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Rosses
Point - Ladies Braew - Coollany- Slish Wood - Creevykeel Abbey -
Dromahair - Rosses Point
Montag, 19. Juni
2000
Ich bin
kein Camper, seit ich mit einem wahrhaft klitzekleinen Zelt vor Jahren
auf einen Campingplatz im Tessin erschienen bin und vor einer Ansammlung
von Hauszelten stand. Deren Benützer haben mich, scheint mir, mit
Staunen zugesehen, wie ich mein 1-Mann-Zelt aufschlug und in dieses,
etwa hüfthohe Zelt hineinkroch und wieder heraus, während sie in ihren
Hauszelten umhergingen wie in einem Wohnzimmer. In Irland fühle ich
mich auf einem Campingplatz ohne Zelt auch nicht wohl, eine Randfigur in
einer Minderheit, denn angesichts der Wetterverhältnisse campieren
ohnehin nur die Ausländer in Zelten. Vernünftige Menschen fahren in
Irland, wenn schon, denn schon in Wohnmobilen durch die Gegend oder
ziehen einen entsprechenden Anhänger hinter dem Auto her.
Toiletten
und Duschen sind zwar nicht spartanisch auf diesem Platz, aber - weit
weg.
Zuerst
fahre ich am Morgen nach Sligo, rubble mit dem Daumennagel brav die
richtigen Stellen auf dem Parkschein frei und gehe Zeitung kaufen.
Danach wandere ich durch die Straßen, solange, bis in der Thomas
Street/Ecke Abbey Street (die Site bietet einen schönen Stadtplan)
eine Buchhandlung aufsperrt und ich mir einen Führer zu
archäologischen Fundstätten in Sligo kaufen kann.
Danach
mache ich mich in Richtung Süden auf, fahre auf der N17 bis Ballysodare
weiter, biege im Ort an einer Mariengedenkstätte Richtung Ballina ab
und fahre dann noch ca. 10 Kilometer. Klein und winzig finde ich mit
Mühe den Wegweiser zum Dunmoran Strand, den mir jemand als besonders
schön beschrieben hat. Nach etlichen Kilometern Fahrt auf Nebenstraßen
entlang der Küste sehe ich noch immer keinen Strand, entscheide, dass
ich mich verfahren habe und kehre wieder um. Merke, Fremder: nicht alle
Sehenswürdigkeiten sind auch wirklich leicht zu finden. Zur
Hauptstraße zurückgekehrt, lese ich den kleinen zusätzlichen Vermerk
auf dem Wegweiser: 10 km. Zu früh aufgegeben, scheints, oder doch
verfahren. Der Zweifel nagt an mir nicht, ich versuch´ es nicht
nochmals. Statt dessen fahre ich auf der Hauptstraße wieder ein Stück
zurück, biege Richtung Coolaney ab, ein hübscher kleiner Ort, und
wähle dann den Rundweg Ladies Braew (über die Bedeutung dieses Wortes
schweigt sich mein Wörterbuch aus, aber jedenfalls ist es ein Rundweg
durch hübsches, bewaldetes Gelände). Nach etlichen Kilometern auf
schmaler Straße komme ich zu einem Rastplatz mitten im Wald. Der
Versuchung widerstehe ich nicht, bereue meine Schwäche aber bald, denn
kaum angekommen, stürzen sich Millionen von Midgets auf mich - Wiener
Blut haben sie noch nicht gekostet. Diese Viecher sind leider eine
Landplage: kleiner wie ein Fliegenschiss fliegen sie einem in Augen,
Ohren und Mund und erst wenn sie beissen, spürt man sie. Der Biss
führt, bei mir, zu Pusteln auf der Haut, die einen Tag lang jucken.
Wind oder Luftzug mögen sie nicht, aber kaum ist es windstill,
vermiesen sie einem den Aufenthalt im Freien. Nochmals gefrühstückt,
Käse mit Midgets, fahre ich weiter und prompt löst sich die
Wolkendecke auf und es wird der herrlichste Tag. Ein weiterer Rastplatz
mit kleinem Bach daneben, 2 Touristen in farbenfroher Kleidung in
demselben plantschend, da gibt es kein Fahren mehr sondern nur mehr
Halten und die Gegend genießen. Dankenswert bläst ein schwaches
Lüftchen, den Midgets ist schon das zu viel und sie lassen
mich in Ruhe.
Dafür
verfahre ich mich auf der Weiterfahrt, der Weg wird immer holpriger,
umkehren kann ich aber auch nicht und vertraue auf die Fähigkeiten des
Vierradantriebs an einigen schlammigen Stellen. Hier steckenbleiben
wäre lästig - ich müsste weit gehen, bis ich einen Bauern finde, der
mein Auto mit seinem Traktor aus dem Schlamm zieht. Alle Ängste des
Stadtmenschen erweisen sich als unbegründet, ich kehre nach Coolany
zurück.
Das
Wetter ist noch immer schön, nach Ballina will ich nicht, das ist keine
schöne Stadt, daher fahre ich Richtung Sligo und nehme die
Seitenstraße nach Dromahair Richtung Lough Gill. Die Straße führt am
Ufer des Sees entlang durch Wald; ich sehe wenig vom See. Am -
beschilderten - Rastplatz beim Felsen von Dooney komme ich vorbei, den
der Dichter Yeats in einem Gedicht
beschrieben hat. Ich halte aber nicht, denn der Felsen ist heute von
hohen Bäumen bestanden, man hat keine Aussicht mehr auf den See. Statt
dessen halte ich beim nächsten Parkplatz, Slish Wood, über den Yeats
ausnahmsweise kein Gedicht geschrieben hat. Dafür ist der Parkplatz
romantisch gelegen, mit Sitzbänken und Tischen. An einem davon verzehre
ich mein Mittagessen, denn Fahren macht hungrig. Da ich in der warmen
Sonne sitze, lassen mich die Midgets in Ruhe, Sonne mögen sie nämlich
auch nicht.
Nicht
nur gegessen habe ich auf dem Rastplatz, aus meinem neu gekauften
Führer habe ich auch erfahren, dass 2,5 Kilometer nach Slish Wood ein
Cashel zu finden ist. An der Abzweigung nach Ballintogher sehe ich auch
den Wegweiser zum Cashel Bir in Castleore, biege an der ersten
Abzweigung danach links auf einen geschotterten Fahrweg ab und fahre auf
diesem 200 Meter bis zu einem laut Führer kleinen, in Wahrheit winzigen
Parkplatz weiter, auf dem ich mit einiger
Mühe das Auto wende und parke. Dann wandere ich noch 100 Meter weiter
zum Cashel. Diese Cashels werden manchmal auch als Ringforts bezeichnet,
weil sie aus einer mehr oder minder kreisrunden Steinmauer bestehen. Ob
sie immer oder überhaupt zu Verteidigungszwecken errichtet wurden, ist
umstritten. Meist handelt es sich um eine Art ummauerten Bauernhof.
Cashels wurden zwischen dem 5. und dem 13. Jahrhundert errichtet, das
macht die Datierung allein vom Aussehen her schwierig. Es gibt aber auch
Ringforts, die aus der Bronzezeit stammen. Es kommt auf die Bodenfunde
an, damit man das Alter entscheiden kann. Cashels sind häufig; die
wenigsten sind archäologisch untersucht worden. Cashel Bir hat einen
Durchmesser von über 20 Metern, seine Mauern aus
übereinandergeschichteten unbehauenen
Steinen ist fast 3 Meter dick und die Mauern ragen heute stellenweise
fast 2,5 Meter aus dem Boden. Zur Zeit der Benutzung dürfte der Boden
aber tiefer gelegen sein.
Natürlich gab es im Jahre 500 etc. keinen
Stacheldraht und auch kein Maschendrahtgitter zur Abgrenzung des
Besitztums. Natürlich gab es im Westen Irlands dafür eine Unmenge von
größeren und kleineren Kieselsteinen, einer Nachwirkung der
Vergletscherung des Landes in der letzten Eiszeit. Man musste sie bloß
vom Boden aufheben und zu Mauern formen. Dennoch, bei einem jeden dieser
Cashels braucht man bloß an die Zahl der Kieselsteine zu denken, die
für solche massiven Umfassungsmauern benötigt wurden, um zu merken,
welch gewaltiger Arbeitsaufwand in diesen Bauten steckt. Arbeitsaufwand
gerechnet nur bezüglich der bloßen Beschaffung des Baumaterials, das
ja nicht einfach aufgeschichtet, sondern zu Mauern geformt werden
musste, die nicht im nächsten Augenblick wieder zusammenfielen. Dazu
mussten die äußeren Steine sorgfältig ausgesucht und allenfalls auch
behauen werden.
Schaut man heute noch den Leuten zu, die solche Mauern
bauen (mit Bewehrungsstäben und Zementmörtel meist), und merkt man,
wie sorgfältig, wenn auch gleichsam mühelos, die Steine passend
zurechtgeschlagen werden, kann man sich leicht vorstellen, dass die
Errichtung der Mauern noch viel mehr Arbeit verursachte als das
Zusammenholen der Steine selbst. Wie das die zahlenmäßig kleinen
Sippen geschafft haben, übersteigt mein Verständnis, aber es muß so
gewesen sein, sonst stünden die Cashels ja nicht in der Gegend. Heute
stehen sie weitgehend nutzlos in der Gegend, kein Mensch mehr macht sich
die Mühe, seine Kühe in solche Pferche zu treiben, wenn man eine Wiese
ganz einfach mit Stacheldraht einzäunen kann.
Die Zeit hat den Cashels, so wie den übrigen bronze- und
eisenzeitlichen Steinsetzungen und Bauten, nicht viel anhaben können.
Gelegentlich ist ein Stein aus der Mauer gefallen, gelegentlich ein
Deckstein bei einem Dolmen gebrochen. Um so wichtiger ist es, dass die
Zerstörung durch den Menschen verhindert wird. Gegenüber dem Friedhof
von Drumcliff bei Sligo, auf dem Yeats begraben ist, steht der Stumpf
eines Rundturms, der vor etwa 800 Jahren errichtet wurde. Noch heute
stünde der Rundturm und nicht nur sein Stumpf, hätte man nicht die
behauenen Steine im 19. Jahrhundert für den Bau der benachbarten
Brücke verwendet.
Dass in unseren Breiten von den steinernen Bauten der
Römer nichts mehr vorhanden ist als die Fundamente, erklärt sich ja
nicht damit, dass die Ziegel und Mauersteine sich in Nichts aufgelöst
hätten, sondern dass sie als bequemes Baumaterial von den Menschen der
Umgebung in den vergangenen Jahrhunderten entfernt und neu verbaut
wurden. Deshalb findet man ja in Irland allenthalben Ruinen, ohne ihre
hölzernen Bauteile, die Cromwells Soldaten etc. verbrannt haben?
Warum hätte denn einer die Mauern der Ruine nebenan abtragen sollen,
wenn er sich doch nur auf seinem Grundstück zu bücken brauchte?
Ich
fahre dann weiter zur Abtei von Creevykeel kurz vor der Stadt Dromahair.
In dieser Abtei war ich schön öfters, heuer gelingt es mir erstmals,
Aufnahmen im richtigen Licht zu machen und das befriedigt mich arme
Seele. In den vergangenen Jahren spielte mir das Wetter jeweils einen
Streich und es war jedes Mal trübe.
Dies
erledigt, beschließe ich, ich hätte für heute schon genug
gesehen und fahre an der Nordseite des Sees, an Parke´s
Castle vorbei, nach Sligo zurück und gleich an den Strand von
Rosses Point weiter. Der Abend vergeht beschaulich: Ich wandere durch
den Ort, ich lese meine Broschüre über Altertümer im County Sligo, ich
wandere den Strand entlang und setze mich anschließend ins Auto und
betrachte von der Terrasse oberhalb des Strandes aus das Treiben auf dem
Strand und den Sonnenuntergang. Auch das muss ein Gratis-Vergnügen
vieler Bewohner Sligos sein, denn ich teile den Parkplatz zeitweise mit
12 Autos, deren Fahrer (allein, mit Gattin, mit Kindern, mit der
Urgroßmutter etc.) das Gleiche tun. Nachtrag 2002: Früher
einmal habe ich im B&B von Myra Bruen übernachtet, mitten im Ort.
Das gibt es nicht mehr, ebenso wenig wie die Myra Bruen. Die ist auf den
Friedhof übersiedelt. Die Tochter hat das Haus niederreissen lassen und
lässt ein Mehrfamilienhaus an der Stelle errichten, im Herbst muss es
schon fertig sein. So ändern sich die Verhältnisse, langsam, aber
unaufhörlich.
Nach dem Spaziergang schlafe ich friedlich - gratis