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Rosslare Harbour - Wexford - Arklow - Avoca - Powerscourt - Glendalough
(Dienstag, 13. Juni 2000)

   Nach 11 Uhr legt die Normandy im Hafen von Rosslare an. Mein Auto ist im Schiffsbauch günstig verstaut, ich bin im ersten Drittel der Reisenden bei der Ausfahrt. Pass- und Zollkontrolle findet keine statt. Ganz Irland wundert sich über die vielen illegal eingereisten Neger aus Ghana, Nigerien etc., die dort angeblich politisch verfolgt werden. und über die armen, verfolgten Zigeuner aus Rumänien  Ich wundere mich nicht.
   Vom Hafen aus fahre ich Richtung Wexford, aber nicht in die Stadt, sondern nehme die Umfahrung mit vielen Kreisverkehren und schließlich die gute Straße Richtung Dublin. Relativ wenig Verkehr, die Leute weichen auf den Pannenstreifen aus, damit man leichter überholen kann. Die kommen hoffentlich nie nach Österreich, hier würden sie ihre Wunder erleben.
   In Arklow biege ich links ab in Richtung Avoca und fahre auf schmaler Straße Richtung Laragh. Ich will mich ja wirklich nicht mit Marcel Proust vergleichen und mit den Madeleines der Tante Leonie in der "Suche nach der verlorenen Zeit". Diese Straße habe ich vor bald 20 Jahren zum letzten Mal benutzt, aber dennoch werden die Erinnerungen an die Vergangenheit so lebendig, als wäre ich auf dieser Straße erst gestern gefahren. Gleichsam vor jeder Kurve weiß ich, wie es hinter der Kurve weitergeht. Manchmal täuscht die Erinnerung ja doch, aber meist habe ich recht. Ehe noch das Hinweisschild auf den kleinen Rastplatz mitten im Wald auftaucht, weiß ich, jetzt muß es gleich zu sehen sein ....
   Als ich in Laragh auf die schmale Straße zum Sally Gap abbiege, erinnere ich mich an eine Ceana Campbell, die vor vielen Jahren die Sunday Morning Breakfast Show im Radio moderierte, als ich damals so wie heute zu den Wasserfällen am Sally Gap gefahren bin.
   Die Wasserfälle haben sich in den letzten 20 Jahren nicht verändert, seit ich damals blaustichige Dias machte. Heuer werden sie hoffentlich besser ausfallen.
   Durch baumloses Hochmoor geht es sodann weiter nach Norden. Immer wieder sieht man alte Torfstiche neben der Straße. Angeblich herrschte im 2. Weltkrieg in Irland solche Kohlenknappheit (England exportierte keine Kohle), daß auch die Stadtfräcke aus Dublin sich einen speziellen Spaten kauften und in die Berge fuhren und Torfbrocken abbauten und nach Hause nahmen.
   Am eigentlichen Sally Gap - einer Straßenkreuzung in einer wirklichen Einöde - könnte ich nach Dublin weiterfahren. Ich aber biege nach rechts (Osten) ab, folge dem Wegweiser Richtung Enniskerry, einem hübschen kleinen Ort. Die meisten Touristen bleiben hier nicht einmal stehen, sie fahren gleich nach Powerscourt House and Gardens weiter. Ich hingegen halte an und kaufe mir eine Flasche Coca-Cola.
   Am Powerscourt House ist schon die Einfahrt eindrucksvoll. Die Fahrbahn führt durch eine gewundene Allee riesiger alter Bäume. Das Herrenhaus selbst ist vor Jahrzehnten abgebrannt, stand lange als Ruine mit blechverkleideten Fenstern hässlich anzusehen funktionslos in der Gegend. Seit einigen Jahren wird es kommerziell genutzt. In Powerscourt House kann man an einem Fleck sozusagen sämtlichen Schnickschnack für Touristen zu höheren Preisen erhalten als üblich. Von den angeblich handgestrickten Pullovern von den Aran-Inseln bis zu den unsäglichen Leprechauns, über Tin Whistles und den Romanen der Maeve Binchy gibt es alles. Falls Sie daher noch keine Reisemitbringsel eingekauft haben sollten, zahlen Sie pro Kopf IRP 5.- Eintrittsgeld und dürfen dafür nach Herzenslust einkaufen. Ehrlich, Sie ersparen sich damit den Besuch sämtlicher anderen Souveniershops, die in Irland meist als Craft Shops verkleidet auftreten.
   Für die fünf Punt (Pfund auf irisch) dürfen Sie anschließend auch im Schlosspark wandern. Das ist ein wirklich schöner englischer Landschaftsgarten, in Terrassen abfallend, mit wunderschönen fremdländischen Bäumen bestanden, einem Teich mit Fontäne - alles in allem eine wahre Pracht fürs Auge. Der dekorative Berg im Hintergrund ist der Sugarloaf Mountain. Links vom Teich ein japanischer Garten mit allerlei Azaleen, Bächen und rot gestrichenen Brückchen darüber, wirklich herzallerliebst. So habe ich mir schon immer einen japanischen Garten vorgestellt. Schade nur, dass die Parks von Kyoto weit weniger japanisch auschauen als dieser hier in Irland. Nachdem ich sie wunschgemäß vor einem Rhododendron-Busch geknipst hatte, fragte ich eine Japanerin nach ihrer Meinung. Sie äußerte sich unklar. Kann sein, ich habe sie nicht verstanden, kann sein, sie verstand schon meine Frage nicht, kann auch sein, sie wollte mich nicht kränken.
   Außerdem gibt es im Schloßpark auch noch den größten Tierfriedhof Irlands zu sehen, eine Ansammlung von allerlei Mops- und Dackelgräbern. Dazu gehört auch ein in den Dreißiger-Jahren verschiedener ganz besonderer Dackel, der einem der Erben der Slazenger-Familie gehörte und an den er sich laut Inschrift auf dem Grabstein "in loving memory" erinnert. Normal lässt man diesen Spruch nur auf dem Grabstein der Mutter oder des Vaters eingravieren. Außerdem finden sich in der untersten Reihe noch die Gräber von zwei preisgekrönten Milchkühen, die vorzeitig das Zeitliche gesegnet haben. Bemerkenswert, dass ihre Leichen nicht mehr Platz einnehmen als der Dackel des Herrn Slazenger.
   Katzengräber gibt es keine. Diese miesen Mäusefresser waren wohl bei Familie Slazenger nur dazu da, von den ach so lieben Möpsen etc. totgebissen zu werden. Na ja.
   Ich werde in Zukunft lieber in jenes Schloss im Waldviertel (in Österreich) fahren, in dessen Park sich das Grab des Lieblingsschweins einer Gräfin findet. Zu Lebzeiten hat das Schwein mit ihr im selben Bett geschlafen und ruht jetzt als Leiche unter einem großen Baum im Garten - die Gräfin indessen, wenigstens im Tode vereint, mit dem Gatten in der gräflichen Familiengruft. So ist das Leben.
   Über Roundwood, das angeblich höchstgelegene Dorf Irlands fahre ich wieder zurück nach Laragh und weiter nach Glendalough.
   Beim Rundturm, den Kirchenruinen und dem Friedhof (im Fremdenverkehrs-English heißt es: Monastic City) finde ich keinen freien Parkplatz und fahre zum Parkplatz beim Upper Lake. Dort lange ich um 16.15 Uhr ein und der Parkplatzwächter verlangt IRP 1,50. Um 17 Uhr geht der Herr erschöpft vom Kassieren nach Hause, da ist Parken dann gratis.
   Bei wirklichem Prachtwetter spaziere ich auf der autofreien Green Road 2 Kilometer talauswärts zurück zur Monastic City. Bei Kevins Kitchen (einer der besterhaltenen Kirchenruinen mit einem ganz charakteristischem kleinem Turm) betrete ich den Friedhof mit den Kirchenruinen. Diese Ansammlung von an sich baulich unbedeutenden Ruinen ist historisch von überragender Bedeutung: ohne den Missionsdrang der irischen Mönche, wie der Hl. Kevin einer war, der Glendalough gründete, wären wir alle miteinander wahrscheinlich noch Heiden. Natürlich haben die Fremdenverkehrsmanager einiges verwurstelt, man muß sich nur das Visitor Centre unterhalb des Friedhofs einmal ansehen. Aber so viel können sie gar nicht durcheinanderbringen, dass die Wahrheit überdeckt würde. Die irischen Mönche wollten, gleich den ägyptischen Einsiedlern, durch Askese den Versuchungen des Fleisches entgehen. Zogen die Ägypter in die Wüste und betätigten sich als Säulenheilige und Eremiten, gab es in Irland leider keine Wüsten. Was es gab, waren die dicht bewaldeten, unwegsamen und einsamen Täler in dem damals wie heute dünn besiedelten Land. Die Wälder wurden den Iren zur Wüste. So zog sich der Hl. Kevin, der technisch gesehen, kein Heiliger ist, in die Einsamkeit eines weglosen Tals zurück, nährte sich von Pflanzen und Fischen wahrscheinlich eher kümmerlich und lebte in einer Hütte aus Laubwerk für sich und zu Gottes Ehre. Sein Ruf verbreitete sich unter seinesgleichen, Gefolgsleute fanden sich ein, eine kleine Siedlung Gleichgesinnter entstand. Die Mächtigen hielten es für günstig, sich bei Gott ein gutes Wort einlegen zu lassen und spendeten Geld und Arbeitsleistung (nicht ihre eigene, natürlich) für Kirchenbauten. So gedieh Glendalough. Zeitweise sollen hier an die tausend Mönche und Laienbrüder gelebt haben. Von ihrer Siedlung ist oberirdisch nichts zu sehen; sie hat dort gestanden, wo sich das Besucherzentrum befindet. An sich ist auch aus Kevins Zeiten nichts erhalten. Die heute sichtbaren Kirchenruinen sind ab dem 12. Jahrhundert erbaut worden. 7 Kirchen sind es; dabei werden allerdings 3 Kirchen gleich mitgezählt, die außerhalb des heutigen Friedhofs stehen. Eine sehen Sie schon auf der Zufahrt von Laragh unterhalb der Straße, eine finden Sie unterhalb des Friedhofs, wenn Sie die Green Road einen Kilometer talauswärts gehen. Eine weitere findet sich oberhalb des Friedhofs in der Nähe der heutigen Jugendherberge. Für mich die am schönsten gelegene ist freilich die Reefert Church am Ufer des Oberen Sees. Insofern ist es natürlich Unsinn, von einer Monastic City zu reden; der Hl. Kevin würde sich wahrscheinlich im - unbekannten - Grab umdrehen, denn er wollte wirklich keine City gründen, sondern durch Gebet und Askese in Einsamkeit eins werden mit Gott. Den Chronisten nach ist er in seinem Leben diesem Ziel ziemlich nahe gekommen.
   Auch seine Nachfolger hatten anderes im Sinn, als eine großmächtige City zu errichten. Armut und Bescheidenheit zeichnet die irische Kirche in ihrer Frühzeit aus; die Verhältnisse haben sich erst mit dem zunehmenden Einfluss Roms auf die irische Kirche geändert. In Armut, Dreck und Kälte haben die Mönche der Siedlung im Gefolge Kevins ihr Leben verbracht.
   Aber das verkauft sich halt schlecht.
   Heutzutage herrscht tagsüber Rummel. Die Autobusse aus Dublin entladen Scharen von Touristen, die im Besucherzentrum audiovisuelle Vorführungen bestaunen, die es ihnen ersparen sollen, bei Regen und Kälte in den echten Ruinen herumzustiefeln und Zeit zu vertrödeln. Denn der nächste Autobus kommt bestimmt.
   Tagsüber turnen demnach die Touristen, die dem Besucherzentrum entgangen sind, auf den Gräbern und auch auf den Grabsteinen herum, damit sie den besten Standpunkt für ihre Fotos finden. Die Fahrtzeit von Dublin beträgt eine Stunde. Das heißt aber, dass vor 9 oder 10 Uhr keine Autobusse und keine Touristen in Glendalough herumlaufen. Da die Damen und Herren ja Wert auf regelmäßige Mahlzeiten legen, fahren die letzten Busse gegen 17 Uhr wieder ab.
   Nach 17 Uhr senkt sich deshalb sprichwörtlicher Frieden auf das Tal herab. Wenn Sie die Möglichkeit haben, richten Sie es so ein, dass sie erst ab 17 Uhr nach Glendalough kommen. Sie haben das Tal für sich (beinahe). Parken Sie beim Glendalough Hotel neben dem Friedhof, gehen Sie die Green Road zum Oberen See hinauf (am Unteren See vorbei). Sie kommen in eine geradezu herrliche Landschaft. Der See ist wunderschön, eingebettet in steile, waldbestandene Bergschultern. Vom jetzt gratis zu benützenden Parkplatz aus gehen sie über ebene Matten zum Seeufer, vorbei an frühchristlichen Steinkreuzen. Bleiben Sie am Seeufer stehen und - schweigen Sie. Sie hören - nichts, außer dem Geräusch der Wellen am Ufer des Sees und den Schreien der Vögel. Blicken Sie nach links, zum Eichenwald, in dem sich Kevins Cell verbirgt, von der man freilich nicht weiß, ob sie Kevin wirklich benutzt hat und von der auch nicht viel erhalten ist außer einem runden Steinfundament. Sind Sie mutig und behende, könnten Sie dem Seeufer entlang weglos sich zu Kevins Höhle durchkämpfen. In dieser künstlichen, einige Meter tief in den Fels eingegrabenen Höhle soll der Heilige gewohnt haben. Allerdings hat er sie nicht gebaut. Man nimmt an, dass sie während der Bronzezeit von den damaligen Siedlern auf der Suche nach Kupfererz in den Felsen geschlagen wurde. Früher konnte man mit Booten zur Höhle gelangen; seit Jahrzehnten gibt es keine Boote mehr. Es war wohl kein Geschäft. In der Höhle selbst gibt es nämlich nichts zu sehen. Was einem die Höhle am Überzeugendsten vermittelt, ist das Gefühl des Ausgesetztseins, der Verlassenheit - wenn Sie wollen, des Einsseins mit Gott. Aber mit bloß ein wenig mehr Fantasie können Sie an einem schönen Abend vor Sonnenuntergang dieses Gefühl auch am leicht erreichbaren Seeufer verspüren. So muß es auch zu Kevins Zeiten gewesen sein. Bloß war das Seeufer damals näher dem heutigen Parkplatz als heute, denn der See ist in den Jahrhunderten seither ein wenig verlandet.
   Und wenn Sie dann genug haben, dann gehen Sie zum Südufer und suchen den schmalen Fußweg zur Reefert-Kirche, deren irischer Name viel schöner klingt: Tempeall Reefert. Die Terrasse oberhalb des Sees ist ein alter Kultplatz, ein Friedhof vor allem schon in vorchristlicher Zeit. Falls Sie, wie ich empfehle, vor Sonnenuntergang zur Kirche kommen, werden Sie auch verstehen, dass dies ein besonderer Platz ist: am Abend die letzte, von der Sonne beschienene Stelle des Talbodens. Es ist aber auch die Stelle des Talbodens, die am Morgen als allererste von der Sonne beschienen wird. An diesem besonderen Platz ist die kleine Kirche errichtet worden, wahrscheinlich als Symbol, dass das Christentum den heidnischen Glauben besiegt hat.
   Die Daten und Fakten über Glendalough können Sie in jedem besseren Reiseführer nachlesen und an Ort und Stelle vermittelt ja auch das Besucherzentrum das notwendige Wissen.
   Ich selbst esse mein Nachtmahl im Hotel. Quartier bekomme ich keines, eine Veranstaltung findet statt, ich weiß nicht, wofür oder worüber und will es eigentlich auch nicht wissen. Statt dessen wandere ich zurück zum Oberen See und dem Parkplatz und schlafe friedlich im Auto.

 

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Zuletzt geändert: 26. Juli 2007
© Peter Lausch |  2000