen zu spanischen Weinhändlern und in den Kellern lagerte so viel Messwein, dass er für die Schar der Eroberer ausreichte. Danach wurde das Kloster niedergebrannt, was in ganz Irland jeweils heißt, alles, was aus Holz war, verbrannte, übrig blieben die Mauern und die steinernen Gewölbe. Auch mit anderen Ruinen in ganz Irland hat diese Abtei gemeinsam, dass im Lauf der Jahrhunderte die zugehauenen Mauersteine zweckentfremdet wurden und in der Umgebung wohl etliche alte Häuser zu finden wären, die zumindest zum Teil mit den Steinen aus dem Kloster errichtet wurden. Immerhin, sozusagen als erste Abteiruine der heurigen Reise ist Timoleague schön anzusehen.

Das gilt auch für den gleichnamigen Ort.

Über Clonakilty und Skibbereen  fahre ich weiter Richtung Westen. Nur in Clonakilty mache ich kurz Halt, wandere ein wenig durch die Hauptstrasse mit ihren bunt bemalten Häusern und dem Denkmal für Michael Collins, dem General der Armee des Irischen Freistaats, bei uns besser bekannt durch die Verfilmung seiner Lebensgeschichte vor einigen Jahren. Er wurde in der Umgebung Clonakiltys geboren, was sein Denkmal im Ort erklärt.

Durchs Dörfchen Toormore komme ich, in dem vor Weihnachten 1996 die Eigentümerin eines Ferienhauses, Sophie Toscan du Plantier ermordet worden ist. Ihr Mörder ist bis heute nicht gefunden, oder, nach Meinung der Familie, zwar gefunden, aber infolge unbegreiflicher Nachlässigkeit der irischen Strafverfolgungsbehörden nicht angeklagt und verurteilt worden. Darüber habe ich zuletzt 2003 hier berichtet. Außer dass der dort bezeichnete Unglückswurm noch immer gegen den Kostenausspruch des Richters bei der Oberinstanz kämpft, hat sich seither nichts Wesentliches getan. Bloß erhebt in der Zwischenzeit auch der inzwischen volljährige Sohn der Ermordeten heftige Vorwürfe wegen der Laxheit bei der Verfolgung des Täters. Die Guarda schweigt sich aus, sagt bloß, der Fall sei noch nicht ad acta gelegt, aber ein jeder kann sich denken, was das wohl bedeutet.

Nach Baltimore hätte ich von Skibbereen übrigens auch fahren können, aber dort war ich zuletzt 2003. So hübsch das Städtchen auch ist, so gruselig eine Episode aus seiner Geschichte (der so genannte Sack of Baltimore = ist gleich ein Überfall algerischer Piraten auf die großteils protestantischen Ortsbewohner, samt Entführung sowie Versklavung der Gefangenen in Algerien), ich fahre lieber zum landschaftlich wirklich schönen Mizen Head und dem vorgelagerten Strand von Barleycove.

Und richtig habe ich mich entschieden: die Luft ist warm, die Sonne scheint, die wenigen Badegäste auf dem weiten Strand stören nicht. Bloß das Wasser des Atlantik verlockt mich nicht zum Baden, mir reicht es, bis zu den Waden im kalten Wasser zu stehen. Irische Kinder sind da weit abgehärteter als der alte Wiener, jauchzend platschen sie im kalten Wasser. Anschließend  werden sie fast mit Gewalt von den Eltern ins Trockene zurückgeholt und zittern vor Kälte.

Nach Crookhaven fahre ich sodann, einen ruhigen kleinen Hafen mit wenigen Einwohnern. Umso mehr Ausflügler wuseln indessen durch die – kurze – Hauptstrasse (die auch die einzige Straße des Ortes überhaupt ist) und sitzen auf der Mole in der Sonne. Etliche erinnern schon in gewisser Weise an die gekochten Hummer, die man abends in den 2 Pubs serviert erhalten kann. Sonnenschutzcreme gibt es zwar in den Supermärkten zu kaufen, dem Anschein nach schmiert sich aber kaum jemand damit ein.

An sich hätte ich in Crookhaven übernachten wollen, aber leider, andere sind mir in den  B&Bs zuvorgekommen. Nichts ist es mit dem Quartier.

So sitze ich bloß eine Weile in der warmen Sonne vor O’Sullivans Bar und schaue dem Treiben zu. Ich versuche auch, mir den Betrieb im 19. Jahrhundert vorzustellen, als Crookhaven ein lebhafter Hafen war, in dem viele Schiffe auf der Reise von und nach Nordamerika Halt machten.

Mangels Unterkunft fahre ich über Adrigole nach Osten und über Bantry und Glengariff  auf die Halbinsel Bere. Knapp 2 Kilometer westlich von Castletownbere biege ich in einer Straßenkurve nach links auf eine kleine Nebenstraße ein, fahre an einem düster grauen Torbau vorbei und gleich dahinter auf schmaler Straße mehrere Kilometer nach Süden, zuletzt durch dichten Wald. An Abzweigungen halte ich mich stets links und tue recht daran, denn zuletzt komme ich auf einen kleinen Parkplatz mitten im Wald. Dort bin ich der einzige Mensch weit und breit, scheint mir, und so wird es auch an diesem Abend bleiben. Vom Parkplatz wandere ich auf normalerweise schlammigen Reitwegen etwa 300 Meter nach links, übersteige ein Weidegatter und gelange sodann zur Ruine von Dunboy Castle.

Äußerlich ist das ein wüster Steinhaufen, der Haufen hat jedoch eine interessante Geschichte.

Im 16. Jahrhundert wurde dieser Landstrich von den O’Sullivan Bere beherrscht, alter gälischer Adel, ursprünglich bei Tipperary ansässig. Von dort mussten sie sich jedoch vor dem Ansturm der Engländer in den fernen Südwesten Irlands zurückziehen. Das damalige Castle (eher ein befestigter mehrstöckiger Wohnturm, wie es sie in Irland noch viele gibt) wurde 1549 versehentlich vom Clanchef Dermot O’Sullivan Bere in die Luft gesprengt, als er unvorsichtig mit Schießpulver hantierte. Er selbst sprengte sich dabei gleich mit. Notdürftig wieder aufgebaut, wurde dieses Feste Haus (Festung wäre wohl ein wenig übertrieben) von insgesamt 4000 Soldaten Cromwells  unter ihrem Anführer Sir George Carew insgesamt 11 Tage lang belagert. Die bloß 143 überlebenden Verteidiger ergaben sich schließlich am 18. Juni 1602, weil ihnen die Munition ausgegangen war. Sir Carew verfuhr mit ihnen so, wie Cromwells Armee regelmäßig mit allen jenen verfuhr, die Widerstand geleistet hatten; sie wurden allesamt aufgehängt. Manche sagen freilich, einige Gefangene habe man gefesselt von der Klippe vor der eroberten Burg heruntergeworfen. Soweit sie sich nicht ohnehin beim Aufprall den Schädel brachen, ersoffen sie hilflos in der steigenden Flut. Nette Zeiten waren das.

Heutzutage hetzt man geifernde Hunde auf gefesselte Gefangene und schließt Wetten ab, wie viele Gefangene vor Aufregung in die Hosen urinieren – Bericht in der Zeitung Washington Post vom 10.6.2004. Wie schön weit sind wir doch seit Cromwells Zeiten gekommen!

Den Clanchef Donal Cam O’Sullivan nahm Sir Carew nicht gefangen. Der Clanchef hatte Glück und war rechtzeitig verreist. Nach der Eroberung von Dunboy Castle machte er sich Ende 1602 mit 400 seiner Soldaten und 600 alten Männern, Frauen und Kindern auf den Weg zu den ursprünglichen Wohngebieten seines Clans. Der Marsch führte über 600 Kilometer bis ins County Leitrim. Bedingt durch die Entbehrungen des Marsches und Kämpfe mit feindlichen   irischen Clans und den Engländern überlebten von den annähernd tausend Menschen den Marsch bloß gezählte 35. Einen guten Einblick in die Beschwernisse dieses Marsches gibt die englische Site www.castletownbere.com/OSullivansMarch.htm .

Auch in Leitrim konnte sich der Herr Clanchef auf Dauer nicht halten und emigrierte ins katholische Spanien, wo er etliche Jahre später auf dem Weg von der Kirche umgebracht wurde.

Nachkommen der O’Sullivan Bere versammeln sich noch heute am 18. Juni eines jeden Jahres bei den Ruinen von Dunboy Castle und gedenken der damaligen Ereignisse. Wer unbedingt will, kann den langen Marsch noch heute nachvollziehen. Die Strecke ist als Wanderweg markiert. Die damaligen misslichen Umstände lassen sich freilich nicht nachvollziehen. Das wird den heutigen Wanderern wohl auch lieber sein. Erhöht die Überlebenschancen.

100 Meter landeinwärts steht ein unübersehbarer Protzbau: das Puxley Castle, das vielfach fälschlich als Dunboy Castle bezeichnet wird. Dazu haben der Schriftsteller Leon Uris (der mit dem Buch: Exodus) und seine Frau Jill nicht unwesentlich beigetragen, haben sie doch in einem Bildband 1975 (Ireland – terrible beauty) das Puxley Castle abgebildet und gleich auch noch mit der Flight of the Earls 1607 von Rathmullan aus nach Spanien in Verbindung gebracht.

Das echte Puxley Castle ist auch als Ruine noch geradezu umwerfend. Dazu trägt bei, dass es nicht nur eine Anhäufung architektonischer Scheußlichkeiten aus dem Jahre 1866 darstellt, sondern auch noch zusätzlich den – guten! – Geschmack ihrer Eigentümer widerspiegelt, der Famlie Puxley.

Der Stammvater des hehren Geschlechts ist ein Mensch namens Henry Puxley, der ab 1812 in der Gegend um Allihies im Westen der Halbinsel Kupfererz abbaut, d. h. abbauen lässt. Bedingt durch die zunächst hohen Erlöse des Kupfers, den hohen Anteil billiger Kinderarbeit und die miesen Löhne, die er seinen irischen Arbeitern bezahlte, wurde der Herr Puxley und seine Nachkommenschaft schnell und ohne große Mühe reich – heutzutage nennt man das Gewinnmaximierung. Auf diese Weise hatte er 1866 genug Geld beisammen, um eine aufwendige Erweiterung eines wesentlich bescheideneren Herrenhauses (so ums Vierfache) in echt gotischem Stil vornehmen zu lassen. 1921 wurde der Protzbau von den dankbaren Iren niedergebrannt, der damalige Eigentümer erhielt sogar eine Entschädigung von 5000 Pfund von der irischen Regierung. Was er mit dem Geld in der Folge anfing, verschweigt die Geschichte, die Ruine wurde jedenfalls nicht wieder aufgebaut und verfällt seit damals. Da aber beim Brand nur zerstört wurde, was brennbar war, sind die Mauern und Gewölbe heute noch unverändert erhalten und geben einen Eindruck davon, wie das Gebäude einstmals ausgesehen hat.

Das Wasserbecken vor der Ruine ist der einstige Privathafen derer von Puxley. Die verrotteten Holztrümmer im Becken stammen nicht mehr von den Puxleys, sondern sind die Reste zweier ausgemusterter Fischerboote. Und im Rhododendrengebüsch auf der östlichen Seite des Beckens verbirgt sich der einstige Garten der Puxleys. Steinerne Treppen und Sitzbänke sind noch erhalten, dank Stacheldraht und dichtem Bewuchs aber nicht mehr zu betreten. Ohnehin ist dadurch nichts verloren, den von der Höhe aus hat man keine andere und keine bessere Aussicht als von den Ruinen des Dunboy Castles.

Vor Jahren noch konnte man die Ruine betreten, sofern man sich nicht von den darin Schatten suchenden Kühen abhalten ließ und deren Hinterlassenschaften nicht scheute. Heute ist die Ruine von Stacheldraht umgeben, sie ist aber, denke ich, noch immer sehenswert. Das ist sie vor allem für jene, die sozusagen mit eigenen Augen sehen wollen, warum sich das irische Volk in einem blutigen Bürgerkrieg von Großbritannien lossagte und in der Folge die in Geld schwimmende protestantische Oberschicht los wurde (im katholischen Irland wollten die Herrschaften nicht leben).

Die Ruine und der umliegende Großgrundbesitz gehören heute einer Familie Power, entfernten Nachfahren der Puxleys.

Mein Auto auf dem kleinen Parkplatz abgestellt, lese ich danach noch eine Weile im Reiseführer und  schlafe dann ungestört bis zum Morgen durch. Aber ehrlich, lieber wäre mir die Gesellschaft anderer Reisender auf dem einsamen Parkplatz schon gewesen.

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Erstellt am 25. Juni 2004

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