Titelseite Einleitung | Anreise  | AufenthaltRückreise

13.6. | 14.6. | 15.6. | 16.6.| 17.6. | 18.6. | 19.6. | 20.6. | 21.6. | 22.6. | 23.6. |  

  24.6. | 25.6. | 26.6. | 27.6. | 28.6. | 29.6. | 30.6. | 1.7. |2.7.3.7. | 4.7.| 5.7. | 6.7. | 7.7.

 

Sligo - Lough Derg - Sligo
(Mittwoch, 21. Juni 2000)

     Voriges Jahr bin ich einmal zufällig an der Eisenbahnstation um die Mittagszeit vorbeigekommen; davor ist der Busbahnhof. Dort stand unter anderem ein großmächtiger Autobus von Bus Eireann mit dem Fahrziel Lough Derg. Vor dem Bus eine Menschentraube: Angehörige und Reisende. Die meisten Reisenden sind Frauen, zum Autobus begleitet von den Ehemännern und Kindern, viele ältere Frauen offenkundig vom Sohn oder von der Tochter zum Autobus gebracht. Nur wenige Männer, meist ohne Begleitung gekommen, alle aber mit wenig Gepäck, einer Einkaufstüte von Dunnes Stores oder von Supervalue mit dem Allernötigsten.
   Die Reisenden wirkten entschlossen und ernst; die Angehörigen vermittelten das Gefühl, als verabschiedeten sie nicht nur Mutter oder Vater, Tochter und Sohn auf eine kurze Reise, sondern als ende gleich ein ganzer Lebensabschnitt. Und wie ein Mann winkten sie allesamt dem Bus nach, als er auf die Straße hinausfuhr, dem Ziel Lough Derg zu.
   Pilger und Pilgerinnen waren es, die sich auf die Pilgerfahrt machten. Nicht die Fahrt ist das Ziel, sondern das Ziel ist der Aufenthalt und die Zeit der Pilgerschaft. Die Fahrt ist nicht der Rede wert: von Sligo aus nördlich bis Bundoran und dann auf Nebenstraßen nach Westen bis Pettigo, alles in allem 30 Kilometer, recht bequem im Autobus. Und wem der Autobus nicht passt, kann auch mit dem eigenen Auto fahren bis zum See. Von dort werden die Pilger mittels Boot zu einer Insel im See gebracht und verbringen die nächsten 3 Tage bei strengem Fasten und Gebet und wenig Schlaf in frommen Gedanken. Das soll sehr erhebend sein, umso mehr, als man auf der Insel die Schuhe ausziehen und bloßfüßig umhergehen muss, angenehm bei dem doch relativ kühlen Wetter.
   Das will ich mir auch einmal anschauen.
   Den Bus tue ich mir nicht an, ich fahre mit dem Auto zum Lough Derg und komme gegen halb 2 Uhr nachmittags an. Dann warte ich am Ufer auf die Pilgerschar, die der Bus bringen wird. Es sind in Wahrheit mehrere Busse, welche Pilger aussetzen und alle miteinander sammeln wir uns bei den Booten und werden schubweise auf die Insel Station Island gefahren. Ich halte mich an die Konventionen, die ich aus einer Broschüre gelernt habe; heutzutage gibt es, zwecks Förderung der Pilgerfahrten, auch eine eigene Website , aus der man alles Wissenswerte entnehmen kann. Fotografieren geht nicht, ich habe die Kameras zurückgelassen. Alkohol geht auch nicht, essen geht auch nicht, ausgenommen Fastenspeisen. Die sind im Preis inbegriffen. Der ist nicht niedrig: IRP 20.-, aber wer nichts hat, braucht auch nichts zahlen. Er wird von der Kassiererin bloß abschätzig taxiert: Armer oder Schnorrer? Es ist aber nicht der hohe Preis, der die Leute zunehmend vom Besuch abhält, es ist der nachlassende Glaube, mit dem die katholische Kirche auch an dieser Wallfahrtsstätte zu kämpfen hat. In den frühen 50er-Jahren kamen pro Saison fast 30.000 Menschen, heutzutage sind es nicht einmal 10.000. An sich auch noch genug, denn die Saison läuft von 1. Juni bis 15. August eines Jahres. Vorher und nachher gibt es keine Pilgerfahrten.
   Schon auf dem Boot heißt es Schuhe und Socken bzw. Strümpfe ausziehen und in ein Sackerl geben oder die ganze Zeit mit sich herumtragen. Ich wähle Sackerl. Kalt ist der Schiffsboden, kalt ist das Erdreich und der gepflasterte Weg auf der Insel. Auf dem Weg zur Kirche treffen wir Pilger, die auf der Insel schon 1x oder 2x übenachtet haben. Man kennt sie leicht auseinander: Die nach 1 Nacht schauen ganz schön erschöpft drein, denn erstens sind sie hungrig und zweitens haben sie in der Nacht nicht schlafen dürfen, sondern haben sie in der Kirche und in den Gebetsräumen betend und in frommer Andacht verbracht. Außerdem sind sie wohl auch hungrig: Es gibt zwar einen Speisesaal, aber nicht viel zu essen. Und was! Suppe, das heißt fast kochendes Wasser, gesalzen und gepfeffert. Sandwiches! Toastscheiben, die man, so man will, mit Zucker bestreuen kann, soviel man will. Sonst: Tee, Kaffee. Ab 8 Uhr abends bis nach Mitternacht gibt es gar nichts. Essen kann man freilich, so viel man will, trinken auch. Die anderen Pilger, die sich schon bald auf die Rückkehr in die Welt der Sünden vorbereiten werden, schauen beglückt und zufrieden drein. Meine Mitreisenden sind wohl leicht davon zu unterscheiden: es wird vorausgesetzt, dass man in den 24 Stunden vor der Ankunft bereits ordentlich gefastet hat. Das kontrolliert natürlich niemand, man schadet nur sich selbst, denn ein voller Magen behindert die Einkehr. Und haben nicht schließlich auch die sieben Heiligen, die mit der Insel und dem einst darauf befindlichen Kloster in Verbindung gebracht werden, auch ein gottesfürchtiges Leben mit Keuschheit und mit Fasten verbracht? Angefangen von der Hl. Brigitte bis zum Hl. Davog (nicht in alphabetischer Reihenfolge).
   2 alte Damen halten mich für einen echten Pilger, weil ich nichts rede und so verzückt dreinschaue, wie sie sagen. Mit wem soll ich reden? Ich kann ja nicht einmal die Gebete. Und als sie hören, dass sich der Ruhm des Wallfahrtsortes sogar bis nach Österreich verbreitet hat, sind die beiden ganz hin, und verwandeln sich in sehr redselige alte Damen. Beide müssen, so wie sie von der Vergangenheit reden, fast 80 Jahre sein.
   Angela X. heißt die eine, die mir gleich beibringt, dass Lourdes und Fatima, da war sie schon überall, gar nicht zu vergleichen seien. Dort ist so viel Betrieb, da kann man nicht zur Einkehr kommen. Hier finde ich Frieden, hier kann ich beten und Buße tun. Mary Y. pflichtet bei: Ein Tag hier ist viel schöner als ein Ausflug ans Meer. In den letzten Jahren ist es ruhiger geworden. Dafür kann man wenigstens die Betten der Heiligen leichter umschreiten.
   Die Betten der Heiligen sind keine Betten, sondern die kreisförmigen Grundmauern von ehemals kreisförmigen Hütten, in denen die Mönche wohnten. Jedes einzelne Bett schreibt man, ohne es zu wissen, einem oder einer Heiligen zu.
   Die beiden Damen hätten sich zweifellos noch weiter um mich gekümmert, aber in der Kirche singen sie gerade St. Patrick, sei geheiligt und dort müssen sie unbedingt hin und mitsingen mit ihren greisenhaften Stimmen.
   Allein gelassen, mache ich mich auf den Weg in den Speisesaal, setze mich allein an einen Tisch, aber ich bleibe nicht lange allein. Das gehört anscheinend nicht zum guten Ton, ist kein Gehabe für Pilger. Flugs setzt sich ein Herr mittleren Alters zu mir. Nachdem ich erklärt habe, wo denn dieses Österreich ist und dass wir nicht alle Nazis sind, welche die armen Neger massakrieren, nachdem wir die Juden umgebracht haben, reden wir vernünftig miteinander. Er habe spezielle Gründe, dass er hergekommen sei, meint er und redet undeutlich von Prüfungen, die seine Enkelkinder zu bestehen hätten. Da kann ein wenig Unterstützung von oben nicht fehlen, aber das sagt er nicht. Hingegen sagt er, dass er schon öfters da gewesen sei. Das sei nichts besonderes: eine Frau, die er schon länger vom Sehen kenne, komme jede Saison 3x. Früher sei man schon von anderen Pilgern gefragt worden, wie oft man schon vorher da gewesen sei und von oben angesehen worden, wenn man sagte, man sei zum ersten Mal gekommen. 
   Nach 14 Uhr leert sich der Speisesaal. Die Pilger versammeln sich zum allgemeinen Gebet in der Kirche. Ich gehe nach draußen, aber nicht für lange, denn es regnet und der Boden ist nasskalt. So gehe ich nur zur ehemaligen Unterkunft für die Frauen, die seit einem Neubau leer steht und als Rauchsalon benutzt wird. Denn Rauchen gehört nicht zum Fasten. Klar, als die Fastengebote definiert wurden, war Amerika und damit der Tabak noch nicht entdeckt. Daneben ist die Gardeobe, wo ich mein Billa-Sackerl von daheim leuchtend gelb hängen sehe. Meine Schuhe habe ich also noch.
   Eilenden Schrittes wegen des kalten Bodens gehe ich zum Souvenirshop. Die Porzellanfiguren der Jungfrau Maria findet man auch hier, gewiss, die Glaskugeln mit Weihnachtsbäumen fehlen aber. Dafür gibt es Mouse-Pads mit heiligen Sprüchen und außerdem gibt es Zigaretten und Zigarren. Aspirin für die Behandlung von sicher häufigen Verkühlungen gibt es auch und vor allem gibt es - in allen Größen - Flaschen mit Insektenspray und entsprechende Tuben. Denn die hierzulande so genannten Midgets sind in ganz Irland eine besondere Plage, sobald der Wind zu wehen aufhört, hier auf der Insel sind sie es auch bei Wind. Ganze Scharen leben auch in den Räumen, wo es doch wärmer ist als draußen und hungrig sind sie auch im Innenraum. Also beißen sie und das ist lästig.
   Für mich beginnt allmählich der wichtige Teil dieses Ausflugs: die Rückfahrt aufs Festland. Neuerdings gibt es nämlich nicht nur die 3-tägigen Wallfahrten, sondern es gibt auch Tage der Besinnung, die, wie der Name sagt, nur einen Tag dauern und bei denen man, was der Name nicht, wohl aber die Internetseite sagt, auch die Schuhe nicht ausziehen muß und auch etwas zu essen bekommt. Billiger ist das Ganze natürlich auch. Dafür muß man aber bei der Gruppe bleiben und wird von den Pilgern scheel angesehen, weil man ja warme Füße hat und es sich einfach macht.
   Also ziehe ich mir bei den Booten meine Schuhe an und warte unauffällig auf die Schar der Erleuchteten, unter die ich mich mische und zum Festland zurückkehre.
   Bin ich froh, dass ich wieder festen Boden unter den Füssen habe.
   Gar nichts unternehme ich mehr in Rosses Point. In Austie´s Bar gehe ich eine Kleinigkeit essen und genehmige mir anschließend eine Tafel Schokolade - sündhaft gut.

 

 

Hinauf

Zuletzt geändert: 26. Juli 2007
© Peter Lausch |  2000