Rosses Point - Donegal - Letterkenny
(Dienstag, 20. Juni 2000)
Morgentoilette reduziert sich auf rituelle Waschung auf dem
Campingplatz, aber auf dem Rückweg zum Auto vor dem Campingplatz werde
ich ohnehin so nass wie in der Dusche. Vor dem plötzlichen Regenguss
flüchte ich ins Auto. Die beschlagenen Scheiben erleichtern sehr den
Wechsel von nasser in trockene Kleidung. Da außerdem der beliebte Wind
weht, der den Bäumen das Wachstum bedeutend erschwert, ist es ganz
sinnlos, auf dem Campingkocher Wasser für den Kaffee heiß zu machen.
Aber sagt man nicht, kalter Kaffee mache schön? Wie auch immer, er
macht jedenfalls munter.
Was tut man, wenn es leicht regnet? Der Lausch fährt nach Sligo auf
den großen Parkplatz
hinter dem Tesco-Store (Zufahrt von der Wine Street oder alternativ
durch zwei schmale Einfahrten von der parallelen John Street), stellt
das Auto ab und wandert bis halb 9 Uhr durch die Strassen. Dann hat der
Zeitungshändler in der Wine Street endlich die Irish Times aufgelegt
und ich mache mich auf die Fahrt nach Donegal.
Am Stadtrand halte ich noch bei einer Tankstelle. Wie fast überall
kann ich mit Kreditkarte bezahlen, recht angenehm für den Ausländer,
denn ich brauche weniger Fremdwährung bzw. Schillinge zum Wechseln mit
mir herumführen als früher. Ausgenommen
wirklich kleine Tankstellen (Marke: Traktorwerkstatt mit Zapfsäule)
akzeptiert jede Tankstelle alle gängigen Kreditkarten, jedenfalls die
von Visa und Eurocard.
Durch
Rathcormack fahre ich, wo ich zum Lake Glencar abbiegen könnte, es aber
nicht tue, an Drumcliff komme ich vorbei und denke pflichtgemäß an
Yeats in seinem Grab, an Carney, wo ich links zum Lissadell House
abbiegen könnte, an Creevykeel vorbei und an der Traktorwerkstätte mit
der großen Reklametafel "Diesel", an der ich mich auf der
Suche nach Creevykeel immer orientiere, wenn ich im Drang des
Vorwärtsstürmens nicht weiß, bin ich jetzt schon vorbeigefahren oder
komme ich erst hin.
Durch
Bundoran mit seinen in Bonbonfarben bemalten Pensionen und Fish and
Chips-Ständen fahre ich durch und blicke auf den trostlosen Strand
davor, der erst weit vor der Stadt zum reinen weißen Sandstrand wird - mit
passendem Strandhotel der Familie McEnniff.
In
Ballyshannon der übliche Stau in der abgewinkelten Hauptstraße,
unverändert seit Jahrzehnten.
Und
schließlich die Stadt Donegal. Sie ist eine der wenigen mit einer seit
vorigem Jahr funktionierenden, aber noch nicht ganz fertigen Umfahrung.
Aber es wäre schade, sie sozusagen links (in Fahrtrichtung Norden)
liegen zu lassen, denn sie ist hübsch und dank weniger Verkehr auch
fußgängerfreundlicher. Ich parke das Auto nicht auf dem Parkplatz am
Hafen gratis, sondern umfahre den Kreisverkehr in Stadtmitte bis zum
Textilgeschäft Magee of Donegal, biege in die schmale Seitenstraße ein
und gleich nach rechts auf den großen Parkplatz im Stadtzentrum
(gratis). Da es im Moment nicht regnet, verzichte ich auf den Schirm,
bereue es sogleich, als ich auf den Hauptplatz komme, den man gegenüber
Einwohnern Donegals nicht so nennen sollte, sondern The Diamond, und
eile in die Buchhandlung neben Magee. Dort stöbere ich eine Weile und
finde endlich, und ausgerechnet in Donegal die gewünschte Landkarte des
Burren im angemessenen Maßstab 1:50.000 (IRP 4,75).
Der
Regenguss hat aufgehört, als ich wieder auf den Diamanten hinaustrete
und bei Magee
hinein. Magee of Donegal ist die wohl bekannteste Firma, die in
größerem Maßstab Sakkos und Jacken und Kappen und Krawatten etc. aus
Tweed anbietet (ein Textilgeschäft also). Tweed wird im County Donegal
noch vielfach erzeugt und vemarktet, in der Stadt Ardara etwa bietet
bald jedes zweite Geschäft Produkte aus Tweed an. In solchen
Geschäften kann man - so einem etwas gefällt - preiswert, wenn auch
nicht billig, ein Sakko oder eine Jacke kaufen. Ich freilich bin
geprägt durch die Tweeds
von der Insel Harris und kaufe nichts.
Dafür
tue ich das, was man als Tourist in Donegal tun sollte: ich besichtige
die Burg, etwas abgelegen hinter dem Diamanten. Die Burg ist in den
letzten Jahren restauriert worden und jetzt ganz stattlich. Erbaut von
dem Clan der 0´Donnell, wurde sie nach der Eroberung durch die Briten
gänzlich umgebaut, sodass alles, was man sieht, aus dem 17. Jahrhundert
stammt. Was man sieht, ist kunsthistorisch nicht bedeutend, sagen die
Fachleute. Mag sein, aber sie vermittelt Leuten wie mir durchaus einen
Eindruck, wie man damals lebte - bedeutend besser als in den
Wohntürmen, etwa in Carrickkildavnet, aber das ist eine andere
Geschichte. Den Spaziergang zum Hafen (mit Parkplatz, modernem Friedhof
und altem Kloster der Franziskaner) erspare ich mir hingegen. Das
Kloster ist zwar historisch interessant, lese ich im Reiseführer, aber
es wurde leider durch die Explosion einiger Pulverfässer weitgehend
zerstört, als es ein 0´Donnell 1601 bei einem Zwist mit einem anderen
0´Donnell als Festung missbrauchte. So schaut es auch aus, wie ich von
einem früheren Besuch her weiß.
Richtung
Letterkenny fahre ich weiter, vorbei am Lough Eske in einer Mulde. Nicht
alle, aber viele Wege führen nach Letterkenny. Schön und interessant
wäre die N56 über Killybegs und Ardara, oder, nach Mountcharles von
der N56 abzweigend, die R262 nach Glenties und von da an direkt durch
die Blue Stacks Mountains nach Letterkenny. Alle diese Straßen bin ich
in den vergangenen Jahren schon gefahren. Daher habe ich die durch
vergleichsweise weniger hübsche Landschaft führende direkte N15
gewählt und erreiche über Stranorlar schließlich nach Überwindung
mehrerer Kreisverkehre die größte Stadt Donegals, Letterkenny.
Letterkenny
besteht wie die meisten irischen Provinzstädte im Wesentlichen aus
einer mehr oder minder langen Hauptstraße (passend: Main Street),
dahinter einer Vielzahl aus grauem Stein gebauter verfallender
Lagerschuppen und mehr oder minder ärmlicher Reihenhäuser. Außerhalb
schließt sich dann eine Ansammlung von besser aussehenden Neubauten an.
In
der Stadt hat sich in den letzten Jahren allerdings vieles gebessert. Da
die Iren 1999 von allen EU-Staaten das zweithöchste Einkommen pro Kopf
erzielten und nur von Luxemburg geschlagen wurden, hat sich dieser
Wirtschaftsaufschwung auch im Nordteil der Republik bemerkbar gemacht.
Schon auf Anhieb merke ich, dass die vielen arbeitslosen Jugendlichen,
die noch vor 10 Jahren an den Ecken und vor den Pubs umherstanden,
verschwunden sind - sie arbeiten offenbar. Die Fassaden der Häuser sind
neu gefärbelt, neue Geschäftshäuser sind entstanden, ein neues
Theater gebaut worden. Nicht geändert hat sich der Verkehr, die
Hauptstraße ist tagsüber mit falsch geparkten Autos verstopft und
keiner regt sich auf.
Neu
gebaut sind auch Hotels worden, etwas außerhalb der Stadt an der
Straße nach Derry gibt es sogar ein
Holiday Inn Hotel. Ich gebe es etwas billiger und quartiere mich
wieder einmal in Gallagher´s Hotel beim Gerichtsgebäude ein (kein wie
immer gearteter Zusammenhang!). Dafür zahle ich auch nur IRP 25.- samt
Frühstück aus vielfarbigem Geschirr und wenig Gesellschaft, denn viele
Gäste beherbergt das Hotel nicht.
Weil
ich ein neugieriger Mensch bin, mache ich unverzüglich einen Besuch -
nicht bei einer kulturellen Institution,
sondern bei der neuen Filiale von Aldi. Wer Aldi kennt (in Österreich
"Hofer"), fühlt sich schon auf dem Parkplatz heimisch und im
Geschäft auch. Das Konzept ist wirklich 1:1 übernommen, die Waren
großteils aus England, die Preise niedrig. Dennoch finden sich im Laden
wenig Kunden, denn natürlich wird einem an der Kassa das Gekaufte nicht
von der Kassierin in ein Gratis-Sackerl eingepackt, sondern darum
kümmert man sich schon selber: ungewohnt für irische Gemüter.
Und
da ich eben gestanden habe, ich sei neugierig, fahre ich gleich weiter,
10 Kilometer auf der Straße nach Ramelton und biege beim (schlecht
sichtbaren) Wegweiser zur Killydonnell Friary rechts ab. Dort war ich
schon voriges Jahr und fand im Gewölbe der Kirchenruine, öffentlich
ein hölzernes Kisterl mit der Asche eines offenbar wenig beweinten
Verwandten. Ich kann es kaum glauben, das Kisterl ist noch immer da, die
durch die Feuchtigkeit zusammengebackene Asche wahrscheinlich auch, aber
ich schaue nicht nach. Voriges Jahr habe ich es getan (Sie wissen schon:
Neugierde) und mir danach so 20x die Hände an allem Möglichem
abgewischt. Da zufällig gerade die Wolkendecke aufreißt, als ich aus
dem Gewölbe der Abtei wiederum heraustrete, mache ich heuer die
Aufnahmen, die mir voriges Jahr nicht recht gelungen sind.
Beim
Verlassen des heutigen Friedhofs um die Ruinen von Kirche und
Nebengebäuden versuche ich mir wieder einmal, mir das Leben in diesem
durchaus bescheidenen Kloster vorzustellen, die Weltabgeschiedenheit und
Ereignislosigkeit, aber auch die Härte des Alltags im Leben eines
damals lebenden Mönchs. Nicht zu vergleichen mit dem Alltagleben eines
irischen Bauern von damals, der sicherlich glücklich gewesen wäre, so
angenehm zu leben wie der Mönch oder Laienbruder. Ich möchte weder mit
dem einen noch mit dem anderen tauschen.
Danach
fahre ich wieder zum Hotel zurück, parke mein Auto auf dem bewachten
Hotelparkplatz und suche und finde im Restaurant Four Lanterns auf der
Hauptstraße im Keller endlich ein Internetcafe, in dem ich preiswert
alle e-mails verschicke, die sich in meinem Kopf angesammelt haben. Auch
komme ich auf die unglückliche Idee, elektronische Grußkarten mit
Hilfe der Site www.connemara.net
zu versenden. Die Erstellung klappt, ich erhalte sogar eine Probeansicht
angeboten, als "Beweis, dass die Karte existiert", was schön
ist, aus irgendwelchen Gründen sind alle meine Karten jedoch nie bei
den Empfängern angekommen, sondern im Orkus des Connemara-Nets
gelandet.
Den
Abend beende ich im ebenerdigen Lokal oberhalb des Internet-Cafes,
inmitten einer Vielzahl von jungen Leuten an Hühnerflügeln in einer
Tunke nagend, was sich Abendessen nennt.