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6.7.
| 7.7.
Leenane
- Westport - Newport - Burrishole Abbey - Carrickkildavnet - Keel - Keem
Strand
(Samstag, 17. Juni 2000)
Nach dem Frühstück fahre ich die
jetzt schon gewohnte Strecke entlang des River Erriff nach Westport,
kaufe dort Lebensmittel und Zeitungen.
Am
Hafen nehme ich den Camping-Kocher in Betrieb, aber ach, der Wind weht
zu stark, das Kaffeewasser wird kaum warm und von oben fallen kalte
Regentropfen in den Kaffee. Also gibt es nur kaltes Gabelfrühstück
gegen 10 Uhr und lauwarmen Nescafe mit Kaffeeobers.
Danach
fahre ich einige Kilometer weiter bis Newport, mit seiner
charakteristischen Eisenbahnbrücke ohne Eisenbahn und seinem alten
Bahnhof, der in ein christliches Bethaus verfremdet wurde. Nur die
Geleise und die Signale sind seinerzeit abmontiert worden, wer sich
umschaut, sieht noch die alten Bahnsteige und alle heutzutage
umfunktionierten Nebengebäude einschließlich Lokschuppen. Von Newport
aus ging früher eine verlustbringende Eisenbahnlinie bis Achill Island.
Man kann der Strecke heute noch folgen, sieht vor allem die allen
Brückenträger und stellenweise auch die Trasse, soweit sie nicht durch
Aufschüttungen und Überbauungen beseitigt wurde.
Rechts
am Ende des ansteigenden Hauptplatzes geht recht unauffällig die
Straße Richtung Achill Island ab, der ich folge. Nach einigen
Kilometern zweigt nach links eine Stichstraße zur Burrishole Abbey ab,
einer recht gut erhaltenen, wenn auch historisch unbedeutenden Abtei.
Weil sie gut erhalten ist, halte ich sie für besuchenswert. Gerade an
Hand solch unbedeutender Abteien bekommt man einen guten Eindruck vom
Leben der Mönche in klösterlichen Gemeinschaften. Denkt man sich
ferner die heutigen Wege und Straßen weg, ersetzt sie gedanklich durch
Fußpfade, dann erst kann sich der heutige Mensch ein wenig in die
Weltenferne und Abgeschiedenheit klösterlichen Lebens hineinversetzen.
Dabei ist Weltenferne und Abgeschiedenheit weder damals noch heute eine
wirkliche Besonderheit im Leben vieler Menschen in Irland. Damals kam ja
wohl auch der durchschnittliche Bauer in seinem ganzen Leben nicht viel
weiter herum als bis zum Gutshof des Grundbesitzers oder seines
Verwalters. Und die vielen Kleinbauern, die, eine irische Besonderheit,
allein auf ihren abgelegenen Gehöften leben, nur die Kuh und ein paar
Schafe zur Gesellschaft und nur den Briefträger, der Erlagscheine
bringt und finanzielle Förderungen auszahlt, alle paar Tage einmal zu
Besuch, leben diese Menschen anders als ihre Vorfahren? Immer noch wird
erzählt, welche Widerstände es seinerzeit gegen die Elektrifizierung
gab, weil ja für den Strom mit Geld bezahlt werden musste und auf den
weitgehend autarken Höfen war einfach kaum Geld vorhanden und kaum
welches übrig für neue, zusätzliche Ausgaben.
Radio,
Telefon, Fernsehen, das Internet: auch der allein Lebende, auch der
allein in einem alleinstehenden Gehöft weitab von der Straße lebende
irische Bauer muß nicht einsam sein, sagen manche. Aber Radio und
Fernseher setzen Interesse an der Welt draußen voraus, das Telefon ist
nur sinnvoll, wenn man Bekannte hat, mit denen man telefonieren kann,
und das Internet gehört für einen irischen Bauern in seiner Kate in
eine andere Welt.
Viele
Jahre lang bin ich in Leenane jeden Abend die Straße nach Maam Cross
und Galway bis ans Ortsende entlang spaziert und habe unterhalb der
Straße den Wohncontainer aus Gipsplatten und Teerpappe betrachtet, der
auf einer Wiese stand und in dem eine alte Frau wohnte. Die alte Frau
selbst habe ich nie deutlich gesehen, wohl aber ihre Katze, die auf den
hölzernen Stufen saß und manchmal sah ich auch den Blechteller mit
Futter für die Katze. Heuer sah ich den Container wieder, aber aus
seinem Rauchfang stieg nicht mehr der Rauch eines Torffeuers auf, der
Zufahrtsweg war ein wenig überwachsen und keine Katze wartete mehr auf
einen Teller mit Milch. Arm und allein kann man auch mitten in einem
Dorf sein, in dem ein jeder jeden kennt. In ein oder zwei Jahren wird
auch der Container verschwunden sein, ersetzt durch den modischen
Bungalow aus dem Katalog, den sich irgendein neuerdings zu Geld
gekommener Mensch hingebaut haben wird.
Wieder
auf die Hauptstraße zurückgekehrt, entschließe ich mich bei der
passenden Abzweigung nicht die direkte, besser ausgebaute Straße nach
dem Ort Achill zu nehmen, sondern die Küstenstraße "Atlantic
Drive" ab Mulrany um die Corraun Peninsula herum. Ich kann nur
meinen Standardsatz niederschreiben: eng, kurvig, wellig. Und
zusätzlich: schön. Schön der Ausblicke aufs Meer wegen, der wilden
Landschaft wegen, der Wolkenstimmungen. Ich bereue meine Wahl nicht,
auch wenn ich nur langsam weiter komme. In Achill fahre ich auf einer
Drehbrücke, vorbei am alten Bahnhof, über den schmalen Meeresarm, der
Achill zur Insel macht. Im Ort kaufe ich ein und fahre dann auf der
Fortsetzung des Atlantic Drive weiter, diesmal um den Südteil von
Achill Island herum. An einer alten Kirche halte ich: Kildavnet church,
benannt nach der irischen Heiligen Dympna, die hier im 7. Jahrhundert
Zuflucht vor dem Vater suchte und anscheinend auch fand. Die einen
sagen, sie solle auf dem Friedhof um die Kirche in einem unbezeichneten
Grab liegen, ein Skelett unter vielen alten Skeletten. Andere sagen,
Dympna, die es zur Patronin der Geisteskranken brachte, soll nach Europa
geflogen und auch dorthin von ihrem Vater verfolgt worden sein, der
seine Tochter unbedingt als Geliebte
nutzen wollte. Genau vor der Kirche sind auch die Überreste der vielen
Opfer der großen Hungersnot um die Mitte des 19. Jahrhunderts aus der
Umgebung in einem namenlosen Grab verscharrt. Am Meeresufer außerhalb
des Friedhofs, von dessen Abwässern zweifellos versorgt, ein Hl.
Brunnen mit öligem Wasser. Brrrr!
Ein
Stück weiter dann links der Straße unübersehbar Carrickkildavnet, ein
Wohnturm aus der Zeit Elisabeth I. von England, errichtet von Grace
O´Malley, einer recht gelungenen irischen Variante einer Amazonenkönigin.
Über sie gibt es viel Literatur,
auch im Internet. Leider kann man zwar um den Turm herumgehen, ein
Zutritt zu dem äußerlich sehr gut erhaltenen Turm ist allerdings nicht
möglich. Die Aussicht wäre sicher schön und der Einblick in die
damaligen Wohnverhältnisse eines unbedeutenden Burgherrn zweifellos
interessant - denn Grace O´Malley selbst hat hier nie gewohnt.
Auf
der Weiterfahrt sehe ich nicht sehr viel, denn Nebel verhüllt die
Landschaft. Immerhin muß die Fahrt bei klarer Sicht sehr schön sein,
denn die Straße führt oberhalb steiler Klippen entlang und ist
teilweise recht abenteuerlich angelegt.
Erst
als ich nach mehreren Serpentinen wieder sozusagen auf Meeresniveau
gelange, lichtet sich der Nebel, das heißt, es ist kein Nebel, sondern
es sind tiefhängende Wolken gewesen, welche mir die Aussicht
vermasselten. Im Ergebnis kommt es aber auf dasselbe heraus. Ihretwegen
habe ich aber ein weiteres Postkartenmotiv verpasst, die Felsklippen an
der Bucht von Keel.
Keel
selbst ist eine Ansammlung von weißgestrichenen Häusern, nicht unhübsch
anzusehen, aber ohne Bedeutung. Ich fahre weiter Richtung Westen,
durchquere die Ortschaft Dooagh ebenfalls ohne Anhalten und fahre auf
einer steil ansteigenden und anschließénd ebenso steil abfallenden
Nebenstraße mit prächtiger Aussicht aufs Meer bis Clare Island und
Inishbofin vor der Küste Connemaras. Am Strand von Keel endet die
Straße unterhalb der steilen Hänge des Minaun an einem prächtigen
weißen Sandstrand. Heute herrscht eine gewisse Betriebsamkeit; das
verhältnismäßig warme Wetter macht sich bemerkbar, es baden sogar
Leute im Meer. Ich spaziere den Strand entlang wie üblich, setz´ mich
dann auf die Wiese oberhalb des Strandes und halte mein Gesicht in die
Sonne, die angenehm wärmt.
Anschließend
fahre ich in den Ort Keem zurück, parke beim gleichnamigen Strand
außerhalb des Ortes und wandere den 3 Kilometer langen Strand von einem
Ende bis zum anderen. Mitten am Strand liegt eine unförmige Masse, die
meine Neugierde weckt und sich als halb verwester großer Fisch erweist,
von dem Scharen von Fliegen summend auffliegen, als ich zu nahe komme.
Ich eile davon und brauche eine Weile, bis ich zu würgen aufhöre. Gibt
es nicht ein Sprichwort, das sagt, der allzu Neugierige wird vom
Schicksal bestraft?
Gegen
Abend wird die Frage eines Nachtquartiers aktuell. Laut meinem
Reiseführer soll es im Ort Hotels geben, ich habe auch welche gesehen,
doch machen die einen eher abgestorbenen Eindruck. Auch Privatzimmer
gibt es, die auch nicht einladend ausschauen. Also quartiere ich mich
für IRP 5.- auf dem fast leeren
Campingplatz ein, bejahe die Frage, ob ich mit Zelt reise,
wahrheitswidrig mit Ja und kann mir einen geeigneten Platz selber
aussuchen. Raum ist ja genug auf der Wiese vorhanden, aus welcher der
Platz besteht. Ich stell mich möglichst weit weg von der nächsten
Laterne und von den nächsten Zelten, was nicht schwierig ist, es sind
im Ganzen ohnehin nur fünf. Als ich das Auto einparke, fahre ich über
die weit und breit einzige Glasflasche, die ein Scherzbold auf der Wiese
hat liegen lassen. Platsch macht es und ich wandere eine Weile um das
Auto herum und schaue nach, welcher Reifen aufgeschlitzt ist. Gott sei
Dank keiner. Reifenwechsel hätte mir noch gefehlt.
Ich
verzehre ein kaltes Nachtmahl im Auto und weil ich hundemüde bin und
mir nichts mehr anzufangen weiß, klappe ich die Sitze nieder und
schlummere süß dem nächsten Tag entgegen. Nur in der Nacht weckt mich
einmal Regengeprassel aufs Autodach.