Sligo -
Lough Derg - Sligo
(Mittwoch, 21. Juni 2000)
Voriges
Jahr bin ich einmal zufällig an der Eisenbahnstation um die Mittagszeit
vorbeigekommen; davor ist der Busbahnhof. Dort stand unter anderem ein
großmächtiger Autobus von Bus Eireann mit dem Fahrziel Lough Derg. Vor
dem Bus eine Menschentraube: Angehörige und Reisende. Die meisten
Reisenden sind Frauen, zum Autobus begleitet von den Ehemännern und
Kindern, viele ältere Frauen offenkundig vom Sohn oder von der Tochter
zum Autobus gebracht. Nur wenige Männer, meist ohne Begleitung
gekommen, alle aber mit wenig Gepäck, einer Einkaufstüte von Dunnes
Stores oder von Supervalue mit dem Allernötigsten.
Die
Reisenden wirkten entschlossen und ernst; die Angehörigen vermittelten
das Gefühl, als verabschiedeten sie nicht nur Mutter oder Vater,
Tochter und Sohn auf eine kurze Reise, sondern als ende gleich ein
ganzer Lebensabschnitt. Und wie ein Mann winkten sie allesamt dem Bus
nach, als er auf die Straße hinausfuhr, dem Ziel Lough Derg zu.
Pilger
und Pilgerinnen waren es, die sich auf die Pilgerfahrt machten. Nicht
die Fahrt ist das Ziel, sondern das Ziel ist der Aufenthalt und die Zeit
der Pilgerschaft. Die Fahrt ist nicht der Rede wert: von Sligo aus
nördlich bis Bundoran und dann auf Nebenstraßen nach Westen bis
Pettigo, alles in allem 30 Kilometer, recht bequem im Autobus. Und wem
der Autobus nicht passt, kann auch mit dem eigenen Auto fahren bis zum
See. Von dort werden die Pilger mittels Boot zu einer Insel im See
gebracht und verbringen die nächsten 3 Tage bei strengem Fasten und
Gebet und wenig Schlaf in frommen Gedanken. Das soll sehr erhebend
sein, umso mehr, als man auf der Insel die Schuhe ausziehen und bloßfüßig
umhergehen muss, angenehm bei dem doch relativ kühlen Wetter.
Das
will ich mir auch einmal anschauen.
Den
Bus tue ich mir nicht an, ich fahre mit dem Auto zum Lough Derg und
komme gegen halb 2 Uhr nachmittags an. Dann warte ich am Ufer auf die
Pilgerschar, die der Bus bringen wird. Es sind in Wahrheit mehrere
Busse, welche Pilger aussetzen und alle miteinander sammeln wir uns bei
den Booten und werden schubweise auf die Insel Station Island gefahren.
Ich halte mich an die Konventionen, die ich aus einer Broschüre gelernt
habe; heutzutage gibt es, zwecks Förderung der Pilgerfahrten, auch eine
eigene Website , aus der man
alles Wissenswerte entnehmen kann. Fotografieren geht nicht, ich habe
die Kameras zurückgelassen. Alkohol geht auch nicht, essen geht auch
nicht, ausgenommen Fastenspeisen. Die sind im Preis inbegriffen. Der ist
nicht niedrig: IRP 20.-, aber wer nichts hat, braucht auch nichts
zahlen. Er wird von der Kassiererin bloß abschätzig taxiert: Armer oder
Schnorrer? Es ist aber nicht der hohe Preis, der die Leute zunehmend vom
Besuch abhält, es ist der nachlassende Glaube, mit dem die katholische
Kirche auch an dieser Wallfahrtsstätte zu kämpfen hat. In den frühen
50er-Jahren kamen pro Saison fast 30.000 Menschen, heutzutage sind es
nicht einmal 10.000. An sich auch noch genug, denn die Saison läuft von
1. Juni bis 15. August eines Jahres. Vorher und nachher gibt es keine
Pilgerfahrten.
Schon
auf dem Boot heißt es Schuhe und Socken bzw. Strümpfe ausziehen und in
ein Sackerl geben oder die ganze Zeit mit sich herumtragen. Ich wähle
Sackerl. Kalt ist der Schiffsboden, kalt ist das Erdreich und der
gepflasterte Weg auf der Insel. Auf dem Weg zur Kirche treffen wir
Pilger, die auf der Insel schon 1x oder 2x übenachtet haben. Man kennt
sie leicht auseinander: Die nach 1 Nacht schauen ganz schön erschöpft
drein, denn erstens sind sie hungrig und
zweitens haben sie in der Nacht nicht schlafen dürfen, sondern haben
sie in der Kirche und in den Gebetsräumen betend und in frommer Andacht
verbracht. Außerdem sind sie wohl auch hungrig: Es gibt zwar einen
Speisesaal, aber nicht viel zu essen. Und was! Suppe, das heißt fast
kochendes Wasser, gesalzen und gepfeffert. Sandwiches! Toastscheiben,
die man, so man will, mit Zucker bestreuen kann, soviel man will. Sonst:
Tee, Kaffee. Ab 8 Uhr abends bis nach Mitternacht gibt es gar nichts.
Essen kann man freilich, so viel man will, trinken auch. Die anderen
Pilger, die sich schon bald auf die Rückkehr in die Welt der Sünden
vorbereiten werden, schauen beglückt und zufrieden drein. Meine
Mitreisenden sind wohl leicht davon zu unterscheiden: es wird
vorausgesetzt, dass man in den 24 Stunden vor der Ankunft bereits
ordentlich gefastet hat. Das kontrolliert natürlich niemand, man
schadet nur sich selbst, denn ein voller Magen behindert die Einkehr.
Und haben nicht schließlich auch die sieben Heiligen, die mit der Insel
und dem einst darauf befindlichen Kloster in Verbindung gebracht werden,
auch ein gottesfürchtiges Leben mit Keuschheit und mit Fasten
verbracht? Angefangen von der Hl. Brigitte bis zum Hl. Davog (nicht in
alphabetischer Reihenfolge).
2
alte Damen halten mich für einen echten Pilger, weil ich nichts rede
und so verzückt dreinschaue, wie sie sagen. Mit wem soll ich reden? Ich
kann ja nicht einmal die Gebete. Und als sie hören, dass sich der Ruhm
des Wallfahrtsortes sogar bis nach Österreich verbreitet hat, sind die
beiden ganz hin, und verwandeln sich in sehr redselige alte Damen. Beide
müssen, so wie sie von der Vergangenheit reden, fast 80 Jahre sein.
Angela
X. heißt die eine, die mir gleich beibringt, dass Lourdes und Fatima,
da war sie schon überall, gar nicht zu vergleichen seien. Dort ist so
viel Betrieb, da kann man nicht zur Einkehr kommen. Hier finde ich
Frieden, hier kann ich beten und Buße tun. Mary Y. pflichtet bei: Ein
Tag hier ist viel schöner als ein Ausflug ans Meer. In den letzten
Jahren ist es ruhiger geworden. Dafür kann man wenigstens die Betten
der Heiligen leichter umschreiten.
Die
Betten der Heiligen sind keine Betten, sondern die kreisförmigen
Grundmauern von ehemals kreisförmigen Hütten, in denen die Mönche
wohnten. Jedes einzelne Bett schreibt man, ohne es zu wissen, einem oder
einer Heiligen zu.
Die
beiden Damen hätten sich zweifellos noch weiter um mich gekümmert,
aber in der Kirche singen sie gerade St. Patrick, sei geheiligt
und dort müssen sie unbedingt hin und mitsingen mit ihren greisenhaften
Stimmen.
Allein
gelassen, mache ich mich auf den Weg in den Speisesaal, setze mich
allein an einen Tisch, aber ich bleibe nicht lange allein. Das gehört
anscheinend nicht zum guten Ton, ist kein Gehabe für Pilger. Flugs
setzt sich ein Herr mittleren Alters zu mir. Nachdem ich erklärt habe,
wo denn dieses Österreich ist und dass wir nicht alle Nazis sind,
welche die armen Neger massakrieren, nachdem wir die Juden umgebracht
haben, reden wir vernünftig miteinander. Er habe spezielle Gründe,
dass er hergekommen sei, meint er und redet undeutlich von Prüfungen,
die seine Enkelkinder zu bestehen hätten. Da kann ein wenig
Unterstützung von oben nicht fehlen, aber das sagt er nicht. Hingegen
sagt er, dass er schon öfters da gewesen sei. Das sei nichts
besonderes: eine Frau, die er schon länger vom Sehen kenne, komme jede
Saison 3x. Früher sei man schon von anderen Pilgern gefragt worden, wie
oft man schon vorher da gewesen sei und von oben angesehen worden, wenn
man sagte, man sei zum ersten Mal gekommen.
Nach
14 Uhr leert sich der Speisesaal. Die Pilger versammeln sich zum
allgemeinen Gebet in der Kirche. Ich gehe nach draußen, aber nicht für
lange, denn es regnet und der Boden ist nasskalt. So gehe ich nur zur
ehemaligen Unterkunft für die Frauen, die seit einem Neubau leer steht
und als Rauchsalon benutzt wird. Denn Rauchen gehört nicht zum Fasten.
Klar, als die Fastengebote definiert wurden, war Amerika und damit der
Tabak noch nicht entdeckt. Daneben ist die Gardeobe, wo ich mein
Billa-Sackerl von daheim leuchtend gelb hängen sehe. Meine Schuhe habe
ich also noch.
Eilenden
Schrittes wegen des kalten Bodens gehe ich zum Souvenirshop. Die
Porzellanfiguren der Jungfrau Maria findet man auch hier, gewiss, die
Glaskugeln mit Weihnachtsbäumen fehlen aber. Dafür gibt es Mouse-Pads
mit heiligen Sprüchen und außerdem gibt es Zigaretten und Zigarren.
Aspirin für die Behandlung von sicher häufigen Verkühlungen gibt es
auch und vor allem gibt es - in allen Größen - Flaschen mit
Insektenspray und entsprechende Tuben. Denn die hierzulande so genannten
Midgets sind in ganz Irland eine besondere Plage, sobald der Wind zu
wehen aufhört, hier auf der Insel sind sie es auch bei Wind. Ganze
Scharen leben auch in den Räumen, wo es doch wärmer ist als draußen
und hungrig sind sie auch im Innenraum. Also beißen sie und das ist
lästig.
Für
mich beginnt allmählich der wichtige Teil dieses Ausflugs: die
Rückfahrt aufs Festland. Neuerdings gibt es nämlich nicht nur die
3-tägigen Wallfahrten, sondern es gibt auch Tage der Besinnung, die,
wie der Name sagt, nur einen Tag dauern und bei denen man, was der Name
nicht, wohl aber die Internetseite sagt, auch die Schuhe nicht ausziehen
muß und auch etwas zu essen bekommt. Billiger ist das Ganze natürlich
auch. Dafür muß man aber bei der Gruppe bleiben und wird von den
Pilgern scheel angesehen, weil man ja warme Füße hat und es sich
einfach macht.
Also
ziehe ich mir bei den Booten meine Schuhe an und warte unauffällig auf
die Schar der Erleuchteten, unter die ich
mich mische und zum Festland zurückkehre.
Bin
ich froh, dass ich wieder festen Boden unter den Füssen habe.
Gar
nichts unternehme ich mehr in Rosses Point. In Austie´s Bar gehe ich
eine Kleinigkeit essen und genehmige mir anschließend eine Tafel
Schokolade - sündhaft gut.