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Leenane - Westport - Newport - Burrishole Abbey - Carrickkildavnet - Keel - Keem Strand

(Samstag, 17. Juni 2000)

   Nach dem Frühstück fahre ich die jetzt schon gewohnte Strecke entlang des River Erriff nach Westport, kaufe dort Lebensmittel und Zeitungen.
   Am Hafen nehme ich den Camping-Kocher in Betrieb, aber ach, der Wind weht zu stark, das Kaffeewasser wird kaum warm und von oben fallen kalte Regentropfen in den Kaffee. Also gibt es nur kaltes Gabelfrühstück gegen 10 Uhr und lauwarmen Nescafe mit Kaffeeobers.
   Danach fahre ich einige Kilometer weiter bis Newport, mit seiner charakteristischen Eisenbahnbrücke ohne Eisenbahn und seinem alten Bahnhof, der in ein christliches Bethaus verfremdet wurde. Nur die Geleise und die Signale sind seinerzeit abmontiert worden, wer sich umschaut, sieht noch die alten Bahnsteige und alle heutzutage umfunktionierten Nebengebäude einschließlich Lokschuppen. Von Newport aus ging früher eine verlustbringende Eisenbahnlinie bis Achill Island. Man kann der Strecke heute noch folgen, sieht vor allem die allen Brückenträger und stellenweise auch die Trasse, soweit sie nicht durch Aufschüttungen und Überbauungen beseitigt wurde.
   Rechts am Ende des ansteigenden Hauptplatzes geht recht unauffällig die Straße Richtung Achill Island ab, der ich folge. Nach einigen Kilometern zweigt nach links eine Stichstraße zur Burrishole Abbey ab, einer recht gut erhaltenen, wenn auch historisch unbedeutenden Abtei. Weil sie gut erhalten ist, halte ich sie für besuchenswert. Gerade an Hand solch unbedeutender Abteien bekommt man einen guten Eindruck vom Leben der Mönche in klösterlichen Gemeinschaften. Denkt man sich ferner die heutigen Wege und Straßen weg, ersetzt sie gedanklich durch Fußpfade, dann erst kann sich der heutige Mensch ein wenig in die Weltenferne und Abgeschiedenheit klösterlichen Lebens hineinversetzen. Dabei ist Weltenferne und Abgeschiedenheit weder damals noch heute eine wirkliche Besonderheit im Leben vieler Menschen in Irland. Damals kam ja wohl auch der durchschnittliche Bauer in seinem ganzen Leben nicht viel weiter herum als bis zum Gutshof des Grundbesitzers oder seines Verwalters. Und die vielen Kleinbauern, die, eine irische Besonderheit, allein auf ihren abgelegenen Gehöften leben, nur die Kuh und ein paar Schafe zur Gesellschaft und nur den Briefträger, der Erlagscheine bringt und finanzielle Förderungen auszahlt, alle paar Tage einmal zu Besuch, leben diese Menschen anders als ihre Vorfahren? Immer noch wird erzählt, welche Widerstände es seinerzeit gegen die Elektrifizierung gab, weil ja für den Strom mit Geld bezahlt werden musste und auf den weitgehend autarken Höfen war einfach kaum Geld vorhanden und kaum welches übrig für neue, zusätzliche Ausgaben.
   Radio, Telefon, Fernsehen, das Internet: auch der allein Lebende, auch der allein in einem alleinstehenden Gehöft weitab von der Straße lebende irische Bauer muß nicht einsam sein, sagen manche. Aber Radio und Fernseher setzen Interesse an der Welt draußen voraus, das Telefon ist nur sinnvoll, wenn man Bekannte hat, mit denen man telefonieren kann, und das Internet gehört für einen irischen Bauern in seiner Kate in eine andere Welt.
   Viele Jahre lang bin ich in Leenane jeden Abend die Straße nach Maam Cross und Galway bis ans Ortsende entlang spaziert und habe unterhalb der Straße den Wohncontainer aus Gipsplatten und Teerpappe betrachtet, der auf einer Wiese stand und in dem eine alte Frau wohnte. Die alte Frau selbst habe ich nie deutlich gesehen, wohl aber ihre Katze, die auf den hölzernen Stufen saß und manchmal sah ich auch den Blechteller mit Futter für die Katze. Heuer sah ich den Container wieder, aber aus seinem Rauchfang stieg nicht mehr der Rauch eines Torffeuers auf, der Zufahrtsweg war ein wenig überwachsen und keine Katze wartete mehr auf einen Teller mit Milch. Arm und allein kann man auch mitten in einem Dorf sein, in dem ein jeder jeden kennt. In ein oder zwei Jahren wird auch der Container verschwunden sein, ersetzt durch den modischen Bungalow aus dem Katalog, den sich irgendein neuerdings zu Geld gekommener Mensch hingebaut haben wird.
   Wieder auf die Hauptstraße zurückgekehrt, entschließe ich mich bei der passenden Abzweigung nicht die direkte, besser ausgebaute Straße nach dem Ort Achill zu nehmen, sondern die Küstenstraße "Atlantic Drive" ab Mulrany um die Corraun Peninsula herum. Ich kann nur meinen Standardsatz niederschreiben: eng, kurvig, wellig. Und zusätzlich: schön. Schön der Ausblicke aufs Meer wegen, der wilden Landschaft wegen, der Wolkenstimmungen. Ich bereue meine Wahl nicht, auch wenn ich nur langsam weiter komme. In Achill fahre ich auf einer Drehbrücke, vorbei am alten Bahnhof, über den schmalen Meeresarm, der Achill zur Insel macht. Im Ort kaufe ich ein und fahre dann auf der Fortsetzung des Atlantic Drive weiter, diesmal um den Südteil von Achill Island herum. An einer alten Kirche halte ich: Kildavnet church, benannt nach der irischen Heiligen Dympna, die hier im 7. Jahrhundert Zuflucht vor dem Vater suchte und anscheinend auch fand. Die einen sagen, sie solle auf dem Friedhof um die Kirche in einem unbezeichneten Grab liegen, ein Skelett unter vielen alten Skeletten. Andere sagen, Dympna, die es zur Patronin der Geisteskranken brachte, soll nach Europa geflogen und auch dorthin von ihrem Vater verfolgt worden sein, der seine Tochter unbedingt als Geliebte nutzen wollte. Genau vor der Kirche sind auch die Überreste der vielen Opfer der großen Hungersnot um die Mitte des 19. Jahrhunderts aus der Umgebung in einem namenlosen Grab verscharrt. Am Meeresufer außerhalb des Friedhofs, von dessen Abwässern zweifellos versorgt, ein Hl. Brunnen mit öligem Wasser. Brrrr!
   Ein Stück weiter dann links der Straße unübersehbar Carrickkildavnet, ein Wohnturm aus der Zeit Elisabeth I. von England, errichtet von Grace O´Malley, einer recht gelungenen irischen Variante einer Amazonenkönigin. Über sie gibt es viel Literatur, auch im Internet. Leider kann man zwar um den Turm herumgehen, ein Zutritt zu dem äußerlich sehr gut erhaltenen Turm ist allerdings nicht möglich. Die Aussicht wäre sicher schön und der Einblick in die damaligen Wohnverhältnisse eines unbedeutenden Burgherrn zweifellos interessant - denn Grace O´Malley selbst hat hier nie gewohnt.
   Auf der Weiterfahrt sehe ich nicht sehr viel, denn Nebel verhüllt die Landschaft. Immerhin muß die Fahrt bei klarer Sicht sehr schön sein, denn die Straße führt oberhalb steiler Klippen entlang und ist teilweise recht abenteuerlich angelegt.
   Erst als ich nach mehreren Serpentinen wieder sozusagen auf Meeresniveau gelange, lichtet sich der Nebel, das heißt, es ist kein Nebel, sondern es sind tiefhängende Wolken gewesen, welche mir die Aussicht vermasselten. Im Ergebnis kommt es aber auf dasselbe heraus. Ihretwegen habe ich aber ein weiteres Postkartenmotiv verpasst, die Felsklippen an der Bucht von Keel.
   Keel selbst ist eine Ansammlung von weißgestrichenen Häusern, nicht unhübsch anzusehen, aber ohne Bedeutung. Ich fahre weiter Richtung Westen, durchquere die Ortschaft Dooagh ebenfalls ohne Anhalten und fahre auf einer steil ansteigenden und anschließénd ebenso steil abfallenden Nebenstraße mit prächtiger Aussicht aufs Meer bis Clare Island und Inishbofin vor der Küste Connemaras. Am Strand von Keel endet die Straße unterhalb der steilen Hänge des Minaun an einem prächtigen weißen Sandstrand. Heute herrscht eine gewisse Betriebsamkeit; das verhältnismäßig warme Wetter macht sich bemerkbar, es baden sogar Leute im Meer. Ich spaziere den Strand entlang wie üblich, setz´ mich dann auf die Wiese oberhalb des Strandes und halte mein Gesicht in die Sonne, die angenehm wärmt.
   Anschließend fahre ich in den Ort Keem zurück, parke beim gleichnamigen Strand außerhalb des Ortes und wandere den 3 Kilometer langen Strand von einem Ende bis zum anderen. Mitten am Strand liegt eine unförmige Masse, die meine Neugierde weckt und sich als halb verwester großer Fisch erweist, von dem Scharen von Fliegen summend auffliegen, als ich zu nahe komme. Ich eile davon und brauche eine Weile, bis ich zu würgen aufhöre. Gibt es nicht ein Sprichwort, das sagt, der allzu Neugierige wird vom Schicksal bestraft?
   Gegen Abend wird die Frage eines Nachtquartiers aktuell. Laut meinem Reiseführer soll es im Ort Hotels geben, ich habe auch welche gesehen, doch machen die einen eher abgestorbenen Eindruck. Auch Privatzimmer gibt es, die auch nicht einladend ausschauen. Also quartiere ich mich für IRP 5.- auf dem fast leeren Campingplatz ein, bejahe die Frage, ob ich mit Zelt reise, wahrheitswidrig mit Ja und kann mir einen geeigneten Platz selber aussuchen. Raum ist ja genug auf der Wiese vorhanden, aus welcher der Platz besteht. Ich stell mich möglichst weit weg von der nächsten Laterne und von den nächsten Zelten, was nicht schwierig ist, es sind im Ganzen ohnehin nur fünf. Als ich das Auto einparke, fahre ich über die weit und breit einzige Glasflasche, die ein Scherzbold auf der Wiese hat liegen lassen. Platsch macht es und ich wandere eine Weile um das Auto herum und schaue nach, welcher Reifen aufgeschlitzt ist. Gott sei Dank keiner. Reifenwechsel hätte mir noch gefehlt.
   Ich verzehre ein kaltes Nachtmahl im Auto und weil ich hundemüde bin und mir nichts mehr anzufangen weiß, klappe ich die Sitze nieder und schlummere süß dem nächsten Tag entgegen. Nur in der Nacht weckt mich einmal Regengeprassel aufs Autodach.

 

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Zuletzt geändert: 26. Juli 2007
© Peter Lausch |  2000