Keem
- Deserted Village - Mulrany - Newport - Sligo - Lissadell House -
Rosses Point
(Sonntag, 18. Juni 2000)
In der Nacht regnet es. Gegen
Morgen hört der Regen zwar auf, in der Früh ist es aber wolkig. Bei
uns am Meeresstrand schaut es aus, als wollten sich die Wolken
demnächst auflösen, nördlich davon, am Berg Slievemore, hängen
jedoch ganz dunkle Wolken, als wollte es dort durchaus nicht Tag werden.
Die Leute auf dem Campingplatz schlafen offenkundig noch allesamt. Ich
bin anständig und werfe keine Autotüren zu, sondern schließe sie ganz
leise. Die sonstigen Vorbereitungen zur Abfahrt machen ohnehin keinen
Lärm und das Kuhgatter am Ausgang überfahre ich ganz langsam, um nur
ja niemanden aufzuwecken. Wohin ich fahre, brauche ich nicht lange zu
überlegen, zum verlassenen Dorf am Abhang des Slievemore Richtung
Doogort.
Verlassene
Dörfer findet man an abgelegenen Stellen in Irland nicht selten. Sie
zeugen von den wirtschaftlichen Veränderungen in den vergangenen
Jahrhunderten, in denen der Getreideanbau zugunsten der Viehwirtschaft
schon aus klimatischen Gründen zurückging. Diesen Wechsel konnte die
ansässige irische Landbevölkerung jedoch nicht selbst vollziehen. Ihr
gehörte ja seit der der Landnahme durch die Engländer das Land nicht
mehr. Eigentümer war durch Okkupation die weithin protestantische
Oberschicht geworden. Die zog es jedoch vor, möglichst nicht im
feuchten Irland weit ab vom Getriebe der mondänen Welt zu leben,
sondern zog nach London oder sonstwohin und ließ Grund und Boden durch
ihre Büttel verwalten. Obgleich vor allem der Westen Irlands und Achill
selbst nicht sehr fruchtbar ist, konnten auf den kleinen Bauernhöfen
trotz wenig Grund die irischen Bauern mit
ihren vielen Kindern einigermaßen leben, weil durch die Einführung des
Kartoffelanbaus eine geeignete Nahrungsgrundlage geschaffen wurde.
Infolge der hohen Kindersterblichkeit vermehrte sich die Bevölkerung
nur langsam, aber stetig. Den Grundeigentümern und ihren schon im
Interesse der eigenen Taschen auf Gewinnmaximierung bedachten Verwaltern
war diese Landbevölkerung mit ihren vielen kleinen, mit Steinmauen
umgebenen Feldern ein Greuel. Sie erhöhten die Pacht und warfen
säumige Zahler ohne Rücksicht auf Verluste aus dem Haus, das den
Bauern ohnehin nicht gehörte. Wohin der Bauer mit seiner Familie und
den wenigen Habseligkeiten zog, war gleichgültig. Diese evictions mit
Hilfe der Büttel der mit englischem Geld bezahlten Polizei führten zu
Anfang des 19. Jahrhunderts teilweise erfolgreich dazu, dass ganze
Landstriche von Bauern befreit wurden und auf diese Weise für die
Rinder- und Schafzucht als Weiden genutzt werden konnten.
Nach
wie vor ernährte jedoch die Milch einer Kuh und die entsprechende
Portion gekochter Kartoffeln recht und schlecht auch kinderreichere
Familien. Diese Bewirtschaftung erforderte nicht allzuviel manuelle
Arbeit, die Kartoffeln, die auf so genannten "lazy beds"
angebaut wurden, wuchsen von selbst. In der Landschaft Achills sind die
wellenförmigen ehemaligen lazy beds noch heute deutlich zu erkennen. Da
die Bauern - natürlich ohne Entlohnung - jederzeit in unbeschränktem
Ausmaß zu Fronarbeiten für den Grundeigentümer herangezogen werden
konnten, ermöglichte einzig diese Bewirtschaftungsform ihr
wirtschaftliches Überleben.
Während
der großen Hungersnot der Jahre 1845-48 wurde die Lebensgrundlage der
ansässigen Bevölkerung weitgehend zerstört. Infolge einer sich in
ganz Irland rasch ausbreitenden Kartoffelfäule, hervorgerufen durch
einen Pilz, brach die Nahrungsmittelversorgung
schlagartig zusammen. Die Hilfsmaßnahmen der Kapitalisten erwiesen sich
bestenfalls als halbherzig. Von manchen Grundherren werden heroische
Bemühungen berichtet, von anderen, etwa den Herrn des Schlosses in
Westport, sagt man, ihnen sei die Hungersnot der Iren recht gelegen
gekommen, weil sie damit ihr Land sozusagen ohne eigene Bemühungen von
den lästigen Iren frei bekamen. Deshalb besichtige ich das Schloss in
Westport aus Prinzip nicht. Die dort vorzufindende Pracht erinnert mich
allzu sehr an die Leiden der Untergebenen. Andere organisierten die
Auswanderung ganzer Dörfer nach Amerika auf Coffin Ships unter
abstoßenden Bedingungen. An der Ostküste Kanadas finden sich heute
noch die Friedhöfe, auf denen die irischen Auswanderer massenweise
begraben wurden, welche die Überfahrt krank überlebt hatten und erst
in Kanada starben. Die anderen, die auf hoher See umkamen, erhielten
jeweils ein nasses Grab.
Die
Geschichte der großen Hungersnot ist fürwahr eine der allertraurigsten
Geschichten in der an traurigen Ereignissen nicht eben armen Geschichte
Irlands und sicherlich eine der Ursachen für die heutigen
Verhältnisse.
Wirklich zum Besseren gewendet haben sich die
wirtschaftlichen Verhältnisse noch viele Jahrzehnte nicht. Wer nicht
auswanderte oder ein kümmerliches Auslangen auf dem eigenen Hof fand,
dem blieb nur ein Dasein als Wanderarbeiter. Bis Ende der 30er-Jahre
verdingten sich jedes Jahr junge Männer den Sommer über als Arbeiter
bei der Ernte in Schottland und anderswo, wo sie ein erbärmliches Leben
bei schlechter Bezahlung führten, aber dennoch durch bescheidene
Unterkünfte und schlechtes Essen so viel Geld ersparten, dass das
Überleben auf Achill Island für sie in der übrigen Zeit des Jahres
einigermaßen gesichert war. Niemand fand etwas dabei, 14- oder
15-jährige Kinder ein halbes Jahr oder noch länger in die Fremde zur
Arbeit zu schicken, zu besseren Sklavenlöhnen. Aber als 1937 zehn junge
Burschen in einer Feldhütte, einer so genannten Bothy, in Kirkintillock
in Schottland durch Unachtsamkeit lebendig verbrannten, ging ein
Aufschrei der Öffentlichkeit durch Irland und der Eisenbahnzug, der die
verstümmelten Leiber quer durch Irland transportierte, wurde auf
diversen Stationen von Sonntagsrednern für erbauliche Ausführungen
benützt. Auf dem Friedhof von Kildavnet Church liegen ihre Überreste
begraben, Opfer eines Systems ebenso wie die Opfer der Hungersnot im
Massengrab daneben. Ich meine, auch davon sollte man wissen, wenn man
dieses schöne Land bereist; so schön das Land ist, die Schatten der
Vergangenheit sind klar zu sehen und sie bestimmen das Verhalten der
Menschen bis heute.
Das
verlassene Dorf am Abhang des Slievemore ist daher keine wirkliche
Besonderheit. Bekannt wurde es primär deshalb, weil Heinrich Böll in
den 50er-Jahren längere Zeit in Dugort verbrachte und über seine
Erfahrungen ein durchaus nicht unangreifbares "Irisches
Tagebuch", als Taschenbuch des dtv Nr. 1 erschienen, verfasste. Mit
diesem Buch hat er das Irlandbild einer ganzen Generation von Deutschen
(und Österreichern und Schweizern geprägt). Seit damals pilgern zwar
nicht gerade Heerscharen von uns zum
verlassenen Dorf, aber immerhin sieht man an jedem beliebigen Tag dort
mehrere deutsch sprechende Besucher.
Ich
tue es diesen Besuchern - und mir selbst auch - nach und fahre zum -
modernen - Friedhof, auf dessen Parkplatz ich mein Auto abstelle. Dann
steige ich den Hang mit den vielleicht 70 Hausruinen hinauf, über die
noch immer erkennbaren lazy beds hinweg. Die Häuser sind klein, alle
zum Meer hin ausgerichtet und durch einen Weg miteinander verbunden. Es
sind offenkundig zwei benachbarte Siedlungen mit einem trennenden
Bergbach in der Mitte, der für den Besucher nur mit Vorsicht ohne nasse
Füsse zu überwinden ist. Steigt man den Hang oberhalb der Häuser ein
wenig empor, hat man eine ganz besonders schöne Aussicht und einen
guten Überblick über die Siedlung.
In
der Fachliteratur findet man nicht viel über das Schicksal des Dorfes.
Archäologische Grabungen in den letzten Jahren haben ergeben, dass es
wahrscheinlich im 17. Jahrhundert angelegt und nach der Hungersnot
verlassen wurde, wahrscheinlich von allen Bewohnern gleichzeitig, die
wohl nach Amerika oder Australien auswanderten. Was aus den Leuten
geworden ist, die ja nicht einfach vom Erdboden verschwunden sein
können, erfährt man nicht. Das ist seltsam, denn typischerweise sind
die Beziehungen zwischen den Auswanderern und den Verwandten in der
Heimat nur selten ganz abgerissen.
Jedenfalls
mache ich bei wässrigem Sonnenschein einige Aufnahmen. Dann fahre ich
über Achill auf der Hauptstraße nach Mulranny, biege jedoch nicht nach
Norden, Richtung Bangor Erris ab (eine Fahrt durch eine grandiose
Einöde), sondern fahre bis zur Ortseinfahrt von Newport zurück und
nehme dort die direkte Straße nach Castlebar. Das ist
ein recht nettes Städtchen, das ich von früheren Besuchen kenne, das
mich aber heuer nicht lockt. Ich bleibe auf der mit zahlreichen
Kreisverkehren gesegneten Umfahrung und fahre auf der N5 und ab
Charlestown (Stadt an Kreuzung) auf der N17 direkt und ohne Aufenthalt
nach Sligo, wo ich auf dem zentralen und gebührenpflichtigen Parkplatz
im Stadtzentrum anhalte. Beim Zeitungsstand kaufe ich Parkscheine, die
weit mehr kosten als erwartet - ich habe noch einen vom vorigen Jahr um
20 Pence, die heurigen kosten 50 Pence pro Stück. Na ja, dummes
Ausländer nix wissen, ich werde meinen mitgebrachten Parkschein nicht
wegwerfen. (Nachtrag 2002: Nun kosten sie bereits 50 Cent, sind aber
noch immer gleich umständlich zu entwerten: Mit Fingernagel Farbschicht
über Tag, Monat, Jahr, Stunde und Minute wegkratzen, ans Seitenfenster
hängen, Innenseite naturgemäß. Aufs Armaturenbrett legen genügt
anscheinend auch. Tagesparkplatz bei der Kirche, 2 Euro pro Tag, Zufahrt
von der Durchgangsstrasse). Vergeblich suche ich nach den Internet-Cafes, die es geben
soll, studiere den Stadtplan, mache auf der Suche auch gleich die
obligate Stadtbesichtigung. Sligo hat in den letzten Jahren viel
gewonnen; vor einigen Jahren noch erstreckten sich zu beiden Seiten des
Flusses Garravogue, der die Stadt durchfließt, trostlos verfallene
Lagerschuppen; heute ist das ganze Gebiet saniert neu bebaut und in
typischer Weise bunt gefärbelt. Nur das Hafengebiet harrt noch einer
Renovierung. Nicht beseitigt werden können naturgemäß die eher
trostlosen kleinen, ärmlichen Häuser in der Stadt, typisch mit 1
Fenster und 1 Tür im Erdgeschoss und 2 Fenstern im Obergeschoß, eines
dem anderen gleich, ganze Gassen lang, nur durch die Fassadenfarbe und
die Farbe der Eingangstür voneinander unterscheidbar. Aber das gilt
nicht nur für Sligo.
Was
mich an Sligo immer gestört hat, ist die Verkehrsüberlastung. Durch
schmale Gassen quält sich der ganze Straßenverkehr vom Süden und
Osten nach Donegal, zusätzlich zum Lokalverkehr. Umfahrungsstraße gibt
es keine. Heuer sind einige auf die Idee gekommen, quer durch
Ruinengelände, aber immer noch an den Wohnhäusern unmittelbar vorbei,
eine Inner Relief Road zu bauen, eine umstrittene Idee. (Nachtrag 2002:
Die Vorarbeiten haben begonne, Geld gibt's wenig, das Chaos besteht noch
immer und wird noch Jahre bestehen). In Sligo würden
neue Ideen gut tun, denke ich. Im Wahlkampf um den Bürgermeistersessel
ist den alteingesessenen Parteien die auch im Süden verbreitete Sinn
Fein in die Quere gekommen, deren Kandidat gute Chancen auf den Posten
hat. Dass sein ältester Sohn als Freiheitskämpfer (bzw. als Terrorist,
je nachdem) im Norden von den Engländern getötet worden ist, mindert
seine Chancen nicht. Er habe seine Kinder immer unterstützt, in allem
und jedem. Wenn sein Sohn damals glaubte, es sei notwendig, mit Gewalt
für die Freiheit der katholischen Minderheit einzutreten, könne das
ihm, dem Vater, nicht vorgeworfen werden. Solche Meinungen mindern seine
Chancen auf politischen Erfolg durchaus nicht. (Nachtrag 2002: Er hat's
dann doch nicht geschafft, aber nicht wegen seiner Vergangenheit).
Im Book Nest am Garavogue (John F. Kennedy-Parade) erhalte
ich endlich das schon lange gesuchte Buch von Sarah Poyntz, A Burren
Journal, das ihr Leben in der zauberhaften Landschaft des Burren
beschreibt. Dort werde ich noch hinfahren, jetzt habe ich wenigstens
schon das Buch, um mich auf den Aufenthalt dort einzustimmen.
In
der einen Stunde in Sligo sind die Wolken woanders hin gezogen und es
ist strahlend schön geworden. Tiefblau der Himmel, warm die Luft. Ich
hole mein Auto und fahre über den Garravogue nach Norden, Richtung
Drumcliff, wo, am Fuße des Tafelbergs Benbulben der Dichter Yeats
begraben ist - sein Grab eine Wallfahrtsstätte begeisterter Leser. Wie
immer stehen auf dem Parkplatz beim Friedhof einige Autobusse und ich
biege daher nicht ab, werfe nur einen Blick auf das einsam stehende
klassisch schöne Hochkreuz aus dem 10. Jahrhundert. Das Kreuz ist das
einzig sichtbare Überbleibsel von einem Kloster des Hl. Columba. Der
Stumpf des Rundturms auf der anderen Straßenseite ist viel jüngeren
Datums. Ich fahre bis Grange und biege dort nach links ab. Zum Strand
von Streedagh könnte ich fahren und an die 3 Schiffe der Armada denken,
die hier strandeten. 1100 Leichen lagen
danach zur Freude der Bewohner des ganzen Landstriches am Strand, bald
waren es 1100 nackte Leichen. Statt dessen fahre ich links weiter auf
Nebenstraßen bis zur Einfahrt auf das Landgut, dessen Zentrum Lissadell
House ist. Darüber habe ich schon berichtet,
denn hier bin ich sozusagen jedes Jahr. Zwei Fotos gemacht, fahre ich
zum Strand hinunter, parke das Auto und mache auf dem schonen weiten
Strand einmal einen ausgiebigen Spaziergang. Der Anblick der Landspitze
am Ende der Halbinsel lässt mich zum Auto zurückgehen und die Fahrt
fortsetzen.
Über Raghly, einem Fischerdorf, erreiche ich Ardtermon Castle, wo die Familie
Gore-Booth wohnte, ehe sie, zu Geld gekommen, beschloss, Lissadell House
bauen zu lassen und umzuziehen. Ardtermon
Castle ist vom Meer aus gesehen eine ganz mittelalterlich wirkende
Burg. Fährt man mit dem Auto auf der Landseite vor, merkt man
allerdings, dass an die Burg ein Hoteltrakt angebaut worden ist, in dem
man wahrscheinlich angemessen teuer und daher vornehm unterkommen kann.
Ich war nicht dort untergebracht, genaueres weiß ich nicht.
Ich
fahre bis zum Raghley Pier weiter, einem wirklich kleinen Fischerhafen
mit gezählten 2 Fischerbooten, aber vielleicht sind die anderen auf See
und ihre Eigentümer tun, was Fischer so üblicherweise tun. Jedenfalls
riecht es nach Ebbe und nach Fisch - beides eine Kombination von
Gerüchen, die ich nicht unbedingt schätze.
Als
Entschädigung erhalte ich - Ausblick. Vom Hafen aus sehe ich die
Halbinsel Rosses Point, ich sehe Coney Island, ich sehe den Berg
Knocknarea im Hintergrund und, im Südwesten, die Berge von Clare. Nur
im Westen sehe ich kein Land, dort ist keines, viele Tausend Kilometer
nicht, und dann: Amerika.
Weiter
kann ich nicht fahren, die Straße endet hier am Raghley Pier.
Zurück
fahre ich die selbe Strecke, auf der ich hergekommen bin, denke ich,
aber irgendwo muß ich wohl falsch abgebogen sein. Jedenfalls fahre ich
eine ganze Weile auf einer engen Straße Richtung Norden (eigentlich
wollte ich nach Osten) und komme dann doch noch an den Strand von
Streedagh. Als Entschädigung sehe ich auch noch die Ruinen der Abtei
von Staad, die wahrscheinlich vom Hl. Molaise gebaut worden ist, was sie
nicht bedeutender und nicht schöner macht. Vor allem ist deshalb von
ihr nicht mehr erhalten als ein für mich Laien weitgehend
unidentifizierbarer Steinhaufen.
Da
ich aber jetzt ohnehin schon wo bin, wo ich gar nicht hin wollte, fahre
ich gleich bis Grange und danach noch ein Stückchen weiter nach Norden
Richtung Bundoran und halte dann auf dem Parkplatz rechts neben der
Straße und besichtige Creevykeel, ein gewaltiger Steinhaufen, 4.500
Jahre alt, sehr eindrucksvoll und von den Erbauern rücksichtsvoll in
weiser Vorahnung des modernen Straßenverlaufs leicht erreichbar
situiert.
Danach
habe ich von Sightseeing für diesen Tag genug und fahre bis Rathcormack
zurück, wo ich nach rechts auf die Halbinsel Rosses Point einbiege und
in der Ortschaft selbst zum Yeats Country Hotel fahre. Aber leider kein
Zimmer frei. Privatunterkünfte gibt es genug, aber der Abend ist schön
und warm und ich werde im Auto übernachten. Ich fahre bis zum Strand
von Rosses Point, mache einen weiteren Spaziergang (damit Sie nicht
glauben, das sei nur mein Hobby, nein, ich bin in zahlreicher
Gesellschaft Einheimischer). Danach gehe ich in die Hotelbar essen und
wieder zum Strand und verfolge den Wetterverlauf, denn das Wetter
schlägt eben um, was bedeutet, vom Raghley Pier zieht eine schwarze
Wolkenwand mit erstaunlicher Geschwindigkeit daher, so
schnell, dass einige der Strandwanderer im einsetzenden Regen kalt
geduscht werden.
Im
Regen im Auto sitzen und bis 23 Uhr warten, bis es dunkel wird, will ich
nicht. Ich fahre zum Hotel zurück, spiele Hotelgast und setze mich in
die Halle. Leider bin ich dort nicht der einzige Gast. In einem Saal
läuft lärmend der Fernseher und überträgt ein Fußballspiel zwischen
verschieden gekleideten Mannschaften. Im anderen Saal sitzen lauter alte
Ehepaare und reden mit anderen alten Ehepaaren. Um exakt zu sein: Alte
reden mit Alten, die vielleicht miteinander oder überhaupt verheiratet
sind. In der Eingangshalle stehen auch Sitzgruppen und so setze ich mich
dorthin. Anfangs schaue ich den Damen in der Rezeption des Hotels bei
ihrer Arbeit (Tratsch, hauptsächlich) zu. Dabei erinnere ich mich
wieder an Yvonne, die viele Jahre lang hinter der Theke Dienst versah
und die für mich gleichsam zum Hotel gehörte. 1997 war sie nicht mehr
da. Als ich beiläufig nach ihr fragte, erntete ich Gegenfragen: was ich
denn von ihr wolle, ob ich sie denn kenne? Was aus ihr geworden ist,
erfuhr ich nicht. Ungebührliches Interesse eines Gastes am Privatleben
einer ehemaligen Bediensteten?
Gegen 22 Uhr schließt allerdings die im Hotel
untergebrachte Disco für Kinder und selbige stürzen sich auf die
Fauteuils neben mir und machen einen derartigen Lärm, dass ich nicht
mehr weiterlesen kann.
Mir
reicht es. Ich fahre auf den Campingplatz am Strand, buche für IRP 9,50
einen Zeltplatz, stelle mein Auto auf die Wiese und sinke in süßem
Schlummer, obgleich es noch lange nicht dunkel ist.